Kasuistik in der frühneuzeitlichen Literatur Spaniens
Casuistry and Early Modern Spanish Literature
Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Keywords
-
Casuistry,
Literature and Ethics,
Siglo de Oro,
Literature and Jurisprudence
Dieses Projekt untersucht die wechselseitigen Beziehungen zwischen Kasuistik und Erzählliteratur im frühneuzeitlichen Spanien. Kasuistik im engeren Sinn verstanden als Praxis, während der Beichte mithilfe kirchlicher Moralgesetze die Schwere der Sünde zu taxieren, ging aus den mittelalterlichen Bußbüchern hervor. Ab dem 16. Jahrhundert erfasst Kasuistik aber immer größere Lebensbereiche, von der einfachen Lösung einzelner Gewissensfälle bis hin zu politischen, rechtlichen und wissenschaftlichen Belangen. Obwohl Kasuisten zu einflussreichen Erziehern, Ökonomen und Politikberatern aufstiegen und ihre Methoden in den unterschiedlichsten Feldern angewandt wurden, erfuhr die spanische Kasuistik bislang wissenschaftlich nur wenig Beachtung. Dies mag an ihrem Ruf als abgehobene Apologie zweifelhaften Verhaltens und politischer Berechnung liegen, welcher auf den Spott für den Jesuitischen Laxismus in Pascals Lettres provenciales (1657) zurückgeht. Aufbauend auf neueren Untersuchungen zum Zusammenhang von Kasuistik und Theater verfolgt dieses Projekt nun das Ziel, diese Forschungslücke schließen. Wohl aufgrund ihrer Versatilität in der Anwendung von Regeln auf die vertracktesten Wechselfälle des Lebens, fällt der Aufstieg von Kasuistik mit wichtigen Entwicklungen der Moralphilosophie zusammen. In diesem Zusammenhang ist die Spanische Scholastik von ebenso großer Bedeutung wie die Verknüpfung scholastischer Methoden mit humanistischer Rhetorik und Gemeinschaftsanliegen der (großteils) jesuitischen Kasuisten im Sinne ihres erzieherischen und politischen Programms. Neben den scholastischen Wurzeln beziehen wir das genuin juristische Erbe der Kasuistik ebenso mit ein wie mittelalterliche narrative Exemplatraditionen. In einer Zeit globaler Expansion, religiösen Eifers, ökonomischer Transformationen und sozialpolitischer Umschwünge, wurden die Kasuisten im Abwägen der Komplexitäten jedweder Umstände immer elaborierter und ihre Methoden wirkungsvolle Sinnfindungsinstrumente in einer zunehmend verwirrenden Welt. Unser Projekt spürt kasuistische Strukturen in der frühneuzeitlichen Erzählliteratur Spaniens auf, etwa die Präsentation von Fallgeschichten und ihrer Umstände, Motive etc. Zugleich rekonstruieren wir die bislang weitgehend ignorierte genuin kasuistische Sprache vieler Erzähltexte. Daneben erforschen wir aber auch das reiche Archiv an Bußliteratur, die detaillierte Beschreibungen einer breiten Palette von Verbrechen, Transgressionen und Dilemmata enthalten. Daraus resultiert nicht nur eine längst fällige Würdigung der zentralen Rolle von Kasuistik im frühneuzeitlichen Spanien, sondern eine innovative Perspektive auf den gleichzeitig in Spanien vollzogenen Aufschwung des Romans.
Dieses Projekt widmete sich der Beziehung zwischen frühneuzeitlicher Kasuistik und Belletristik. Diese Untersuchung der faszinierenden Wechselwirkung zwischen Recht und Literatur fördert ein besseres Verständnis dafür, wie sich (vor-)moderne Subjektivität ausformte und wie der sich an der Schwelle zur Neuzeit immer mehr differenzierenden Gesellschaft Alltagsethik vermittelt wurde. Kasuistik als Praxis, kirchliche Doktrinen zur Beurteilung der Schwere von Sünden während der Beichte auszuloten, hat ihren Ursprung in den mittelalterlichen Bußbüchern. Im frühneuzeitlichen Spanien weiteten sich die Anwendungsfelder von Kasuistik dramatisch aus, und zwar von der engen Bedeutung der Lösung von "Gewissensfällen" der Beichtenden hin zu umfassenderen politischen, wirtschaftlichen, rechtlichen und wissenschaftlichen Fragen. Kasuisten wurden zu bedeutenden Pädagogen, Ökonomen und politischen Beratern, und ihre Methoden wurden auch in den unterschiedlichsten Bereichen angewandt. Nicht zuletzt aufgrund des berühmten Verdikts gegen den jesuitischen "Laxismus" durch Blaise Pascal in seinen Lettres provenciales (1657) galt die spanische Kasuistik aber bald als sophistische Rechtfertigung verdächtigen Verhaltens und politischer Zweckorientierung und wurde in den Kulturwissenschaften nur unzureichend untersucht. Aufbauend auf rezenten Arbeiten zu Kasuistik und Theater schließt dieses Projekt daher eine Forschungslücke. Dabei wurde das "Wägen" der Kasuistik in verschiedenen narrativen Gattungen der spanischen Halbinsel systematisch untersucht. Kasuistik wird dabei verstanden als Denkstil, der verschiedene Kommunikationsformen durchdringt und gleichzeitig hervorbringt. Dabei wurde keineswegs eine einseitige Wirkung postuliert, sondern auch der Einfluss narrativer Konstellationen auf die Überlegungen frühneuzeitlicher Juristen und Theologen in den Blick genommen. Spuren solcher Wechselwirkungen finden sich etwa in den Heiratshändeln der frühneuzeitlichen Novelle nach dem Konzil von Trient oder in autobiographischen Schriften wie der Vida der Teresa von Avila. Diese Neubewertung der Kasuistik in der spanischen Kultur der Frühen Neuzeit ermöglicht es, die Einbettung von Literatur in ihrem sozialen und politischen Umfeld zu rekonstruieren. Die Zurückweisung des Vorurteils, Kasuistik sei lediglich eine sophistische Rechtfertigung fragwürdigen Verhaltens, legt einerseits die innovativen Ansätze der Kasuisten bei der Bewältigung neuer Probleme offen, wie sie in Tomas Mercados Debatten über den Überseehandel und die Sklaverei gezeigt werden konnten. Zum anderen helfen unsere Analysen, Literatur als sozialen Akt zu begreifen und damit greifbar zu machen, dass die in der narrativen Praxis der Beichte entwickelte Grammatik von Innerlichkeit ein Kontinuum mit dem Interesse an und der Entstehung von fiktionalen Erzählungen bildet. Beide Aspekte spiegeln Veränderungen innerhalb der frühneuzeitlichen Gesellschaft wider, die gegenwärtig eine neue Dynamik erfahren: Globalisierungserfahrungen und medialer Umbrüche. Der Fokus des Projektes auf Alltagsfiktionalisierungen für die Bewältigung unterschiedlichster Rupturen und Herausforderungen unterstreicht die Bedeutung von fiktionaler Literatur für die Herausbildung des modernen Selbst. Damit schlägt dieses Projekt eine Brücke zwischen Literaturwissenschaften, historischer Forschung und Sozialwissenschaften.
- Universität Wien - 100%
Research Output
- 8 Zitationen
- 11 Publikationen
- 1 Datasets & Models
- 1 Disseminationen
- 4 Weitere Förderungen
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2024
Titel >>The Lawyers' Tales<<: episteme moderna, casustica y narratividad DOI 10.12946/rg32/208-210 Typ Journal Article Autor Soler Otte A Journal Rechtsgeschichte - Legal History -
2024
Titel Sacrificios y devociones: creacin de imgenes sagradas y normatividades visuales DOI 10.12946/rg32/205-208 Typ Journal Article Autor Mejía P Journal Rechtsgeschichte - Legal History -
2023
Titel Trading Goods, Trading Souls between Seville and las Indias; In: Relating Continents - Coloniality and Global Encounters in Romance Literary and Cultural History DOI 10.1515/9783110796308-007 Typ Book Chapter Verlag De Gruyter -
2020
Titel Iconology, Neoplatonism, and the Arts in the Renaissance DOI 10.4324/9781003019671 Typ Book editors Hub B, Kodera S Verlag Taylor & Francis -
2022
Titel Comic Casuistry and Common Sense: Sancho Panza's Governorship; In: Casuistry and Early Modern Spanish Literature DOI 10.1163/9789004506824_008 Typ Book Chapter Verlag BRILL -
2022
Titel Justice, Blindfolded: Law and Crime in the Celestina; In: Casuistry and Early Modern Spanish Literature DOI 10.1163/9789004506824_003 Typ Book Chapter Verlag BRILL -
2022
Titel Casuistry and Early Modern Spanish Literature: A Neglected Relationship; In: Casuistry and Early Modern Spanish Literature DOI 10.1163/9789004506824_002 Typ Book Chapter Verlag BRILL -
2022
Titel Beredte Armaturen. Tropen der Männlichkeit im Orlando Furioso undihr Nachleben im Don Quijote DOI 10.3196/2751515x22261242 Typ Journal Article Autor Bidwell-Steiner M Journal Zeitsprünge Seiten 66-87 -
2021
Titel Ley nueva, ley antigua: tropos de ceguera en la Celestina DOI 10.7203/celestinesca.45.21022 Typ Journal Article Autor Bidwell-Steiner M Journal Celestinesca Seiten 9-28 Link Publikation -
2023
Titel Die sprechende Wunde der Toten in der frühneuzeitlichen Literatur Spaniens; In: Die ewige Wunde. Beiträge zu einer Kulturgeschichte unheilbarer Wunden in der Vormoderne Typ Book Chapter Autor Bidwell-Steiner M Verlag Harrassowitz Verlag Seiten 19 Link Publikation -
2022
Titel Casuistry and Early Modern Spanish Literature DOI 10.1163/9789004506824 Typ Book Autor Bidwell-Steiner M Verlag Brill Academic Publishers Link Publikation
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2023
Titel Rosita Schjerve-Rindler-Fonds Typ Travel/small personal Förderbeginn 2023 Geldgeber University of Vienna -
2023
Titel • Junior Fellowship Typ Fellowship Förderbeginn 2023 Geldgeber IFK International Research Center for Cultural Studies -
2022
Titel KWA Typ Research grant (including intramural programme) Förderbeginn 2022 Geldgeber University of Vienna -
2023
Titel • Go.Investigatio Typ Travel/small personal Förderbeginn 2023 Geldgeber Austrian Academy of Sciences