Transatlantische Konvergenzräume. Musikkultureller Austausch
Musical Crossroads.Transatlantic Cultural Exchange 1800-1950
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (30%); Kunstwissenschaften (70%)
Keywords
-
Music-Related Cultural Exchange,
Transfer,
Music Trade,
Musical Salon,
19th century,
Early 20Th Century
Künstler (mechanische ausgenommen) gehören bekanntlich unter die Menschen, die man dort [USA] am wenigsten brauchen kann, und in neuester Zeit sind sie sogar ausdrücklich vor dem Einwandern verwarnet worden. Derart kritisch sah noch 1820 ein Journalist der Allgemeinenmusikalischen Zeitungdie beruflichen Perspektiven europäischer Musikschaffender in der neuen Welt, den seit 1776 Vereinigten Staaten von Amerika. Der Autor, selbst im von höfischen, bürgerlichen und kirchlichen Institutionen engmaschig geför- derten System der europäischen Musikkultur verortet, konnte sich schwer vorstellen, dass europäische Künstlerinnen und Künstler in dem relativ jungen Staat einen Platz in der Gesellschaft und finanzielles Auskommen finden könnten. Ein Blick auf die Entwicklung nordamerikanischer Musikinstitutionen, die erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einsetzte, würde die These des Autors der AMZ stützen. Der Aufbau der nordamerikanischen Musikkultur fand allerdings weder in der Carnegie Hall noch im New England Conservatory statt, sondern in bislang weniger betrachteten vorinstitutionellen Räumen, wobei die Einwanderung aus und der kulturelle Austausch mit der alten Welt eine zentrale Rolle spielte. Ändert man also den räumlichen Fokus, kommt bereits Anfang des 19. Jahrhunderts eine rege, sich im Aufbruch befindliche musikalische Kultur in den Blick, in der Musikerinnen und Musiker durchaus auch ökonomische Erfolge erzielen konnten. Über Kulturtransfer nachzudenken, hat in den Geistes- und Kulturwissenschaften seit einigen Jahren Konjunktur. Das Forschungsprojekt weitet den geopolitischen Raum transatlantisch aus und richtet die Perspektive dabei auf vorinstitutionelle Räume und die in ihnen wirkenden Akteurinnen und Akteure. Konkret werden zwei vorinstitutionelle Räume exem- plarisch untersucht, und zwar den frühen Zeitraum betreffend (1800-1850) der Musikalien- handel, den späteren Zeitraum betreffend (1880-1950) den Musiksalon. Das Projekt geht davon aus, dass mit den beiden ausgewählten Räumen zwei geradezu prototypische Räume des musikbezogenen Kulturtransfers für die jeweils betrachtete Zeit im Fokus stehen. Sowohl Musikalienhandel als auch Salongeselligkeiten gaben Impulse für die jeweilige städtische Musikkultur und waren zentrale Anlaufstellen für ankommende Musikerinnen und Musiker. In ihnen wurden informell musikbezogenes Wissen und konkrete Artefakte (Noten, Instrumente u.a.) ausgetauscht sowie Netzwerke geknüpft. Zugleich schließen beide Themenschwerpunkte empfindliche Lücken in der Musikgeschichtsschreibung: Obwohl der Musikalienhandel als eine der wichtigsten Voraussetzung für den Aufbau des Musiklebens in den USA gelten kann, wurde er bislang nicht als Ort des Kulturtransfers betrachtet, noch war trotz reger Forschung zur europäischen Salonkultur der nordamerikanische Musiksalon bislang Gegenstand einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung.
Aus der Gegenwartsperspektive einer globalisierten Welt erscheint es selbstverständlich, dass kultureller, auch musikkultureller Austausch permanent rund um den Erdball stattfindet. So gehen wir heute etwa von einer globalen Musikindustrie und einem weitverzweigten Netz an Musikstilen und von Musikschaffenden aus. Doch auch wenn man die Gegenwart verlässt und mit dieser globalen Perspektive bis in die Zeit um 1800 zurückblickt, lässt sich feststellen, dass das Musikleben stärker über die Kontinente hinweg vernetzt war, als bisher von der Musikgeschichtsschreibung berücksichtigt wurde. Das Projekt hatte es sich zur Aufgabe gemacht, im speziellen die frühen musikbezogenen Transferprozesse zwischen Europa und den USA zu beforschen. Dass diesen bisher wenig Beachtung geschenkt wurde, ist u.a. dem Umstand geschuldet, dass die Musikgeschichtsschreibung lange dazu tendierte das institutionelle Musikleben in den Fokus zu rücken. Im Gegensatz zu Europa waren in den USA zu dieser Zeit jedoch feste musikbezogene Institutionen (Konservatorien, Konzert-, Opernhäuser u.a.) erst partiell etabliert. Folglich musste an anderen Räumen des musikkulturellen Austauschs angesetzt werden. Die Wahl fiel dabei auf Musikalienhandlungen und Musiksalons, beides Räume, in denen der Austausch von Musik, zugleich die Bildung von professionellen Netzwerken besonders gut möglich war. Das Projekt konnte auf diese Weise zeigen, dass es in den USA insbesondere derartige vorinstitutionelle Räume waren, die zur Etablierung von verschiedenen Formen der Musikkultur wesentlich beigetragen haben. Dabei kamen Objekte und Praktiken in den Blick, die aus Europa in die USA gebracht und dort an die Bedingungen des kulturellen Lebens und die gesellschaftlichen Strukturen angepasst und verändert wurden. Folgende wesentliche Erkenntnisse konnten gewonnen werden: (1) der Musikalienhandel in den USA war besonders stark von konkreten Transferbewegungen geprägt, nicht nur was den Austausch von Waren anbelangte, sondern ebenso den Transfer von musikbezogenem Wissen betreffend. So reisten amerikanische Musikalienhändler nicht nur nach Europa, um Noten und Instrumente einzukaufen, sondern auch um sich Expertisen im Umgang mit diesen Gütern anzueignen. (2) Es lässt sich zeigen und inwiefern musikbezogene Praktiken (z.B. Notendruck, Hausmusik oder Kanonisierungsprozesse) übernommen bzw. adaptiert wurden und (3) wird erkennbar, dass Musikalienhändler als Cultural Broker zwischen den professionellen Musikschaffenden im transatlantischen Raum vermittelten. Das zweite Teilprojekt zur Salon-Kultur konnte insbesondere nachweisen, dass (1) auch in den amerikanischen Südstaaten eine rege Salon-Kultur zu beobachten ist (ein Phänomen, das auch in der us-amerikanischen Forschung bislang weithin unbeachtet geblieben war). (2) Wurde erkennbar, dass gerade für die bürgerliche Gesellschaft (Praktiken im "parlor") die Orientierung an europäischen Benimmbüchern relevant war, die in Europa allerdings stark vom Adel geprägt war, und (3) dass sich der Salon im 20. Jahrhundert insbesondere als Erinnerungsort für Exil-Biographien eignete.
- Susanne Rode-Breymann, Hochschule für Musik und Theater Hannover - Deutschland
Research Output
- 8 Publikationen
- 3 Künstlerischer Output
- 8 Disseminationen
- 2 Wissenschaftliche Auszeichnungen
- 2 Weitere Förderungen
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2021
Titel "Sundays at Salka's" - Salka Viertel's Los Angeles Salon as a Space of (Music-)Cultural Translation Typ Journal Article Autor Bebermeier Journal Musicologia Austriaca: Journal for Austrian Music Studies Link Publikation -
2021
Titel Zwischen Kommerzialität und Kunstideal: einem New Yorker Kompositionswettbewerb zur Mitte des 19. Jahrhunderts auf der Spur Typ Journal Article Autor Kreutzfeldt Journal Die Tonkunst Seiten 261-272 -
2020
Titel Musical Crossroads. Europäisch-amerikanischer Kulturaustausch in der Musikalienhandlung von Nathan Richardson (1827-1859) und im Musiksalon von Clara Kathleen Rogers (1844-1931) in Boston; In: Klingende Innenräume: Gender Perspektiven auf eine ästhetische und soziale Praxis im Privaten Typ Book Chapter Autor Bebermeier Verlag Königshausen & Winter Seiten 219-232 -
2020
Titel The Arensberg Salon in Visual Representation. Chez Arensberg by Andre Raffray and the Historiography of Dada Typ Journal Article Autor Bebermeier Journal Music in Art Seiten 193-200 -
2019
Titel Die Musikalienhandlung als Raum des transatlantischen Austauschs. Nathan Richardson (1827-1859) und der Musical Exchange in Boston Typ Journal Article Autor Kreutzfeldt Journal Die Tonkunst Seiten 442-450 -
2021
Titel Paarkonstruktionen, Familienkonstellationen und Netzwerke um Salka und Berthold Viertel DOI 10.7788/9783412519506.251 Typ Book Chapter Autor Bebermeier C Verlag Brill Deutschland Seiten 251-274 -
2019
Titel Transkulturelle Mehrfachzugehörigkeit als kulturhistorisches Phänomen. Räume - Materialitäten - Erinnerung Typ Book Autor Unseld editors Freist, Dagmar, Kyora, Sabine, Unseld, Melanie Verlag transcript -
0
Titel Musikgeschichte Klassik Typ Book Verlag Barenreiter-Verlag Karl Votterle
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2022
Titel Exhibition Typ Artistic/Creative Exhibition -
2022
Titel Salon-Performance 2 Typ Performance (Music, Dance, Drama, etc) -
2020
Titel Salon-Performance 1 Typ Performance (Music, Dance, Drama, etc)
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2022
Titel Salon-Performance 2 Typ Participation in an activity, workshop or similar -
2020
Titel Presentations Typ Participation in an open day or visit at my research institution -
2020
Titel Salon-Performance Typ Participation in an activity, workshop or similar -
2022
Titel Exhibition Typ Participation in an activity, workshop or similar -
2019
Titel Workshop Typ A formal working group, expert panel or dialogue -
2022
Titel Conferenc Typ Participation in an activity, workshop or similar -
2022
Titel Lecture series Typ A talk or presentation -
2023
Titel Print Media Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview
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2021
Titel Society of Global Nineteenth Century Studies (SGNCS) Typ Awarded honorary membership, or a fellowship, of a learned society Bekanntheitsgrad Continental/International -
2020
Titel Member of the comission "North Atlantic Triangle" (ÖAW) Typ Awarded honorary membership, or a fellowship, of a learned society Bekanntheitsgrad National (any country)
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2022
Titel Zukunftsfond Typ Research grant (including intramural programme) Förderbeginn 2022 Geldgeber BMF Österreich -
2022
Titel Genderplattform Typ Research grant (including intramural programme) Förderbeginn 2022