Lesen im Alpental. Privater Buchbesitz in Tirol 1750-1800
Reading in the Alps. Book ownership in Tyrol 1750-1800
Matching Funds - Tirol
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (20%); Geschichte, Archäologie (40%); Soziologie (40%)
Keywords
-
Private Book Ownership,
History Of Reading,
History Of Books,
Social History,
Tyrol,
18th century
Ziel dieses Projekts ist die systematische Erforschung des privaten Buchbesitzes im katholisch dominierten Zentralalpenraum, genauergesagt in Tirol, für den Zeitraum von 1750 bis 1800. Als Hauptquelle werden Inventare herangezogen. Diese wurden vor allem in Erbangelegenheiten oder im Rahmen von Pachtverträgen erstellt, und listen den gesamten Besitz einer Person auf. Die in solchen Inventaren aus den Gerichten des mittleren Pustertals verzeichneten Bücher sollen erhoben und so der private Buchbesitz in dieser Region beschrieben und analysiert werden. Die leitende Fragestellung ist dabei: Wer besaß welche und wie viele Bücher? Eine solche Studie wäre die erste dieser Art, nicht nur für das historische Tirol, sondern auch für das Gebiet des heutigen Österreich, ja, für den gesamten katholisch-süddeutschen Raum. Das beantragte Projekt stellt somit einen bedeutenden Beitrag zur europäischen Buch-, Lese- und damit Geistesgeschichte des 18. Jahrhunderts dar. Ziel ist es, die protestantisch-pietistische Lesekultur des Herzogtums Württemberg zu der es diesbezüglich mehrere Vorarbeiten gibt mit jener des katholisch geprägten Tirols zu vergleichen. Ausgewertet werden dazu die Anzahl der verzeichneten Bücher, deren Titel und daraus abgeleitet die Anzahl der unterschiedlichen Titel, woran sich weitere Fragestellungen anknüpfen, wie jene nach den populärsten Autoren, nach dem Alter und der Herkunft der meisten Bücher und natürlich auch der Art der Bücher selbst (religiös oder weltlich, Kalender, Bibel, Katechismus, Heiligenlegende etc.). Die Daten werden gesamt, synchron und diachron analysiert, um mögliche räumliche wie zeitliche Entwicklungen und Differenzen erkennen zu können. Eingehend untersucht werden weiters die Personen, die die Bücher besaßen, wobei die Analyse entlang der Parameter Geschlecht, Familienstand, Alter, Herkunft, Profession und Vermögen erfolgt. Die Projektdauer beträgt 36 Monate. In dieser Zeit wird die Erfassung und Auswertung von rund 4400 Inventaren aus den Gerichten beziehungsweise Verwaltungseinheiten Bruneck, Michaelsburg, (Alt)Rasen, Schöneck, Sonnenburg, beziehungsweise den Burgfrieden Ehrenburg, Kehlburg und St. Lamprechtsburg angestrebt. Ein weiteres Ziel ist die Erstellung einer in späterer Folge frei online zugänglichen elektronischen Datenbank. Auf diese Weise sollen sowohl die Wissenschaft, als auch die interessierte Öffentlichkeit, einfachen Zugang zu den aufbereiteten Quellen erhalten, die für eine ganze Reihe von Fragestellungen von Interesse sein können.
Wer las vor 250 Jahren welche Bücher? Von dieser Frage ausgehend entspinnt sich ein ganzes Netz von Problemstellen und Herausforderungen. Vor allem für den protestantisch-pietistischen Bereich liegen bereits Studien vor, die versuchen, sich diesen zu stellen und die Eingangsfrage zur beantworten. Für den katholisch dominierten Alpen-, eigentlich für den süddeutschen Raum überhaupt, fehlten bislang allerdings repräsentative Untersuchungen mit breiter Quellenbasis. Das vorliegende Projekt konnte diese Lücke ein Stück weit schließen und zugleich eine wertvolle Basis für weitere Forschungen schaffen. Hinsichtlich der Methodik war für das vorliegende Projekt die Problematik bestimmend, dass Leser*innen des 18. Jahrhunderts in der Regel keine Hinweise auf ihre Lektüre hinterließen. Ihre Bibliotheken, in deren Bänden Rezeptionsspuren wie Unterstreichungen oder Marginalien erkennbar wären, sind nicht oder nur verstreut überliefert. Zumeist sind keine Texte erhalten, die von diesen Lesern produziert wurden, und in denen Lektürespuren ersichtlich wären. Daher hat das Projekt Reading in the Alps die Rekonstruktion von privatem Buchbesitz in den Fokus gerückt. Anhand von Inventaren, vor allem Verlassenschaftsinventaren, aus dem Südtiroler Landesarchiv, wurde nach Büchern gesucht. Rund 2000 Rechtsgeschäfte aus den Jahren 1750 bis 1800 aus den Verwaltungseinheiten Landgericht St. Michaelsburg, Stadtgericht Bruneck und Oberamtsgericht Bruneck - alle drei im Südtiroler Pustertal gelegen - bildeten dabei die Datengrundlage. Aus ihnen wurden Informationen zu genannten Personen, zum Entstehungszusammenhang der jeweiligen Quelle, zu Vermögenswerten und zum verzeichneten Hausrat extrahiert. Diese Daten wurden zu zwei offen zugänglichen Online-Datenbanken zusammengeführt, die wichtige Ergebnisse des vorliegenden Projekts darstellen. Weiterführende Interpretationen und statistische Auswertungen dieses Quellenmaterials wurden außerdem in mehreren Publikationen veröffentlicht und im Rahmen von Vorträgen und Postersessions der Scientific Community, in Form von Medienberichterstattung und in anderen Formaten der allgemeinen Öffentlichkeit vorgestellt. Die Potenziale und Grenzen des Quellenmaterials - etwa die Frage der Vollständigkeit von Inventaren oder der Aussagekraft der genannten Vermögenswerte - wurden im Zuge dessen ausführlich diskutiert. Im Rahmen eines vom Projektteam organisierten, international besetzten Workshops wurde Reading in the Alps außerdem gemeinsam mit neuesten Ansätzen anderer Proponent*innen der Erforschung der Buch- und Leser*innengeschichte erörtert. Auf Grundlage der aus den Quellen gesammelten Daten konnten zwei weitere Drittmittelprojekte im Bereich der Digital Humanities eingeworben werden. Buchbesitz konnte in rund 17 Prozent der untersuchten Inventare festgestellt werden. Auf Grundlage der erhobenen Zusatzinformationen konnte dieser Wert auch weiter ausdifferenziert werden. Dabei zeigte sich unter anderem, dass Bücher tendenziell im Besitz von Männern waren, im städtischen Bereich deutlich häufiger Bücher genannt wurden und die sozioökonomische Stellung deutlich mit der Wahrscheinlichkeit von Buchbesitz korrelierte. Welche Bücher gelesen wurden, konnte erwartungsgemäß nicht mit Sicherheit rekonstruiert werden, welche Bücher in den Haushalten der Menschen vorhanden waren, allerdings schon: In der Mehrzahl waren es Bücher mit religiösen Inhalten. Gebetsbücher und katholische Erbauungsliteratur waren am stärksten verbreitet. Bei den Druckwerken weltlichen Inhalts dominierten medizinische und juristische Literatur.
- Peter Andorfer, Österreichische Akademie der Wissenschaften , assoziierte:r Forschungspartner:in
- Johannes Frimmel, Ludwig Maximilians-Universität München - Deutschland
- Andreas Oberhofer, Stadtarchiv Bruneck - Italien
- Christine Roilo, Südtiroler Landesarchiv - Italien
- Leah Price, Harvard University - Vereinigte Staaten von Amerika
Research Output
- 9 Publikationen
- 1 Methoden & Materialien
- 5 Datasets & Models
- 12 Disseminationen
- 5 Weitere Förderungen
-
2017
Titel Privater Buchbesitz in Tirol 1750 bis 1800. Eine Projektvorstellung Typ Journal Article Autor Andorfer P Journal Mitteilungen der Gesellschaft für Buchforschung in Österreich Seiten 7-21 -
2022
Titel "Alles getreulich anzuzeigen was zur Verlassenschaft gehört" DOI 10.25365/oezg-2021-32-3-14 Typ Other Autor Span M Link Publikation -
2019
Titel "Studiosus in Innsbruck". Studenten aus dem ländlichen Raum im 18. Jahrhundert und ihre Spuren im Verwaltungsschriftgut ihrer Herkunftsregionen; In: Geschichte der Universität Innsbruck 1669-2019, Bd. 2: Aspekte der Universitätsgeschichte Typ Book Chapter Autor Span M Seiten 219-248 -
2020
Titel Zwischen Analphabetismus und Büchern, die "verrückt machen". Ein Werkstattbericht aus dem Projekt "Reading in the Alps. Book Ownership in Tyrol 1750-1800" / Pomiędzy analfabetyzmem a książkami, ktre "ogłupiają". Sprawozdanie warsztatowe z projektu "Reading in the Alps. Book Ownership in Tyrol 1750-1800" Typ Journal Article Autor Span M Journal Góry, Literatura, Kultura Seiten 59-82 -
2020
Titel Lesespuren. Die "Weltbeschreibung des Leonhard Millinger" als Quelle für bäuerliches Leseverhalten Typ Journal Article Autor Andorfer P Journal Geschichte und Region/Storia e Regione 29 (2020) Heft 1 Seiten 107-130 -
2020
Titel Editorial / Editoriale Typ Journal Article Autor Span M Journal Geschichte und Region/Storia e Regione 29 (2020) Heft 1 Seiten 5-19 -
2020
Titel "Samentlich verhandene Piecher". Inventare aus dem Landgericht St. Michaelsburg als Quellen zur Erforschung des Buchbesitzes in Tirol 1750-1800 Typ Journal Article Autor Span M Journal Geschichte und Region/Storia e Regione 29 (2020) Heft 1 Seiten 78-106 -
2020
Titel Bücher besitzen - Bücher lesen/Possedere libri - leggere libri. Geschichte und Region/Storia e Regione 29 (2020) Heft 1. Typ Book Autor Span M editors Span M, Stampfer U -
2020
Titel Pomiędzy analfabetyzmem a książkami, ktre "ogłupiają". Sprawozdanie warsztatowe z projektu "Reading in the Alps. Book Ownership in Tyrol 1750-1800" DOI 10.19195/2084-4107.13.7 Typ Journal Article Autor Span M Journal Góry, Literatura, Kultura
-
2020
Link
Titel Land registers (Verfachbücher) Tyrol, 1750-1800 Typ Computer model/algorithm Öffentlich zugänglich Link Link -
2020
Link
Titel Long-term archive of research data from the Reading in the Alps project Typ Database/Collection of data Öffentlich zugänglich Link Link -
2019
Link
Titel Reading in the Alps Vfbr. - Database Typ Database/Collection of data Öffentlich zugänglich Link Link -
2017
Link
Titel RITA Stubai - Database Typ Database/Collection of data Öffentlich zugänglich Link Link -
2017
Link
Titel Reading in the Alps - Database Typ Database/Collection of data Öffentlich zugänglich Link Link
-
2020
Titel Lecture Ringvorlesung des DK Austrian Studies der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, Frimmel J Typ A talk or presentation -
2017
Link
Titel Interview der Standard Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview Link Link -
2020
Link
Titel Interview die Presse Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview Link Link -
2019
Link
Titel Vortrag Stadtarchiv Bruneck Typ A talk or presentation Link Link -
2018
Link
Titel Interview Subject_07 Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview Link Link -
2018
Link
Titel Interview Zukunft Forschung Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview Link Link -
2020
Link
Titel Lecture Ringvorlesung des DK Austrian Studies der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, Span M Typ A talk or presentation Link Link -
2020
Link
Titel Poster presentation (Historic Cadasters) Typ A talk or presentation Link Link -
2019
Titel Poster presentation (Was heißt "Österreich"?) Typ A talk or presentation -
2020
Link
Titel Interview ÖAW Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview Link Link -
2019
Titel Kolloquium TGV (Bozen) Typ A talk or presentation -
2020
Link
Titel Workshop Historische Bestseller und alte Scharteken Typ Participation in an activity, workshop or similar Link Link
-
2020
Titel Veranstaltungsförderung (Event Funding) Typ Capital/infrastructure (including equipment) Förderbeginn 2020 Geldgeber University of Innsbruck Vizerektorat für Forschung (Vice Rectorate for Research) -
2019
Titel 4. Mittelvergabe DI4DH Typ Capital/infrastructure (including equipment) Förderbeginn 2019 Geldgeber University of Innsbruck Forschungszentrum Digital Humanities -
2020
Titel Sommersprachkursstipendium der Aktion Österreich - Tschechische Republik; Michael Span Typ Fellowship Förderbeginn 2020 Geldgeber Ministry of Education, Youth and Sports (Czech Republic) -
2021
Titel Zdeněk-Pešat-Fellowship; Michael Span Typ Fellowship Förderbeginn 2021 -
2020
Titel CLARIAH-AT 2019 Typ Research grant (including intramural programme) Förderbeginn 2020 Geldgeber Austrian Academy of Sciences