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Das Wiener Herodian-Palimpsest

The Vienna Herodian Palimpsest

Jana Grusková (ORCID: 0000-0002-2130-6776)
  • Grant-DOI 10.55776/P31939
  • Bewilligungs­summe Einzelprojekte
  • Status Beendet
  • Projekt­beginn 01.02.2019
  • Projektende 31.07.2025
  • Bewilligungs­summe 290.068 €

Wissenschaftsdisziplinen

Geschichte, Archäologie (10%); Sprach- und Literaturwissenschaften (90%)

Keywords

  • Classical Greek Philology,
  • Ancient Greek Literature,
  • Greek Palaeography,
  • Byzantine Philology,
  • Greek Grammar,
  • Greek Palimpsests
Abstract Zusammenfassung

Ailios Herodianos (2. Jh. n.Chr.) war einer der einflussreichsten Gelehrten der Antike. Sein Haupt- und Meisterwerk, die Allgemeine Akzentlehre, das er dem Kaiser Marcus Aurelius gewidmet hatte, war eine systematische Darstellung der Regeln der griechischen Prosodie und enthielt eine Fülle gelehrten Materials. Das Werk wurde daher in der Spätantike und in Byzanz häufig verwendet. Allerdings bereitete sein Umfang deutliche Überlieferungsprobleme, sodass es schließlich nur in kurzen Epitomen und zahlreichen späteren Zitaten erhalten geblieben ist. Die Entdeckung von zehn Blättern aus einer Handschrift des 10. Jahrhunderts durch Herbert Hunger einen der prägendsten österreichischen Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts in einem Palimpsest-Codex der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien vor 60 Jahren hat weltweit großes Interesse erweckt. Im ausgehenden 12. Jahrhundert wurde der Herodian-Text abgewaschen und abgeschabt, um das wertvolle Pergament für einen neuen Text, eine Lebensgeschickte des Kirchenvaters Johannes Chrysostomos, zu verwenden. Der neue Text wurde dabei mit dicker Feder und deutlicher schwarzer Tinte jeweils über die getilgten zarten Herodian-Zeilen geschrieben und hat sie damit weitgehend überdeckt. Mit Hilfe der in den 1960er Jahren zur Verfügung stehenden technischen Mittel (UV-Licht) gelang es Herbert Hunger, 15 bis 20% des Palimpsests zu entziffern. Erstaunlich war dabei die Menge und Vielfalt an Zitaten aus antiken Autoren (Epik, Lyrik, Drama, Philosophie, Historiographie, Philologie, u.a.) darunter viele aus sonst nicht erhaltenen Werken (!) , die Herodian aufführte, um die Verwendung der für einzelne Regeln genannten Wörter zu belegen. Mit Hilfe späterer Digitalisierungsversuche konnte in den letzten Jahren ein Team von drei Spezialisten, Klaus Alpers (Hamburg), Oliver Primavesi (München) und Jana Gruskov (Wien), bis 55% des getilgten Herodian- Textes entziffern. Das Projekt setzt sich zum Ziel, mit Hilfe der in den letzten Jahren rasant entwickelten allermodernsten technischen Methoden der digitalen Wiedergewinnung getilgter Texte das Wiener Herodian-Palimpsest möglichst vollständig zu entziffern, kritisch zu edieren, systematisch zu erschließen, zu übersetzen und mit einem ausführlichen Kommentar zu versehen, um diese einzigartige Quelle der weiteren Forschung wie auch allen interessierten Lesern zur Verfügung zu stellen. Das genannte wissenschaftliche Team wird die Ergebnisse in einer umfassenden Monographie präsentierten, die neben dem Text auch die Palimpsest-Aufnahmen (zugänglich ebenfalls online) enthalten wird. Besondere Aufmerksamkeit wird der Rekonstruktion und der Erschließung neuer Fragmente der antiken Literatur gewidmet werden, die in größerem Detail in einem weiteren Band präsentiert werden sollen. Das Projekt wird nicht nur unser Bild von Herodian neu definieren, sondern auch von zahlreichen anderen, sowohl antiken wie auch byzantinischen, Autoren und ihren Werken, deren viele verloren gegangen sind.

Das Projekt hat das Wiener Herodian-Palimpsest, eine der bedeutendsten Entdeckungen des antiken Kulturerbes im 20. Jahrhundert, bis zu 85 Prozent wiedergewonnen, entziffert und erschlossen. Mehr als 800 Zeilen des wichtigen, heute verlorenen antiken Werkes aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., die jahrhundertelang unter einer späteren Handschrift verborgen waren, wurden ans Licht gebracht und gründlich untersucht. Verfasst wurde das Werk von Aelius Herodianus, einem der einflussreichsten griechischen Sprachwissenschaftler der Antike. Es handelt sich um eine systematische Darstellung der Akzentuierung des Altgriechischen, in der Zitate aus antiken Autoren und Werken oft als Belegstellen angeführt wurden. Herodian widmete dieses Meisterwerk dem Römischen Kaiser Marcus Aurelius. Da es umfangreiches und vielfältiges Wissen enthielt, wurde es von spätantiken und byzantinischen Gelehrten häufig herangezogen und ist auch in den modernen Lexika des Altgriechischen an zahlreichen Stellen berücksichtigt worden. Erhalten sind zehn Pergamentblätter aus einer byzantinischen, im 10. Jahrhundert erstellen Kopie des Werkes, die aber im späten 12./frühen 13. Jahrhundert wiederverwendet wurden. Der Herodian-Text wurde gelöscht, gründlich abgewaschen und abgekratzt und das so zubereitete Pergament (im Mittelalter der übliche, doch kostspielige Beschreibstoff) wurde für einen neuen Text, eine Abschrift der Lebensgeschichte des Kirchenvaters Johannes Chrysostomos benutzt. Der neue Text wurde in großen Buchstaben und mit kräftiger schwarzer Tinte über die getilgten Herodian-Zeilen geschrieben, die er somit weitgehend überdeckt hat. Die Handschrift ist heute in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien aufbewahrt. Das internationale Projektteam von fünf führenden Altphilologen - Klaus Alpers (Hamburg), Jana Gruskov (Wien/Bratislava), Nigel Wilson (Oxford), Herbert Bannert (Wien) und Oliver Primavesi (München) - hat die Wiener Herodian-Fragmente mit Hilfe spezieller Aufnahmen Buchstabe für Buchstabe entziffert und den Text eingehend erschlossen. Zur Sichtbarmachung der getilgten und überdeckten Herodian-Schrift kamen im Projekt modernste, nicht-invasive Methoden der multispektralen Digitalisierung und Röntgenfluoreszenzanalyse (im Labor und am Synchrotron) wie auch spezieller Bildverarbeitung zum Einsatz, und dies in Kooperation mit Experten für digitale Wiedergewinnung getilgter Schriften aus dem technischen und naturwissenschaftlichen Bereich. Das Projektteam hat die entzifferten Textteile gründlich philologisch untersucht, ediert, übersetzt und interpretiert. Zahlreiche Fragmente antiker Literatur kamen ans Licht. Erstaunlich ist die Menge und Vielfalt an Autoren und Werken: Epos, Lyrik, Drama, Geographie, Geschichtsschreibung, Philosophie, Philologie usw. - viele davon neu! Besonderes Augenmerk lag auf der Rekonstruktion und Interpretation der neuen Fragmente antiker Literatur. Somit sind die Ergebnisse von vorzüglicher Bedeutung für viele Bereiche. Doch hat sich die in vieler Hinsicht wegweisende digitale Wiedergewinnung der sehr schwer beschädigten Handschrift als besonders kompliziert erwiesen, sodass neue Einsätze der fortgeschrittensten Methoden auf dem Gebiet notwendig sind, um die verbleibenden Lücken zu füllen. Das Wiener Herodian-Palimpsest wurde vor 65 Jahren von Herbert Hunger, einem renommierten österreichischen Gelehrten entdeckt. Mithilfe der in den 1960er Jahren verfügbaren technischen Mittel (Ultraviolettlicht) gelang es Hunger, etwa 15-20 Prozent des Textes wiederherzustellen.

Forschungsstätte(n)
  • Österreichische Akademie der Wissenschaften - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Oliver Primavesi, Ludwig Maximilians-Universität München - Deutschland
  • Klaus Alpers, Universität Hamburg - Deutschland

Research Output

  • 3 Zitationen
  • 5 Publikationen
  • 1 Policies
  • 1 Methoden & Materialien
  • 2 Disseminationen
  • 7 Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 4 Weitere Förderungen
Publikationen
  • 2023
    Titel Aus den Untersuchungen zum Wiener Palimpsest des Grammatikers Herodian I: Prolegomena
    Typ Journal Article
    Autor Alpers K.
    Journal Graecolatina et Orientalia
    Seiten 233-287
    Link Publikation
  • 2023
    Titel Aus den Untersuchungen zum Wiener Palimpsest des Grammatikers Herodian II: Hdn. Vind. fr. Ia (fol. 6r), Zeilen 1-13: De prosodia catholica, Buch 5, Nomina auf -
    Typ Journal Article
    Autor Alpers K.
    Journal Graecolatina et Orientalia
    Seiten 289-342
    Link Publikation
  • 2024
    Titel Aus den Untersuchungen zum Wiener Palimpsest des Grammatikers Herodian III: Hdn. Vind. fr. Ia (fol. 6r), Zeilen 13-45 + fr. Ib (fol. 6v), Zeilen 1-35: De prosodia catholica 5, Nomina auf -
    Typ Journal Article
    Autor Alpers K.
    Journal Graecolatina et Orientalia
    Seiten 75-278
    Link Publikation
  • 2023
    Titel New Light on Old Manuscripts
    DOI 10.1553/978oeaw91575
    Typ Book
    editors Rapp C, Rossetto G, Grusková J, Kessel G
    Verlag Osterreichische Akademie der Wissenschaften, Verlag
    Link Publikation
  • 2023
    Titel Neue paläographische Einblicke in einige palimpsestierte Handschriften aus den griechischen Beständen der Österreichischen Nationalbibliothek
    DOI 10.1553/978oeaw91575s317
    Typ Book Chapter
    Autor Grusková J
    Verlag Osterreichische Akademie der Wissenschaften, Verlag
    Seiten 317-341
    Link Publikation
Policies
  • 2022
    Titel Palimpseste: Wege und Methoden der Textausgrabungen
    Typ Influenced training of practitioners or researchers
Methoden & Materialien
  • 0
    Titel Recovering erased and overwritten historical scripts using synchrotron XRF fast element scanning at a beam line.
    Typ Improvements to research infrastructure
    Öffentlich zugänglich
Disseminationen
  • 2023 Link
    Titel Interview with Jana Grusková in the Article "Aus dem Unterbewusstsein der Archive" by Veronika Ellecosta in the "Wiener Zeitung", 05/05/2023
    Typ A magazine, newsletter or online publication
    Link Link
  • 2019 Link
    Titel The website of the Project
    Typ Engagement focused website, blog or social media channel
    Link Link
Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 2025
    Titel Personal invitation by the Organizational Committee of the 25th International Congress of Byzantine Studies, Vienna 2026, to present the research of this award (as well as the previous awards and her current award) in an exhibition "The Vienna Greek Palimpsests" during the Congress.
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2025
    Titel Doctor honoris causa of the Sorbonne Université, Paris
    Typ Honorary Degree
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2025
    Titel Giornata di studi in onore di Otto Kresten
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2023
    Titel Grand Commander of the Order of the Phoenix
    Typ National honour e.g. Order of Chivalry, OBE
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2024
    Titel Jana Grusková has been appointed one of the five editors of the series PALAMEDES (PALimpsestorum Aetatis Mediae EDitiones Et Studia) of the Vandenhoeck & Ruprecht Brill
    Typ Appointed as the editor/advisor to a journal or book series
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2023
    Titel President of the Slovak Society of Modern Greek Studies
    Typ Awarded honorary membership, or a fellowship, of a learned society
    Bekanntheitsgrad National (any country)
  • 2021
    Titel Member of the "Commission for the Research Professor (Res. Prof., DSc.) Degree in Classical Studies" of the Czech Academy of Sciences
    Typ Prestigious/honorary/advisory position to an external body
    Bekanntheitsgrad Continental/International
Weitere Förderungen
  • 2024
    Titel The Vienna Basilica Palimpsests
    Typ Research grant (including intramural programme)
    Förderbeginn 2024
    Geldgeber Austrian Science Fund (FWF)
  • 2023
    Titel Centre for the Study of Manuscript Cultures / Cluster of Excellence 'Understanding Written Artefacts' funded the work of the XRF experts and the use of the XRF scanner M6 JetStream for the imaging as well as the long period of the data evaluation.
    Typ Capital/infrastructure (including equipment)
    Förderbeginn 2023
    Geldgeber University of Hamburg
  • 2024
    Titel Centre for the Study of Manuscript Cultures / Cluster of Excellence 'Understanding Written Artefacts' Funded the work of the digital recovery experts S. Bosch, I. Shevchuk and K. Huskin during the Synchrotron imaging of the palimpsest.
    Typ Capital/infrastructure (including equipment)
    Förderbeginn 2024
    Geldgeber University of Hamburg
  • 2024
    Titel Project I-20230849 EC "Fast scanning X-ray Fluorescence mapping of the Herodian Palimpsest" (Project leader: Jana Grusková, Principal investigator: Leif Glaser)
    Typ Capital/infrastructure (including equipment)
    Förderbeginn 2024
    Geldgeber Deutsches Electronen-Synchrotron (DESY)

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