(Be)Werten, Sein und Wissen in der Forschungspraxis
Entanglements of Valuing, Being and Knowing in Research
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Sozialwissenschaften (100%)
Keywords
-
Responsible Research And Innovation,
Valuation,
Subjectivities,
Knowledge Production,
Research Practice,
Science And Technology Studies
Maximilian Fochler1,2, Lisa Sigl1 1 Research Platform Responsible Research and Innovation in Academic Practice, University of Vienna 2 Department of Science and Technology Studies, University of Vienna Ist die Art und Weise wie Forscher*innen bewertet werden, und wie sie selbst ihre Arbeit bewerten, mit der Frage verknüpft, welche Art von Forscher*in sie sein wollen? Instinktiv werden die meisten Forscher*innen dies bejahen. Dennoch wissen wir bisher wenig darüber, wie (Be)Werten, Sein und Wissen in der Forschungspraxis verknüpft sind oder darüber, welche Handlungsmacht Forscher*innen haben diese Verknüpfung zu verändern. Wie Debatten in Wissenschaft und Politik rund um verschiedene Formen der Bewertung von Wissenschaft zeigen, sind diese Fragen von derzeit hoher Relevanz. In den Lebenswissenschaften, aber auch in vielen anderen wissenschaftlichen Feldern, stellen Forscher*innen immer öfter die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Praxis, möglichst viele Publikationen zu produzieren, um sich bestmöglich für die nächste Evaluierung oder Bewerbung zu qualifizieren. Sie hinterfragen, inwiefern sie damit die Art von Wissen erzeugen, die sie anstreben. Sie befürchten, dies könne sie davon abhalten, jene Werte zu verfolgen, die ihnen in der Forschung wichtig sind. Dies kann dazu führen, dass sie ihre Identität als Forscher*innen in Frage stellen, aber sie auch dazu bringen, sich Zeit für eine Neu-Orientierung ihrer Arbeit zu nehmen. Institutionelle Prozesse zur Dokumentation, Bewertung, Verbesserung und Produktivitätssteigerung von Forschung formen und begrenzen den Raum, in dem Forscher*innen diese Orientierungsarbeit leisten können. Viele argumentieren sogar, dass die Art und Weise der Evaluation von Forscher*innen oft dazu führt, dass sie ihre Verantwortung gegenüber der Gesellschaft nicht in vollem Umfang wahrnehmen können. Responsible Research and Evaluation (RRI) tritt als neue Politikinitiative an, dies zu verändern und Fragen der Verantwortung in der Praxis und Ausbildung von Forscher*innen zu verankern. Wie dies gelingen kann bleibt aber eine weitgehend offene Frage. Unser Projekt wird untersuchen, wie Praxen der Wertgebung in der Forschung und Prozesse der Identitätsbildung in der Praxis von Forscher*innen in den Lebenswissenschaften verknüpft sind. Wir werden zwei Forschungsgruppen aus den Lebenswissenschaften für über zwei Jahre mit Methoden der qualitativen Sozialforschung begleiten, um zu reflektieren, was sie zu wissen anstreben, was sie in der Forschung wertschätzen, und wie sie ihre Identität als Forscher*innen wahrnehmen. Wir werden uns auch damit auseinandersetzen, inwieweit sie gesellschaftliche Werte in ihrer Forschung verwirklichen wollen und können. Unser Projekt hat auch zum Ziel, zur Diskussion von Fragen beizutragen, die im Moment für Forschenden und Stakeholder in der Forschung von dringender Relevanz sind: Wie kann man etwa Verfahren zur Bewertung der Qualität wissenschaftlicher Forschung entwickeln ohne damit deren kreatives Potential zu beschneiden? Wie kann Forschung in einer Art und Weise organisiert werden die es den Forscher*innen erlaubt, auch gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen? Diese Fragen wollen wir auf Basis der Resultate unseres Projekts auch mit Forscher*innen und Stakeholdern diskutieren.
Das Projekt trug dazu bei besser zu verstehen, wie eine stärkere Orientierung an gesellschaftlicher und ökologischer Relevanz in der Wissenschaft möglich ist. Ob dies gelingen kann, hängt auch mit strukturellen Bedingungen des aktuellen Wissenschaftssystems zusammen: Wie wird Forschung gefördert? Was wird wertgeschätzt? Haben Wissenschafter*innen überhaupt Raum und Zeit zu reflektieren, was ihre Forschung in größeren Kontexten bewirken kann und soll? Im Rahmen des Projekts arbeiteten Sozialwissenschaftler*innen aus der Wissenschafts- und Technikforschung mit drei Gruppen aus den Boden- und Nutzpflanzenwissenschaften zusammen. Diese Wissenschaften sind besonders interessant, weil dort erstens durch die Klimakrise der Problemdruck immer höher wird, und zweitens bereits interessante Zwischenwege zwischen exzellenter Grundlagenforschung und angewandter Forschung existieren. In einer engen Zusammenarbeit erforschten die Sozialwissenschaftler*innen die Wissensproduktion der Kooperationspartner und ihre Rahmenbedingungen. Weiters wurden jeweils die weitere wissenschaftliche Disziplin und ihre Entwicklung auch im internationalen Umfeld untersucht. Dafür führte das Projektteam im internationalen Feld Interviews über Videotelefonie, und analysierten Fachliteratur, um zu verstehen wie sich Debatten und zentrale Argumente über einen längeren Zeitraum hinweg veränderten. Dadurch konnte sowohl beleuchtet werden wie Entscheidungen in Forschungsgruppen getroffen werden als auch wie sich Disziplinen über einen längeren Zeitraum verändern. Damit trägt das Projekt dazu bei, zu verstehen, was verschiedene Hebel für Veränderungen sein können, und wie ein neues Umfeld und neue Bedingungen für relevante Forschung geschaffen werden können. Die Ergebnisse des Projekts weisen auf drei zentrale Hebel zur Stärkung von gesellschaftlicher Relevanz in der Wissenschaft hin. Der erste der drei Hebel, die zu einer stärkeren Orientierung des Wissenschaftssystems an gesellschaftlicher Relevanz beitragen können, ist die Ausbildung der nächsten Generation der Wissenschafter*innen. Das kann etwa durch Lehrveranstaltungen, in denen soziale Aspekte und soziale Relevanz von Forschung zum Thema gemacht wird, geschehen. Zweitens weisen die Ergebnisse des Projekts auf die Verantwortung der wissenschaftlichen Communities selbst hin, laufend darüber nachzudenken, welche inhaltliche Orientierung in ihrem Feld zu mehr Relevanz beitragen könnte. Das Projekt zeigt, wie wissenschaftliches Felder darüber reflektieren können, ob es angesichts aktueller Herausforderungen notwendig ist, neue Richtungen einzuschlagen. Hier können beispielsweise Überblicksartikel, die sagen, welches Wissen aktuell für bestimmte Problemstellungen gebraucht wird, zu sehr mächtigen Anschlusspunkten werden. Als dritten Hebel, um gesellschaftliche Relevanz zu stärken, identifiziert das Projekt die Bedingungen für Forschung an Universitäten. Das Projekt zeigt hier, dass es wichtig wäre, vermehrt Evaluationsmechanismen zu implementieren, die weniger auf die Quantität und mehr auf die Qualität von erbrachter Forschung, auch in Bezug auf ihre gesellschaftliche Relevanz, achten. Ein weiterer Faktor ist Zeit: Wenn die Forschenden ständig überarbeitet sind und gar keine Zeit haben, darüber nachzudenken, wie ihre Forschung an aktuelle gesellschaftliche Problematiken anknüpfen könnte, werden sie sich auch nicht dementsprechend umorientieren. Hier geht auch darum, Möglichkeitsbedingungen für Veränderung zu schaffen.
- Universität Wien - 100%
Research Output
- 62 Zitationen
- 6 Publikationen
- 2 Policies
- 4 Disseminationen
-
2025
Titel Orientation work: caring for the relevance of research to social-environmental problems DOI 10.1080/09505431.2025.2531747 Typ Journal Article Autor Falkenberg R Journal Science as Culture Seiten 548-571 Link Publikation -
2021
Titel Re-invent Yourself! How Demands for Innovativeness Reshape Epistemic Practices DOI 10.1007/s11024-021-09447-4 Typ Journal Article Autor Falkenberg R Journal Minerva Seiten 423-444 Link Publikation -
2023
Titel From ‘making lists’ to conducting ‘well-rounded’ studies: Epistemic re-orientations in soil microbial ecology DOI 10.1177/03063127231179700 Typ Journal Article Autor Falkenberg R Journal Social Studies of Science Seiten 78-104 Link Publikation -
2023
Titel Changing articulations of relevance in soil science Diversity and (potential) synergy of epistemic commitments in a scientific discipline DOI 10.1016/j.shpsa.2022.12.004 Typ Journal Article Autor Sigl L Journal Studies in History and Philosophy of Science Seiten 79-90 Link Publikation -
2022
Titel Innovation in Technology Instead of Thinking? Assetization and Its Epistemic Consequences in Academia DOI 10.1177/01622439221140003 Typ Journal Article Autor Falkenberg R Journal Science, Technology, & Human Values Seiten 105-130 Link Publikation -
2022
Titel The breakthrough paradox DOI 10.15252/embr.202254772 Typ Journal Article Autor Falkenberg R Journal The EMBO Reports Link Publikation
-
2021
Link
Titel Wissen messen? - Über Ursprünge, Ziele und (un)intendierte Effekte eines eigentlich unmöglichen Vorhabens Typ A talk or presentation Link Link -
2022
Link
Titel Blog Collaboratively Exploring Notions of Innovativeness in Research Practices Typ Engagement focused website, blog or social media channel Link Link -
2022
Titel Workshop Institutional Support of Inter- (and Trans)disciplinary Research Typ Participation in an activity, workshop or similar -
2023
Link
Titel Blog Gesellschaftliche Relevanz der Wissenschaft stärken Typ Engagement focused website, blog or social media channel Link Link