Geburten und andere Lebenspläne: Komplementarität oder Konkurrenz
Births and other life goals: complementarity or competition? (BIRTHLIFE)
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Sozialwissenschaften (15%); Soziologie (85%)
Keywords
-
Fertility,
Life course,
Birth intentions,
Multi-process models,
Reproductive decision-making,
Multi-level analysis
In Europa und anderen entwickelten Gesellschaften bekommen die Menschen in der Regel nicht so viele Kinder, wie sie in Befragungen als Wunsch angeben. In früheren Studien zu diesem Thema wurden die Beziehungen zwischen Kinderwunsch und tatsächlicher Kinderzahl üblicherweise isoliert von Entscheidungen und Ereignissen in anderen Lebenslaufbereichen betrachtet. Das vorliegende Projekt geht diese zentrale Frage auf innovative Art an, indem es die Lücke zwischen beabsichtigter und tatsächlicher Fertilität im vereinheitlichten Kontext des individuellen Lebenslaufs berücksichtigt. Mit neuen länderübergreifenden Vergleichsdaten werden wir zunächst die Wechselbeziehungen zwischen Absichten und Ergebnissen bezüglich Fortpflanzung, Bildung, Partnerschaft, Arbeit und Wohnsitz untersuchen, wobei Lebensläufe in ihren strukturellen und institutionellen Kontexten betrachtet werden. Ziel ist eine Klärung der Prioritätensetzung und des Verbindungsgefüges zwischen den gleichzeitig gehegten Lebenszielen (oder Absichten) von Individuen und deren späterem tatsächlichem Verhalten (also den realisierten Ergebnissen) sowie der Verknüpfungen von Absichten und Ergebnissen auf individueller Ebene. Methodisch ist das Projekt insofern neuartig, als es aktuelle länderübergreifende Querschnitts- und Längsschnittdaten verwendet. Theoretisch ist es wegen seiner Spezialisierung auf konkurrierende Ziele und die Möglichkeiten der Zielerfüllung in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten innovativ. Das Projekt greift die folgenden Forschungsfragen auf: 1. Gibt es Gemeinsamkeit und Wechselbeziehungen darin, wie erwachsene Individuen in unterschiedlichen Lebensbereichen ihre Entscheidungen treffen, etwa in Fragen wie Bildung, Partnerschaft, Nachwuchs, Arbeit und Wohnort? 2. Sind lebenslaufbezogene Umstände für Übereinstimmungen bzw. Nichtübereinstimmungen der beabsichtigten und tatsächlichen Geburtenzahl mit beabsichtigten und tatsächlichen Ereignissen in anderen Bereichen des Erwachsenenlebens verantwortlich? 3. Wie sind die unterschiedlichen Übereinstimmungen und Nichtübereinstimmungen von Absicht und Ergebnis beim Nachwuchs und in anderen Lebensbereichen davon beeinflusst, in welchen Zusammenhängen die erwachsenen Individuen tätig sind? Es werden differenzierte statistische Methoden verwendet, z.B. simultaneous hazard modelling der verschiedenen Lebensabsichten, des jeweils tatsächlich erfolgten Verhaltens und der Verbindungen zwischen Absicht und Ergebnis, um festzustellen, ob parallele Lebensbereiche unterschiedlich und unabhängig sind bzw. wie sie miteinander zusammenhängen. Das Projekt wird neue Perspektiven für das Verständnis von Fertilität und Entscheidungsprozessen in der Fortpflanzung schaffen und zu einem neuen Paradigma der Fertilität beitragen, ebenso wie zu unserem VerständnisvonZielerfüllung in anderen Lebenslaufsbereichen.DiesesWissen kann Entscheidungsträgern dabei helfen, Maßnahmen zur leichteren Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu entwerfen.
Die Geburtenraten in den modernen Gesellschaften sind so weit zurückgegangen, dass in den meisten Ländern die Fertilität dauerhaft unter dem Reproduktionsniveau liegt. Werden Frauen und Männern nach ihren Kinderwünschen und Familienplänen gefragt, so sind diese jedoch höher als die beobachteten Geburtenzahlen. Unter Verwendung einer Lebensverlaufsperspektive untersuchte das BIRTHLIFE-Projekt mit Hilfe verschiedener quantitativer Forschungsmethoden, wie unterschiedliche Lebensbereiche mit den Kinderwünschen und dem Kinderkriegen zusammenhängen. Das Forschungsteam analysierte die folgenden Aspekte: Kinderwünsche und ihre Umsetzung aus der Paar-Perspektive; Unsicherheiten im Kinderwunsch; Bedeutung von verschiedenen Lebensbereichen, die mit der Familiengründung konkurrieren; Unsicherheit bei der Beschäftigung; Erwerbstätigkeit von Paaren; Wohnen und Umzüge; Nachbarschaftszugehörigkeit; Mehrgenerationen-Familienkontext. Im Rahmen des Projekts wurden verschiedene Datenquellen ausgewertet, darunter Querschnittsdaten aus 46 Ländern weltweit, vergleichende Längsschnittdaten verschiedener europäischer Länder mit zwei Beobachtungen im Zeitverlauf, Längsschnittdaten über längere Zeiträume aus dem Vereinigten Königreich und Australien sowie Querschnitts-Individualdaten einzelner Länder, wie Vietnam. Hier einige Ergebnisse in Kurzform: (1) Frauen, die die größere Last des Kinderkriegens tragen, haben mehr Einfluss auf Paarebene, wenn es darum geht, eine Familie zu gründen. Größere Familien entstehen zumeist nur dann, wenn Frau und Mann gleiche bzw. ähnliche Familienwünsche haben. (2) Sowohl in kurzfristiger Hinsicht als auch in langfristiger Perspektive ist sich in beträchtlicher Anteil von Menschen unsicher, ob sie ein (weiteres) Kind möchten. Kinderlose weisen bei weitem die größten Unsicherheiten und häufigsten Änderungen im Kinderwunsch auf. Aktuelle Situation und Änderungen in Partnerschaft und Erwerbstätigkeit führen zu Änderungen im Kinderwunsch. (3) Wenn es um die selbst-eingeschätzten Bedeutung verschiedener Lebensbereiche geht, so wird die Familie am häufigsten als wichtig im Leben der Menschen angesehen, gefolgt von Arbeit, Freunden und Freizeit. Diese Hierarchie ist im letzten Jahrzehnt gleichgeblieben. Die Bedeutung von Familie, Freunden und Freizeit hat zugenommen, wobei es erhebliche regionale Unterschiede gibt. (4) Der Zusammenhang zwischen Erwerbstätigkeit und Geburt des ersten Kindes unterscheidet sich nach Bildungssgruppen. Tertiär gebildete Frauen in einer Teilzeitbeschäftigung werden eher Mütter als jene in Vollzeiterwerbstätigkeit. Außerdem verzögert Arbeitslosigkeit weiterhin die Vaterschaft. (5) Bisher ist die Wechselwirkung zwischen geografisch-spezifischen sozialen Netzwerken, Wohn- und Aufenthaltsmobilität und Familiengründung wenig beforscht. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass ein stärkeres Gefühl der Zugehörigkeit zur Nachbarschaft positiv mit dem Übergang zur Elternschaft verbunden ist. (6) In Ländern, die durch einen ausgeprägten Familiensinn und eine Bevorzugung von Söhnen gekennzeichnet sind, besteht ein Zusammenhang zwischen dem Zusammenleben mit der Elterngeneration einerseits und dem Kinderwunsch von Frauen andererseits. Frauen, die in traditionelleren Familienstrukturen leben, erfahren wahrscheinlich mehr sozialen und normativen Druck, die Zwei-Kind-Norm zu erfüllen.
- Francesco Billari, Università Bocconi - Italien
- Leonardo Grilli, Università degli Studi di Firenze - Italien
- Elizabeth Thomson, University of Stockholm - Schweden
- Icek Ajzen, University of Massachusetts Amherst - Vereinigte Staaten von Amerika
Research Output
- 38 Zitationen
- 9 Publikationen
- 1 Disseminationen
- 1 Weitere Förderungen
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2024
Titel Uncertainty and flexibility of fertility intentions DOI 10.1016/j.alcr.2024.100618 Typ Journal Article Autor Barker R Journal Advances in Life Course Research Seiten 100618 Link Publikation -
2023
Titel THE IMPORTANCE OF FAMILY, LEISURE, WORK, AND FRIENDS DOI 10.1553/0x003e87d9 Typ Journal Article Autor Barker R Journal Institut für Demographie - VID Seiten 1-33 Link Publikation -
2023
Titel How socio-cultural factors and opportunity costs shape the transition to a third child DOI 10.20377/jfr-821 Typ Journal Article Autor Panova R Journal Journal of Family Research Seiten 162-180 Link Publikation -
2023
Titel CORESIDING WITH PARENTS, SON PREFERENCE, AND WOMEN’S DESIRE FOR ADDITIONAL CHILDREN IN VIETNAM DOI 10.1553/0x003e7385 Typ Journal Article Autor Nguyen Y Journal Institut für Demographie - VID Seiten 1-24 Link Publikation -
2023
Titel UNCERTAINTY AND FLEXIBILITY OF FERTILITY INTENTIONS DOI 10.1553/0x003e60ec Typ Journal Article Autor Barker R Journal Institut für Demographie - VID Seiten 1-36 Link Publikation -
2023
Titel Measuring the effect of employment uncertainty on fertility in low-fertility contexts: an overview of existing measures. DOI 10.1186/s41118-023-00185-x Typ Journal Article Autor Buh B Journal Genus Seiten 4 -
2022
Titel WHICH TYPE OF EMPLOYMENT UNCERTAINTY MATTERS WHEN BECOMING A PARENT? AN ANALYSIS BY EDUCATIONAL ATTAINMENT IN THE UNITED KINGDOM DOI 10.1553/0x003d6deb Typ Journal Article Autor Buh B Journal Institut für Demographie - VID Seiten 1-41 Link Publikation -
2021
Titel When partners’ disagreement prevents childbearing: A couple-level analysis in Australia DOI 10.4054/demres.2021.44.33 Typ Journal Article Autor Testa M Journal Demographic Research Seiten 811-838 Link Publikation -
2021
Titel Measuring the Effect of Employment uncertainty on Fertility in Europe (A literature review) DOI 10.1553/0x003cfe1f Typ Journal Article Autor Buh B Journal Institut für Demographie - VID Seiten 1-24 Link Publikation
-
2022
Titel ViDSS Research Fund Typ Travel/small personal Förderbeginn 2022 Geldgeber University of Vienna