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Waldnutzung im frühneuzeitlichen Tirol

Forest Use and Management in Early Modern Tyrol

Georg Neuhauser (ORCID: 0000-0002-5676-5593)
  • Grant-DOI 10.55776/P31751
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 30.09.2019
  • Projektende 29.01.2024
  • Bewilligungssumme 290.120 €

Wissenschaftsdisziplinen

Geschichte, Archäologie (10%); Land- und Forstwirtschaft, Fischerei (20%); Umweltingenieurwesen, Angewandte Geowissenschaften (50%); Wirtschaftswissenschaften (20%)

Keywords

    Enviromental history, Natural Resources, Forestry, Early Modern Period, History Of Mining

Abstract Endbericht

Seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts haben sich für den Alttiroler Raum zahlreiche Waldbeschreibungen erhalten, die recht präzise den Zustand der Wälder festhalten und Schätzungen über den derzeitigen und künftigen Ertrag bieten. Informationen über verschiedene Baumarten und deren Eigenheiten sind genauso enthalten wie Vorschläge zur nachhaltigen Nutzung der Wälder. Der im Vergleich zu Berichten in anderen Territorien größere Detailreichtum erklärt sich aus der Notwendigkeit, für den Betrieb der finanziell lukrativen, aber Unmengen von Holz verschlingenden Saline in Hall i. Tirol und der Erzbergwerke und Schmelzhütten in Schwaz, Kitzbühel, Klausen, Gossensaß, Ahrntal, usw. Vorsorge zu treffen. Die seit dem späten Mittelalter einsetzende Blüte des Tiroler Bergbaus veranlasste zum einen die Landesfürsten schon früh dazu, mittels zahlreicher Ordnungen und eines umfangreichen Beamtenapparats steuernd die Waldnutzung zu kontrollieren und nachhaltige Waldschutzmaßnahmen zu erlassen, zum anderen waren die Wälder und der Baumbestand jedoch massiven Eingriffen ausgesetzt, deren Auswirkungen bis in die Gegenwart hineinreichen. In Zeiten des Hochbetriebes am Beginn des 16. Jahrhunderts war man auf Grund des Holzmangels sogar bereit Baumstämme aus dem Engadin in der Schweiz auf einer Strecke von 220 Kilometer bis nach Brixlegg im Tiroler Unterinntal mit Hilfe des Inns zu flößen, um das wertvolle Holz den Schmelzöfen zuführen zu können. Die Quellenrecherchen sollen sich vor allem auf die Holzversorgung der Bergreviere im heutigen Süd- und Nordtirol und des Salinenbetriebs in Hall in Tirol konzentrieren. Anhand der zahlreichen Waldbeschreibungen und anderer Quellen, die bislang nur zum geringen Teil untersucht sind, beabsichtigt das Projekt, Aussagen zur Waldbewirtschaftung und Waldentwicklung in Verbindung mit Bergbau, zwischen 1450 und 1750 zu gewinnen. Insbesondere interessieren der Strukturwandel des Waldes, der Zusammenhang zwischen Waldnutzung und Naturkatastrophen, die räumliche Dimension der Holzversorgung und Fragen der Wahrnehmung und Nachhaltigkeit. Die Projektleitung übernimmt Mag.Mag.Dr. Georg Neuhauser vomInstitut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie der Universität Innsbruck, der sich in seinen Forschungen bereits umfassend mit der Bergbaugeschichte an der Wende zwischen dem Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit auseinandergesetzt hat. In seinem vor kurzem abgeschlossenen Forschungsprojekt zusammen mit MMag. Bettina Anzinger, die im geplanten Projekt als Projektmitarbeiterin vorgesehen ist, zum Bergrevier Klausen in Südtirol (gefördert durch den Wissenschaftsfonds der autonomen Provinz Bozen-Südtirol) spielt die Nutzung der Ressource Wald eine tragende Rolle. Univ. Prof. Dr. Patrick Kupper, der den Innsbrucker Fachbereich Wirtschafts- und Sozialgeschichte leitet, wird als Kooperationspartner unter anderem seine Expertise in der Umweltgeschichte ins Projekt einbringen.

Die Wirtschaftsgeschichte der vorindustriellen Zeit ist vor allem auch eine Geschichte der Georessource Holz. Ob als Wärme- und Energielieferant, als Bauholz oder Ausgangsmaterial von Werkzeugen und Arbeitsgerätschaften - Holz war in allen Lebensbereichen ein unabdingbarer Rohstoff. Nicht umsonst spricht die Wissenschaft vor allem für das Mittelalter vom "hölzernen Zeitalter" bzw. von der "Zeit des Holzes", wobei dieses Zitat für den alpinen Raum mit Sicherheit auch noch bis ins 19. bzw. 20. Jahrhundert Gültigkeit besitzt. Bereits im frühen Mittelalter kristallisierten sich eigene Formen und Begrifflichkeiten für Waldeigentum heraus, um die Nutzung von bewaldeten Flächen zu reglementieren. Die karolingischen Könige hatten durchgesetzt, dass alle herrenlose Waldgebiete Reichsgut seien und in den Urkunden als "forestis" bezeichnet wurden. Auf diesen Flächen verfügte allein der König oder die von ihm belehnten Untertanen über Zugriffsrechte. Daneben hatten auch Bischöfe und Klöster Waldbesitzungen oder spezielle Holznutzungsprivilegien. Diesen Herrschaftswäldern standen die gewohnheitsrechtlichen Flurordnungen der Dorfgemeinschaften, die sogenannte Allmende, gegenüber. Darunter verstand man die gemeinschaftlichen Weide- und Waldflächen der Kommunen, die zur Deckung des Holzbedarfs, aber auch zur Laub- und Streuentnahme, zur Harzgewinnung, als Waldweidegebiete und zum Sammeln von Honig, Früchten und Kräutern dienten. Um eine faire Nutzung dieser Flächen durch die Dorfgemeinschaft zu gewährleisten, nahm man bereits im Hoch- und Spätmittelalter eigene Waldnutzungsbestimmungen in die Dorfordnungen (Weistümer) auf. Durch den ansteigenden Brennstoffbedarf der Salz- und Erzbergwerke ab dem 13. Jahrhunderts avancierten die Tiroler Wälder mit ihren Holzbeständen folglich zu einer stark umkämpften Ressource und deren Nutzung wurde mehr und mehr zu einem Politikum. Die Landesfürsten reservierten immer größere Waldflächen für bergbauliche Belange, denn es "werde ee [eher] Manngl an Holz als an Perkhwerch erschein[en]". Im Interesse der kurzfristigen Gewinnmaximierung der herrschenden Elite erlangte die Versorgung dieser Betriebe mit der Ressource Holz folglich oberste Priorität. Obgleich, wie im Zuge des Projekts herausgearbeitet werden konnte, die waldbezogenen Gesetze der damaligen Zeit vereinzelt auch von einem Verständnis der Schutzfunktionen des Waldes (vor Lawinen und Muren) zeugen und auch naturschutzrelevante Maßnahmen gesetzt wurden, waren es insgesamt betrachtet somit dennoch Fragen des Besitzes, der Verteilung und Ausbeutung von Ressourcen, die den Wald als Rechtsraum in Mittelalter und früher Neuzeit nachhaltig formten und prägten. Diese intensive Ausbeutung der Wälder hat bis in die heutige Zeit ihre Spuren in unserem Landschaftsbild und im Aufbau der Waldgebiete hinterlassen.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Innsbruck - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Lars Bluma, Deutsches Bergbaumuseum Bochum - Deutschland
  • Andreas Rainer, Südtiroler Bergbaumuseum - Italien
  • Matthias Bürgi, Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft - Schweiz

Research Output

  • 11 Publikationen
  • 2 Disseminationen
  • 1 Wissenschaftliche Auszeichnungen
Publikationen
  • 2023
    Titel Migrationsbewegungen von Tiroler Erzknappen vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert
    Typ Journal Article
    Autor Georg Neuhauser
    Journal Der Anschnitt, Zeitschrift für Montangeschichte
    Seiten 176 - 189
    Link Publikation
  • 2023
    Titel Vom Erz zum Metall -Eisen aus Tirol und der Steiermark für die Waffenproduktion Maximilians I.; In: Maximilian I. - Festkultur am Innsbrucker Hof. Jagd, Mummereien und Turniere als "gar lustig Kurzweil"
    Typ Book Chapter
    Autor Georg Neuhauser
    Seiten 53 - 59
    Link Publikation
  • 2024
    Titel "Holzwerch in den wälden unnd auf den pächen gebraucht". Zur Geschichte der Tiroler Holztrift mit besonderer Berücksichtigung des Brandenbergertales im Unterinntal.; In: Rohstoffe - Menschen - Wissen: Einblicke in die Ressourcengeschichte des historischen Tirols. (= Innsbrucker Historische Studien, 35)
    Typ Book Chapter
    Autor Georg Neuhauser
    Verlag Innsbruck University Press
    Seiten 83 - 99
    Link Publikation
  • 2024
    Titel Rohstoffe - Menschen - Wissen: Einblicke in die Ressourcengeschichte des historischen Tirols. (= Innsbrucker Historische Studien, 35)
    Typ Book
    Autor Elena Taddei
    Verlag Innsbruck University Press
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Die Trift aus dem Brandenbergtal und die Bedeutung der Georessource Holz für die landesfürstliche Schmelzhütte Brixlegg (Tiroler Unterinntal) im 16. Jahrhundert
    Typ Journal Article
    Autor Georg Neuhauser
    Journal Der Anschnitt, Zeitschrift für Montangeschichte
    Seiten 250 - 268
    Link Publikation
  • 2020
    Titel Maximilian I. und der Mythos des "Ersten Kanoniers". Von den Anfängen des Geschützwesens in Tirol bis zum Jahr 1490; In: Bergbau und Maximilian I. 18. Internationaler Montanhistorischer Kongress 2019, Schwaz, Hall in Tirol, Sterzing
    Typ Book Chapter
    Autor Georg Neuhauser
    Seiten 229 - 274
  • 2020
    Titel "käs, schmalz und andere speis". Probleme in der Lebens- und Betriebsmittelversorgung von ostalpinen Bergbaurevieren in der Frühen Neuzeit am Beispiel des Berggerichts Montafon und der Montanmetropole Schwaz; In: Wirtschaften in den Bergen. Von Bergleuten, Hirten, Bauern, Künstlern, Händlern und Unternehmern
    Typ Book Chapter
    Autor Georg Neuhauser
    Verlag Böhlau
    Seiten 305 - 319
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Das Bergwerk zu Schwaz - Haubt unnd Muetter aller anndern Perkhwerch
    Typ Journal Article
    Autor Georg Neuhauser
    Journal Tiroler Heimatblätter
    Seiten 27 - 33
  • 2022
    Titel "On holz mag nit perckhwerch sein" - ein Überblick über die spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Bergreviere Tirols mit einem Exkurs zur Waldnutzung; In: 250 Jahre Eisenhüttenindustrie in Reschitza. Studien zur Industriegeschichte des Banater Berglands. Band 2. Cluj-Napoca: Rumänische Akademie, Zentrum für Siebenbürgische Studien
    Typ Book Chapter
    Autor Tobias Pamer
    Seiten 231 - 292
  • 2022
    Titel Bergbau in Tirol. Von der Urgeschichte bis in die Gegenwart. Nord- und Osttirol, Südtirol, Trentino.
    Typ Book
    Autor Georg Neuhauser
    Verlag Tyrolia Verlag
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Von Grenzziehungen und Marmor. Die Geschichte der Pletzachbergstürze bei Kramsach im Unterinntal, Tirol.
    Typ Book
    Autor Georg Neuhauser
    Verlag Berenkamp Verlag
    Link Publikation
Disseminationen
  • 2023 Link
    Titel Neuhauser, Georg: Die Versorgung der Haller Saline mit der Georessource Holz im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit. Österreichische Forsttagung: Waldwirtschaft - quo vadis? Zwischen gesellschaftlichen Ansprüchen und wirtschaftlichen Möglichkeiten
    Typ A talk or presentation
    Link Link
  • 2023
    Titel Georg Neuhauser: Teacher training in cooperation with the University of Teacher Education Tyrol
    Typ Participation in an activity, workshop or similar
Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 2020
    Titel Eduard-Wallnöfer-Preis: Anerkennungspreis 2020 für "Waldmanagement und Holzwirtschaft in Alttirol unter dem Aspekt umwelttechnischer und (vor)industrieller Nutzung. Ein historischer Vergleich zur Gegenwart" (2020)
    Typ Research prize
    Bekanntheitsgrad Regional (any country)

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