Schreibgewohnheiten. Christliche Manuskriptkultur im mittelalterlichen Zentralasien
Scribal habits. A case study from Christian Medieval Central Asia
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (30%); Sprach- und Literaturwissenschaften (70%)
Keywords
-
Scribes,
Turfan,
Sogdian,
Syriac,
Manuscript culture,
Church of the East
Was sagen uns die Gewohnheiten und Praktiken von Schreibern über die Produktion, Verbreitung und Nutzung von Handschriften in christlichen Gemeinschaften entlang der Seidenstraße? Was können wir aus deren Erforschung über diese Gemeinschaften lernen? Das Ziel dieses Projekts ist ein umfassendes Verständnis von Gewohnheiten und Zugängen von Schreibern, wie sie sich in sogdisch- und syrischsprachigen Manuskriptfragmenten spiegeln, die zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts entlang der Seidenstraße entdeckt wurden. Diese Fragmente zählen zum religiösen und kulturellen Erbe des östlichen Christentums. Christliche Gemeinschaften entstanden in Zentralasien als Folge von missionarischen Aktivitäten der Kirche des Ostens seit dem 5. Jahrhundert. Entlang der Seidenstraße begegneten Syrisch sprechende christliche Mönche und Missionare aus Mesopotamien Bevölkerungen mit unterschiedlichem kulturellen, sprachlichen und religiösen Hintergründen; unter anderen auch den Sogdern, Sprecher der ostmitteliranischen Sprache Sogdisch, die die wichtigsten Karawanenhändler Zentralasiens waren. Das Projekt untersucht rund 1000 Manuskriptfragmente in Sogdischer und Syrischer Sprache und Schrift, die in Gemeinschaften christlicher Sogder zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert produziert wurden und in Gebrauch waren. Sehr wenig ist bislang über diese Gemeinschaften bekannt. Man nimmt die Existenz eines Klosters in Bulayq in der Turfanoase an, weil zahlreiche christliche Manuskriptfragmente dort gefunden wurden. Archäologische Untersuchungen haben dort jedoch nicht stattgefunden. Die Organisation des Klosters und seiner Bibliothek und Skriptoriums, ist unbekannt angenommen, es gab dort eine Bibliothek und ein Skriptorium. Die Bedingungen, unter denen die Produktion, den Gebrauch, die Zirkulation und die Patronage religiöser Werke innerhalb und außerhalb der Klostergemeinschaft abliefen, sind unklar. Aufgrund des fragmentarischen Charakters der Manuskripte weiß man bisher sehr wenig über die Aktivitäten von Schreibern in diesen Gemeinschaften. Andererseits ist gut bekannt, dass in der religiösen Tradition der Kirche des Ostens das Schreiben von Manuskripten eine bedeutende Tätigkeit war, und zwar nicht nur für die Überlieferung einer spezifischen religiösen Botschaft. Man sah darin auch eine geistliche Bußübung zur Sühne von Sünden, die dem Schreiber selbst ebenso wie seiner Familie und seinem Auftraggeber zu Gute kam. Daher ist eine genaue Untersuchung jeglicher Elemente, die Aufschluss über die Gewohnheiten und Zugänge von Schreibern geben können, derzeit der einzig gangbare Weg zu einer substantiellen Erweiterung unseres Wissens über die christlichen Gemeinschaften in der spätantiken und frühmittelalterlichen Turfanregion. Das Projekt strebt die erste vollständige und grundlegende Analyses aller Typen paratextlicher Merkmale und aller Elemente der Manuskriptfragmente an, die Aufschluss über die Tätigkeit der Schreiber und über paläographische Eigenschaften dieses Korpus geben können. Es wird neue Instrumente für die Kenntnis des geschriebenen Erbes von mittelalterlichen christlichen Gemeinschaften in Zentralasien bereitstellen, die ohne dieses Manuskriptkorpus praktisch unbekannt bleiben würden.
Das Projekt lieferte grundlegende wissenschaftliche Publikationen zur Paläographie und Analyse der wichtigsten materiellen und grafischen Aspekte der ca. 1000 christlichen sogdischen und syrischen Manuskriptfragmenten, die zu Beginn des letzten Jahrhunderts entlang der Seidenstraße gefunden wurden und zum religiösen und kulturellen Erbe des östlichen Christentums gehören. Dank der fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen dem Institut für Iranistik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und dem Department für Zivilisationen und Wissensformen der Universität Pisa und der sehr konstruktiven Beteiligung von Forschern des Instituts für Orientalische Manuskripte der Russischen Akademie der Wissenschaften konnte in einer innovativen Studie die Bedeutung der Praktiken und Aktivitäten von Schreibern für die Übertragung einer spezifischen religiösen Botschaft aufgezeigt und damit ein wichtiger Beitrag zur Erforschung der christlichen Gemeinschaften im frühmittelalterlichen Zentralasien realisiert werden. Das Projekt stellte auch einen Wendepunkt in der Karriereentwicklung der Projektleiterin und der beiden Mitarbeiterinnen dar und leistete so einen Beitrag zur Förderung von Frauen in der Wissenschaft, gerade auch des wissenschaftlichen Nachwuchses.
- Pier Giorgio Borbone, Università di Pisa - Italien
Research Output
- 4 Publikationen
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2020
Titel Ink as a Functional Marker in the Study of the Syriac and Christian Sogdian Manuscript Fragments in the Turfan Collection (Berlin) and in the Krotkov Collection (St. Petersburg) DOI 10.31250/1238-5018-2020-26-2-12-31 Typ Journal Article Autor Barbati C Journal Manuscripta Orientalia. International Journal for Oriental Manuscript Research Seiten 12-31 -
2018
Titel On the quire numbering as reflected in the Christian Sogdian and Syriac Manuscript Fragments in the Turfan Collection (Berlin) and the Krotkkov Collection (St. Petersburg) Typ Journal Article Autor Barbati C Journal Written Monuments of the Orient Seiten 92-133 -
2018
Titel "Studies in Medieval Iranian manuscript traditions other than Islamic. An Introduction" Typ Journal Article Autor Barbati C Journal Written Monuments of the Orient Seiten 3-10 -
2018
Titel Studies in Early Medieval Iranian Manuscript Traditions other than Islamic Typ Book Autor Barbati