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Dokumentarische Quellen zur Geschichte von Trapezunt (13.-15. Jahrhundert)

Documentary sources for the history of Trebizond (13th-15th centuries)

Andreas Erich Müller (ORCID: 0000-0002-6727-8854)
  • Grant-DOI 10.55776/P30242
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.08.2017
  • Projektende 30.09.2020
  • Bewilligungssumme 235.316 €

Wissenschaftsdisziplinen

Geschichte, Archäologie (40%); Sprach- und Literaturwissenschaften (60%)

Keywords

    Diplomatics, Byzantine studies, Trebizond, Economic History, Imperial Ideology, Political History

Abstract Endbericht

Quellen zur Geschichte von Byzanz fließen spärlich; dies gilt insbesondere für einen der Nachfolgerstaaten des Byzantinischen Reiches nach der Eroberung Konstantinopels im Jahre 1204, Trapezunt. Die meisten unserer lnformationen entstammen nicht byzantinischen Quellen, die sich für das kleine Kaiserreich kaum interessieren oder tendenziös berichten, sondern einer kurzen Palastchronik aus dem Umfeld des trapezuntinischen Hofes. Wertvoll, wenn auch wenig ergiebig sind hagiographische Texte sowie einzelne Nachrichten, die in Schriften in Trapezunt wirkender Gelehrter enthalten sind. Wichtiger sind Informationen, die von westlichen Autoren (genuesische und venezianische Kaufleute, Reisende, Diplomaten) überliefert sind; ein hoher Stellenwert kommt auch den bisher ungenügend herangezogenen orientalischen (türkischen, arabischen, persischen) Quellen zu. All diesem Material ist jedoch eines gemeinsam, nämlich eine Sicht von außen; einzig authentisches dokumentarisches Material (Urkunden aus der Kaiserkanzlei der trapezuntinischen Herrscher) ist, ergänzt durch Siegelfunde und Inschriften, dazu geeignet, die Selbstdarstellung der trapezuntinischen Herrscher, den Willen, sich in dem Rennen der drei griechischen Territorialstaaten Nikaia, Epeiros und Trapezunt um das byzantinische Erbe möglichst günstig zu positionieren, zu beleuchten. Nicht nur der Herrschertitel, sondern auch die äußere Gestalt der Urkunden (überliefert sind vier Originale, vier griechische Kopien, mehrere lateinische Übersetzungen und drei Fälschungen), etwa der Beschreibstoff und ein spezieller Schriftstil, sind eine bewusste Anknüpfung an die glorreiche Geschichte der Komnenen-Dynastie, ein Mittel zur Legitimierung der Macht. Darüber hinaus bietet dieses dokumentarische Material, ergänzt durch das Urkundendossier des Klosters Vazelon, einmalige Einblicke in die politische und wirtschaftliche Geschichte der südlichen Schwarzmeerregion. Das Projekt hat zwei Hauptziele: (1) Erstellung neuer, solider Arbeitsinstrumente, die bestehende Forschungslücken schließen sollen und (2) Beleuchtung der imperialen Ambitionen der lokalen Herrscher mit Hilfe des analysierten dokumentarischen Materials. Konkret zu erwartende Forschungsergebnisse sind: (1) Vollregesten der trapezuntinischen Kaiser nach dem Vorbild des Regestenwerkes von F. Dölger (in dem nur Dokumente des nizänischen Reiches angeführt sind), erstellt auf der Basis einer erneuten, sorgfältigen Auswertung aller verfügbarer Quellen, die in Artikelform publiziert werden sollen; (2) kritische Neuedition aller Dokumente der trapezuntinischen Kaiser, die im griechischen Urtext überliefert sind (mit deutscher Übersetzung und Kommentar), einschließlich einer Studie über die trapezuntinische Kaiserkanzlei und Hoftitel, in monographischer Form. Vorläufige Ergebnisse von (1) und (2) sollen so rasch wie möglich über Internet zugänglich gemacht werden. 1

Das Kaiserreich Trapezunt ist eines der drei Nachfolgerstaaten des Byzantinischen Reiches, die nach dem vierten Kreuzzug (1204) entstanden sind. Die in Trapezunt regierende Dynastie der Großkomnenen verwies mit Nachdruck auf ihre Abstammung von der Familie der Komnenen, die zuvor als Kaiser in Konstantinopel regierten (10811185), was ihnen eine Legitimierung im innergriechischen Kampf um das geistige und territoriale Erbe des Byzantinischen Reiches verschaffte. Wegen militärischer Misserfolge schieden die Großkomnenen zwar aus dem Rennen nach der Rückeroberung Konstantinopels frühzeitig aus, hielten aber wohl bis 1282 an ihrem Anspruch auf das byzantinische Hauptkaisertum fest. Das Kanzleiwesen bot den Großkomnenen eine geeignete Möglichkeit, durch entsprechende Gestaltung ihrer Urkunden an die glorreiche Vergangenheit der Dynastie anzuknüpfen. Bekannt sind vier originale Dokumente sowie vier weitere kopial überlieferte griechische Urkunden, ferner neun Kanzleistücke auf Lateinisch oder Italienisch. Die Anknüpfung an ältere Gepflogenheiten der konstantinopolitanischen Kaiserkanzlei impliziert im Falle der großen Privilegienurkunden die Verwendung von orientalischem Papier, die Präsenz der Promulgationszeile und von Dorsalvermerken und die eindrucksvolle Reservatschrift. Die eingehende sprachliche und diplomatische Untersuchung der auf Griechisch erhaltenen Urkunden hat gezeigt, dass die innere Gestaltung der Textstücke mit ihrer prunkvollen äußeren Ausstattung nicht Schritt halten kann. Zahlreiche Anakoluthe, Solözismen, Interferenzen der Volkssprache, orthographische Fehler und die im Vergleich zu konstantinopolitanischer Produktion wenig ausgeprägte rhetorische Stilisierung zeigen auf ein mäßig geschultes Kanzleipersonal. Aus der sekundären Überlieferung ist die Existenz von zweisprachigen Urkunden (Griechisch und Latein) bekannt, zu denen es Parallelstücke der konstantinopolitanischen Kaiserkanzlei sowie etwa der armenischen Könige von Kilikien gibt. Für Korrespondenz mit den italienischen Handelsrepubliken verfügte die Kaiserkanzlei von Trapezunt ab dem 14. Jahrhundert möglicherweise über westliches (italienisches) Personal (belegt auch für die Kaiserkanzlei von Konstantinopel); ferner konnten wandernde genuesische Notare herangezogen werden. Während Verträge mit Venedig noch den Charakter einer Privilegienurkunde haben, weisen die beiden überlieferten Verträge mit der in der Schwarzmeerregion weitaus stärker präsenten Kommune von Genua den Charakter eines echten Vertrags auf, bei dem der trapezuntinische Kaiser die Position eines deutlich schwächeren Vertragspartners einnahm. Die umfassende Untersuchungdes Urkundenwesens der Großkomnenen deutet also insgesamt darauf hin, dass es dem Kaiserreich nur bedingt gelang, die Illusion der eigenen imperialen Größe aufrechtzuerhalten. Dieses Ergebnis steht im Einklang mit rezenten Untersuchungen zur kulturellen Eigendynamik des pontischen Kaiserreiches. Es war wohl die große demographische Schwäche, welche eine entsprechende politische und kulturelle Entfaltung Trapezunts behinderte.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Erich Lamberz, Bayerische Akademie der Wissenschaften - Deutschland
  • Günter Prinzing, Johannes Gutenberg-Universität Mainz - Deutschland
  • Giuseppe De Gregorio, Università degli Studi di Salerno - Italien
  • Santo Lucà, Università di Roma "Tor Vergata" - Italien
  • Sergej Pavlovich Karpov, Lomonosov Moscow State University - Russland
  • Juan Signes Codoner, Universidad Autonoma de Madrid - Spanien

Research Output

  • 1 Publikationen
Publikationen
  • 2018
    Titel Die Textgeschichte des chrysobullos logos des Alexios III. Megas Komnenos für das Kloster der Muttergottes Sumela (1364)
    DOI 10.1515/bz-2018-0020
    Typ Journal Article
    Autor Stefec R
    Journal Byzantinische Zeitschrift
    Seiten 747-776

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