Neue soziale Repräsentationen politischer Ordnung um 1800
Changing Social Representations of Political Order c. 1800
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (10%); Geschichte, Archäologie (70%); Politikwissenschaften (10%); Psychologie (10%)
Keywords
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Digital Humanities,
Political order,
Social representations,
Enlightenment and French revolutionary wars,
Maria Carolina of Naples-Sicily (1752-1814),
Holy Roman Empire and Italian territories
Im Zentrum des Forschungsvorhabens stehen die Edition und Analyse eines Teils der Korrespondenz von Maria Carolina, Königin von Neapel-Sizilien (17521814). Sie war als Tochter von Maria Theresia und Kaiser Franz I. Stephan am Wiener Hof aufgewachsen, 1768 mit Ferdinand IV., König von Neapel- Sizilien, verheiratet worden und brachte sich in der Folge umfassend in die politischen Überlegungs- und Entscheidungsprozesse ein. Mit ihrer dichten Korrespondenz mit Familienangehörigen, Regie- renden und Diplomaten band sie sich in ein umfassendes Kommunikationsnetz ein, über das sie die politischen Entwicklungen in Neapel-Sizilien, Österreich und ganz Europa mit Befürchtungen, Rat- schlägen und Wünschen kommentierte und zu steuern versuchte. Dabei werden Bewältigungsstrate- gien, Werthaltungen und Vorstellungen von idealem Regieren sichtbar. Die lange Dauer ihrer Korres- pondenz über mehr als 30 Jahre macht es möglich, Kontinuitäten und Veränderungen dieser Wert- haltungen und Vorstellungen in ihrem jeweiligen Kontext nachzuvollziehen und zu erfassen. Woran hielt sie vielleicht gerade angesichts der politischen Umbrüche fest? In welchen Bereichen lassen sich veränderte Zugänge erkennen? Was geschah mit den begeisterten Ideen der Aufklärung unter dem Eindruck des Tagesgeschehens der Kriege? Wurden diese tatsächlich so einfach als zu gefähr- lich abgehakt, wie ein erster Blick in verschiedene Territorien vermuten ließe? Maria Carolina soll daher in diesem Projekt über ihre Korrespondenz als pars pro toto für die Regierungshandelnden in dieser Umbruchzeit untersucht werden. Aus der Fülle ihrer Korrespondenz werden für dieses Projekt die Briefwechsel mit ihrem Bruder Kaiser Leopold II. (17781792), ihrer Tochter Marie Therese (17901807) und Kaiser Franz II./I. (17901814) herausgegriffen. Dabei handelt es sich insgesamt um 967 Briefe (651 aus Maria Carolinas Feder, 157 von Leopold, 35 von Franz und 124 von Marie There- se). Diese Auswahl begründet sich darin, dass die Schreibenden hier deutlicher und offener als in der Korrespondenz mit anderen Personen ihre Befürchtungen, Vorstellungen und Ziele zum Ausdruck brachten. Zugleich richtet sich in diesen Briefen der vergleichende Blick immer auch auf verschiedene Territorien im Reich und auf der italienischen Halbinsel. Die Briefe werden von der Projektleiterin und den beiden vorgesehenen MitarbeiterInnen in einem ersten Schritt als kritische Online-Edition mit open access aufbereitet und anschließend in einem zweiten Schritt auf sich verändernde und gleichbleibende Vorstellungen politischer Ordnung analysiert. Der inhaltliche Zugriff stützt sich auf das Konzept der Sozialen Repräsentationen von Serge Moscovici. Er versteht darunter die geteilten Vorstellungen einer sozialen Gruppe, die im Verlauf der Zeit Veränderungen unterliegen und über den Sprachgebrauch untersucht werden können. Mit diesem Fokus steht das Projekt daher auch im Kontext der Forschung zur Politischen Kommunikation. Handlungsleitend für die Untersuchung sind vor allem vier Bereiche die Beurteilung der Personennetzwerke, der Regierungsstrukturen der Ter- ritorien und des übergeordneten Zusammenhangs in Europa sowie die Auswirkungen auf das Zere- moniell und die Gestaltung von Portraits.
Mittel- und Ausgangspunkt des Projekts war die reichhaltige Korrespondenz der Habsburgerin Maria Carolina von Neapel-Sizilien (1752-1814). Zwei Ziele wurden im Projekt verfolgt. Zum einen wurde die Korrespondenz mit ihrem Bruder Leopold, Großherzogs der Toskana und ab 1790 Regent der österreichischen Länder und Kaiser des Heiligen Römischen Reichs aus den Jahren 1778 bis 1792, als Webedition aufbereitet. Zur Bearbeitung wurde die Software MAXQDA gewählt, was die Indizierung der Inhalte nach Kategorien wie dynastische Konzepte, Regentschaft und Verwaltungspraxis, diplomatische Beziehungen, Familie, Erziehung, Aktivitäten, Körper und Emotionsausdruck, Personen, Naturphänomene, Tiere, Orte, Zeitbezüge, religiose Praktiken und Kirche, soziale Gruppen und die Metaebene der Korrespondenz mit einer Reihe von Untercodes erlaubte. Diese stellen somit eine ausgezeichnete Ausgangsgrundlage für Forschungen in viele verschiedene Richtungen dar. Darüber hinaus stand die Analyse dieser Briefe im Fokus - in Hinblick auf sich verändernde soziale Repräsentationen politischer Ordnung, aber auch auf diesen Zugriff erweiternde Aspekte, die sich mittels der Korrespondenz erschließen ließen - etwa die Frage nach dem Spannungsfeld zwischen regionalen und globalen Forschungsansätzen, die Konstruktion von Räumen durch die Sinne und die Erforschung von Zeitstrukturen. Die Bedeutung dieser Briefe liegt darin, dass es sich bei den Autoren um zwei zentrale Monarch*innen handelt, die Ideen der Aufklärung in ihr Regierungshandeln in ihren Ländern umzusetzen gewillt waren. Indem Leopold als älterer Bruder und Ratgeber für Maria Carolina fungierte, wurden in den Briefen viele Bereiche politischen Handelns diskutiert. Das reichte von der Kommunikation mit Diplomaten, der Re-Organisation der Marine und anderer Behörden, über Armenversorgung, Erziehungsfragen bis hin zu Heiratsnetzwerken. Beide stehen als pars pro toto für jene Monarchen, die konfrontiert mit den Ereignissen der Französischen Revolution ihre Reformbestrebungen neu zu überdenken und zu diskutieren angehalten waren. Hinzu kam in diesem Fall erschwerend, dass ihre eigene Schwester als Königin von Frankreich unmittelbar von den Geschehnissen der Revolution betroffen war. Den Briefen lässt sich daher auch die Haltung der Geschwister zum Handeln von Marie Antoinette und Louis XVI. entnehmen sowie die Überlegungen, was die Geschehnisse für das eigene Land und die eigene Bevölkerung bedeuteten. Durch die Herkunft von Leopold und Maria Carolina aus Wien und dem Haus Habsburg lassen sich über ihre Korrespondenz auch die Verflechtungen der Länder der italienischen Halbinsel mit den habsburgischen Ländern und mit dem Heiligen Römischen Reich sehr gut greifen. Beide waren mit ihrem Bruder Joseph II., dem Regenten der österreichischen Länder und Kaiser des Heiligen Römischen Reichs in enger Verbindung, worüber sie sich auch in ihren Briefen austauschten. Über die Heirat der Geschwister mit Kindern des spanischen Königshauses standen sie zudem nicht nur mit der spanischen Monarchie in enger Beziehung, sondern hatten in das Haus Bourbon eingeheiratet und begaben sich damit in ein weiteres Spannungsfeld.
- Universität Innsbruck - 100%
- Matthias Schnettger, Johannes Gutenberg Universität Mainz - Deutschland
- Barbara Stollberg-Rilinger, Sonstige - Deutschland
- Marco Bellabarba, Universita degli studi di Trento - Italien
- Marco Meriggi, Università degli Studi di Napoli Federico II - Italien
- Mirella Mafrici, Università degli Studi di Salerno - Italien
Research Output
- 5 Publikationen
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2019
Titel Le riflessioni di Maria Carolina sulle riforme nel Regno di Napoli e Sicilia (1781–1785) DOI 10.1553/rhm60s219 Typ Journal Article Autor Merola G Journal Römische Historische Mitteilungen Seiten 219-240 -
2022
Titel Sensory Experiences and the Construction of Space in the Early Reign of Queen Maria Carolina of Naples-Sicily DOI 10.25365/oezg-2022-33-1-3 Typ Other Autor Singerton J Link Publikation -
2021
Titel Encountering the Fields of Fire. Neapolitan Networks from Bohemia to Pennsylvania and the Transformation of Regional Study into Global Science Typ Journal Article Autor Singerton J Journal Geschichte und Region/Storia e regione Seiten 87-120 Link Publikation -
2020
Titel Eine Habsburgerin kämpft gegen Napoleon Typ Other Autor Forster E Link Publikation -
2022
Titel Sensory Experiences and the Construction of Space in the Early Reign of Queen Maria Carolina of Naples-Sicily Typ Journal Article Autor Singerton J Journal Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften Seiten 35-54 Link Publikation