Wissenschaftsdisziplinen
Soziologie (100%)
Keywords
-
Late Fertility,
Demographic Change,
Completed Cohort Fertility,
Childlessness,
Level Of Education,
Gender Differences
Das Projekt, das an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU) angesiedelt ist, befasst sich mit zwei grundlegenden Fragen. Erstens wird untersucht, wie die zunehmende Zahl von HochschulabsolventInnen und die sich wandelnden Partnerschaftsdynamiken (vor allem das späte Eingehen von Partnerschaften und häufigere Trennungen) zum steigenden Fertilitätsalter sowie zu Kinderlosigkeit und somit zur Veränderung des Fertilitätsniveaus beigetragen haben. Zweitens werden die Auswirkungen aufgeschobener Elternschaft auf die Fertilität von Männern und Frauen am Ende ihrer fruchtbaren Phase untersucht, gegenwärtig und zukünftig. Zunächst wird auf der Mikroebene erforscht, wer die Fertilität aufgeschoben hat. Danach werden individuelle Mechanismen, die häufig zum Aufschub der eigenen Fertilität führen (das Streben nach höherer Bildung und der Wandel der Partnerschaftsdynamik), mit den Fruchtbarkeitsindikatoren verknüpft. Dies wird sowohl für Kohorten mit abgeschlossener Fertilität, als auch für Kohorten, die noch im gebärfähigen Alter sind, durchgeführt. In einem weiteren Schritt werden die im Hinblick auf die spätere Fruchtbarkeit identifizierten Trends untersucht. In diesem Zusammenhang ist besonders interessant, wie viele Menschen aufgrund biologischer und sozialer Grenzen, nämlich ihrem Geschlecht und ihrem Ausbildungsniveau Einschränkungen im Hinblick auf ihre Fertilität hinnehmen müssen. Diese Forschungsergebnisse können einerseits dazu genutzt werden, um die Konsequenzen eines weitergehenden Aufschubs von Geburten im Hinblick auf die zukünftige Familiengröße zu erörtern, und andererseits um zu diskutieren, ob der Rückgriff auf Reproduktionstechnologien oder die veränderte Wahrnehmung der späteren Fertilität, die Wahrscheinlichkeit erhöht auch noch später im Leben Kinder zu bekommen. Wir verwenden einen vergleichenden Ansatz zwischen Österreich, Frankreich und anderen europäischen Ländern, um zu untersuchen, ob die Prozesse, die zu späteren Geburten führen, in diesen Ländern vergleichbar sind. Wir vergleichen sowohl die spätere als auch die abgeschlossene Fruchtbarkeit in diesen Ländern unter Berücksichtigung der unterschiedlichen institutionellen Situationen. Wir verbinden individuelle und aggregierte Perspektiven, um bildungs- und geschlechtsspezifische Unterschiede von Frauen und Männer mit bereits abgeschlossener Fruchtbarkeit im Hinblick auf späte Fertilität und Kinderlosigkeit aufzuzeigen. Anhand von Mikrosimulationen erfolgt die Analyse auch für junge Erwachsene, um die möglichen Auswirkungen der jüngsten Veränderungen von Ausbildungs und Partnerschaftsmustern einzuschätzen. Dieses Projekt ist in vielerlei Hinsicht innovativ. Die Kombination von Einzel- und Aggregatstudien, unterstützt durch eine Mikrosimulation, ist ein neuartiger Ansatz. Das Projekt wertet die bisherige Forschung auf, indem es einen umfassenden Überblick über den Kontext, die Impulse und die Konsequenzen der zunehmend späteren Fertilität bietet. Der Vergleich von Männern und Frauen ist besonders hervorzuheben, da fruchtbarkeitsbezogene Themen bisher meist nur aus der Perspektive der Frauen analysiert wurden. Die Forschung, die sich mit den Unterschieden bezüglich des Familienverhaltens von Menschen aus verschiedenen Bildungsgruppen befasst, wird von den neuen Erkenntnissen, die die Dauer der Ausbildung und das Bildungsniveau mit der Familiengröße verbindet, profitieren. Die Projektergebnisse sind hauptsächlich für die Demographie, aber auch für die Forschung im öffentlichen Gesundheitswesen, der Familienpolitik und Alterung interessant und werden durch wissenschaftliche Publikationen und die Teilnahme an Konferenzen zugänglich gemacht. Neben wissenschaftlichen Aktivitäten planen wir einen "Tag der offenen Tür", in dem die wichtigsten Ergebnisse der Forschung der interessierten Öffentlichkeit präsentiert werden. Die wichtigsten Erkenntnisse werden in Stellungnahmen, die auf Medien- und Entscheidungsträger ausgerichtet sind, veröffentlicht. Im Allgemeinen werden die Projekterkenntnisse politische Entscheidungsträger dabei unterstützen, gezielte Maßnahmen zu setzen, die die gesellschaftlichen Veränderungen in Bezug auf die aufgeschobene Fertilität unterstützen können.
Im Rahmen des LATEFERT-Projekts wurde späte Fertilität in Ländern untersucht, in denen Geburten zunehmend aufgeschoben werden. Dabei wurde deutlich, dass Charakteristika von später Fertilität in den einzelnen Ländern stark variieren, was sowohl auf Unterschiede im Ausmaß des Aufschubs von Geburten zurückzuführen ist als auch auf verschiedene strukturelle oder normative Beschränkungen, aufgeschobene Geburten im späteren Alter nachzuholen. Gleichzeitig nahm in den meisten Ländern die Familiengröße im höheren Alter nicht ausreichend zu, um den späteren Geburtenbeginn auszugleichen, so dass die Kohorten-Fertilität zurückgegangen ist. Das Projekt hat gezeigt, dass Menschen zunehmend in einem fortgeschrittenen reproduktiven Alter (35 Jahre und älter) Kinder haben wollen, insbesondere kinderlose Frauen. Es hat zudem auch deutlich gemacht, dass Menschen, die in späterem Alter Kinder haben wollen, den Kinderwunsch mit geringerer Wahrscheinlichkeit verwirklichen als in jüngeren Jahren, insbesondere bei Frauen mit geringerem Bildungsniveau. Dies scheint mit verschiedensten physiologischen Zwängen zusammenzuhängen, die die Chancen auf eine Lebendgeburt im fortgeschrittenen Alter erheblich verringern, sowie mit antizipierten normativen Beschränkungen bzgl. des besten Alters, um Kinder zu bekommen. Außerdem spielen unpassende Lebensumstände eine Rolle, wie z. B. den richtigen Partner nicht zur richtigen Zeit zu treffen. Andererseits scheint das Wissen um biologische Beschränkungen Geburten zu begünstigen, bevor es "zu spät" für ein Kind ist, da wir sowohl bei Frauen als auch bei Männern beobachten konnten, dass eine Geburt in einer späten Partnerschaft oder nach einer späten ersten Elternschaft beschleunigt wird. Insgesamt hat dieses Projekt enorme Fortschritte gebracht, die Folgen aufgeschobener Fertilität zu verstehen. Für Gesellschaften ist der nötige Aufwand sehr groß, Geburten im höheren Alter aufgrund eines Aufschubs in jüngeren Jahren nachzuholen, so dass nur sehr wenige Länder die fehlenden Geburten tatsächlich aufholen. Für den/die Einzelne/n bedeutet dies, dass immer mehr Menschen gänzlich auf ein Kind verzichten, weil die Entscheidung dafür zu lange verzögert wurde. Mit dem Wissen, dass der Geburtenrückgang in den Zwanzigern stark ausgeprägt ist und sich kaum aufhalten lässt, empfehlen wir den politischen Entscheidungsträger:innen, Bemühungen zu verstärken Frauen mit Anfang 30 das Kinderkriegen zu erleichtern, bevor deren Reproduktionsfähigkeit nachlässt. Da in diesem Alter die meisten Menschen berufstätig sind, lässt sich dies am besten durch politische Maßnahmen erreichen, die es zulassen und begünstigen, eine Familie zu gründen und gleichzeitig berufstätig zu sein: die Einbindung der Männer in die Familie durch eine verbesserte Gleichstellung der Geschlechter, Bereitstellung einer guten und staatlich finanzierten Kinderbetreuung für alle und Förderung der Flexibilität von Beruf und Familie. Darüber hinaus scheint das Wissen von Männern und Frauen über die bei Frauen ab 35 und bei Männern ab 40 Jahren abnehmende physiologische Fähigkeit Kinder zu bekommen, von zentraler Bedeutung für gut informierte Entscheidungen über Fertilität.
- Wirtschaftsuniversität Wien - 43%
- Universität Wien - 57%
- Zuzanna Maria Brzozowska, Wirtschaftsuniversität Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in
- Krystof Zeman, Österreichische Akademie der Wissenschaften , assoziierte:r Forschungspartner:in
- Anne Solaz, L’Institut national d’études démographiques - Frankreich
- Elise De La Rochebrochard, L’Institut national d’études démographiques - Frankreich
Research Output
- 201 Zitationen
- 17 Publikationen
- 2 Disseminationen
- 3 Wissenschaftliche Auszeichnungen
- 1 Weitere Förderungen
-
2024
Titel Scenarios of Delayed First Births and Associated Cohort Fertility Levels. DOI 10.1215/00703370-11315685 Typ Journal Article Autor Pohl M Journal Demography Seiten 687-710 -
2024
Titel Explaining the urban-rural gradient in later fertility in Europe. DOI 10.1002/psp.2720 Typ Journal Article Autor Beaujouan É Journal Population, space and place -
2020
Titel Assessing Short-Term Fertility Intentions and Their Realisation Using the Generations and Gender Survey: Pitfalls and Challenges DOI 10.1007/s10680-020-09573-x Typ Journal Article Autor Brzozowska Z Journal European Journal of Population Seiten 405-416 Link Publikation -
2023
Titel Delayed first births and completed fertility across the 1940-1969 birth cohorts DOI 10.4054/demres.2023.48.15 Typ Journal Article Autor Beaujouan E Journal Demographic Research -
2019
Titel Declining realisation of reproductive intentions with age DOI 10.1093/humrep/dez150 Typ Journal Article Autor Beaujouan É Journal Human Reproduction Seiten 1906-1914 Link Publikation -
2021
Titel Late fertility intentions increase over time in Austria, but chances to have a child at later ages remain low DOI 10.1016/j.rbms.2021.10.002 Typ Journal Article Autor Beaujouan É Journal Reproductive Biomedicine & Society Online Seiten 125-139 Link Publikation -
2021
Titel Late motherhood, late fatherhood, and permanent childlessness: Trends by educational level and cohorts (1950–1970) in France DOI 10.4054/demres.2021.45.10 Typ Journal Article Autor Compans M Journal Demographic Research Seiten 329-344 Link Publikation -
2023
Titel Transitions to Second Birth and Birth Intervals in France and Spain: Time Squeeze or Social Norms? DOI 10.12765/cpos-2023-13 Typ Journal Article Autor Beaujouan E Journal Comparative Population Studies -
2023
Titel Familien in Österreich DOI 10.25365/phaidra.450 Typ Other Autor Buber-Ennser I Link Publikation -
2023
Titel Families in Austria DOI 10.25365/phaidra.449 Typ Other Autor Buber-Ennser I Link Publikation -
2022
Titel De la mise en couple à la première naissance. Le rôle de l’âge à la première cohabitation dans l’entrée en maternité et en paternité DOI 10.3917/popu.2203.0439 Typ Journal Article Autor Compans M Journal Population Seiten 439-466 -
2022
Titel Is 40 the New 30? Increasing Reproductive Intentions and Fertility Rates beyond Age 40 DOI 10.1017/9781009025270.002 Typ Book Chapter Autor Beaujouan É Verlag Cambridge University Press (CUP) Seiten 3-13 -
2021
Titel Simulating family life courses: An application for Italy, Great Britain, Norway, and Sweden DOI 10.4054/demres.2021.44.1 Typ Journal Article Autor Winkler-Dworak M Journal Demographic Research Seiten 1-48 Link Publikation -
2021
Titel European countries with delayed childbearing are not those with lower fertility DOI 10.1186/s41118-020-00108-0 Typ Journal Article Autor Beaujouan É Journal Genus Seiten 2 Link Publikation -
2021
Titel Simulating Family Life Courses: An Application for Italy, Great Britain, and Scandinavia DOI 10.1553/0x003cb428 Typ Journal Article Autor Winkler-Dworak M Journal Institut für Demographie - VID Seiten 1-89 Link Publikation -
2020
Titel Latest-Late Fertility? Decline and Resurgence of Late Parenthood Across the Low-Fertility Countries DOI 10.1111/padr.12334 Typ Journal Article Autor Beaujouan E Journal Population and Development Review Seiten 219-247 Link Publikation -
2019
Titel The delay in procreation in Europe Typ Journal Article Autor Beaujouan E Journal Médecine de la Reproduction Seiten 209-219 Link Publikation
-
2023
Link
Titel Finding a viable path to "ageing" fertility in Europe Typ A magazine, newsletter or online publication Link Link -
2021
Link
Titel Publication of Jenseits der 40 (Späte Geburten nehmen bei Frauen schneller zu als bei Männern) in Demographische Forschung aus erster Hand, intended for dissemination about Population in the German speaking countries Typ A magazine, newsletter or online publication Link Link
-
2021
Titel Presentation "Late fertility across the high-income countries" at the Centre d'Estudis Demogràfics colloquium Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2020
Titel Editorial board of the journal Demography Typ Appointed as the editor/advisor to a journal or book series Bekanntheitsgrad Continental/International -
2022
Titel Jan M. Hoem Award for social policy and family demography (EAPS) Typ Research prize Bekanntheitsgrad Continental/International
-
2021
Titel BIC.LATE: Biological, Individual and Contextual Factors of Fertility Recovery Typ Research grant (including intramural programme) Förderbeginn 2021 Geldgeber European Research Council (ERC)