Die frühmittelalterliche Grenze zwischen Ägypten und Nubien
The Early Medieval Frontier between Egypt and Nubia
Wissenschaftsdisziplinen
Bauwesen (40%); Geschichte, Archäologie (50%); Sprach- und Literaturwissenschaften (10%)
Keywords
-
Archaeology,
Frontiers,
Egypt,
Building analysis,
Nubia
Das vorliegende Projekt wird die Region des Ersten Nilkatarakts in der Zeit des Frühmittelalters untersuchen. Hier befand sich die Grenzregion von Ägypten und Nubien, wo zwei sehr unterschiedliche politische und kulturelle Einheiten, das muslimische Ägypten im Norden und das nubische christliche Königreich von Makuria im Süden, aufeinandertrafen. Das Projekt wird sich speziell auf die frühmittelalterliche Festung von Hisn el-Bab konzentrieren, ein weitläufiges und gut erhaltenes Bauwerk am Ostufer des Nils. Durch Untersuchungen und Erkenntnisse über ihre Chronologie, die Art der Besatzung im Laufe der Zeit und speziell den kulturell-ethnischen Hintergrund der Bewohner, welcher natürlich im Kontext einer Grenz- bzw. Kontaktzone variieren kann, ist es das Ziel der Studie, die Kontrollmechanismen der Festung über die Region zu identifizieren und die Erkenntnisse in den größeren Rahmen des allgemeinen Verständnisses dieses Grenzbereichs einzufügen. Dies soll anfänglich über archäologische Ausgrabungen und die Analyse der vorhandenen Architektur, bzw. der gesamten materiellen Hinterlassenschaften der Bewohner, erfolgen. Mittels dieser Studien bzw. des Vergleichs mit Material von anderen Ausgrabungsstätten ist es möglich, viele der vorhin genannten Gesichtspunkte zu behandeln und den Weg zu komplexeren Fragestellungen zu ebnen. Hier sei etwa die Frage zu nennen, wie die Grenze auf die Bewohner Einfluss nahm, ob sie für einzelne Personen überschreitbar war, oder ob sie vielmehr im Hinblick auf Ausländer mit gewissem Status oder wirtschaftlichem Hintergrund wie Diplomaten oder Händler reguliert wurde. Die Ergebnisse sollen mit anderen zeitgleichen Monumenten und Ausgrabungsstätten in Ägypten und Nubien verglichen und in Kontext gesetzt werden, auch unter Einbezug der verhältnismäßig spärlichen schriftlichen Quellen, welche sich mit der Region beschäftigen. Diese beziehen sich hauptsächlich auf Handelsaktivitäten und die Anwesenheit von ägyptischen Händlern bzw. entflohenen Sklaven in Unternubien und werfen ein zusätzliches Licht auf grenzübergreifende Kontakte. Außerdem sollen die Ergebnisse mit denen des Vorgänger-FWF-Projekts verglichen werden, wo dieselbe Grenze in spätrömischer Zeit beleuchtet wurde. Das Projekt wird zusätzlich Informationen über die Entwicklung der Region nach der Aufgabe von Hisn el-Bab sammeln. Diese Zielsetzung stellt sich als einigermaßen schwierig heraus, da nach dem Bau des Staudamms und der daraus folgenden Überflutung wenig Substanzielles übrigblieb. Die Forschungen konzentrieren sich damit auf andere Quellen, hauptsächlich frühe Reisende, welche Hisn el-Bab besuchten oder auf der Durchreise Richtung Süden waren und kurze Notizen, Skizzen und Fotos hinterließen bzw. wieder den Vergleich mit vorhandenen Textquellen. In Summe wird diese detailreiche Untersuchung einer Grenzregion unsere Kenntnis eines wenig erforschten Zeitraums in der Geschichte speziell Ägyptens und Nubiens entscheidend vergrößernd, da bisher erstaunlich wenig archäologische Forschungen im Bereich frühmittelalterlicher Relikte angestellt wurden. Somit wird das Projekt einzigartige, detaillierte Informationen über das Leben der frühmittelalterlichen Bewohner der Festung liefern.
Ziel des Hisn al-Bab-Projekts war es, die Beschaffenheit der Grenzregion zwischen Ägypten und Nubien im Frühen Mittelalter zu erforschen. Der Schwerpunkt lag auf der archäologischen und der architektonischen Untersuchung des Gebietes. Hisn al-Bab selbst ist das einzige erhaltene Beispiel einer befestigten Anlage aus der Spätantike und dem Frühmittelalter in diesem Grenzgebiet, alle weiter südlich gelegenen Beispiele wurden durch den Bau des Assuan-Staudamms zerstört. Hisn al-Bab überlebte dank seiner Lage auf einer Klippe über dem Nil. Die Stätte bot somit eine einzigartige Gelegenheit, die Art und das Zusammenspiel von nördlichen und südlichen Einflüssen an einem einzigen Fundplatz zu untersuchen. Die historische Analyse zeigt zunehmend, dass die Gebiete des ersten Katarakts eine Übergangszone waren, in der die Grenzen der formalen politischen Kontrolle sowohl von Ägypten im Norden als auch vom nubischen Königreich Makurien im Süden unklar waren. Die Ergebnisse aus Hisn al-Bab unterstützen dies. Die bei den Ausgrabungen gefundene materielle Kultur weist enge Parallelen zu den zeitgenössischen nubischen Kulturen auf, dies ist anhand der Textilien, Waffen, dem archäobotanischen Material und der Keramik deutlich zu erkennen. Die Keramik liefert die komplexesten Daten zur Interaktion der materiellen Kulturen. Es findet sich eine Mischung aus nubischen und ägyptischen Typen, wobei es sich bei den Vorratsgefäßen um nubische Gefäße handelt, während das Transport- und Tafelgeschirr aus Ägypten, vor allem aus dem nahe gelegenen Fundort Assuan stammt. Nur das Kochgeschirr ist eine Mischung aus nubischen und ägyptischen Typen. Innerhalb der Architektur finden sich Parallelen in Nubien. Wahrscheinlich waren die Bewohner von Hisn al-Bab nubischer Herkunft und arbeiteten angesichts der Nähe zur Grenze eng mit den ägyptischen Behörden zusammen. Die Untersuchung der architektonischen Bauphasen zeigte Komplexität und erheblichen Veränderungen und Umbauten, was auf eine Nutzung über einen relativ langen Zeitraum schließen lässt. Die materielle Kultur spiegelt dies nicht wider, das wichtigste Datierungsmittel, die Keramik, deutet auf eine Nutzung bis ins siebte Jahrhundert hin. Textquellen weisen darauf hin, dass Hisn al-Bab eine wichtige Rolle im jährlichen zeremoniellen Warentransfer zwischen Nubien und Ägypten spielte. Dieser war Teil eines Friedensabkommens zwischen dem ägyptischen und dem nubischen Staat, das kurz nach der arabischen Eroberung Ägyptens geschlossen wurde und bis mindestens ins zehnte Jahrhundert n. Chr. existierte. Die Abwesenheit von materieller Kultur aus dieser Zeit deutet darauf hin, dass der Fundort entweder nur sporadisch und in begrenztem Umfang genutzt worden war oder dass sich die Hauptsiedlung am Fluss befand und heute verloren ist. Das Grenzgebiet war nicht immer friedlich: vorgefundene Leichenteile von über 60 Personen, die kurzerhand außerhalb der Festungsmauern entsorgt wurden, sind Beweise für diese Konflikte. Die Schädel wiesen auf brutale Angriffe mit großen Klingenwaffen hin.
- Marina Döring-Williams, Technische Universität Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in
Research Output
- 2 Publikationen
- 1 Disseminationen
- 1 Weitere Förderungen
-
2021
Titel Nubian textile features: wool fragments from Hisn al-Bab and a tunic from Fag el-Gamus, Egypt Typ Journal Article Autor Kwaspen A Journal Archaeological Textiles Review Seiten 24-34 -
2018
Titel Im Kampf gefallen - ein besonderer Skeletfund aus der spätantiken Festung Hisn al-Bab (Provinz Assuan) am ersten Nilkatarakt Typ Book Autor Novacek J editors Flohr S, Morgenstern P Verlag Beier & Beran
-
2019
Titel Community presentation Typ Participation in an activity, workshop or similar
-
2020
Titel Institute of Bioarchaeology: Human remains from Hisn al-Bab Typ Research grant (including intramural programme) Förderbeginn 2020 Geldgeber British Museum