Soziale Medien und Politisches Engagement: Mechanismen und Bedingungen
Social Media and Political Engagement: Mechanism and Contingencies
Wissenschaftsdisziplinen
Medien- und Kommunikationswissenschaften (100%)
Keywords
-
Social Media,
Experimental research,
Political Participation,
Mobile Experience Sampling Method,
Panel Research
Die steigende Nutzung von sozialen Medien hat die Hoffnung geweckt, dass die neuen Technologien die Partizipation in der Gesellschaft stärken. Speziell politisch unterrepräsentierte Gruppen (wie z.B. Jugendliche) könnten über soziale Medien wieder an die Politik herangeführt werden. Bisherige Forschungsergebnisse zeigen tatsächlich einen positiven Zusammenhang zwischen der Nutzung sozialer Netzwerke und verschiedenen Formen politischer Beteiligung. Fundierte theoretische Erklärungen der psychologischen Prozesse hinter diesem Zusammenhang gibt es bis heute nicht. Eine Ursache dafür ist, dass die bisherige Forschung von Querschnittsanalysen dominiert ist, das sind Befragungen, welche die Nutzung sozialer Medien und Partizipation an nur einem Zeitpunkt erheben. Langzeit- und Experimentalstudien, welche die psychologischen Prozesse und Kausalzusammenhänge nachzeichnen, existieren bis dato nicht. Dieses Projekt füllt diese gravierende Forschungslücke durch die Überprüfung des Social Media Participation Models (SMPM). Das Modell wurde von den Antragstellern entwickelt und versteht politische Partizipation als ziel-orientiertes Handeln. Laut dem SMPM sind Effekte der Nutzung sozialer Medien an eine Reihe von Bedingungen geknüpft: Durch die Nutzung sozialer Medien muss es zuerst zu einer Konfrontation mit politischen Inhalten kommen. Nur wenn diese als relevant eingeschätzt werden, eine Diskrepanz zwischen einem politischen Ist- und einem politischen Sollzustand identifiziert wird und die Auflösung dieser Diskrepanz als umsetzbar wahrgenommen wird, kommt es zur Formierung eines politischen Partizipationsziels. Die Formierung dieses Ziels bedeutet aber noch nicht die Umsetzung. Nur wenn das Ziel in einer konkreten Verhaltenssituation auch dominant oder kompatibel mit anderen momentanen Zielen ist, kommt es tatsächlich zur politischen Partizipation. Laut Autoren muss es aber nicht immer zu einer bewussten Verarbeitung der politischen Social Media Inhalte kommen, um Partizipationseffekte auszulösen. Auch die wiederholte unbewusste Wahrnehmung von partizipativen Botschaften, z.B. in Facebook Posts, kann zu mehr Partizipation führen. Mit diesem Projekt wird erstmalig ein umfassendes Theoriemodell zum Zusammenhang zwischen der Nutzung sozialer Medien und politischer Partizipation überprüft. Mit einem Methoden-Mix aus vier Experimenten und einer Langzeitstudie werden die psychologischen Prozesse und die kausalen Zusammenhänge, die zwischen der Nutzung sozialer Medien und politischem Partizipationsverhalten stehen, nachgezeichnet. Das gibt Aufschluss über das tatsächliche Potential von sozialen Medien, politische Partizipation zu stärken, und bietet zahlreiche Anreize und Anknüpfungspunkte für zukünftige Forschungsarbeiten.
Im Projekt "Soziale Medien und Politisches Engagement: Mechanismen und Bedingungen" wurden eine Reihe an Studien durchgeführt, um zu erforschen, ob und wieso politische Information auf sozialen Medien, wie Facebook oder Twitter, Bürger*innen dazu animieren kann, sich am politischen Prozess zu beteiligen. Darüber hinaus wurde untersucht, ob und wie der Kontakt mit politischen Informationen auf sozialen Medien zu einem Wissensgewinn führt. Bisherige Studien und Meta-Analysen haben gezeigt, dass es eine positive Korrelation zwischen der Nutzung von sozialen Medien und politischer Partizipation gibt. Jedoch blieben die für diese Beziehung verantwortlichen Mechanismen oft unbeachtet. Es war bislang unklar, welche psychologischen Mechanismen zu den gefundenen Effekten führen und welche Bedingungen gegeben seien müssen, dass der Effekt zustande kommt. Das Projekt hat sich dieser Forschungslücke gewidmet. In der ersten Phase des Projekts haben sich verschiedene Studien mit den Motivationen für die Nutzung von sozialen Medien (z.B. mit Freunden*innen chatten, Unterhaltungsmotive, auf dem laufenden Stand mit News bleiben) und deren Beziehung zu politischer Partizipation beschäftigt. Außerdem hat das Projekt analysiert, inwiefern das eigene soziale Netzwerk auf sozialen Medien und die Fähigkeit, den eigenen Newsfeed auf sozialen Medien nach Belieben einzustellen, die Beziehung zwischen Nutzung und politischer Partizipation beeinflussen. In der zweiten Phase des Projekts hat sich das Forschungsteam auf das Phänomen "incidental exposure" - manchmal auch "zufälliger Nachrichtenkontakt" genannt - konzentriert. Soziale Medien werden eigentlich häufig aus nicht-politischen Gründen genutzt, aber aufgrund der Logik der Plattformen (z.B. Algorithmen, die Kontakte, die man auf den Plattformen hat) stolpert man manchmal zufällig über politische Information. Forschende haben schon früh argumentiert, dass dies auch ein Weg für weniger interessierte Populationssegmente ist, um etwas über Politik zu erfahren. Im Projekt wurde die vollständige frühere Forschung zu diesem Thema in einer Meta-Analyse zusammengetragen. Außerdem wurde, aufbauend auf der gegen die frühere Forschung gerichtete Kritik, ein neues theoretisches Modell, welches insbesondere die Informationsverarbeitung während des zufälligen Nachrichtenkontakts in den Fokus stellt, entworfen und in mehreren Studien überprüft. Das Projekt liefert einen großen Beitrag und geht weit über die bisherige Forschung in diesem Bereich hinaus. Zu den zentralen Ergebnissen zählt, dass die der Nutzung vorgelagerten Motive eine zentrale Rolle spielen, ob die Nutzung auch zu politischer Partizipation animiert. Außerdem muss die Nutzung von sozialen Medien als ein dynamischer Prozess, bei dem Nutzer*innen dauernd zwischen verschiedenen nicht-politischen und politischen Zielen wechseln können, konzeptualisiert werden muss, um zu verstehen, welche Auswirkungen es auf politische Variablen gibt. Es wurde auch gezeigt, dass zwischen dem zufälligen Stolpern über politische Inhalte auf sozialen Medien und politisch relevanten Konzepten, wie Wissen und Partizipation, eine positive Beziehung besteht, wobei die Stärke dieser Beziehung jedoch massiv von der Informationsverarbeitung abhängt.
- Universität Wien - 100%
- Helena Bilandzic, Universität Augsburg - Deutschland
- Werner Wirth, University of Zurich - Schweiz
- Dhavan Shah, University of Wisconsin-Madison - Vereinigte Staaten von Amerika
Research Output
- 382 Zitationen
- 14 Publikationen
- 6 Wissenschaftliche Auszeichnungen
- 1 Weitere Förderungen
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2025
Titel Feeling informed or being informed about politics? Effects of first- and second-level incidental exposure on political surveillance knowledge and internal political efficacy DOI 10.1080/1369118x.2025.2472945 Typ Journal Article Autor Nanz A Journal Information, Communication & Society Seiten 2702-2719 Link Publikation -
2025
Titel Scanning vs. Thorough Processing the News: Antecedents of First- and Second-Level Incidental Exposure and the Role of the Relevance Appraisal DOI 10.1080/21670811.2025.2472313 Typ Journal Article Autor Nanz A Journal Digital Journalism Seiten 1-21 Link Publikation -
2025
Titel Let me entertain you: Does online incidental exposure to non-political content distract from political learning? DOI 10.1080/19331681.2025.2574047 Typ Journal Article Autor Nanz A Journal Journal of Information Technology & Politics Seiten 1-15 Link Publikation -
2019
Titel Pathways to political (dis-)engagement: motivations behind social media use and the role of incidental and intentional exposure modes in adolescents’ political engagement DOI 10.1515/commun-2019-2054 Typ Journal Article Autor Heiss R Journal Communications Seiten 671-693 -
2023
Titel Social media information literacy: Conceptualization and associations with information overload, news avoidance and conspiracy mentality DOI 10.1016/j.chb.2023.107908 Typ Journal Article Autor Heiss R Journal Computers in Human Behavior Seiten 107908 Link Publikation -
2022
Titel Seeing political information online incidentally. Effects of first- and second-level incidental exposure on democratic outcomes DOI 10.1016/j.chb.2022.107285 Typ Journal Article Autor Nanz A Journal Computers in Human Behavior Seiten 107285 Link Publikation -
2022
Titel Democratic Consequences of Incidental Exposure to Political Information: A Meta-Analysis DOI 10.1093/joc/jqac008 Typ Journal Article Autor Nanz A Journal Journal of Communication Seiten 345-373 Link Publikation -
2019
Titel Alkyl chain assisted thin film growth of 2,7-dioctyloxy-benzothienobenzothiophene DOI 10.1039/c9tc01979k Typ Journal Article Autor Spreitzer H Journal Journal of Materials Chemistry C Seiten 8477-8484 Link Publikation -
2019
Titel Does incidental exposure on social media equalize or reinforce participatory gaps? Evidence from a panel study DOI 10.1177/1461444819850755 Typ Journal Article Autor Heiss R Journal New Media & Society Seiten 2463-2482 Link Publikation -
2022
Titel Incidental exposure in the online world: Antecedents, mechanisms, and consequences Typ PhD Thesis Autor Andreas Nanz Link Publikation -
2023
Titel Peer correction of misinformation on social media: (In)civility, success experience and relationship consequences DOI 10.1177/14614448231209946 Typ Journal Article Autor Heiss R Journal New Media & Society Seiten 2293-2312 Link Publikation -
2020
Titel Antecedents of intentional and incidental exposure modes on social media and consequences for political participation: a panel study DOI 10.1057/s41269-020-00182-4 Typ Journal Article Autor Nanz A Journal Acta Politica Seiten 235-253 Link Publikation -
2020
Titel Learning from Incidental Exposure to Political Information in Online Environments DOI 10.1093/joc/jqaa031 Typ Journal Article Autor Nanz A Journal Journal of Communication Seiten 769-793 Link Publikation -
2020
Titel Processing news on social media. The political incidental news exposure model (PINE) DOI 10.1177/1464884920915371 Typ Journal Article Autor Matthes J Journal Journalism Seiten 1031-1048 Link Publikation
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2019
Titel Invited talk CEU Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Regional (any country) -
2018
Titel Invited talk CeDem Asia 2018 Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2018
Titel Invited talk 5th AJC Hanoi Intensive Seminar Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2021
Titel Top Paper Panel of the Political Communication Division at the (virtual) AEJMC annual convention 2021 Typ Research prize Bekanntheitsgrad Continental/International -
2021
Titel Invited talk GCCRC 2021 Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2021
Titel Invited talk International Forum on China's Image and Global Communication Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International
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2021
Titel CitiSEn - Citizen Science Engagement of Refugees: Tracking Political and Civic Opportunities Typ Research grant (including intramural programme) Förderbeginn 2021