Zwischen Angst und Hoffnung. Rurale Perspektiven
Between Fear and Hope. Rural perspectives
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (20%); Geschichte, Archäologie (80%)
Keywords
-
Romania,
Rural,
War Time,
Emotion Management,
Slovenia
Die ländliche Bevölkerung ist von Kriegszeiten immer betroffen, weil sie Versorgungsgüter veräußern und Soldaten stellen muss, und fallweise ist auch ihr Lebensraum Ort militärischer Operationen. Kriegszeiten sind aber nicht immer nur von Angst begleitet, sondern auch von der Hoffnung, die Auswirkungen der Kämpfe könnten zu einer Besserung des Daseins führen. Obwohl die 100-jährige Wiederkehr der Jahre des Ersten Weltkrieges zu einer Unzahl neuer Forschungen geführt hat, ist die für dieses Projekt ausgewählte Fragestellung, obwohl sie ob der Zusammenhänge naheliegt, höchstens gestreift, bislang aber nicht ausgeleuchtet worden. Daher handelt es sich um einen innovativen Ansatz, den Blickwinkel nicht auf Staatsmänner, Soldaten und urbane Gesellschaftsschichten zu werfen, sondern auf Bauern und andere am Land lebende soziale Kreise. Da das Thema zu groß ist, um in einem Forschungsprojekt bearbeitet werden zu können, wurden zwei Regionen als Fallbeispiele ausgesucht, die sich beide in Grenzräumen befanden, beide multiethnisch besiedelt waren und beide nach Kriegsende zu anderen Staaten gehörten als davor. Die eine Region bezieht sich auf den östlichen Raum des heutigen Sloweniens, der seine Zugehörigkeit von der Habsburgermonarchie (Steiermark) zum Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (Jugoslawien) wechselte, während die andere Region die Randbereiche Transylvaniens (Siebenbürgens) betrifft, die bis 1918/20 zu Ungarn und dann zu Rumänien gehörten. Ziel des an der Universität Graz angesiedelten Projekts ist, anhand von drei Vergleichen Schlüsse zu ziehen, die für mehr als bloß diese beiden Fallbeispiele Gültigkeit haben. Der räumliche Vergleich bezieht sich auf die beiden genannten Schauplätze mit jeweils andersgearteten ruralen Strukturen. Der zeitliche Vergleich bezweckt, die Vorkriegs-, die Kriegs- und die Nachkriegszeit einander gegenüberzustellen, die für die dabei angesprochenen Generationen unterschiedliche Wertigkeit besaßen. Der thematische Vergleich bezieht sich auf das Wechselspiel zwischen Angst und Hoffnung, das die ländliche Bevölkerung durchmachen musste und das angesichts des radikalen Wandels im Zeitalter des großen Krieges zwangsläufig Gewinner und Verlierer hervorrief. Die Antworten zu den aus diesem Projektansatz hervorgehenden Fragen will das Projektteam, das aus einem Slowenienspezialisten (Christian Promitzer), einer Rumänienspezialistin (Ionela Zaharia) sowie einem Ostmittel- und Südosteuropafachmann (Harald Heppner) besteht, anhand des Studiums von privaten und amtlichen Text- und Bildquellen erarbeiten. Die Ergebnisse werden nicht nur dem internationalen Fachpublikum vermittelt, sondern auch breiten interessierten Kreisen insbesondere in Slowenien und Rumänien näher gebracht werden.
FWF Project P 32268-G28 Zwischen Angst und Hoffnung. Rurale Perspektiven im Zeitalter des Großen Krieges Ab dem Beginn der Urbanisierung und Industrialisierung ist die ländliche Welt nicht nur funktional, sondern auch als Thema der historiographischen Reflexion in den Hintergrund getreten. Dazu kommt, dass Studien zum Ersten Weltkrieg nur am Rande auch auf die Perspektiven des Landvolkes eingehen, obwohl das Kriegsgeschehen und dessen Folgen auf die Existenz der Bevölkerung einen hochgradigen Einfluß ausgeübt haben. Außerdem stehen im Blickfeld der historischen Forschung in der Regel Abläufe, aber keine ausreichende Beachtung emotionaler Komponenten, die für das Denken und Verhalten der Menschen in allen Lebenslagen maßgeblich sind. Dieses riesige Thema lässt sich am leichtesten an Fallbeispielen erforschen. Zur Auswahl kamen zwei Regionen, die heute zu Slowenien und Rumänien gehören. Sie waren damals gemischtsprachig besiedelt, fungierten in den Kriegsjahren teils als Frontzonen, teils als Hinterland und wurden infolge der neuen Raumordnung nach 1918 neu gestaltet - entweder durch Grenzziehungen ("Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen") oder durch Grenzaufhebungen ("Rumänien"). Mit einer solchen territorialen Auswahl nimmt die Untersuchung nicht nur das damalige Schicksal von Landvolk an sich ins Blickfeld, sondern auch den Herrschaftswechsel, die nach Kriegende erfolgt ist. Die Analyse des Quellenmaterials (Memoiren, Protokolle, Verewaltungsakten, Printmedien usw.) offenbart, dass das emotionale Profil der Landbevölkerung - nicht überraschend - großteils vom Hier und Jetzt abhing, d. h. dass die Existenzfragen fast immer im Vordergrund standen, während Sachverhalte jenseits des ruralen Horizonts (Fronten, staatliche Politik, Europa) in geringerem Maß berührt haben. Dies dürfte der Grund sein, warum keine nenneswerten Impulse festgestellt werden konnten, das Schicksal der lokalen Landbevölkerung spontan zum Thema eines Narrativs (z. B. Dorfchronik) zu machen. Das Projekt, bei dessen Abwicklung wegen der unvorhersehbaren Corona-bedingten Restriktionen nicht alle geplanten Schritte umgesetzt werden konnten, hat Fragen nur unzureichend beantworten lassen, die zum Thema dazugehören: Welche spezifischen Zugänge zu Angst und Hoffnung kennzeichneten die Frauen? Welche Perspektiven der damals lebenden Kinder lassen sich feststellen, ohne dass es sich um Rückblicke auf eine frühere Kindheit handelt? Welche Bedeutung kam am Dorf den sozialistischen Ideen zu, die 1918/19 und auch noch danach eine gewissen Einfluß auf die Politik hatten. Derartige Fragen müssen weiteren Forschungsprojekten vorbehalten bleiben.
- Universität Graz - 100%
Research Output
- 1 Publikationen
- 1 Disseminationen
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2024
Titel Die ländliche Gesellschaft im Zeitalter des Ersten Weltkrieges DOI 10.3726/b21779 Typ Book editors Zaharia-Schintler I Verlag Peter Lang, International Academic Publishers Link Publikation