Kärntner Seen als Paleo-Seismographen
Quantitative lacustrine paleoseismology in Carinthia
Wissenschaftsdisziplinen
Geowissenschaften (100%)
Keywords
-
Paleoseismology,
Limnogeology,
Earthquake,
Subaquatic Landslides,
Event Stratigraphy
Während Österreich gemäß instrumenteller Erbebenmessung als Land mittlerer seismischer Aktivität bekannt ist, sind aus historischen Überlieferungen auch große Schadensbeben bekannt. Seismologische und historische Daten reichen aber zu wenig weit in die Vergangenheit zurück, um verlässliche Aussagen darüber zu machen, ob noch größere Erbeben möglich sein könnten und wie häufig solche Beben auftreten können. Diese Informationen sind essentiell für die Abschätzung des Gefährdungspotentials von zukünftigen Erdbeben auf Mensch und Umwelt. Die von den Antragsstellern in anderen Weltregionen entwickelten Methoden Seesedimente als natürliche Seismometer zu entschlüsseln, kann zur Schließung dieser Wissenslücke beitragen: Großerdbeben hinterlassen am Seeboden charakteristische Fingerabdrücke. Diese werden entweder als Ereignislagen (z.B. als Ablagerung von Erdbeben-induzierten Schlammlawinen) und/oder als subtile Deformationsstrukturen (durch seismischen Bodenerschüttern) in der Sedimentabfolge archiviert. Die Sedimentabfolgen sind meist zeitlich komplett erhalten, was eine sehr hohe zeitliche Auflösung des Erdbebenarchives ermöglicht. Das Quake-Lake Carinthia wendet diese Forschungsstrategie in Kärnten an, einer der seismisch aktivsten Regionen Österreichs, welche mehrfach von mitunter den größten historischen Erdbeben Zentraleuropas in Mitleidenschaft gezogen wurde. Die einzigartige Exposition verschiedener Kärntner Seen gegenüber unterschiedlichen historisch-dokumentierten Erdbebenintensitäten erlaubt es, das Seesedimentarchive zu kalibrieren. Daraus lässt sich aus dem Sedimentarchive der letzten rund 14.000 Jahre nicht nur beantworten ob und wie häufig prähistorische Erdbeben in der Region auftraten, sondern auch wie stark diese waren und in welcher Region das Epizentrum lag. Zusätzlich erlauben zeitlich weit-zurückreichende Erbebenarchive neue Einblicke in sich zeitlich verändernde Erdbebenaktivitäten als mögliche Konsequenz des Zurückschmelzens Alpinen Gletscher seit der letzten Eiszeit. Paleoseismologie als Forschungsrichtung ist sehr jung in Österreich und Österreichische Seen als Archive für Paleoerdbeben sind noch gänzlich unerforscht. Im Projekt werden die aktuellsten Methoden der modernen subaquatischen Paleoseismologie angewendet bzw. mit auf das Studiengebiet neu-konzipierte Adaptionen ergänzt, wie zum Beispiel (i) in situ geotechnische Messungen der Sedimentstabilität, um zu erfassen wie stark die Erbebenerschütterung sein muss, um Unterwasserlawinen auszulösen, oder (ii) die Anwendung verschiedener chemischer und physikalischen Proxys zum verbesserten Verständnis über die Auswirkung von Starkerdbeben auf den See und das umliegende Umweltsystem. Zudem dient die detaillierte Studie in den Kärtntner Seen auch als Grundlage für eine globale Vergleichsstudie vorhandener See-Paleoseismologie Datensätze, um zu evaluieren, wie unterschiedliche Ereignislagen von Seesedimentabfolgen quantitative Rückschlüsse auf die Erdbebenintensität erlauben. Ziel ist es, aus dem vorhandenen und neu- erworbenen Wissen eine generische methodische Vorgehensweise abzuleiten welche zu verbesserte Abschätzung der Erdbebengefahr in verschieden Erdteilen beitragen kann.
Seismologische Daten reichen im Allgemeinen nicht weit genug in die Vergangenheit zurück, um korrekte Abschätzungen der Erdbebengefährdung vorzunehmen. Infolgedessen können künftige Ereignisse "unerwartet" große Auswirkungen verursachen. In diesem Projekt wurden Seesedimente in Österreich als natürliche Seismometer verwendet, um das Auftreten und die Stärke von Erdbeben in den letzten 14.000 Jahren zu rekonstruieren. Für Kärnten haben wir herausgefunden, dass das Erdbeben von 1348 n. Chr. ein außergewöhnlich starkes Ereignis war, bzw. es war das stärkste Beben der letzten 10.000 Jahre in dieser Region. Es wird nur von einem größeren Ereignis übertroffen, das vor ca. 13.500 Jahre stattgefunden hat und das den Boden des Wörthersees komplett verändert hat. Unsere See-Paleoseismologischen Daten liefern auch den ersten Nachweis für seismische "Bursts", d.h. Perioden von einigen 100 Jahren, in denen viele starke Erdbeben in kurzer Folge auftreten. Diese Erkenntnis deutet darauf hin, dass die seismische Gefahr in den Jahren und Jahrzehnten nach einem starken Erdbeben erhöht sein kann. Außerdem konnten wir den Zusammenhang zwischen der Intensität der Erdbebenerschütterung und der Größe und Art der durch die Erschütterung verursachten Seesedimentverformungen und -umlagerungen quantifizieren. Basierend auf diesen Erkenntnissen rekonstruierten wir das Auftreten und die Erschütterungsintensität von Erdbeben in den letzten 2.800 Jahren, was zeigte, dass die nationale Erdbebengefährdungskarte die seismische Gefährdung in Mittelkärnten zuverlässig darstellt. Für Tirol lässt sich aus den Seesedimentdaten ableiten, dass mehrere große prähistorische Bergstürze durch starke Erdbebenerschütterungen ausgelöst wurden. Damit konnten wir die langjährige Debatte über die Ursachen dieser dramatischen Landschaftsveränderungen abschließen. Darüber hinaus fanden wir Hinweise auf ein geologisch aktives Bruchsystem unter dem Achensee, dass ein letztes Mal vor etwa 8.300 Jahren ein Erdbeben der Magnitude ~6-6,3 verursachte. Unsere Rekonstruktionen zeigen räumliche Migrationen der prähistorische Erdbebenaktivität, was darauf hindeutet, dass die seismische Gefährdung über Jahrtausende hinweg nicht konstant ist. Simulationen der Erschütterungsstärke haben gezeigt, dass bei Erdbeben, die in der Nähe des Inntals ihren Ursprung haben, neben Mitteltirol auch Südbayern erhebliche Schäden erleiden kann. Ein weiterer Projektpfeiler besteht aus prozessorientierten Studien zum besseren Verständnis der verschiedenen Parameter, die Erdbebenspuren in Seesedimenten beeinflussen. Durch die Untersuchung von Seen in Chile, Alaska, Israel, Taiwan und Österreich konnten wir Erkenntnisse über die Entstehung von Sedimentverformungen, Unterwasserrutschungen und Schlammlawinen gewinnen. Dies ist wichtig, um die Zuverlässigkeit und die Unsicherheiten unserer paläoseismischen Rekonstruktionen zu bewerten und neue Strategien zu entwickeln, um mehr Informationen über vergangene Erdbeben zu erhalten. Daraus konnten wir ableiten, dass die Wiederholungsmuster sehr unterschiedlich sein können: So weisen einige tektonische Plattengrenzen einen bemerkenswert regelmäßigen Zyklus starker Erdbeben auf, während Orte im Inneren der Platten eher eine zufällige oder zeitlich und räumlich gehäufte Erdbebenwiederholung zeigen. Solche Rekonstruktionen tragen zu einem besseren Verständnis der Erdbebenprozessen bei und verbessern unsere Einschätzung der Erdbebengefahr in verschiedenen Regionen weltweit.
- Universität Innsbruck - 100%
- Marc De Batist, Ghent University - Belgien
- Achim Kopf, Universität Bremen - Deutschland
Research Output
- 405 Zitationen
- 35 Publikationen
- 3 Datasets & Models
- 2 Disseminationen
- 2 Wissenschaftliche Auszeichnungen
- 3 Weitere Förderungen
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2020
Titel Seismo-Turbidites in Aysén Fjord (Southern Chile) Reveal a Complex Pattern of Rupture Modes Along the 1960 Megathrust Earthquake Segment DOI 10.1029/2020jb019405 Typ Journal Article Autor Wils K Journal Journal of Geophysical Research: Solid Earth Link Publikation -
2021
Titel Magnitude and source area estimations of severe prehistoric earthquakes in the western Eastern Alps DOI 10.5194/nhess-2021-281 Typ Preprint Autor Oswald P Seiten 1-33 Link Publikation -
2021
Titel A 4000-year debris flow record based on amphibious investigations of fan delta activity in Plansee (Austria, Eastern Alps) DOI 10.5194/esurf-9-1481-2021 Typ Journal Article Autor Kiefer C Journal Earth Surface Dynamics Seiten 1481-1503 Link Publikation -
2021
Titel Lacustrine paleoseismology: from process understanding to new insights in strong earthquake recurrence at subduction zones Typ Postdoctoral Thesis Autor Jasper Moernaut -
2020
Titel Morphology and spatio-temporal distribution of lacustrine mass-transport deposits in Wörthersee, Eastern Alps, Austria DOI 10.1144/sp500-2019-179 Typ Journal Article Autor Daxer C Journal Special Publications Seiten 235-254 Link Publikation -
2020
Titel Turbidite stratigraphy in proglacial lakes: Deciphering trigger mechanisms using a statistical approach DOI 10.1111/sed.12703 Typ Journal Article Autor Praet N Journal Sedimentology Seiten 2332-2359 -
2025
Titel Strong earthquake in a low seismicity area of the European Southern Alps during Roman Times – A lacustrine paleoseismic evaluation DOI 10.1016/j.quascirev.2025.109341 Typ Journal Article Autor Niederstätter M Journal Quaternary Science Reviews Seiten 109341 Link Publikation -
2025
Titel A continuous 500-year sediment record of inundation by local and distant tsunamis in South-Central Chile (40.1°S) DOI 10.1002/dep2.70031 Typ Journal Article Autor Moernaut J Journal The Depositional Record Seiten 1285-1310 Link Publikation -
2025
Titel Environmental response of coastal lake Huelde, Chile, after tsunami inundation and earthquake-induced subsidence DOI 10.1016/j.quascirev.2025.109474 Typ Journal Article Autor Hocking E Journal Quaternary Science Reviews Seiten 109474 Link Publikation -
2019
Titel Distinguishing intraplate from megathrust earthquakes using lacustrine turbidites DOI 10.1130/g45662.1 Typ Journal Article Autor Van Daele M Journal Geology Seiten 127-130 Link Publikation -
2019
Titel The subaqueous landslide cycle in south-central Chilean lakes: The role of tephra, slope gradient and repeated seismic shaking DOI 10.1016/j.sedgeo.2019.01.002 Typ Journal Article Autor Moernaut J Journal Sedimentary Geology Seiten 84-105 Link Publikation -
2019
Titel Earthquake Impact on Active Margins: Tracing Surficial Remobilization and Seismic Strengthening in a Slope Sedimentary Sequence DOI 10.1029/2019gl082350 Typ Journal Article Autor Molenaar A Journal Geophysical Research Letters Seiten 6015-6023 Link Publikation -
2022
Titel Validation of seismic hazard curves using a calibrated 14 ka lacustrine record in the Eastern Alps, Austria DOI 10.1038/s41598-022-24487-w Typ Journal Article Autor Daxer C Journal Scientific Reports Seiten 19943 Link Publikation -
2021
Titel Combined On-Fault and Off-Fault Paleoseismic Evidence in the Postglacial Infill of the Inner-Alpine Lake Achensee (Austria, Eastern Alps) DOI 10.3929/ethz-b-000491575 Typ Other Autor Moernaut Link Publikation -
2024
Titel Shaken and Stirred: A Comparative Study of Earthquake-Triggered Soft-Sediment Deformation Structures in Lake Sediments DOI 10.1029/2023gc011402 Typ Journal Article Autor Molenaar A Journal Geochemistry, Geophysics, Geosystems Link Publikation -
2024
Titel High-resolution calibration of seismically-induced lacustrine deposits with historical earthquake data in the Eastern Alps (Carinthia, Austria) DOI 10.48350/175351 Typ Journal Article Autor Daxer Link Publikation -
2024
Titel Validation of seismic hazard curves using a calibrated 14ka lacustrine record in the Eastern Alps, Austria. DOI 10.48350/174947 Typ Journal Article Autor Daxer Link Publikation -
2024
Titel Lacustrine paleoseismology in Carinthia, Austria Typ PhD Thesis Autor Christoph Daxer -
2024
Titel Natural Seismographs: A Stratigraphic Study on the Effects of Earthquakes on Subaqueous Surface Sediments Typ PhD Thesis Autor Ariana Molenaar -
2019
Titel Earthquake Impact on Active Margins: Tracing Surficial Remobilization and Seismic Strengthening in a Slope Sedimentary Sequence DOI 10.3929/ethz-b-000356375 Typ Other Autor Moernaut Link Publikation -
2022
Titel High-resolution calibration of seismically induced lacustrine deposits with historical earthquake data in the Eastern Alps (Carinthia, Austria) DOI 10.3929/ethz-b-000519555 Typ Other Autor Daxer Link Publikation -
2022
Titel Unravelling a 2300 year long sedimentary record of megathrust and intraslab earthquakes in proglacial Skilak Lake, south-central Alaska DOI 10.1111/sed.12986 Typ Journal Article Autor Praet N Journal Sedimentology Seiten 2151-2180 -
2022
Titel High-resolution calibration of seismically-induced lacustrine deposits with historical earthquake data in the Eastern Alps (Carinthia, Austria) DOI 10.1016/j.quascirev.2022.107497 Typ Journal Article Autor Daxer C Journal Quaternary Science Reviews Seiten 107497 Link Publikation -
2020
Titel Time-dependent recurrence of strong earthquake shaking near plate boundaries: A lake sediment perspective DOI 10.1016/j.earscirev.2020.103344 Typ Journal Article Autor Moernaut J Journal Earth-Science Reviews Seiten 103344 -
2020
Titel What Controls the Remobilization and Deformation of Surficial Sediment by Seismic Shaking? Linking Lacustrine Slope Stratigraphy to Great Earthquakes in South-Central Chile DOI 10.1002/essoar.10504161.1 Typ Preprint Autor Molenaar A Link Publikation -
2021
Titel Orbital- and Millennial-Scale Changes in Lake-Levels Facilitate Earthquake-Triggered Mass Failures in the Dead Sea Basin DOI 10.1029/2021gl093391 Typ Journal Article Autor Lu Y Journal Geophysical Research Letters Link Publikation -
2021
Titel Combined On-Fault and Off-Fault Paleoseismic Evidence in the Postglacial Infill of the Inner-Alpine Lake Achensee (Austria, Eastern Alps) DOI 10.3389/feart.2021.670952 Typ Journal Article Autor Oswald P Journal Frontiers in Earth Science Seiten 670952 Link Publikation -
2021
Titel Seismic control of large prehistoric rockslides in the Eastern Alps DOI 10.1038/s41467-021-21327-9 Typ Journal Article Autor Oswald P Journal Nature Communications Seiten 1059 Link Publikation -
2021
Titel What controls the remobilization and deformation of surficial sediment by seismic shaking? Linking lacustrine slope stratigraphy to great earthquakes in South–Central Chile DOI 10.1111/sed.12856 Typ Journal Article Autor Molenaar A Journal Sedimentology Seiten 2365-2396 Link Publikation -
2021
Titel A 4,000 year debris-flow record based on amphibious investigations of fan delta activity in Plansee (Austria, Eastern Alps) DOI 10.5194/esurf-2021-23 Typ Preprint Autor Kiefer C Seiten 1-27 Link Publikation -
2022
Titel Stratigraphic record reveals contrasting roles of overflows and underflows over glacial cycles in a hypersaline lake (Dead Sea) DOI 10.1016/j.epsl.2022.117723 Typ Journal Article Autor Lu Y Journal Earth and Planetary Science Letters Seiten 117723 Link Publikation -
2022
Titel Disentangling factors controlling earthquake-triggered soft-sediment deformation in lakes DOI 10.1016/j.sedgeo.2022.106200 Typ Journal Article Autor Molenaar A Journal Sedimentary Geology Seiten 106200 Link Publikation -
2022
Titel Magnitude and source area estimations of severe prehistoric earthquakes in the western Austrian Alps DOI 10.5194/nhess-22-2057-2022 Typ Journal Article Autor Oswald P Journal Natural Hazards and Earth System Sciences Seiten 2057-2079 Link Publikation -
0
DOI 10.5194/esurf-2021-23-ac1 Typ Other -
0
DOI 10.5194/esurf-2021-23-ac2 Typ Other
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2022
Link
Titel Millstätter See Bathymetric data DOI 10.5281/zenodo.5875923 Typ Database/Collection of data Öffentlich zugänglich Link Link -
2022
Link
Titel Millstätter See seismic and core data for the publication "High-resolution calibration of seismically-induced lacustrine deposits with historical earthquake data in the Eastern Alps (Carinthia, Austria)" DOI 10.5281/zenodo.5875911 Typ Database/Collection of data Öffentlich zugänglich Link Link -
2022
Link
Titel Woerthersee seismic and core data for the publication "High-resolution calibration of seismically-induced lacustrine deposits with historical earthquake data in the Eastern Alps (Carinthia, Austria)" DOI 10.5281/zenodo.5875576 Typ Database/Collection of data Öffentlich zugänglich Link Link
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2020
Titel Invited talk at AGU conference Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2019
Titel Invited talk at AGU conference Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International
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2019
Titel Earth System Sciences Typ Research grant (including intramural programme) Förderbeginn 2019 -
2022
Titel QuakeScene Chile: Evaluating megathrust earthquake scenarios Typ Research grant (including intramural programme) Förderbeginn 2022 -
2018
Titel Tiroler Wissenschaftsförderung Typ Research grant (including intramural programme) Förderbeginn 2018