Heinrich Schenker, Tagebücher 1915–19: kommentierte Edition
Heinrich Schenker’s Diaries 1915–1919: An Annotated Edition
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (10%); Kunstwissenschaften (70%); Soziologie (10%); Sprach- und Literaturwissenschaften (10%)
Keywords
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World War I,
Vienna's Musical Life,
Jewish Identity,
Viennese Artistic Network,
Music Theory
Heinrich Schenker (18681935)zählt zu deneinflussreichsten Musiktheoretikern des 20. Jahrhunderts. Viele seiner jüdischen Schüler emigrierten in die USA und verpflanzten Schenkers Theorie von der Struktur tonaler Musik sehr erfolgreich in die akademische Welt, während Schenker selbst in Wien als Autor und Privatlehrer ohne akademische Position gewirkt hatte. Seine zwischen 1896 und seinem Tod entstandenen Tagebücher geben nicht nur in seine persönlichen Lebensumstände Einblick, sondern auch in die Entwicklung seiner Theorie, in das Netzwerk seiner verzweigten beruflichen Kontakte und in das kulturelle Leben Wiens, an dem Schenker intensiv teilhatte. Nachdem die Tagebücher der Jahre 19121914 und 19181935 in drei vorausgehenden Forschungsprojekten aufbereitet und auf der Website Schenker Documents Online kostenlos zugänglich gemacht wurden, soll nun darauf aufbauend eine kommentierte Edition von Schenkers Tagebüchern 19151917 und seinem politischen Nachkriegstagebuch 1918/19 erarbeitet werden. Zusammen mit einer englischen Übersetzung werden die Texte kontinuierlich online publiziert. Die Zeit des Ersten Weltkriegs und das erste Nachkriegsjahr erscheinen in verschiedenen Zusammenhängen aufschlussreich. 1916 publizierte Schenker bei der Universal Edition die Erläuterungsausgabe von Beethovens Klaviersonate in C-Moll, Op. 111. Die Tagebücher versprechen wesentliche Einsichten in die Entstehungsgeschichte dieser Ausgabe. Zudem beinhalten sie Schenkers Kommentare zu kulturellen und politischen Ereignissen dieser Jahre und lassen so die Entwicklung von Schenkers ästhetischen und ideologischen Standpunkten nachzeichnen. Nach dem Ersten Weltkrieg zeigte Schenker eine starke Bereitschaft zur öffentlichen weltanschaulichen Positionierung. Er reagierte damit offensichtlich auf die politische Neuorientierung Österreichs nach dem Zusammenbruch der Habsburger Monarchie, auf die umstrittenen Folgen der Friedensverträge von Versailles und St. Germain und auf die Zunahme des Antisemitismus durch den massiven Zuzug jüdischer Flüchtlinge aus dem Osten der Habsburgermonarchie. Das Projekt verspricht neben der Musikwissenschaft auch anderen historischen Disziplinen verwertbares Material und Anknüpfungspunkte. Schenkers Tagebücher bieten sozial- und zeitgeschichtliche Einblicke in die Lebensverhältnisse während des Ersten Weltkriegs und erlauben eine kultursoziologische Analyse jener Netzwerke des kulturellen Lebens, an denen Schenker teilhatte. Sie eröffnen eine interessante Facette jüdischen Selbstverständnisses in der Kriegszeit und im ersten Nachkriegsjahr und bieten derart reichlich Material für Studien im Bereich der Judaistik, der Kulturwissenschaften, der Mentalitätsgeschichte und der Identitätsforschung. Das Gesamtprojekt der digitalen Schenker-Dokumentation, zu der Tagebücher, Korrespondenz, Unterrichtsbücher und unpublizierte Werke gehören, kann als solches beispielhaft wirken. Durch eine dichte Verknüpfung erhellen sich die Quellen gewissermaßen gegenseitig.
Heinrich Schenkers zwischen 1896 und seinem Tod 1935 entstandene Tagebücher geben uns nicht nur wertvolle Einblicke in seine privaten Lebensumstände, sondern auch in die Chronologie seiner Arbeiten, das Netz seiner professionellen Kontakte und in das kulturelle Leben Wiens. Das Projekt ist Teil einer groß angelegten Online-Dokumentation (SDO - Schenker Documents Online, www.schenkerdocumentsonline.org), die neben den Tagebüchern auch die Korrespondenz und seine umfangreichen Aufzeichnungen zum Unterricht umfasst. Das zentrale Ziel des Projekts bestand in einer kommentierten Edition von Schenkers Tagebüchern 1915-1917 und seines politischen Nachkriegstagebuchs 1918/19, zusammen mit einer englischen Übersetzung. Mit der Durchführung dieser Aufgabe sind nun Schenkers Tagebücher vollständig von 1896 bis 1935 auf SDO veröffentlicht. Der handschriftliche Text von über 1200 Seiten wurde transkribiert und kontextualisiert. Weitere über 1150 Profile von Personen, Orten, Institutionen, Schriften Schenkers, Zeitschriften und Zeitungen, die in den Tagebüchern angeführt werden, wurden erstellt. Diese Daten ergeben zusammen eine Art Schenker-Lexikon, das im Internet frei zugänglich ist. Die Jahre 1915-1919 sind in vielerlei Hinsicht interessant. 1916 veröffentlichte Schenker die Erläuterungsausgabe von op. 111, den dritten Band seiner Reihe Die letzten fünf Sonaten von Beethoven. Die Tagebücher dokumentieren die Entstehung dieser Edition und erweisen sich als aufschlussreiche Parallelquelle zur Korrespondenz zwischen Schenker und seinem Verlag, der Universal Edition. Zudem geben sie Aufschluss über Schenkers in Arbeit befindliche Werke, wie den zweiten Halbband des Kontrapunkt (1922) und die "Kleine Bibliothek", ein Projekt, das nach dem Krieg in abgewandelter Form als Periodikum unter dem Titel Der Tonwille (1921-1924) erschien. Überdies enthalten die Tagebücher Kommentare von Schenker zu künstlerischen und politischen Ereignissen und lassen so die Entwicklung seiner ästhetischen und politischen Ansichten erkennen. Historische Ereignisse wie der Erste Weltkrieg, der Zusammenbruch der Deutschen und Österreich-Ungarischen Monarchie und die Pariser Friedenskonferenz beeinflussten stark sein politisches Denken und hinterließen deutliche Spuren in seinen Tagebüchern. Angesichts dieser Ereignisse und ihrer sozialen und wirtschaftlichen Folgen verfestigte sich sein deutscher Nationalismus zunehmend. Viele biografische Details in den Tagebüchern bieten neue und nähere Informationen zu seinen Freunden, Schülern und seiner Familie. Schenkers Korrespondenz spielt in den Tagebüchern eine große Rolle. Sorgfältig vermerkte er alle Briefe und Karten, die er schrieb und erhielt, oft mit kurzen Zusammenfassungen und Kommentaren. Da die Korrespondenz nicht vollständig erhalten ist, haben diese Berichte besonderen Wert. Schließlich lassen die Tagebücher das kulturelle Beziehungsnetz überblicken, dessen integraler Teil Schenker war, und geben Aufschluss darüber, inwieweit dieses Netzwerk jüdisch geprägt war. Wie viele in seinem Umfeld war Schenker ein assimilierter Jude. Obwohl er seine jüdische Identität vor vielen Menschen verbarg, dachte er nie daran, zum Christentum zu konvertieren.
- Paul Caton, King´s College London - Vereinigtes Königreich
- Ian Bent, University of Cambridge - Vereinigtes Königreich
- Andrea Reiter, University of Southampton - Vereinigtes Königreich
- Kirstie Hewlett, University of Southampton - Vereinigtes Königreich
- William Drabkin, University of Southampton - Vereinigtes Königreich
Research Output
- 6 Publikationen
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2020
Titel Heinrich Schenker im Perspektivenwechsel: Vom Musiktheoretiker zum Gegenstand historischer Forschung / Shifting Perspectives on Heinrich Schenker: From Music Theorist to a Subject of Historical Research Typ Journal Article Autor Deisinger M Journal mdw-Magazin Seiten 58-60 -
2020
Titel Fortschrittliche Technologie im Dienste eines Antimodernisten. Heinrich Schenker und der österreichische Rundfunk DOI 10.25366/2020.52 Typ Conference Proceeding Abstract Autor Deisinger M Seiten 84-93 Link Publikation -
2022
Titel "Was ich, das Archiv, hier wiedergebe, das allein ist die wahre Kunst." Das Wiener Photogrammarchiv: Eine Musiksammlung als Bollwerk gegen die Moderne Typ Conference Proceeding Abstract Autor Deisinger M Konferenz Berichte aus dem ICTM-Nationalkomitee Deutschland 2015 und 2017 : Bd. XXII: Sammeln, Bewahren, Nutzen; Musiktraditionen und ihre inventiven Chancen und Bd. XXIII: Musizierpraktiken und ihre Freiheitsgrade -- im Spannungsfeld von kompositorischer Fixierung bis zu spontaner Improvisation Seiten 13-20 Link Publikation -
2022
Titel Annotated edition with English translation of Heinrich Schenker's diaries 1915-1917 Typ Other Autor Deisinger M Link Publikation -
2019
Titel Ein Interpret zweier Lehren. Paul von Klenau, Heinrich Schenker und die Wiener Schule Typ Journal Article Autor Deisinger M Journal Journal of the Arnold Schönberg Center Seiten 89-98 -
2021
Titel »Schließlich waren alle Genies der Kunst immerhin doch Männer …«: Zum Geniebegriff bei Heinrich Schenker DOI 10.31751/1104 Typ Journal Article Autor Deisinger M Journal Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheorie [Journal of the German-speaking Society of Music Seiten 9-33 Link Publikation