Tod und Bestattung zwischen Ägäis und Balkan
Death and burial between the Aegean and the Balkans
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Naturwissenschaften (15%); Biologie (15%); Geschichte, Archäologie (70%)
Keywords
-
Mortuary ideology,
Burial practice,
Socual Organisation,
Exchange mechanisms,
Aegean,
Balkan
Einige Veränderungen in der antiken griechischen Kultur, die ins 12. und 11. Jh. v. Chr. datieren, wurden traditionell als Beweis für die Einwanderung eines nördlichen Volkes nach Griechenland betrachtet. Diese Veränderungen sind insbesondere in den Bestattungssitten Südgriechenlands bemerkbar, u.a. der Übergang von Mehrfachbestattungen in Kammergräbern zu Einzelbestattungen in Kistengräbern und bald danach die massive Übernahme der Brandbestattungen. Viele Wissenschaftler erkannten in diesen Veränderungen die legendäre Dorische Wanderung, über die von einigen Historikern der klassischen Zeit berichtet wurde. Aus diesen Erzählungen wurden bald historische Tatsachen abgeleitet, die den Ausgangspunkt für weitere geschichtliche Interpretationen in Griechenland und dem Balkan bildeten. Ziel dieses Projektes ist nicht weiter in der griechischen und balkanischen Prähistorie/Urgeschichte nach den Doriern zu suchen, sondern neu archäologische Daten aufzuarbeiten, die den oben genannten Veränderungen in einer zeitgemäßen Interpretation auf den Grund gehen.Die Region umfasst Serbien, Kosovo, Mazedonien und Nordgriechenland. In der Vergangenheit warendie wissenschaftliche Debatte und der akademische Austausch aus politischen Gründen schwierig. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, die nationalen und ideologischen Grenzen zu überwinden, Archäologen aus allen diesen Ländern zusammenbringen und erstmals einen überregionalen Diskurs zu starten. Im Projekt werden archäologische Daten aus rezenten und alten Ausgrabungen analytisch untersucht und vorgelegt werden. Von zentraler Bedeutung sind einige Fallstudien in der Nordägäis (Chalkidike und Thessalien). Darüber hinaus werden neu vorgelegte Funde und Befunde aus dem geographischen Hinterland, v.a. dem Zentralbalkanraum vergleichende Studien ermöglichen. Weiters werden moderne wissenschaftliche Methoden u.a. DNA und Strontiumisotopenanalysen zurDefinition des biologischenGeschlechts sowie derFamilien und anderer Verwandtschaftsbeziehungender Individuen, aus ausgewähltenNekropolen, herangezogen. Strontiumisotopenanalysen werden Informationen über Mobilität bzw. Exogamie und Migration von Menschen(-Gruppen) anbieten. Radiokarbon-, statistische und weitere historische Analysen der Bestattungssitten, einzelner Funde und ihre Kontexte werden die Rekonstruktion der sozialen Organisation der lokalen Gemeinden erlauben. Mithilfe der Bleiisotopenanalysen der bronzenen Beigaben werden wir dazu die Erzaustauschnetzwerke und ökonomische Beziehungen rekonstruieren können. Letztlich wird mithilfe neuer archäologischer Daten und moderner bioarchäologischer Analysen eine neue Rekonstruktion der regionalen, sozialen Verhältnisse in Griechenland und Balkan angestrebt. Das Projekt wird von Stefanos Gimatzidis (ÖAI, ÖAW) koordiniert, der Endbericht wird zusammen mit Kollegen aus allen beteiligten Ländern verfasst.
Die Sozialgeschichte einer Region zwischen Griechenland und dem Balkanhinterland während der Früheisenzeit war Untersuchungsgegenstand dieses multidisziplinären Projekts. In dieser Transformationszeit waren in der griechischen Welt neue Sozialstrukturen und kulturelle Verhältnisse entstanden, die in ihrem Kontext mit dem Balkanraum bislang kaum untersucht worden waren. Vielmehr waren früher alle kulturellen und sozialen Innovationen dieser Zeit in der Ägäis durch vereinfachte Migrations- oder Diffusionstheorien erklärt worden. Das Projekt >>Tod und Bestattung zwischen Ägäis und Balkan<< untersuchte die sozialen Verhältnisse in einzelnen Mikroregionen des Zentralbalkanraums und der Nordägäis mithilfe kombinierter archäologischer und archäometrischer Analysen. Dadurch konnten neue Befunde über die ökonomischen Beziehungen sowie die soziale und politische Organisation ausgesuchter Gemeinden, die als Beispielsfälle herangezogen wurden, vorgelegt sowie Art und Form der Kontakte zwischen der Ägäis und des Balkanhinterlandes anhand konkreter Daten rekonstruiert werden. Die sozialen Beziehungen in der Nordägäis und dem Zentralbalkan wurden einerseits durch die Untersuchung von Bestattungssitten und andererseits durch Materialanalysen - überwiegend aus Bestattungskontexten - nachvollzogen. Durch räumliche Analysen bestimmter Nekropolen wurden die sozialen Strukturen der entsprechenden Gemeinden vergleichend rekonstruiert. Voraussetzung für die überregionale Betrachtung, in der das Verbreitungsmuster der Bestattungssitten von der Ägäis bis zum Zentralbalkanraum interpretiert werden konnte, war die chronologische Korrelation der ausgewählten Mikroregionen. Hierfür wurden Radiokarbonanalysen in Nordgriechenland und Serbien vorgenommen, deren Ergebnisse dem traditionellen ägäischen Chronologiesystem widersprochen haben. Infolgedessen wurde eine neue Rekonstruktion der regionalen Chronologie vorgelegt, in deren Rahmen die ökonomischen Verhältnisse in der fraglichen Region mithilfe traditioneller archäologischer Untersuchungen sowie zahlreicher Neutronenaktivierungsanalysen von Keramik und Bleiisotopenanalysen von Bronzeartefakten untersucht und interpretiert wurden. Gezeigt werden konnte, dass bestimmte ökonomische Veränderungen die treibende Kraft für die sozialen Transformationen in der Ägäis und im Zentralbalkanraum waren. Die Entstehung neuer soziokultureller Strukturen lässt sich durch den Betrieb neuer Austauschnetzwerke während der Früheisenzeit erklären. Insofern stehen unsere neugewonnenen archäologischen und archäometrischen Daten im Widerspruch zu traditionellen Perzeptionen des Verhältnisses zwischen Spezialisierung der Produktion bzw. Entstehung von Überschuss und hierarchischen Sozialstrukturen. Komplexe Produktions- und Redistributionsarten entwickelten sich selbst unter nordägäischen und zentralbalkanischen Gemeinden, die angesichts der Organisation ihrer Nekropolen als wenig strukturiert verstanden werden können. Das Funktionieren sehr konsequent organisierter Austauschnetzwerke zwischen der Ägäis und dem Zentralbalkanraum deutet auf die Entwicklung ökonomischer Beziehungen von bisher unbekanntem Ausmaß. Unsere Untersuchungen erlauben eine neue Rekonstruktion der kulturellen und sozialen Veränderung in der Ägäis, wo diese Prozesse früher durch Migrationen - etwa von Doriern oder anderen nördlichen Völkern - erklärt wurden. Die Verbreitung der neuen Bestattungssitten und anderer kultureller oder technologischer Innovationen nach der Zerstörung der mykenischen Paläste kann nun durch massive Veränderungen in der sozialen und ökonomischen Organisation der Gesellschaften zwischen Griechenland und dem balkanischen Hinterland verstanden werden.
- Anna Lagia, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg - Deutschland
- Daniela Heilmann, Ludwig-Maximilians-Universität München - Deutschland
- Shafi Gashi, University of Priznen - Kosovo
- Aleksandra Papazovska Sanev, Museum of Macedonia - Mazedonien
- Aleksandar Bulatovic, Institute of Archaeology - Serbien
- John K. Papadopoulos, University of California at Los Angeles - Vereinigte Staaten von Amerika
- Alistair W.G. Pike, University Southampton - Vereinigtes Königreich
Research Output
- 48 Zitationen
- 20 Publikationen
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2021
Titel Tripod Dedication: Gift and Commodity Exchange in Ancient Greece DOI 10.1007/978-3-030-72539-6_9 Typ Book Chapter Autor Gimatzidis S Verlag Springer Nature Seiten 163-182 -
2021
Titel An Introduction to the Critique of Archaeological Economy DOI 10.1007/978-3-030-72539-6_1 Typ Book Chapter Autor Jung R Verlag Springer Nature Seiten 1-17 -
2021
Titel The Critique of Archaeological Economy DOI 10.1007/978-3-030-72539-6 Typ Book editors Gimatzidis S, Jung R Verlag Springer Nature -
2022
Titel Early Greek Colonisation in the Northern Aegean: A New Perspective from Mende DOI 10.1515/9783110752151-005 Typ Book Chapter Autor Gimatzidis S Verlag De Gruyter Seiten 52-67 -
2023
Titel An interdisciplinary approach to Iron Age Mediterranean chronology through combined archaeological and 14C-radiometric evidence from Sidon, Lebanon DOI 10.1371/journal.pone.0274979 Typ Journal Article Autor Doumet-Serhal C Journal PLOS ONE Link Publikation -
2019
Titel J.K. PAPADOPOULOS and E.L. SMITHSON The Early Iron Age: The Cemeteries (Athenian Agora 36). Princeton: ASCSA Publications, 2017. Pp. 1,120. $150. 9780876612361. DOI 10.1017/s0075426919000387 Typ Journal Article Autor Gimatzidis S Journal The Journal of Hellenic Studies Seiten 270-271 -
2020
Titel The economy of early Greek colonisation in the northern Aegean DOI 10.32028/9781789697926-8 Typ Journal Article Autor Gimatzidis S Journal Journal of Greek Archaeology -
2018
Titel Archaeology Across Frontiers and Borderlands: Fragmentation and Connectivity in the North Aegean and the Central Balkans from the Bronze Age to the Iron Age Typ Book Autor Gimatzidis Stefanos Verlag Austrian Academy of Sciences Press -
2023
Titel Set of bronze jewellery from the site of Velika Humska Cuka near Nis, SE Serbia: A contribution to the study of interactions between Bronze Age communities of Central Europe and the Central Balkans DOI 10.2298/sta2373027b Typ Journal Article Autor Bulatovic A Journal Starinar Seiten 27-51 Link Publikation -
2018
Titel Book Review of Maritime Transport Containers in the Bronze-Iron Age Aegean and Eastern Mediterranean, edited by Stella Demesticha and A. Bernard Knapp DOI 10.3764/ajaonline1223.gimatzidis Typ Journal Article Autor Gimatzidis S Journal American Journal of Archaeology Link Publikation -
2017
Titel Primoi elliniko emporiko amfores kai oikonoma sto vreio Aigao/Early Greek Trade Amphoras and Economy in the northern Aegean. Typ Book Chapter -
2017
Titel Big Women and the Gender Conflict in the Early Iron Age: A View from Greece and its Northern Periphery. Typ Book Chapter -
2017
Titel Cooking Pots and Ancient Identities: Indicators or Obscurers of Cultural Change. Typ Book Chapter Autor Gimatzidis S -
2017
Titel Sndos. Typ Book Chapter Autor A. Vlachopoulos -
2020
Titel Radiocarbon dating the Greek Protogeometric and Geometric periods: The evidence of Sindos DOI 10.1371/journal.pone.0232906 Typ Journal Article Autor Gimatzidis S Journal PLOS ONE Link Publikation -
0
DOI http://dx.doi.org/10.1163/2468-3418_bnps9_com_007274 Typ Other -
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DOI http://dx.doi.org/10.1163/2468-3418_bnps9_com_006839 Typ Other -
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DOI http://dx.doi.org/10.1163/2468-3418_bnps9_com_006784 Typ Other -
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DOI http://dx.doi.org/10.1163/2468-3418_bnps9_com_006673 Typ Other -
2018
Titel Northern Greece and the Central Balkans DOI 10.1093/oxfordhb/9780199696826.013.42 Typ Book Chapter Autor Gimatzidis S Verlag Oxford University Press (OUP) Seiten 449-476