Frühe venezianische Oper und die Literatur der "Incogniti"
Early Venetian Opera and "Incogniti" Literature
Wissenschaftsdisziplinen
Kunstwissenschaften (70%); Sprach- und Literaturwissenschaften (30%)
Keywords
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Venice,
Opera,
Theatre,
Literature,
Libretti
Das vorliegende Forschungsprojekt zielt darauf ab, die Zusammenhänge zwischen den venezianischen kommerziellen Opern der ersten Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts und der freigeistigen Literatur von Mitgliedern der Accademia degli Incogniti, einer der bedeutendsten italienischen Literaturakademien dieser Zeit, zu erforschen. Die Verbindung zwischen einigen der prominentesten Incogniti und den ersten Opern ist offensichtlich, wenn man bedenkt, dass eine Reihe von ihnen (Gian Francesco Busenello, Giacomo Badoer, Giulio Strozzi usw.) sogar Opernlibretti schrieben. Auch eines der einflussreichsten, wenn auch kurzlebigen Operntheater des 17. Jahrhunderts, das Teatro Novissimo (1641-5), wurde von Incogniti Mitgliedern gegründet und verwaltet. Der Schwerpunkt der literarischen Tätigkeit von Incogniti-Autoren lag allerdings auf Erzählungen und Novellen, Discorsi Accademici (Akademischen Reden) und vor allem auf Romanen. In der Tat wurden niemals so viele Romane in Italien veröffentlicht wie zwischen ca. 1630 und 1661, jenen drei Jahrzehnten, in denen sich die Accademici regelmäßig trafen, und es ist kein Zufall, dass viele von diesen Romanen von Incogniti selbst verfasst wurden. Der freidenkerische Inhalt dieser literarischen Produktion, die mit dem Geist des zeitgenössischen französischen Libertinismus viel gemeinsam hat, erwuchs aus der skeptischen Haltung gegenüber den gesellschaftlich akzeptierten Dogmen und der praktizierten Religion und basiert auf dem sinnlichen Ansatz zur Lebenserfahrung, dem moralischen Relativismus und dem Misstrauen gegenüber der institutionalisierten Macht und deren Protagonisten. Dieselben Themen kommen in den ersten venezianischen Opernlibretti vor, welche darüber hinaus auch andere Konventionen mit Romanen und Novellen teilen. Dazu zählt die Neigung zu verwickelten Handlungen, mit zwei oder drei sich trennenden und dann sich wieder vereinenden Liebespaaren, sowie zahlreiche Gender-Ambiguitäten. Auch wenn einige wichtige Studien zum Einfluss der Accademia degli Incogniti auf die Produktion der venezianischen Oper als Gattung bereits vorliegen, so wurde die Frage der Beziehung zwischen der literarischen Produktion der Accademici und Opernlibretti bisher kaum behandelt. Dabei liegt in der systematischen Suche von thematischen, strukturellen, rhetorischen und weiteren differenzierteren Verbindungen zwischen frühen venezianischen Opernlibretti und zeitgenössischer Literatur von Incogniti Autoren ein großes Potential zum besseren Verständnis beider Gattungen. Die chronologischen Grenzen dieses Projektes bilden die Aufführung der ersten kommerziellen Oper, Andromeda von Ferrari/Manelli (1637), und das Jahr, in dem die Accademici Incogniti letztmalig zusammentrafen (1661). Entscheidend für diese Jahrzehnte ist das Werk von Francesco Cavalli (1602-76), dem Komponisten von dem die Musik der meisten frühen Opern aus diesem Zeitraum überliefert ist. Er war es auch, der nach Monteverdi den feinsten rhetorischen Nuancen des Textes die größte kompositorische Aufmerksamkeit schenkte und darin bis Ende des Jahrhunderts unübertroffen blieb.
Das frühe 17. Jahrhundert zeichnet sich als eine Zeit großer künstlerischer und wissenschaftlicher Umwälzungen aus. Italien, insbesondere, erlebt in den frühen Jahrzehnten des Jahrhunderts an mehreren Fronten wichtige Entwicklungen: Naturwissenschaften (Galilei), darstellenden Künsten (Caravaggio, Bernini...), Musik (Monteverdi), Literatur (Marino; die ersten Romanautoren), Musiktheater. Letzterem, besonders nach der Eröffnung in Venedig der ersten Opernhäuser für ein zahlendes Publikum, wird ein langes Leben beschieden sein und das europäische Musikleben in den folgenden Jahrhunderten bis in die Gegenwart hinein nachhaltig beeinflussen. Die neue Gattung Oper besteht aber als Zusammenschluss zwischen Musik und einer anderen ihrerseits neuen Gattung: Dem Opernlibretto, welches in Venedig über die ersten florentinischen, mantuanischen und römischen Experimenten hinaus aus den Reflexionen von im freidenkenden "Accademia degli Incogniti" agierenden Literaten entsteht. Tatsächlich sind alle ersten Opernlibretti von "Incogniti", welche übrigens ihre Libretto-Produktion nur als Nebenbeschäftigung betrachten. So ist Giovan Francesco Busenello, der Librettist von "L'incoronazione di Poppea" (1643) und anderer musikdramatischen sowie reiner dichterischen Werke, hauptberuflich ein Anwalt, während Giulio Strozzi, der u.a. das Libretto für "La finta pazza" (1641), eine der erfolgreichsten venezianischen Opern der ersten Jahre, beisteuert, ein erfolgreicher dramatischer Autor und Dichter ist, der in der Vergangenheit mit Monteverdi zusammengearbeitet hat; und Giovanni Faustini, der erste erfolgreiche 'berufliche' Librettist, hatte ursprünglich, wie Busenello, eine Ausbildung als Anwalt genossen. Doch das Libretto ist tief in der venezianischen und italienischen literarischen Kultur jener Jahrzehnte verwurzelt und, genauer unter die Lupe genommen, weist viele Parallele und Überschneidungen mit anderen literarischen Gattungen auf. Obwohl es mittlerweile nicht wenige Studien gibt, die sich mit der einen (Libretto) oder der anderen Gattung (Roman, Novelle, Theaterspiel) auseinandersetzen, viele weniger sind jene, die ihre Aufmerksamkeit auf das Libretto in seinem Zusammenhang und gegenseitiger Befruchtung mit anderen literarischen Gattungen richten. Und genau diese Lücke hat das Projekt mit der Veröffentlichung von Studien zu füllen versucht, die sich eingehend mit dem thematischen, strukturellen und narratologischen Zusammenspiel der Libretti mit ihrer literarischen zeitgenössischen Umgebung befassen. Die Bezüge sind freilich nicht immer offensichtlich und eindeutig, sondern eher subtil und nur nach einer gründlichen Analyse zu erfassen: Sie verdeutlicht zu haben war aber ein großer Gewinn, nicht zuletzt, auch weil es die Transdisziplinarität des Musiktheaters noch besser hervorgehoben hat. Neben den schon veröffentlichten Studien ist gerade eine Monographie in Vorbereitung, die sich noch tiefer mit diesem Thema beschäftigt, insbesondere in Bezug auf das Werk von Giulio Strozzi, Maiolino Bisaccioni und Pietro Paolo Bissari, drei frühe, noch nicht so gut bekannte Librettisten, die eine prägende Rolle in der Gestaltung des Opernlibrettos und der ersten öffentlichen musiktheatralischen Werke gespielt haben.
- Jean-Francois Lattarico, Université Jean Moulin Lyon3 - Frankreich
- Davide Conrieri, Scuola Normale Superiore, Pisa - Italien
- Clizia Carminati, Universita degli Studi di Bergamo - Italien
- Lorenzo Bianconi, University of Bologna - Italien
- Wendy Heller, Princeton University - Vereinigte Staaten von Amerika
Research Output
- 1 Zitationen
- 4 Publikationen
- 1 Datasets & Models
- 1 Weitere Förderungen
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2024
Titel Il natal di Amore by Giulio Strozzi: interactions and echoes with the early modern literary and operatic world and Monteverdi DOI 10.1080/0268117x.2024.2399614 Typ Journal Article Autor Bosi C Journal The Seventeenth Century -
2023
Titel Opere veneziane per scene non veneziane: tra censura e assimilazione; In: Kreativität im Schnittpunkt der Observanzen/Creatività e osservanza - Italienische Literatur um 1600 zwischen Gegenreformation und Regelpoetik/Letteratura italiana del Seicento tra Controriforma e normatività poetica DOI 10.1515/9783111167169-011 Typ Book Chapter Verlag De Gruyter -
2023
Titel Giulio Strozzi (1583-1652): drammaturgo, poeta, librettista e... libertino Typ Journal Article Autor Bosi C. Journal Lettere Italiane Seiten 10-26
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2019
Titel Early Venetian Opera and "Incogniti" Literature Typ Research grant (including intramural programme) Förderbeginn 2019 Geldgeber Austrian Science Fund (FWF)