Kanjur Sammlungen in Grenzgebieten Tibets
Kanjur Collections in Tibet´s Borderlands
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (10%); Philosophie, Ethik, Religion (30%); Sprach- und Literaturwissenschaften (60%)
Keywords
-
Kanjur,
Manuscripts,
Literary Transmission,
Tibetan borderlands
Der tibetische buddhistische Kanon wie wir ihn heute kennen besteht aus den zwei Abteilungen Kanjur ("[Buddhas] Wort in Übersetzung") und Tanjur ("exegetische Abhandlungen in Übersetzung") und entwickelte sich über einen Zeitraum von mehr als fünf Jahrhunderten. Im 9. Jh. wurde damit begonnen, buddhistische heilige Schriften vorwiegend indischen Ursprungs systematisch ins Tibetische zu übersetzen, und im frühen 14. Jh. erschienen erstmals die literarischen Korpora "Kanjur" und "Tanjur" in ihrer gegenwärtigen Form. Die Bedeutung dieser Sammlungen übersteigt bei weitem die von bloßen literarischen Oeuvres im Sinne von Texten, die man liest und studiert. Insbesondere Kanjurs sind auch Objekte ritueller Verehrung. Ein Kanjur repräsentiert den Buddha in seinem Aspekt der Rede und sollte daher in jedem Tempel vorhanden sein. Daher wurde im Laufe der Jahrhunderte eine beträchtliche Anzahl solcher Textsammlungen von politischen und religiösen Führern, aber auch von wohlhabenden Laien in Auftrag gegeben. Viele von ihnen wurden zerstört, entweder durch den Zahn der Zeit oder durch die Kulturrevolution in den 1960er und 1970er Jahren. Trotzdem sind heute ungefähr 40 verschiedene Kanjureditionen bekannt. Ein Großteil von ihnen gehört zu den beiden Hauptlinien der Überlieferung, die auf Manuskript- Kanjurs zurückgehen, die im 14. und 15. Jh. in Zentraltibet kompiliert wurden (Tshal pa und Them spangs ma). Alle anderen Kanjurs, die sich keiner dieser beiden Gruppen zuordnen lassen, werden gemeinhin unter "lokale" oder "unabhängige" Kanjurs zusammengefasst. Diese werden für die Forschung in zunehmendem Maße bedeutsam, da sie alternative Texttraditionen repräsentieren, andere, teilweise ältere Versionen und Übersetzungen bewahren als die Kanjurs der Hauptentwicklungslinien, und auch Texte überliefern, die in jenen nicht enthalten sind, und damit den Blick auf ein reicheres religiöses und literarisches Erbe eröffnen. Einige lokale Kanjurs wurden in den letzten Jahren in Ladakh (17. Jh.), Nepal (Dolpo und Mustang, 14. Jh.) und Bhutan (14.-20. Jh.) entdeckt, und erste Untersuchungen davon zeigen, dass einige dieser Sammlungen nicht im strikten Sinne "lokal" geblieben sind, sondern einen größeren Einfluss auf die kanonische Überlieferung ausgeübt haben als allgemein angenommen. Das gegenständliche Projekt hat zum Ziel, bisher unbekannte Linien von Textüberlieferung zwischen Mustang und Dol po (Nepal) und Ladakh sowie mögliche zentraltibetische Quellen dieses Materials aufzuspüren und dessen Stellung in der Entwicklung der tibetischen kanonischen Literatur im allgemeinen zu untersuchen, einschließlich der Verschränkung unterschiedlicher Traditionen, die sich im Laufe der Überlieferung ergibt. Zu diesem Zweck soll die Dokumentation bereits bekannter und noch zu erforschender Sammlungen abgeschlossen werden und das Material katalogisiert, archiviert und in digitaler Form der internationalen Forschung zugänglich gemacht. Vergleichende Struktur- und Textanalyse aller Kanjurs sowie älteren Textmaterials (11.-14. Jh.), das vor kurzem im westlichen Himalaya entdeckt wurde, soll neue Erkenntnisse über die Entwicklung des tibetischen buddhistischen Kanons vermitteln.
Während sich frühere Forschungen zum tibetisch-buddhistischen Kanon vor allem auf die bekannteren Haupttraditionen konzentrierten, wurde die Bedeutung lokaler kanonischer Sammlungen außerhalb dieser Traditionen erst kürzlich erkannt. Um diese Lücke zu schließen, hat sich das Projekt zum Ziel gesetzt, mehrere solcher bis dato unerforschten lokalen Sammlungen tibetisch-buddhistischer kanonischer Handschriften an verschiedenen Orten entlang des Himalayas zu dokumentieren und zu digitalisieren, und sie im Vergleich mit anderen bereits digitalisierten Sammlungen zu untersuchen. Ein besonderer Schwerpunkt der aktuellen Projektphase waren die nepalesischen Grenzgebiete Upper Dolpo und Upper Mustang, wo insgesamt drei größere Sammlungen tibetischer kanonischer Handschriften (Namgyal, Nesar, Lang) dokumentiert wurden. Eine Kooperation mit der Loden Foundation ermöglichte darüber hinaus die Digitalisierung einer kanonischen Sammlung im östlichen Bhutan. Das digitalisierte und katalogisierte Material wird durch das Online-Archiv Resources for Kanjur & Tanjur Studies (rKTs) zugänglich gemacht und damit auch die langfristige Bewahrung der Manuskriptsammlungen in digitalem Format gewährleistet. Die Erforschung dieser neu verfügbaren Sammlungen bestätigte eine frühere Hypothese, nämlich die Annahme eines größeren Netzwerks verwandter Sammlungen zwischen Ladakh, Mustang und Dolpo (einer so genannten "Mustang-Gruppe"), das sich über die bisher bekannten Haupttraditionen hinaus entwickelte. Die Identifizierung dieses Netzwerks und einiger seiner zentralen Merkmale ist als ein wichtiger Beitrag zum Verständnis der allgemeineren Entwicklung des tibetischen Kanons zu sehen. Bei der Analyse der dokumentierten Sammlungen konnten entscheidende Strukturmuster herausgearbeitet werden. Ein Kernelement dieser Manuskriptbestände sind die sogenannten "Stra-Sammlungen", die, wie eine erste Analyse gezeigt hat, ein kanonisches Modell darstellen, das sich vor und neben den späteren Mainstream-Kanjurs entwickelt hat, die im vierzehnten Jahrhundert entstanden sind. Die Bedeutung dieses Materials für das Verständnis der Entstehung des tibetischen Kanons liegt auf der Hand und wird daher in einem Folgeprojekt ausführlicher und in vergleichender Perspektive behandelt werden. Während eine Monographie einem besonders beeindruckenden Beispiel einer solchen Stra-Sammlung aus Mustang gewidmet war, untersuchten zwei weitere Monographien Material, das in früheren Projekten in Ladakh dokumentiert wurde. Eine davon untersucht eine frühe tibetische Stra-Anthologie, die zweite den Manuskript Kanjur aus dem Palast von Shey. Neben den oben genannten drei Monographien wurden die Forschungsergebnisse des Projekts in zahlreichen Vorträgen an verschiedenen Orten und durch mehrere Artikel verbreitet. Alle veröffentlichten Ergebnisse werden in einem Open-Access-Format zur Verfügung gestellt.
- Universität Wien - 100%
- Jinpa Nawang, Drukpa Heritage Project, Shey / Leh, Ladakh - Indien
- Nelly Rieuf, Matho Monastery Museum / Leh, Ladakh - Indien
- Christian Luczanits, University of London - Vereinigtes Königreich
Research Output
- 7 Publikationen
- 1 Datasets & Models
- 2 Weitere Förderungen
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2022
Titel The Manuscript Kanjur from Shey Palace, Ladakh: Introduction and Catalogue Typ Book Autor Lainé B Verlag ATBS Link Publikation -
2020
Titel From Stra Collections to Kanjurs: Tracing a Network of Buddhist Canonical Literature across the Western and Central Himalayas Typ Journal Article Autor Viehbeck M Journal Revue d'Etudes Tibétaines 54 Seiten 241-260 Link Publikation -
2019
Titel Manuscript Fragments from Matho: A Preliminary Report and Random Reflections Typ Journal Article Autor Tauscher H Journal Revue d'Etudes Tibétaines 51 Seiten 337-378 Link Publikation -
2021
Titel Two Illuminated Text Collections of Namgyal Monastery: A Study of Early Buddhist Art and Literature in Mustang Typ Book Autor Luczanits Ch Verlag Vajra Publications Link Publikation -
2021
Titel Spug Ye shes dbyangs, Mdo sde brgyad bcu khungs: An Early Tibetan Stra Anthology Typ Book Autor Tauscher H Verlag ATBS Link Publikation -
2021
Titel The Tokyo Manuscript Kanjur and Its Importance for the Study of the Tibetan Buddhist Canon: An Introduction Typ Other Autor Viehbeck M Link Publikation -
2021
Titel Human Engagement on Manuscript Margins: Glimpses into the Social Life of a Collection of Buddhist Stras from Mustang Typ Journal Article Autor Viehbeck M Journal Revue d'Etudes Tibétaines 58 Seiten 103-138 Link Publikation
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2021
Titel Campus Aktuell Typ Travel/small personal Förderbeginn 2021 -
2022
Titel support for conference Typ Travel/small personal Förderbeginn 2022 Geldgeber Tsadra Foundation