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Der Orientalische Außenposten der Gelehrtenrepublik

The Oriental Outpost of the Republic of Letters

Thomas Wallnig (ORCID: 0000-0003-0118-4414)
  • Grant-DOI 10.55776/P30511
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.01.2018
  • Projektende 30.06.2022
  • Bewilligungssumme 366.516 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Geisteswissenschaften (25%); Geschichte, Archäologie (20%); Philosophie, Ethik, Religion (30%); Sprach- und Literaturwissenschaften (25%)

Keywords

    Orientalism, Republic of Letters, Oriental Manuscripts, Vienna Court Library, Sebastian Tengnagel, Near Eastern Studies

Abstract Endbericht

Der Orient ist nicht schon immer der Orient gewesen. In der wissenschaftlichen Welt herrscht heute Konsens, dass Orientalismus ein Produkt westlicher Köpfe mit einer imperialen Agenda ist, doch hat in der Debatte, die Edward Saids monumentales Werk ausgelöst hat, die Zeit vor 1800 wenig Aufmerksamkeit erfahren. So wird auch noch immer häufig davon ausgegangen, dass die enge Verbindung von Wissen und Macht ein Aspekt des nationalstaatlichen Imperialismus westlicher Prägung gewesen sei. Ein politischer Raum, der sich um 1600 tatsächlich imperial nennen konnte, war das Heilige Römische Reich. Seine gewählten Herrscher, die habsburgischen Kaiser, fühlten sich dem Erbe des imperialen Universalismus verpflichtet, sie setzten sich mit den Herausforderungen der Konfessionskriege auseinander und versuchten, eine ausbalancierte Haltung in der dynastischen Union mit Spanien und der Konkurrenz zu Frankreich zu finden. Schließlich oblag es ihnen auch, einen Umgang mit dem Osmanischen Reich zu finden, das während des 15. und 16. Jahrhunderts große Teile des Balkan und Ungarns eingegliedert hatte. Dies war sicher nicht die erste Begegnung zwischen der muslimischen und der christlichen Welt, und ebensowenig war der kaiserliche Bibliothekar Sebastian Tengnagel der erste Vermittler von Wissen über den Orient. Doch erfolgte diese Begegnung hier zum ersten Mal in einem Kontext, in dem auf der westlichen Seite die systematische Sammlung und Pflege von Wissen Teil eines umfassenderen Prozesses der Staatsbildung wurde. Hofbibliotheken spielten in diesem Prozess eine entscheidende Rolle. Sie waren nicht nur materielle Manifestationen eines Wissens, das ebenso dynamisch wie universell aufgefasst wurde; sie bildeten zugleich die gelehrten Arsenale, aus denen man die Waffen ideeller Kriegsführung hervorzuholen hoffte. Gleichzeitig fungierten die Hofbibliotheken als Speicher eines Wissens, das von den Bürgern der res publica literaria geschätzt, genutzt und erweitert wurde: einer imaginären Gemeinschaft von Gelehrten, die sich auf die Ethik von Freundschaft und das Ziel der gemeinsamer Wissensverbesserung gründete, während sie zugleich stets auch ein Spiegel politischer, militärischer und individueller Spannungen blieb. Sebastian Tengnagel gehörte beiden Sphären an. Er war zwischen 1608 und seinem Tod 1636 Hofbibliothekar der habsburgischen Herrscher und zugleich ein aktives Mitglied der internationalen Gelehrtengemeinschaft. Große Teile seiner Briefkorrespondenz handeln von der Erweiterung der Handschriftensammlung seiner Bibliothek, besonders im Bereich orientalischer Handschriften, die bereits seine Vorgänger zu sammeln begonnen hatten. Viel von Tengnagels gelehrter Hinterlassenschaft existiert noch heute und dokumentiert seine Arbeit mit arabischen, osmanischen und hebräischen Manuskripten. Das Projekt beleuchtet auf dieser Basis das Verhältnis zwischen einer globalen Neupositionierung des Heiligen Römischen Reiches und der Rolle, die dabei dem Wissen über den Orient zukam, das über den Weg der Wiener Hofbibliothek nach Europa gelangte.

Das FWF-Projekt "Der orientalische Außenposten der Gelehrtenrepublik" (P-30511) befasste sich mit orientalistischer Gelehrsamkeit in Zentraleuropa auf der Basis von Nachlass, Korrespondenz und Handschriften des Wiener Hofbibliothekars Sebastian Tengnagel (gest. 1636). Tengnagel, ein niederländischer Gelehrter mit späthumanistischem Hintergrund, stand der Hofbibliothek in Zeiten politischer und intellektueller Radikalisierung vor. Sein Sammeln orientalischer Handschriften kann verstanden werden als zeitgemäße zentraleuropäische Antwort auf das wachsende Interesse der Gelehrtenwelt an der historischen und kulturellen Kontextualisierung des Christentums, ebenso jedoch aber als Instrument zum Erwerb von nützlichem Staatswissen im Sinn der aufstrebenden Habsburgermonarchie. Die Projektergebnisse umfassen eine kollektiv verfasste Monographie, die Tengnagel als Fallbeispiel für transregionale Ideengeschichte der Vormoderne vorführt; eine Reihe von begleitenden Zeitschriftenartikeln und Buchkapiteln; schließlich Datensätze zu rund 100 orientalischen Handschriften mit Bezug zu Tengnagel sowie zu rund 700 Briefen aus seiner Korrespondenz in der Österreichischen Nationalbibliothek. Diese Ergebnisse werden spätestens Ende 2024 vorliegen.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Ronny Vollandt, Ludwig Maximilians-Universität München - Deutschland
  • Martin Mulsow, Universität Erfurt - Deutschland
  • Howard Hotson, University of Oxford - Vereinigtes Königreich

Research Output

  • 30 Zitationen
  • 10 Publikationen
  • 3 Weitere Förderungen
Publikationen
  • 2025
    Titel The Oriental Outpost of the Republic of Letters Sebastian Tengnagel, the Imperial Library in Vienna, and Knowledge of the Orient in Early Modern Europe
    Typ Book
    Autor Molino P
    Verlag Brill
    Link Publikation
  • 2025
    Titel The Tengnagel Letters Database and Data
    Typ Other
    Autor Petrolini C
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Undeutliche Spuren zwischen West und Ost
    DOI 10.7767/9783205213932.127
    Typ Book Chapter
    Autor Wallnig T
    Verlag Brill Osterreich
    Seiten 127-138
  • 2024
    Titel The Tengnagel Manuscripts Data
    Typ Other
    Autor Çelik H
    Link Publikation
  • 2020
    Titel Sebastian Tengnagel und Johann Seyfried - Österreichische Geschichtsschreibung zwischen Späthumanismus und Gegenreformation
    DOI 10.36820/sarospatak.2020.9
    Typ Book Chapter
    Autor Wallnig T
    Verlag MTA Konyvtar es Informacios Kozpont
    Seiten 162-174
    Link Publikation
  • 2019
    Titel Reassembling the Republic of Letters in the Digital Age
    DOI 10.17875/gup2019-1146
    Typ Book
    editors Hotson H, Wallnig T
    Verlag Universitatsverlag Gottingen
    Link Publikation
  • 2020
    Titel 3.6 Gelehrtenbriefe
    DOI 10.1515/9783110376531-031
    Typ Book Chapter
    Autor Wallnig T
    Verlag De Gruyter
    Seiten 471-483
  • 2020
    Titel Roma, Vienna e l’Oriente
    DOI 10.1515/qufiab-2020-0017
    Typ Journal Article
    Autor Petrolini C
    Journal Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken
    Seiten 349-373
    Link Publikation
  • 2019
    Titel The library, the city, the empire
    DOI 10.4324/9780429442223-10
    Typ Book Chapter
    Autor Molino P
    Verlag Taylor & Francis
    Seiten 223-249
  • 2021
    Titel Establishing an <> in 17th-century Vienna: Sebastian Tengnagel and the trajectories of his manuscripts
    Typ Journal Article
    Autor Chiara Petrolini
    Journal Bibliothecae
    Seiten 175-231
    Link Publikation
Weitere Förderungen
  • 2022
    Titel IFK Fellowship
    Typ Fellowship
    Förderbeginn 2022
    Geldgeber Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschafte
  • 2022
    Titel Gerda Henkel Forschungsstipendium
    Typ Research grant (including intramural programme)
    Förderbeginn 2022
  • 2021
    Titel Humboldt Short Term Grant
    Typ Travel/small personal
    Förderbeginn 2021

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