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Bestäuberwechsel und Blütenevolution in den Merianieae

Pollinator Shifts and Floral Evolution in the Merianieae

Jürg Schönenberger (ORCID: 0000-0001-6791-2731)
  • Grant-DOI 10.55776/P30669
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.10.2017
  • Projektende 30.09.2022
  • Bewilligungssumme 299.978 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Biologie (100%)

Keywords

    Pollination Biology, Pollinator Shift, Floral Evolution, Floral Structure, Population Genetics, Melastomataceae

Abstract Endbericht

Die Angiospermen (Blütenpflanzen) sind die bei Weitem größte und mannigfaltigste Pflanzengruppe und die enorme Diversität ihrer Blüten scheint in Wechselwirkung mit der Vielfalt ihrer tierischen Bestäuber entstanden zu sein. Ein besonders interessantes Forschungsfeld, an der Schnittstelle zwischen Bestäubungsökologie und Blütenevolution, ist das Studium sogenannter Bestäuberwechsel, d.h. des Wechsels von einer bestimmten, funktionellen Gruppe von Bestäubern (z.B. Bienen) zu einer anderen (z. B. Vögel). Die Bedeutung solcher Bestäuberwechsel für unser Verständnis der Diversität und Evolutionsgeschichte der Angiospermen ist schon im 19. Jahrhundert erkannt worden und dennoch wurde dieses Thema bislang auf mikro- und makroevolutiver Ebene nur unzureichend untersucht. Eine wichtige Hypothese in diesem Zusammenhang geht davon aus, dass Bestäuberwechsel durch Unterschiede in der Bestäubungseffizienz verschiedener Bestäubergruppen ausgelöst werden. Ein Bestäuberwechsel wirkt sich meist auf eine ganze Reihe von Blütenmerkmalen aus und spezifische Kombinationen von Merkmalen scheinen häufig mit einer spezifischen Gruppe vonBestäubernkorreliert zu sein. Solche spezifischen Merkmalskombinationen werden gemeinhin als Bestäubungssyndrome bezeichnet. Vogelbestäubte Blüten beispielsweise sind oft rot, geruchlos und produzieren relativ viel Nektar. Im Gegensatz dazu sind nachtfalterbestäubte Blüten meist weiß, stark duftend und bieten relativ wenig Nektar. Obwohl das Konzept der Bestäubungssyndrome sehr intuitiv ist und bereits in verschiedenen Pflanzengruppen erfolgreich angewendet wurde, ist es nach wie vor umstritten. Ein Grund dafür ist, dass Bestäuberwechsel nicht immer mit den erwarteten Veränderungen im Bestäubungssyndrom einhergehen. Unsere Untersuchungen konzentrieren sich auf eine Gruppe von Zentral- und Südamerikanischen Pflanzen (Tribus Merianieae) innerhalb der Schwarzmundgewächse (Melastomataceae). In dieser Tribus gibt es sowohl bienen-, fledermaus-, kolibri- als auch sperlingsbestäubte Arten. Diese Diversität an Bestäubungssystemen wird es uns erlauben, die Unterschiede in den Blütenmerkmalen der verschiedenen Bestäubungssysteme im Detail miteinander zu vergleichen. Zusätzlich werden wir mithilfe von populationsgenetischen Untersuchungen den Genfluss und die Bestäubungseffizienz in den verschiedenen Systemen bestimmen. Die wichtigste Hypothese, die wir testen werden, besagt, dass Vögel unter bestimmten Umweltbedingungen effizientere Bestäuber als Bienen sind und dass Vogelbestäubung auch zu einem stärkeren Genfluss zwischen Populationen führt. Zusätzlich werden wir testen, ob sich das Konzept der Bestäubungssyndrome auf die Merianieae anwenden lässt. Die Methoden, die wir verwenden werden, umfassen unter anderem verschiedene Feldexperimente zur Bestimmung der Bestäubungsökologie, molekulare Analysen zur Charakterisierung der populationsgenetischen Diversität, Mikrotomografie zur Untersuchung der Blütenmorphologie, und sogenannte morphospace-Analysen, um die Aussagekraft von Bestäubungssyndromen in den Merianieae statistisch zu evaluieren. Diese neuartige Kombination modernster Untersuchungsmethoden wird es uns ermöglichen, eine breite Wissensbasis für diese Pflanzengruppe zu etablieren, auf der wir in den kommenden Jahren weitere experimentelle Ansätze aufbauen wollen. Im Lichte der noch immer fortschreitenden Zerstörung tropischer Lebensräume durch den Menschen erscheinen Untersuchungen tropischer Organismen und ein besseres Verständnis ihrer ökologischen Beziehungen besonders drängend.

Im Projekt "Bestäuberwechsel und Blütenevolution in den Merianieae" untersuchte ein Team um Prof. Dr. Jürg Schönenberger und Dr. Agnes Dellinger von der Universität Wien die evolutionäre Anpassung von Blüten an unterschiedliche Bestäubergruppen. Die Tribus Merianieae aus der Pflanzenfamilie der Schwarzmundgewächse (Melastomataceae) ist in den Tropen Süd- und Mittelamerikas verbreitet und umfasst etwa 300 Arten. Die Arten, meist Sträucher und Kleinbäume, kommen vom Tieflandregenwald des Amazonas bis in die Nebelwaldzonen der Anden vor. Während die Arten der Tieflagen zumeist kleine, weiße Blüten haben, zeigen die Arten der Anden große, farbenfrohe Blüten mit auffälligen Staubblättern (den Blütenorganen, die Pollen produzieren). Das Forschungsteam konnte durch Feldarbeit in Ecuador und Costa Rica zeigen, dass die Tieflandarten allesamt von Bienen bestäubt werden, während die Arten der Anden zahlreiche evolutionäre Bestäuberwechsel von Bienen zu Wirbeltieren (z.B. Kolibris, Fledermäusen, Mäusen, Tangaren) aufweisen. Diese Bestäuberwechsel gehen mit markanten morphologischen Veränderungen der Blüte einher, wie zum Beispiel einer Veränderung der Blütenform (von offenen zu glockenblumenartigen Blüten), der Bestäuberbelohnung (Pollen für Bienen, Nektar oder zuckerhaltige Futterkörper für Wirbeltiere) oder der Mechanismen zur Pollenfreisetzung. In bienenbestäubten Merianieae, zum Beispiel, kann Pollen nur über spezielle Vibrationen freigesetzt werden, die Bienen auf die Staubblätter übertragen. Wirbeltiere können solche Vibrationen nicht erzeugen, und sammeln auch keinen Pollen. Da Pflanzen für eine erfolgreiche Bestäubung aber Pollen auf die Tiere übertragen müssen, haben sich die Strukturen der Staubblätter verändert, um die Pollenfreisetzung auf anderem Wege zu gewährleisten (z.B. durch einen explosiven Blasebalgmechanismus). Eine wichtige Erkenntnis der Forschungsarbeiten war auch, dass diese Veränderungen von Blütenorganen unabhängig von einander passieren können, also teilweise evolutionär entkoppelt sind dadurch die Anpassungsfähigkeit der Arten erhöhen. Weiters konnte das Forschungsteam zeigen, dass die Bestäuberwechsel in starkem Zusammenhang zu klimatischen Faktoren stehen. Die Bestäuberwechsel treten ausschließlich in Gattungen auf, die in tropischen Bergen vorkommen, die von kühleren, feuchteren klimatischen Bedingungen geprägt sind als die Tieflandregenwälder. Durch experimentelle Untersuchungen konnten Schönenberger und Dellinger zeigen, dass das kühle Bergklima sich negativ auf Bienenbestäubung auswirkt, und Wirbeltiere, die im Gegensatz zu Bienen endotherm sind, effizientere Bestäuber in Bergregenwäldern sind. Durch eine molekulargenetische Untersuchung konnte das Forschungsteam weiters feststellen, dass Wirbeltiere weitere Distanzen zwischen Pflanzenpopulationen zurücklegen können, und somit als wichtige Bestäuber der genetischen Differenzierung von Populationen entgegenwirken können. Durch dieses vom Österreichischen Wissenschaftsfonds FWF finanzierte Projekt konnten Schönenberger und Dellinger die Merianieae als ein völlig neues Untersuchungssystem für die Tropenbiologie und die Evolution der enormen Diversität Südamerikas etablieren. Derzeit forscht Dellinger in einem Folgeprojekt zu den evolutionären Mechanismen der Artentstehung und dazu, wie die Auffaltung der nördlichen Anden vor etwa 12 Millionen Jahren die Evolution der Merianieae beeinflusst hat.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Diana Fernández, Museo Ecuatoriano de Ciencias Naturales - Ecuador
  • Darin S Penneys, University of North Carolina - Vereinigte Staaten von Amerika
  • Christian Peter Klingenberg, University of Manchester - Vereinigtes Königreich
  • Rocio Pérez-Barrales, University of Portsmouth - Vereinigtes Königreich
  • W. Scott Armbruster, University of Portsmouth - Vereinigtes Königreich

Research Output

  • 501 Zitationen
  • 16 Publikationen
  • 8 Datasets & Models
  • 1 Wissenschaftliche Auszeichnungen
Publikationen
  • 2018
    Titel Beyond buzz-pollination – departures from an adaptive plateau lead to new pollination syndromes
    DOI 10.1111/nph.15468
    Typ Journal Article
    Autor Dellinger A
    Journal New Phytologist
    Seiten 1136-1149
    Link Publikation
  • 2020
    Titel Pollination syndromes in the 21st century: where do we stand and where may we go?
    DOI 10.1111/nph.16793
    Typ Journal Article
    Autor Dellinger A
    Journal New Phytologist
    Seiten 1193-1213
    Link Publikation
  • 2018
    Titel Evolutionary tinkering allows buzz pollinated plants to escape from an adaptive dead-end
    DOI 10.1111/nph.15474
    Typ Journal Article
    Autor Vallejo-Marín M
    Journal New Phytologist
    Seiten 618-620
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Population structure in Neotropical plants: Integrating pollination biology, topography and climatic niches
    DOI 10.1111/mec.16403
    Typ Journal Article
    Autor Dellinger A
    Journal Molecular Ecology
    Seiten 2264-2280
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Phylogenetics and Taxonomy of the Tribe Merianieae
    DOI 10.1007/978-3-030-99742-7_11
    Typ Book Chapter
    Autor Michelangeli F
    Verlag Springer Nature
    Seiten 255-273
  • 2022
    Titel Pollination in Melastomataceae: A Family-Wide Update on the Little We Know and the Much That Remains to Be Discovered
    DOI 10.1007/978-3-030-99742-7_26
    Typ Book Chapter
    Autor Dellinger A
    Verlag Springer Nature
    Seiten 585-607
  • 2021
    Titel The predictive power of pollination syndromes: Passerine pollination in heterantherous Meriania macrophylla (Benth.) Triana (Melastomataceae)
    DOI 10.1002/ece3.8140
    Typ Journal Article
    Autor Valverde-Espinoza J
    Journal Ecology and Evolution
    Seiten 13668-13677
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Red and white clover provide food resources for honeybees and wild bees in urban environments
    DOI 10.1111/njb.03005
    Typ Journal Article
    Autor Kanduth L
    Journal Nordic Journal of Botany
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Stamen dimorphism in bird-pollinated flowers: Investigating alternative hypotheses on the evolution of heteranthery
    DOI 10.1111/evo.14260
    Typ Journal Article
    Autor Dellinger A
    Journal Evolution
    Seiten 2589-2599
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Low bee visitation rates explain pollinator shifts to vertebrates in tropical mountains
    DOI 10.1111/nph.17390
    Typ Journal Article
    Autor Dellinger A
    Journal New Phytologist
    Seiten 864-877
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Connective appendages in Huberia bradeana (Melastomataceae) affect pollen release during buzz pollination
    DOI 10.1111/plb.13244
    Typ Journal Article
    Autor Bochorny T
    Journal Plant Biology
    Seiten 556-563
    Link Publikation
  • 2019
    Titel Bimodal Pollination Systems in Andean Melastomataceae Involving Birds, Bats, and Rodents.
    DOI 10.1086/703517
    Typ Journal Article
    Autor Dellinger A
    Journal The American naturalist
    Seiten 104-116
    Link Publikation
  • 2023
    Titel Using geometric morphometrics to determine the “fittest” floral shape: A case study in large-flowered, buzz-pollinated Meriania hernandoi
    DOI 10.1002/ajb2.16183
    Typ Journal Article
    Autor Dellinger A
    Journal American Journal of Botany
    Link Publikation
  • 2020
    Titel Two new species of Meriania (Melastomataceae) from eastern Ecuador
    DOI 10.11646/phytotaxa.458.1.1
    Typ Journal Article
    Autor Fernández-Fernández D
    Journal Phytotaxa
    Seiten 1-14
    Link Publikation
  • 2019
    Titel Pollinator Shifts and Floral Evolution in Merianieae (Melastomataceae)
    Typ PhD Thesis
    Autor Agnes Dellinger
  • 2019
    Titel Modularity increases rate of floral evolution and adaptive success for functionally specialized pollination systems
    DOI 10.1038/s42003-019-0697-7
    Typ Journal Article
    Autor Dellinger A
    Journal Communications Biology
    Seiten 453
    Link Publikation
Datasets & Models
  • 2022 Link
    Titel supporting data for Population structure in Neotropical plants: integrating pollination biology, topography and climatic niches
    Typ Database/Collection of data
    Öffentlich zugänglich
    Link Link
  • 2022 Link
    Titel Population genomics in Merianieae (Melastomataceae)
    Typ Database/Collection of data
    Öffentlich zugänglich
    Link Link
  • 2021 Link
    Titel data for Low bee visitation rates explain pollinator shifts to vertebrates in tropical mountains
    Typ Database/Collection of data
    Öffentlich zugänglich
    Link Link
  • 2021 Link
    Titel Red and white clover provide food resources for honeybees and wild bees in urban environments
    DOI 10.5061/dryad.z34tmpgcf
    Typ Database/Collection of data
    Öffentlich zugänglich
    Link Link
  • 2021 Link
    Titel Stamen dimorphism in bird-pollinated flowers - investigating alternative hypotheses on the evolution of heteranthery
    DOI 10.5061/dryad.gxd2547m1
    Typ Database/Collection of data
    Öffentlich zugänglich
    Link Link
  • 2019 Link
    Titel Modularity increases rate of floral evolution and adaptive success for functionally specialized pollination systems
    Typ Database/Collection of data
    Öffentlich zugänglich
    Link Link
  • 2019 Link
    Titel Modularity increases rate of floral evolution and adaptive success for functionally specialized pollination systems
    Typ Database/Collection of data
    Öffentlich zugänglich
    Link Link
  • 2019 Link
    Titel Data from: Bimodal pollination systems in Andean Melastomataceae involving birds, bats and rodents
    DOI 10.5061/dryad.jk673fq
    Typ Database/Collection of data
    Öffentlich zugänglich
    Link Link
Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 2018
    Titel Best student's talk
    Typ Poster/abstract prize
    Bekanntheitsgrad Continental/International

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