Kontopigado.Ein mykenisches Werkstattareal südlich von Athen
Kontopigado. A Mycenaean Industrial Area South of Athens
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Naturwissenschaften (15%); Geowissenschaften (5%); Geschichte, Archäologie (80%)
Keywords
-
Mycenaean Greece,
Late Bronze Age,
Attica,
Pottery,
Workshop Area,
Small Finds
Die mykenischen Werkstattinstallationen von Kontopigado/Alimos in Attika (Griechenland) stellen die größte derzeit bekannte Werkstattanlage der ägäischen Spätbronzezeit (ca. 1700 1100 v. u. Z.) dar. Beim Werkstattareal von Kontopigado könnte es sich um ein Beispiel eines regionalen Handwerkszentrums handeln. Somit bietet Kontopigado die einmalige Chance, Antworten auf grundlegende Fragen zur mykenischen Technologie und Produktion während der mykenischen Palastzeit des 14. bis 13. Jhs. v. u. Z. zu liefern. Bei den ausgegrabenen Strukturen handelt es sich um aus dem Fels gehauene Gruben, Brunnen und bis zu 64 m langen Kanälen, die entweder das gesamte Spektrum der vor Ort existierenden Werkstattanlagen repräsentieren, oder aber nur Teil der Infrastruktur von in unmittelbarer Nähe gelegenen Werkstätten waren. Die genaue Funktion der Anlage ist noch unbekannt, Wassernutzung und -regulierung dürften dabei aber eine Rolle gespielt haben. Aufgrund seiner Größe und spezifischen Merkmale steht das Werkstattareal von Kontopigado in der gesamten prähistorischen Ägäis einzig da. Untersucht werden sollen die freigelegten Architekturbefunde sowie die Keramik und Kleinfunde dieses außergewöhnlichen Werkstattareals. Hinzu kommt eine geophysikalische Prospektion benachbarter Grundstücke. Gewählt wurde ein interdisziplinärer Ansatzes, der verschiedene archäologische sowiearchäometrische Untersuchungen vereint. Die Kombination einer detaillierten Vermessung der freigelegten Strukturen mit der geophysikalischen Prospektion benachbarter Grundstücke soll die nötigen Daten zu Größe, Plan und konstruktiven Details der Anlage liefern. Typologische, technologische und archäometrische Keramikanalysen dienen einerseits zur Erstellung des Datierungsrahmens und andererseits zur Identifikation der ursprünglich am Ort durchgeführten Tätigkeiten. Weiteren Aufschluss hierzu versprechen archäometrische Analysen von Kleinfunden wie der Mahlsteine, die in beträchtlicher Zahl vorliegen. Mit den gewonnenen Daten können einerseits das Verhältnis des Werkstattareals zur benachbart ausgegrabenen Siedlung bestimmt und andererseits seine Rolle in der mykenischen Gesellschaft rekonstruiert werden. Das Projekt verspricht vertiefte Einblicke zu zahlreichen intensiv diskutierten Aspekten des mykenischen Griechenland insbesondere zur Zeit der Palastverwaltung (14001200 v. u. Z.), etwa zur Technologie, der Siedlungsorganisation und der Organisation der Produktion. Außerhalb der Paläste gelegene Werkstätten sind in den Schriftquellen gut belegt und dürften eine zentrale Rolle in der mykenischen Wirtschaft gespielt haben, doch sind derartige Werkstätten bis auf seltene Ausnahmen archäologisch praktisch nicht belegt. Kontopigado kann entscheidend dazu beitragen, diese Forschungslücke mittels wertvoller neuer Informationen zu schließen.
Die mykenische Werkstatt von Kontopigado/Alimos in Attika (Griechenland), 6 km SO der Athener Akropolis gelegen, ist die derzeit größte bekannte Produktionsstätte der bronzezeitlichen Ägäis. Die 2006-07 vom griechischen Antikendienst bei einer Rettungsgrabung freigelegte Werkstattanlage liegt 350 m südlich einer Siedlung. Die Werkstatt wurde gegen 1350/00 v.u.Z. gegründet, als die Siedlung bereits bestand. Beide wurden um 1200 v.u.Z. verlassen - zur selben Zeit, als die befestigte mykenische Siedlung auf der Akropolis zerstört wurde. Der ausgegrabene Teil der Werkstatt besteht auf einer Fläche von 2400 m2 aus langen aus dem Felsen gehauenen Kanälen und dazwischen positionierten Grubenreihen sowie einigen Brunnen. Eine im Rahmen des FWF-Projekts auf den Nachbargrundstücken des Grabungsareals durchgeführte geophysikalische Prospektionskampagne und eine sorgfältige Analyse aller Grabungsbefunde und der zugehörigen Funde ergab, dass das gesamte mykenische Werksattareal mindestens doppelt so groß war wie die ausgegrabene Fläche mit den Kanälen und Gruben. Wir wissen nun, dass im NO und SW zwei Areale mit parallel von NNO nach SSW verlaufenden Kanälen und dazwischen positionierten rechteckigen Gruben und Brunnen liegen, während die Installationen auf den Arealen im NW und SO nur aus Gruben und Brunnen bestehen. Andere Produktionsanlagen oder Gebäude konnten bei der Prospektionskampagne nicht nachgewiesen werden. Farbstoffe auf tierischer Basis wie etwa der aus Schnecken gewonnene Purpur scheinen in Kontopigado nicht produziert worden zu sein, aber Farbstoffe auf pflanzlicher Basis mögen hier eine Rolle gespielt haben. Einer anderen Hypothese nach könnten die Gruben als Flachsrösten gedient haben. Die Seltenheit von Tierknochen in den Grabungsbefunden und von tierischen Fettrückständen in den beprobten Keramikgefäßen legen nahe, dass die in der Werkstatt arbeitenden Bewohner/innen der Siedlung kaum Zugang zu Fleisch hatten. Die organischen Rückstände sprechen auch dafür, dass sie sich vor allem pflanzlich - etwa von Feigen, aber auch Gewürzen - ernährten; Wein wurde nur selten konsumiert. Mittels mikrobotanischer Analysen, die an den vielen im Werkstattareal gefundenen Reibsteinen durchgeführt wurden, wurde Weizen-/Gerstenmehlproduktion großen Umfangs nachgewiesen. Dieses Bild einer Arbeiter/inn/enbevölkerung in Kontopigado passt sehr gut zu dem, was wir aus den Schriftquellen der mykenischen Paläste zu den abhängig Beschäftigten erfahren: Die für die herrschende Klasse arbeitenden Menschen erhielten exakt definierte und aufgelistete Rationen aus Gerste/Weizen und Feigen. Fernab der Paläste angesiedelte Werkstätten sind gut aus den mykenischen Archiven bekannt und dürften von großer ökonomischer Bedeutung gewesen zu sein, waren aber archäologisch so gut wie unbekannt. Kontopigado ist ein einmaliges Beispiel für eine solche Werkstatt, deren Größe nur im pharaonischen Ägypten Parallelen findet. Der kombinierte archäologische und archäometrische Befund spricht dafür, Kontopigado als regionales, von der Palastverwaltung in Athen kontrolliertes Produktionszentrum zu interpretieren.
Research Output
- 6 Wissenschaftliche Auszeichnungen
-
2023
Titel Potting Communities during the Mycenaean Palatial Period, joint paper with Peter Day Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2023
Titel The Mycenaean Working Poor, evening lecture Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2022
Titel First Comes Food, then Comes Morality - Problems of Mycenaean Palatial Economy, invited lecture Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2022
Titel Argive style pottery as a benchmark? Distribution and consumption of painted styles deriving from the Argive workshops, conference paper Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2022
Titel Alles Argolis oder Was? Die mykenische Gesellschaft und ihre externen Beziehungen von der Palast- zur Nachpalastzeit, invited lecture Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2021
Titel Erst kommt das Fressen, dann die Moral - Probleme der mykenischen Wirtschaft, invited contriubtion to lecture series Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International