Neue Studien zu metallproduzierenden Gesellschaften
New insights in Bronze Age metal producing societies
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Naturwissenschaften (20%); Geschichte, Archäologie (80%)
Keywords
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Bronze Age,
Balkans,
Metal,
Society,
Exchange
Die Kontrolle über die natürlichen Ressourcen und ihre Verteilung wird im Allgemeinen als eine der treibenden Kräfte für gesellschaftlichen Entwicklungen und Interaktionen zwischen menschlichen Gruppen angesehen. Die Wichtigkeit von Metall für die Beschreibung dieser Phänomene findet z.B. ihren Ausdruck in der Tatsache, dass ganze Zeitperioden, wie etwa die Bronzezeit nach dem jeweils dominierenden Metall benannt wurden. Die Erforschung des Einflusses der Metallurgie auf die gesellschaftliche Entwicklung solcher Gemeinschaften wie auch ihre Interaktionen mit den umgebenden Regionen in Europa stehen im Mittelpunkt der Untersuchungen. Ziel des Forschungsprojektes ist es, verschiedene bronzezeitliche Gesellschaften auf dem Zentral- und Westbalkan im speziellen in Ostserbien mit seinen reichen Kupferlagerstätten zu untersuchen, die sowohl in die Produktion wie auch in den Handel von Kupfer und Bronze involviert waren. Einen weiteren Arbeitsschwerpunkt bildet der Vergleich mit der zentralbosnischen Region, da sich dortzwar vergleichbare landschaftlicheundnaturrräumlichenVoraussetzungen(reiche Kupferlagerstätten) vorfinden lassen, während sich die Entwicklung der sozialen Organisation deutlich von der ostserbischen Region unterscheidet. Die variierenden Siedlungsformen (umwallte Höhensiedlung unbefestigteFlachlandsiedlung) undBestattungssitten(Körperbestattung- Verbrennung) in diesen beiden Landschaften unterstreichen, dass sich diese zeitgleichen Gesellschaften, trotz der in beiden Regionen beobachtbaren signifikanten Zunahme an metallurgischen Aktivitäten, unterschiedlich entwickelten. Mittels des Einsatzes eines breiten Spektrums an interdisziplinären Methoden sollen zunächst die zugrunde liegenden metallurgischen Tätigkeiten untersucht werden. Die Analyse von Erzen, Schlacken, Kupferbarren und Fertigprodukten ermöglicht nicht nur eine umfangreiche Rekonstruktion derTechnologiekette,sondern auch eineumfassende Beschreibungder Handels- und Verteilungsnetzwerke, in die das produzierte Kupfer eingespeist wurde. Neben geophysikalischen und luftgestützten Untersuchungsmethoden zur Erfassung der Landschaft, der Siedlungsstrukturen und der metallurgischen Aktivitätszonenkommen vorallemarchäometrischenAnalysen wie 14 Röntgenfluoreszenzanalysen, Massenspektrometeranaysen, C Datierung, Archäobotanik und Archäozoologie zum Einsatz. Das Forschungsprojekt wird die Einbindung der westbalkanischen Gesellschaften in die überregionalen Kommunikationsnetzwerken zwischen Mitteleuropa und dem mediterranem Raum detailiert beleuchten, und ihre Rolle bei der Ausbreitung der Urnenfelderkultur während der Bronzezeit untersuchen. Der dabei verfolgte multidisziplinäre Ansatz wird nicht nur wesentlich zur Erforschung bronzezeitlicher Gesellschaften in Südosteuropa beitragen, sondern auch umfassende Erkenntnisse zum Verständnis der Wechselwirkungen zwischen Mensch und seiner Umwelt erbringen.
Die Kontrolle über natürliche Ressourcen und ihre Verteilung wird im Allgemeinen als eine der treibenden Kräfte für gesellschaftliche Entwicklungen und Interaktionen zwischen menschlichen Gruppen angesehen. Die Bedeutung von Metallen für die Beschreibung dieser Phänomene zeigt sich darin, dass ganze Zeitperioden, wie etwa die Bronzezeit, nach dem jeweils dominierenden Metall benannt wurden. In unserem Projekt haben wir verschiedene bronzezeitliche Gesellschaften auf dem Balkan untersucht, die sowohl in die Produktion als auch in den Handel von Kupfer und Bronze involviert waren. Durch archäologische Auswertungen und ein breites Spektrum interdisziplinärer Methoden (chemische Spurenelementanalysen, Isotopenuntersuchungen, Radiokarbondatierungen) ist es uns gelungen, Kupferaustauschnetzwerke zu rekonstruieren. Zunächst konnten wir endgültig nachweisen, dass es in Ostserbien bronzezeitliche Gesellschaften gab, die zwischen 2000 und 1600 v. Chr. Kupfer produzierten. Neben Siedlungen mit Spuren der Kupferverarbeitung (Schlacke) haben wir auch die zugehörigen Bestattungsplätze dieser kupferproduzierenden Gemeinschaften untersucht. Es handelt sich ausschließlich um Urnenfriedhöfe mit einer spezifischen Grabform (rundliche Steinkonstruktionen). Wie unsere Analysen gezeigt haben, wurden hier alle Altersgruppen auf dieselbe Weise bestattet, meist ohne Beigaben. Dies lässt darauf schließen, dass es sich um kommunale Bestattungsplätze handelt, die auf eine wenig stratifizierte Gesellschaft hinweisen. Trotz der Produktion des wertvollen Rohmaterials gibt es weder in den Siedlungen noch in den Gräberfeldern Hinweise auf eine gesellschaftliche Bereicherung. Während die ältere Forschung diese ostserbischen Kupferproduzenten und ihre Gräber deutlich jünger (1400-1100 v. Chr.) datierte, belegen unsere zahlreichen Radiokarbondaten, dass sie tatsächlich deutlich älter sind (2000-1600 v. Chr.). Wir konnten zudem nachweisen, dass die lokale Kupferproduktion ab 1600 v. Chr. in Ostserbien eingestellt wurde, obwohl die Lagerstätten bei weitem nicht erschöpft waren (das Kupfer wird bis heute in dieser Region abgebaut und produziert). Durch die Analyse hunderter bronzezeitlicher Funde (Schwerter, Beile, Sicheln, Messer, Nadeln, Armringe etc.) aus dem gesamten Balkanraum konnten wir schließlich belegen, dass ab 1600 v. Chr. die gesamte Region mit Kupfer aus dem Alpenraum (Norditalien, Österreich) beliefert wurde. Dieses Ergebnis unserer Analysen (isotopische Vergleiche zwischen den Fertigobjekten und Lagerstätten zur Bestimmung des verwendeten Kupfers) war überraschend und wurde zunächst nicht erwartet, da man bisher von einer lokalen Kupferproduktion in den erzreichen Gebieten des Balkans (Ostserbien, Bosnien) ausging. Daher kann stark angenommen werden, dass die zahlreichen Gießerwerkstätten in Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien und Nordmazedonien hauptsächlich Kupfer aus dem Alpenraum, insbesondere aus dem Trentino, verarbeitet und mit Zinn legiert haben, um wertvolle Bronze herzustellen. Mit unserem Folgeprojekt (FWF PAT 4481823) möchten wir schließlich untersuchen, wie, auf welchen Routen und wie lange das Kupfer aus den Produktionszentren in Norditalien und Österreich in die balkanischen Versorgungsnetzwerke eingespeist wurde.
- Mathias Mehofer, Universität Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in
- Andrijana Pravidur, The National Museum of Bosnia and Herzegovina - Bosnien
- Ernst Pernicka, Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie - Deutschland
- Aleksandar Kapuran, Institut of archaeology - Serbien
- Igor Jovanovic, Museum of Mining and Metallurgy - Serbien
Research Output
- 48 Zitationen
- 14 Publikationen
- 1 Weitere Förderungen
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2022
Titel Bronze age burials within the Morava, Nisava and Timok basins DOI 10.2298/sta2272045k Typ Journal Article Autor Gavranovic M Journal Starinar -
2023
Titel Kopilo: a newly discovered Late Bronze and Iron Age burial ground in Bosnia DOI 10.15184/aqy.2023.10 Typ Journal Article Autor Gavranović M Journal Antiquity -
2022
Titel Emergence of monopoly–Copper exchange networks during the Late Bronze Age in the western and central Balkans DOI 10.1371/journal.pone.0263823 Typ Journal Article Autor Gavranovic M Journal PLoS ONE Link Publikation -
2022
Titel The First ‘Urnfields’ in the Plains of the Danube and the Po DOI 10.1007/s10963-022-09164-0 Typ Journal Article Autor Cavazzuti C Journal Journal of World Prehistory Seiten 45-86 Link Publikation -
2021
Titel Copper production and supra-regional exchange networks – Cu-matte smelting in the Balkans between 2000 and 1500 BC DOI 10.1016/j.jas.2021.105378 Typ Journal Article Autor Mehofer M Journal Journal of Archaeological Science Seiten 105378 -
2024
Titel Inside the Production of Bronze Age Insignia: The Bracelets/Anklets of the Type Juhor from the Central Balkans; In: The Mechanism of Power The Bronze and Iron Ages in Southeastern Europe Typ Book Chapter Autor Mitrovic J. Seiten 337 - 351 Link Publikation -
2024
Titel New Absolute Dates for the Middle and Late Bronze Ages in the Central Balkans and Some Indications of the Local Bronze Metallurgy and Workshop Typ Book Autor Bulatovic A. editors Jung R, Popov H Verlag Austrian Academy of Sciences Press Link Publikation -
2024
Titel Copper From Far Away: Chemical and Lead Isotope Analyses of Metal Objects from Late Bronze Age Hoards Klenje and Kličevac-Rastovača, Northeastern Serbia ..; In: Bronze Age Metallurgy Production - Consumption - Exchange Typ Book Chapter Autor Gavranovic M Verlag Austrian Academy of Sciences Press Seiten 141 -169 Link Publikation -
2024
Titel Bronze Age Metallurgy. Production - Consumption - Exchange DOI 10.1553/978oeaw94835 Typ Book editors Gavranović M, Mehofer M Verlag Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften -
2021
Titel Rezension - Gbor V. Szab, Bronze Age Treasures in Hungary: The Quest for Buried Weapons, Tools and Jewellery. Hereditas Archaeologica Hungariae 3 (Archeolingua, Budapest 2019) DOI 10.1553/archaeologia105s303 Typ Journal Article Autor Gavranović M Journal Archaeologia Austriaca -
2021
Titel FIRST ARCHEOMETALLURGICAL RESULTS OF BRONZE AND IRON AGE OBJECTS FROM NORTH MACEDONIA DOI 10.55973/maa2124133g Typ Journal Article Autor Gavranović M Journal Macedoniae Acta Archaeologica -
2020
Titel Bronze age settlement and necropolis of Trnjane, near Bor - revision and new research results DOI 10.2298/sta2070051k Typ Journal Article Autor Gavranovic M Journal Starinar -
2020
Titel Bronze Age Metallurgy in East Serbia,; In: Visualizing the unknown Balkans Typ Book Chapter Autor Gavranovic M Verlag Austrian Academy of Sciences Press Seiten 59-73 Link Publikation -
2020
Titel The connections between the plains of the Po and the Danube during the Bronze Age seen through the spread of the 'urnfield model' Typ Journal Article Autor Cardarelli A Journal RIVISTA DI SCIENZE PREISTORICHE Seiten 231-245 Link Publikation
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2024
Titel Tracking the Routes Typ Research grant (including intramural programme) Förderbeginn 2024 Geldgeber Austrian Science Fund (FWF)