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Ko-Produktion und Gebrauch von Identitätsdokumenten.

Co-Producing and Using Identity Documents.

Sigrid Wadauer (ORCID: 0000-0002-2390-2547)
  • Grant-DOI 10.55776/P32226
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 04.09.2019
  • Projektende 03.09.2024
  • Bewilligungssumme 345.510 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Geisteswissenschaften (10%); Geschichte, Archäologie (50%); Soziologie (40%)

Keywords

    History, Bureaucracy, Practices, Identification, Mobility, Identity documents

Abstract Endbericht

Seit dem 19. Jahrhundert veränderte sich das Verhältnis von Personen und Staat drastisch. Staatliche Politik involvierte sich immer mehr in verschiedenste Belange des Lebens, die Frequenz der Interaktionen mit Behörden stieg. Mit neuen sozialen und politischen Rechten und Pflichten, mit Kriegen und politischen Umbrüchen gewann Staatszugehörigkeit an Bedeutung. Zugleich entstanden neue Möglichkeiten und Notwendigkeiten staatlicher Verwaltung, Personen zu erfassen und eine offizielle Identität zu dokumentieren. Techniken und Praktiken des Identifizierens und Registrierens von Individuen wurden in der Forschung dementsprechend bisher primär als Elemente wissensbasierter Gouvernementalität, als eine Frage von (National-)Staaten, ihrer Bürokratie, Politik und Migrationskontrollen untersucht. An der Entstehung, Entwicklung und an den konkreten Praktiken konnten allerdings neben staatlichen Behörden noch eine Reihe anderer Parteien beteiligt sein. Identifizieren und Registrieren war mit vielfältigen Interessen, mit Möglichkeiten wie mit Zwängen verbunden. Es finden sich im internationalen Vergleich sehr unterschiedliche Kulturen des Identifizierens. Das Projekt untersucht die Geschichte von Identifizierungs- und Registrierungspraktiken in der Habsburgermonarchie/Österreich von ca. 1850 bis 1938 und stellt dabei in den Mittelpunkt, wie Personen ihre offizielle Identität(sdokumente) in Konflikt und Konsens mitproduzierten und verwendeten. Es erforscht, was es bedeutete, identifiziert und registriert zu werden (oder nicht). Es untersucht Auseinandersetzungen über Relevanz und Plausibilität von Identitätsdokumenten und geht der Frage nach, wie die beteiligten Parteien dabei mit dem Fehlen oder der Ungenauigkeit solcher Dokumente umgingen. Identitäten und Zugehörigkeiten werden als multidimensional begriffen, die vielfältigen Variationen und Unterschiede in Hinblick auf persönliche Eigenschaften, sozialen und rechtlichen Status, Verhaltensweisen, Argumente untersucht, verschiedene Kontexteund Konstellationen in und außerhalb von Ämtern berücksichtigt. Einen Ausgangspunkt stellen Kontinuitäten und Veränderungen im System der gebräuchlichen Dokumente dar, im Design, in der Verbreitung und der wechselseitigen Bezüge der Dokumente. Ein Fokus liegt auf weit verbreiteten, aber bislang kaum untersuchten Identitätsdokumenten wie Arbeits- und Dienstbotenbüchern und Heimatscheinen. Die mit der Erzeugung und dem Gebrauch solcher Dokumente einhergehenden Interaktionen manifestierten Möglichkeiten, Erfahrungen und Erwartungen der involvierten Parteien sowie Imaginationen des Staates. Die Untersuchung eines größeren Zeitraums erlaubt, die Effekte von Sozialpolitik, Krisen und politischen Veränderungen auf solche Interaktionen zu reflektieren. Das Projekt verwendet ein breites Spektrum an Quellen, insbesondere administrative Fallakten und autobiographische Texte, es kombiniert qualitative und quantitative Methoden.

Das Projekt untersuchte die Geschichte von Identifizierungs- und Registrierungspraktiken in der Habsburgermonarchie/Österreich von ca. 1850 bis 1938, dabei stand im Mittelpunkt, wie Identitätsdokumente erzeugt und benutzt wurden. Während sich die bisherige Forschung vorwiegend auf Reisepässe, Staatsbürgerschaft und internationale Migration konzentrierte, rekonstruierte das Projekt die Vielfalt von Ausweisdokumenten, die im Kontext von Mobilität, Wohnen, Arbeitsverhältnissen, Wohlfahrt oder Konsum verwendet wurden. Die Art und Form der Dokumente und die Erfordernisse, Dokumente zu besitzen und vorzuweisen, variierten nicht nur je nach Staats- und Gemeindezugehörigkeit, sondern auch in Hinblick auf sozialen Status, Beruf und Geschlecht. Darüber hinaus konnten Konfession, ethnische Kategorisierungen oder moralische Zuschreibungen eine Rolle spielen. Zwar wurden Identitätsdokumente im Laufe des Untersuchungszeitraums zunehmend klarer reguliert, die Analyse überlieferter Ausweisdokumente, von Registern, Protokollen und Statistiken zeigte jedoch, wie langsam sich Normen und formale Standards tatsächlich durchsetzen. Neben Sicherheit und Ordnung spielten in der Praxis auch Ermessen, Pragmatismus und die Kosten für (neue) Formulare oder Fotos eine Rolle. Die Ausstellung von Ausweis- und Reisedokumenten wurde zum Monopol staatlicher Behörden, an der Dokumentation der Daten, der Ausfertigung und der Kontrolle blieben jedoch verschiedene andere Akteur:innen involviert. Dies wurde am Beispiel besonders weit verbreiteter und häufig benutzter Dokumente - Arbeits- und Dienstbotenbücher, Heimatscheine und Heimatrechtsverhandlungen - konkreter untersucht. Die Verpflichtung, Arbeits- oder Dienstbotenbücher zu besitzen, wurde im Zuge des 19. Jahrhunderts auf immer größere Teile der Arbeiterschaft ausgedehnt. Sie dienten als Identitätsnachweis und Reisedokument, sie kategorisierten und dokumentierten Beruf, Anstellungsverhältnisse und Arbeitszeugnisse. Behörden und Arbeitgeber:innen betonten die Unverzichtbarkeit dieser Dokumente. Aus Sicht der Arbeiterbewegung stellten sie hingegen ein Symbol sozialer und politischer Ungleichheit, Unterdrückung und Kontrolle dar. Das Projekt beleuchtete neben politischen Auseinandersetzungen auch die legalen und illegalen Möglichkeiten, diese Dokumente zu benutzen (oder auch darauf zu verzichten), den Missbrauch und die Manipulation durch Arbeitgeber oder Arbeitnehmer. Hier wie auch im Zusammenhang mit Heimatscheinen und Heimatrechtsverhandlungen wurden die ambivalenten und widersprüchlichen Interessen der Beteiligten deutlich. Dokumente und Registrierung dienten nicht bloß der Überwachung, sie konnten auch die Grundlage darstellen, Ansprüche geltend zu machen. Am Beispiel von Heimatrechtsverhandlungen untersuchte das Projekt die Argumente und Strategien von Antragsteller:innen und Behörden. Dabei wurden auch die Interpretationsspielräume, die Nachlässigkeit und die Willkür in der Verwaltung (vor allem ländlicher) Gemeinden sichtbar.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%

Research Output

  • 3 Zitationen
  • 8 Publikationen
  • 2 Disseminationen
  • 2 Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 1 Weitere Förderungen
Publikationen
  • 2022
    Titel Forum
    DOI 10.7788/hian.2022.30.2.244
    Typ Journal Article
    Autor Lanzinger M
    Journal Historische Anthropologie
    Seiten 244-253
  • 2024
    Titel Contracts under duress:; In: Coercion and Wage Labour - Exploring work relations through history and art
    DOI 10.2307/jj.4329861.9
    Typ Book Chapter
    Verlag UCL Press
  • 2023
    Titel Papers and Wages: Identity Documents and Work in Habsburg Austria During the Late Nineteenth and Early Twentieth Century
    DOI 10.5040/9781350335615.ch-003
    Typ Book Chapter
    Autor Wadauer S
    Verlag Bloomsbury Academic
    Seiten 83-104
  • 2023
    Titel Negotiating the right of residence (Austria, late nineteenth and early twentieth century)
    DOI 10.4324/9781003261261-3
    Typ Book Chapter
    Autor Wadauer S
    Verlag Taylor & Francis
    Seiten 33-53
  • 2025
    Titel Sorting, reporting and ways to use registration: Habsburg Austria from the late nineteenth to the early twentieth century
    DOI 10.1080/02619288.2025.2492497
    Typ Journal Article
    Autor Wadauer S
    Journal Immigrants & Minorities
    Seiten 1-30
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Kategorisierung, Kontrolle, Vertrauen? Arbeits- und Identitätsdokumente im 19. und frühen 20. Jahrhundert
    DOI 10.5771/9783748925316-261
    Typ Book Chapter
    Autor Wadauer S
    Verlag Nomos Verlag
    Seiten 261-288
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Einführung und/oder Abschaffung von Arbeitsbüchern als Innovation
    Typ Journal Article
    Autor Wadauer
    Journal Administory. Zeitschrift für Verwaltungsgeschichte
    Seiten 54-71
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Unstimmigkeiten und Widersprüche in bürokratischen Interaktionen. Street-level bureaucracy im Österreich der 1920er und 30er Jahre
    Typ Journal Article
    Autor Wadauer S.
    Journal Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
    Seiten 13-41
    Link Publikation
Disseminationen
  • 2021
    Titel radio broadcast
    Typ A broadcast e.g. TV/radio/film/podcast (other than news/press)
  • 2020
    Titel Interview
    Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview
Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 2020
    Titel Keynote - cultures and Social Practices of Petty Trade
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2024
    Titel Keynote - Punish or Rehabilitate
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad Continental/International
Weitere Förderungen
  • 2024
    Titel Categorizing, Registering and Reporting of Mobility and Stay
    Typ Research grant (including intramural programme)
    DOI 10.55776/pat9328724
    Förderbeginn 2024

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