Biblische Hermeneutik und Exegese im Spätmittelalter
Biblical Hermeneutics and Exegesis in the Late Middle Ages
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (30%); Philosophie, Ethik, Religion (70%)
Keywords
-
Medieval History,
Henry of Langenstein,
University of Vienna,
Medieval Exegesis,
Medieval Theology
Die Geschichte des theologischen Unterrichts an der Universität Wien begann im Jahr 1384. Damals berief Herzog Albrecht III. den berühmten Pariser Professor Heinrich von Langenstein nach Wien und trug ihm die Errichtung einer theologischen Fakultät an der 20 Jahre zuvor gegründeten Universität auf. Langenstein schrieb nicht nur die Statuten und organisierte den theologischen Studienbetrieb, sondern begründete mit seinem anspruchsvollen Unterricht auch den guten Ruf der Wiener Universitätstheologie. Theologie unterrichten im Mittelalter war gleichbedeutend mit Auslegung der Bibel. Eine Besonderheit des theologischen Unterrichts im spätmittelalterlichen Wien waren umfangreiche, ja monumentale Kommentare zu Büchern der Bibel. Langenstein machte den Anfang. Er legte über Jahre hinweg, von 1385 bis zu seinem Tod 1397, das Buch Genesis aus, schaffte in dieser Zeit aber nur die ersten drei Kapitel, die von der Erschaffung der Welt und des Menschen bis zum Sündenfall erzählen. Bei seinem Tod war der Kommentar auf ein mehrbändiges Werk angewachsen, worin sich der Langenstein zu zahlreichen theologischen, philosophischen und naturwissenschaftlichen Themen äußert. Bevor er aber dem eigentlichen Kommentar des ersten Buchs der Bibel begann, hielte er eine ganzjährige Vorlesung (vermutlich im akademischen Jahr 1385/86), die die Grundlagen der Bibelauslegung thematisierte. Diese Einleitungsschrift (Introductio in sacram scripturam) ist dem Genesiskommentar als umfangreicher Prolog vorangestellt. Weder der Genesiskommentar Langensteins noch seine Einführung in die Hl. Schrift wurden jemals gedruckt. Die hohe Anzahl von Handschriften, die diese Texte enthalten an die hundert zeugen davon, dass der Text im Mittelalter intensiv gelesen wurde und einen starken Einfluss auf andere Theologen in Wien und darüber hinaus ausübte. Das Forschungsprojekt will die lange Abhandlung Langensteins zur Schriftauslegung kritisch edieren und die darin behandelten Themen zu Schrift, Schriftauslegung, Bibeltext, und Bibelübersetzungen untersuchen und würdigen. Da die Introductio eine der längsten Abhandlungen zur Bibelauslegung darstellt, die im Spätmittelalter verfasst wurden, lässt das Projekt wichtige Erkenntnisse zu dem Wissensstand und den Entwicklungen der spätmittelalterlichen Bibelexegese erwarten, die bis heute unter dem negativen Urteil von Humanismus und Reformation zu leiden hat. Daneben wird das Projekt die gesamte Überlieferung des Genesiskommentars Langensteins sammeln. Eine Untersuchung aller bekannten Handschriften wird nicht nur Kriterien für den ältesten und besten Text der Introductio liefern, sondern auch verlässliches Datenmaterial zur Verfügung stellen, um die Reichweite und den Einfluss dieses eindrucksvollen Werks einschätzen zu können. Durch das Handschriftenstudium werden auch Rückschlüsse auf den Vorlesungsbetrieb an der jungen Universität Wien am Ende des 14. Jahrhunderts möglich sein.
Das Projekt widmete sich der Erforschung des monumentalen Genesiskommentars Heinrich von Langensteins, einer Gründungsfigur der Wiener Universität im Mittelalter. Dieses nach wie vor ungedruckte Kommentar gilt als das Hauptwerk Langensteins und einer der wichtigsten Texte der alten Wiener Universität. Zunächst wurden sämtliche Handschriften (weit über 100), die den Text überliefern, gesammelt. Es zeigte sich, dass das Werk aus sieben Teilen besteht, von denen jeder jeweils einen Band umfasst. Anhand der erhaltenen Autographe konnte die Abfassungszeit präzisiert werden: Langenstein arbeitete von 1385 bis 1392 an dem Werk; es bildete den Gegenstand seiner Hauptvorlesung in diesen sieben Jahren. Der Kommentar umfasst nur die ersten drei Kapitel der Genesis (Gen 1,1 - 3,19). Die zentralen Themen darin (Erschaffung der Welt; Erschaffung der Menschen; Sündenfall und Verdammnis des Menschen), erläuterte Langenstein ausführlich und mit zahlreichen Exkursen. Im ersten Jahr seiner Lehrtätigkeit, und damit noch vor der Auslegung von Gen 1, hielt Langenstein eine einjährige Vorlesung über die beiden "Vorworte" zur Bibel. Es handelt sich um zwei Texte des Hieronymus, die der mittelalterlichen Bibel als "Einleitung" vorangestellt wurden. Hieronymus erläuterte darin exegetische Fragen, Probleme der Übersetzung, des Urtextes und des biblischen Kanons. Diese "Introductio in sacram scripturam" bzw. "Lectio super prologos" bildet somit den ersten Teil des Genesiskommentars. Im Rahmen des Projekts wurde Langensteins "Einleitungsvorlesung" erstmals vollständig transkribiert und für eine kritische Edition aufbereitet. Für die Edition wurden auf der Grundlage von 44 Handschriften ein sog. "Stemma codicum" erstellt, das die Textüberlieferung nachzeichnet und das Verhältnis der Textzeugen zueinander verdeutlicht. Für die Ersellung des kritischen Texts wurden drei repräsentative Handschirften ausgewählt. Im Zuge der Edition konnte auch eine wichtige Quelle Langensteins entdeckt werden, die er selbst verschwieg, nämlich der Kommentar des Wilhelm Brito ( 1338) über die Hieronymus-Vorworte. Über Brito hinaus griff Langenstein in dieser "Lectura super prologos" neben den bereits erwähnten Beobachtungen zur Schriftauslegung auch viele grundsätzliche Fragen zum Studium und zum Wesen der der Theologie auf. Mit dem Projekt wurde somit ein wichtiger Baustein für die weitere Erforschung des Genesiskommentars Langensteins gelegt und ein neuer bedeutender Text zur theologischen Pädagogik des Spätmittelalters zur Verfügung gestellt.
- Universität Wien - 100%
- Monica Brinzei, Centre national de la recherche scientifique - Frankreich
- Gilbert Dahan, Centre national de la recherche scientifique (CNRS) - Frankreich
- Alexandre Andrée, University of Toronto - Kanada
- Christopher David Schabel, University of Cyprus - Zypern
Research Output
- 4 Publikationen
- 5 Datasets & Models
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2020
Titel Quid es homo? Kontinuität und Diskontinuität in der christlichen Anthropologie des Mittelalters Typ Journal Article Autor Fostyak Journal Archa Verbi Seiten 163-179 -
2021
Titel Zum Aufbau und zur Textüberlieferung des Genesiskommentars Heinrich von Langensteins Typ Journal Article Autor Fostyak K Journal Codices manuscripti & impressi Seiten 1-31 Link Publikation -
2021
Titel Zum Aufbau und zur Textüberlieferung des Genesiskommentars Heinrich Langensteins ( 1397). Ein Werkstattbericht Typ Journal Article Autor Christina Traxler Journal Codices Manuscripti & Impressi. Zeitschrift für Buchgeschichte Seiten 1-31 -
2021
Titel An den Anfängen der Wiener Universitätstheologie. Heinrich von Langenstein und sein Genesiskommentar (1385-1392) Typ Journal Article Autor Khrystyna Fostyak Journal Österreich in Geschichte und Literatur Seiten 501-503
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2022
Link
Titel Die Lectura super prologos bibliae des Heinrich von Langenstein - Handschriftenzensus Typ Database/Collection of data Öffentlich zugänglich Link Link -
2022
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Titel Henricus de Hassia, Lectura super prologos bibliae: Transkription Typ Database/Collection of data Öffentlich zugänglich Link Link -
2022
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Titel Stemma codicum der Lectura super prologos bibliae mit einer Liste von allen in dem Stemma dargestellten Handschriften Typ Database/Collection of data Öffentlich zugänglich Link Link -
2022
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Titel Henricus de Hassia, Lectura super prologos bibliae: Vorläufige Edition mit quellen- und textkritischen Apparat Typ Data analysis technique Öffentlich zugänglich Link Link -
2020
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Titel Ausgewählte Gesamtausgaben des Genesiskommentars Heinrich von Langensteins († 1397). Aufbau und Gliederung des Textes anhand ausführlicher Incipit- und Explicit-Listen / Structural Blocks of the Text with a Listing of Incipits and Explicits Typ Database/Collection of data Öffentlich zugänglich Link Link