Griechische Scholien und das mittelalterliche Griechisch
Greek Scholia and Medieval Greek
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (20%); Sprach- und Literaturwissenschaften (80%)
Keywords
-
Byzantine Studies,
Greek Palaeography,
Sophocles' Ajax,
Electra,
Oedipus the King,
Manuel Moschopulos,
Historical Linguistics,
Classical Education in Byzantium
Im Mittelalter war Konstantinopel die zivile und religiöse Hauptstadt der wichtigsten Macht im gesamten christlichen Raum des Byzantinischen Reiches. Die Stadt präsentierte den Mittelpunkt aller kulturellen und wirtschaftlichen Tätigkeiten: Gerichte, Archive sowie kirchliche Einrichtungen (etwa die Patriarchatskanzlei) benötigten in diesem Reich Funktionäre, die die beste Ausbildung genossen hatten und über Verwaltungsqualitäten verfügten. Sie wurden eingesetzt, um den administrativen Apparat zu unterstützen und mussten im Rahmen der Traditionen des Römischen Reiches und des Christentums die Sprache und den Stil der klassischen griechischen und hellenistischen Autoren beherrschen. Das Ausbildungssystem kam den Bedürfnissen dieser komplexen Gesellschaft entgegen, indem den Schülern beigebracht wurde, im reinen Griechisch zu schreiben und sogar zu sprechen; dieses sollte soweit als möglich von den Einflüssen der gesprochenen Sprache unbehelligt bleiben. Zudem galt es, sich mit dem System der kulturellen Referenzen vertraut zu machen, auf das jedes Werk der Literatur und jede soziale Begegnung Bezug nahm. Das Unterrichtsprogramm, einschließlich des Bücherkanons, blieb über Jahrhunderte im Wesentlichen unverändert. Dennoch erhielten nach dem Jahre 1261 (d. h. nach der byzantinischen Rückeroberung von Konstantinopel, das 1204 in die Hände der Lateiner gefallen war) die Tradition, der Attizismus und die Erziehung eine deutlichere ideologische Bedeutung und wurden fortan als identitätsstiftende Faktoren betrachtet. Stärker als jemals zuvor standen als Eckpfeiler der Gesellschaft Sprache und Stil im Zentrum der byzantinischen Erziehung. Insgesamt förderte das byzantinische Schulsystem weder eine trockene und fruchtlose Belesenheit noch handelte es sich um einen anachronistischen Vergangenheitskult. Im Gegenteil sollte es den Studierenden die Mittel in die Hand geben, um die eigene Gesellschaft mitzugestalten und aufzubauen, gemäß einer erneuerten und revitalisierten Tradition: Aus einem Grund, sagte Christophoros Zortros in seinen Ratschläge an den Sohn, studieren wir die Texte der weisen Männer der Vergangenheit und scheuen uns nicht davor, mit den Toten zu kommunizieren. Welcher ist dieser Grund? Um einen geschärften Verstand zu besitzen, der fähig ist, Gedanken weiterzuentwickeln, und um über eine gewandte Zunge zu verfügen, die fähig ist, unsere Ideen (unseren Zeitgenossen) mitzuteilen. Innerhalb dieses Rahmens zielt das Projekt vor allem darauf ab: 1) auf Basis von Unterrichtstexten jener Zeit unsere Kenntnis davon zu verbessern, wie die griechische Sprache zwischen 1290 und 1360 in Konstantinopel unterrichtet wurde; 2) zu untersuchen, wie die Byzantiner die zwei Varietäten des mittelalterlichen Griechisch, namentlich das attische und das Koine-Griechisch, unterschieden; 3) zu den aktuellen Fragen in den byzantinischen und linguistischen Wissenschaften beizutragen, wie etwa: 3a) Wie sollte man mittelalterliche Textbücher edieren? 3b) Sind die Beschreibungen des mittelalterlichen Griechisch, welche von den zeitgenössischen Benutzern stammen, wichtige Quellen für die historische Soziolinguistik (eine Disziplin, die aus der Perspektive der Sprachgemeinschaft zu erklären versucht, warum Texte so sind, wie sie sind)?
Das Projekt untersuchte, welche Relevanz die Kommentare zu den griechischen Klassikern - insbesondere zu Sophokles - für die historische Linguistik besitzen. Das Projekt strebte vor allem die drei folgenden Ziele an: (1) die erste vollständige kritische Ausgabe der Scholien der moschopuleischen Handschriften von Sophokles zu erstellen; (2) eine Methode zum Studium der Moschopoulos-Handschriften, die sehr stark durch Schichtungen exegetischen Materials und mehrere beteiligte Kopisten gekennzeichnet sind, zu entwickeln; (3) einen neuen Weg in der Linguistik des mittelalterlichen Griechisch aufzuzeigen, der sich auf die Selbstreflexionen über die Sprache, welche die Byzantiner anstellten und die uns in den Lehrbüchern für den Griechischunterricht greifbar sind, fokussiert. Die Pandemie und die vorzeitige Beendigung des Projekts verzögerten die Erreichung dieser Ziele. Derzeit (Stand Dezember 2022) sind 4 Artikel, 2 Sammelbände und 1 kritische Ausgabe veröffentlicht, im Druck oder zum Peer-Review eingereicht. Trotz Projektende widmet sich der Projektleiter weiterhin der vorrangigen und aufwändigsten Forschungsaufgabe, nämlich der kritischen Edition der in den moschopuleischen Handschriften enthaltenen Scholien zu Sophokles.
Research Output
- 3 Publikationen
- 1 Wissenschaftliche Auszeichnungen
- 2 Weitere Förderungen
-
2022
Titel Anspielungen und Missverständnisse. Scholien verstehen und emendieren. Betrachtungen über die moschopouleischen Kommentare zur „Elektra“ des Sophokles vv. 823–825 DOI 10.1553/joeb71s175 Typ Journal Article Autor Cuomo A Journal Jahrbuch der Österreichischen Byzantinistik Seiten 175-192 Link Publikation -
2022
Titel Tereus, Procne, and Philomela An Annotated Edition of a Newly Discovered Mythological Narrative -- with four plates. Typ Journal Article Autor Andrea Massimo Cuomo Journal Journal of Byzantine Studies (JOEB) - Jahrbuch der Österreichischen Byzantinistik Seiten 163 - 192 Link Publikation -
2022
Titel Late Byzantine scholia on the Greek classics: what did they comment on? Manuel Moschopoulos on Sophocles' Electra; In: Byzantine Commentaries on Ancient Greek Texts, 12th-15th Centuries Typ Book Chapter Autor Andrea Massimo Cuomo Verlag Cambridge University Press Seiten 304-338 Link Publikation
-
2020
Titel ERC Consolidator Grant Typ Research prize Bekanntheitsgrad Continental/International
-
2021
Titel MELA The meaning of language. A digital grammar of the Greek taught at schools in Late Constantinople Typ Travel/small personal Förderbeginn 2021 Geldgeber University of Ghent -
2021
Titel Bof Starting Grant Typ Research grant (including intramural programme) Förderbeginn 2021 Geldgeber University of Ghent