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Neue Ansätze zu einer Geschichte der Juden in Wien um 1900

New Approaches to a History of Jews in Vienna around 1900

Klaus Hödl (ORCID: 0000-0002-0356-4368)
  • Grant-DOI 10.55776/P31036
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.04.2018
  • Projektende 31.03.2022
  • Bewilligungssumme 304.692 €

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Geisteswissenschaften (30%); Geschichte, Archäologie (30%); Sprach- und Literaturwissenschaften (40%)

Keywords

    Jews, Vienna, Similarity, Difference, Space, Historiography

Abstract Endbericht

Im Rahmen des Projektes soll eine Geschichte der Juden Wiens um 1900 als ein integraler Bestandteil einer allgemeinen Geschichte verfasst werden. Das Vorhaben entspringt der Feststellung, dass vorliegende Narrative zur Vergangenheit der Juden - wie auch jene anderer ethnisch-kultureller Gruppen - weitgehend gesonderte Erzählungen darstellen. Dadurch, so die projekttragende These, kommt es zu einer einseitigen, in Teilen auch verzerrten Geschichtsdarstellung, die durch die Herausarbeitung eines integrativen Narrativs korrigiert werden soll. Die Aufgabenstellung, die am Schnittpunkt zwischen den Jüdischen Studien und der Geschichtswissenschaft angesiedelt und auch für andere wissenschaftliche Fächer von Belang ist, wird unter Zuhilfenahme neuer analytischer Konzepte in Angriff genommen. Die zentralen Fragestellungen beziehen sich auf das komplexe Beziehungsgeflecht, durch das Juden und Nichtjuden miteinander verbunden waren, auf deren kulturelle Gemeinsamkeiten sowie Differenzen.

Im Projekt New Approaches to a History of Jews in Vienna around 1900 (P31036) wurden die Kontakte zwischen Juden/Jüdinnen und Nichtjuden/-jüdinnen untersucht. Die Ausgangsthese lautete, dass das alltägliche Leben von Juden/Jüdinnen und Nichtjuden/-jüdinnen in der Habsburgermetropole zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts durch eine Vielzahl von Begegnungen und Beziehungen geprägt war. Sie hatten einander in den Schulen, bei der Arbeit, beim Einkauf, auf der Straße und an vielen anderen Orten und bei anderen Gelegenheiten getroffen. Mit einer quellenmäßigen Absicherung der These sollte die unter Historikern/-innen vorherrschende Ansicht, dass der Großteil der Juden/Jüdinnen und Nichtjuden/-jüdinnen nur wenig miteinander interagierte, korrigiert werden. Die wichtigste Erkenntnis der Untersuchung lautet, dass es in Wien um 1900 unmöglich war, den Alltag ohne Teilhabe am öffentlichen Raum, wo es unentwegt zu jüdisch-nichtjüdischen Begegnungen kam, zu bestreiten. Mit der gleichfalls vorgenommenen Korrektur der verbreiteten Annahme, dass Juden/Jüdinnen und Nichtjuden/-jüdinnen in der Wohnsitzverteilung weitgehend getrennt voneinander gelebt hätten, lässt sich das historische Narrativ einer deutlich erkennbaren jüdischen Isolation nicht weiter aufrechterhalten. Auf der Grundlage dieser Einsicht erhielten folgende Fragestellungen für das Forschungsprojekt besondere Relevanz: Wie lassen sich die Auswirkungen der zahlreichen Kontakte zwischen Juden/Jüdinnen und Nichtjuden/-jüdinnen festhalten? Kann und muss zwischen flüchtigen Begegnungen und nachhaltigen Kontakten unterschieden werden? Welche Räume und Umstände förderten nachhaltige Kontakte? - Diese und eine Reihe anderer, damit zusammenhängender Fragen können zwar noch nicht abschließend beantwortet werden. Allerdings können einige vorläufige Schlussfolgerungen gezogen werden. Die wichtigste besagt, dass regelmäßige jüdisch-nichtjüdische Begegnungen, wie sie am Arbeitsplatz, in der Schule oder bei irgendwelchen Freizeitaktivitäten stattfanden, zwar nicht immer und in allen Fällen zum Abbau von Vorurteilen führten, aber die Ausbildung krisenresistenter Beziehungen zwischen Juden/Jüdinnen und Nichtjuden/-jüdinnen doch stark erleichterten. Eine weitere Conclusio aus dem Projekt stellt die Annahme, dass Antisemitismus eine Folge einer jüdisch-nichtjüdischen Alltagskluft sei, infrage. Da Juden/Jüdinnen und Nichtjuden/-jüdinnen in ständigem Austausch miteinander standen und, wie ebenfalls festgestellt werden konnte, die Wiener Bevölkerung im alltäglichen Leben sich eher als Frauen oder Männer, als Arbeiter/-innen oder Angestellte oder als Bewohner/-innen eines bestimmten Viertels denn als Juden/Jüdinnen und Nichtjuden/-jüdinnen identifizierte, muss die Frage, welche Gründe und Ursachen für die Judenfeindschaft in Wien um 1900 vorlagen, neu gestellt werden. Dieser Frage soll in einem neuen Forschungsprojekt nachgegangen werden.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Graz - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Dorothee Kimmich, Eberhard-Karls-Universität Tübingen - Deutschland
  • Stefanie Schüler-Springorum, Technische Universität Berlin - Deutschland
  • Joachim Schlör, University of Southampton - Vereinigtes Königreich

Research Output

  • 10 Zitationen
  • 11 Publikationen
  • 1 Wissenschaftliche Auszeichnungen
Publikationen
  • 2021
    Titel Major Trends in the Historiography of European Ashkenazic Jews from the 1970s to the Present
    DOI 10.1007/s10835-021-09414-2
    Typ Journal Article
    Autor Hödl K
    Journal Jewish History
    Seiten 153-177
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Migration, Integration, and Assimilation: Reassessing Key Concepts in (Jewish) Austrian History
    DOI 10.1353/oas.2021.0001
    Typ Journal Article
    Autor Corbett T
    Journal Journal of Austrian Studies
    Seiten 1-28
  • 2021
    Titel The Fuzziness of Jewish and Non-Jewish Boundaries in Viennese Popular Culture around 1900: A Trend Toward “Similarity”?
    DOI 10.1017/9781787449381.007
    Typ Book Chapter
    Autor Hödl K
    Verlag Cambridge University Press (CUP)
    Seiten 101-114
  • 2020
    Titel Spaces of Gendered Jewish and Non-Jewish Encounters: Bed Lodgers, Domestic Workers, and Sex Workers in Vienna, 1900–1930*
    DOI 10.1093/leobaeck/ybaa006
    Typ Journal Article
    Autor Korbel S
    Journal The Leo Baeck Institute Year Book
    Seiten 88-104
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Understudied Patterns of Jewish Migration between the Habsburg Central Europe and the United States
    Typ Journal Article
    Autor Korbel S
    Journal Quest. Issues in Contemporary Jewish History
    Seiten 86-108
    Link Publikation
  • 2020
    Titel Jews, Mobility, and Sex: Popular Entertainment between Budapest, Vienna, and New York around 1900
    DOI 10.1017/s0067237820000168
    Typ Journal Article
    Autor Korbel S
    Journal Austrian History Yearbook
    Seiten 220-242
    Link Publikation
  • 2019
    Titel From Jewish Separateness to Jewish and Non-Jewish Entanglement; In: New Perspectives on Jewish Cultural History - Boundaries, Experiences, and Sensemaking
    DOI 10.4324/9780429324048-8
    Typ Book Chapter
    Verlag Routledge
  • 2021
    Titel Popular Entertainment in Central Europe as a Space for Jewish and Queer Migration Experiences
    DOI 10.14361/9783839453322-005
    Typ Book Chapter
    Autor Korbel S
    Verlag Transcript Verlag
    Seiten 111-130
  • 2020
    Titel JEWISH STUDIES WITHOUT THE "OTHER"; In: The Future of the German-Jewish Past - Memory and the Question of Antisemitism
    DOI 10.2307/j.ctv15pjxvw.15
    Typ Book Chapter
    Verlag Purdue University Press
  • 2020
    Titel Defying the Binary: Relationships Between Jews and Non-Jews
    DOI 10.1353/jji.2020.0012
    Typ Journal Article
    Autor Hödl K
    Journal Journal of Jewish Identities
    Seiten 107-124
    Link Publikation
  • 2020
    Titel Introduction: Rethinking Jewish and non-Jewish relations
    DOI 10.1080/1462169x.2020.1710385
    Typ Journal Article
    Autor Korbel S
    Journal Jewish Culture and History
    Seiten 1-4
    Link Publikation
Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 2021
    Titel Leo Baeck Essay Prize
    Typ Research prize
    Bekanntheitsgrad Continental/International

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