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Kasuistik in der frühneuzeitlichen Literatur Spaniens

Casuistry and Early Modern Spanish Literature

Marlen Bidwell-Steiner (ORCID: 0000-0003-1845-5313)
  • Grant-DOI 10.55776/P32297
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.10.2019
  • Projektende 30.09.2023
  • Bewilligungssumme 425.158 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)

Keywords

    Casuistry, Literature and Ethics, Siglo de Oro, Literature and Jurisprudence

Abstract Endbericht

Dieses Projekt untersucht die wechselseitigen Beziehungen zwischen Kasuistik und Erzählliteratur im frühneuzeitlichen Spanien. Kasuistik im engeren Sinn verstanden als Praxis, während der Beichte mithilfe kirchlicher Moralgesetze die Schwere der Sünde zu taxieren, ging aus den mittelalterlichen Bußbüchern hervor. Ab dem 16. Jahrhundert erfasst Kasuistik aber immer größere Lebensbereiche, von der einfachen Lösung einzelner Gewissensfälle bis hin zu politischen, rechtlichen und wissenschaftlichen Belangen. Obwohl Kasuisten zu einflussreichen Erziehern, Ökonomen und Politikberatern aufstiegen und ihre Methoden in den unterschiedlichsten Feldern angewandt wurden, erfuhr die spanische Kasuistik bislang wissenschaftlich nur wenig Beachtung. Dies mag an ihrem Ruf als abgehobene Apologie zweifelhaften Verhaltens und politischer Berechnung liegen, welcher auf den Spott für den Jesuitischen Laxismus in Pascals Lettres provenciales (1657) zurückgeht. Aufbauend auf neueren Untersuchungen zum Zusammenhang von Kasuistik und Theater verfolgt dieses Projekt nun das Ziel, diese Forschungslücke schließen. Wohl aufgrund ihrer Versatilität in der Anwendung von Regeln auf die vertracktesten Wechselfälle des Lebens, fällt der Aufstieg von Kasuistik mit wichtigen Entwicklungen der Moralphilosophie zusammen. In diesem Zusammenhang ist die Spanische Scholastik von ebenso großer Bedeutung wie die Verknüpfung scholastischer Methoden mit humanistischer Rhetorik und Gemeinschaftsanliegen der (großteils) jesuitischen Kasuisten im Sinne ihres erzieherischen und politischen Programms. Neben den scholastischen Wurzeln beziehen wir das genuin juristische Erbe der Kasuistik ebenso mit ein wie mittelalterliche narrative Exemplatraditionen. In einer Zeit globaler Expansion, religiösen Eifers, ökonomischer Transformationen und sozialpolitischer Umschwünge, wurden die Kasuisten im Abwägen der Komplexitäten jedweder Umstände immer elaborierter und ihre Methoden wirkungsvolle Sinnfindungsinstrumente in einer zunehmend verwirrenden Welt. Unser Projekt spürt kasuistische Strukturen in der frühneuzeitlichen Erzählliteratur Spaniens auf, etwa die Präsentation von Fallgeschichten und ihrer Umstände, Motive etc. Zugleich rekonstruieren wir die bislang weitgehend ignorierte genuin kasuistische Sprache vieler Erzähltexte. Daneben erforschen wir aber auch das reiche Archiv an Bußliteratur, die detaillierte Beschreibungen einer breiten Palette von Verbrechen, Transgressionen und Dilemmata enthalten. Daraus resultiert nicht nur eine längst fällige Würdigung der zentralen Rolle von Kasuistik im frühneuzeitlichen Spanien, sondern eine innovative Perspektive auf den gleichzeitig in Spanien vollzogenen Aufschwung des Romans.

Dieses Projekt widmete sich der Beziehung zwischen frühneuzeitlicher Kasuistik und Belletristik. Diese Untersuchung der faszinierenden Wechselwirkung zwischen Recht und Literatur fördert ein besseres Verständnis dafür, wie sich (vor-)moderne Subjektivität ausformte und wie der sich an der Schwelle zur Neuzeit immer mehr differenzierenden Gesellschaft Alltagsethik vermittelt wurde. Kasuistik als Praxis, kirchliche Doktrinen zur Beurteilung der Schwere von Sünden während der Beichte auszuloten, hat ihren Ursprung in den mittelalterlichen Bußbüchern. Im frühneuzeitlichen Spanien weiteten sich die Anwendungsfelder von Kasuistik dramatisch aus, und zwar von der engen Bedeutung der Lösung von "Gewissensfällen" der Beichtenden hin zu umfassenderen politischen, wirtschaftlichen, rechtlichen und wissenschaftlichen Fragen. Kasuisten wurden zu bedeutenden Pädagogen, Ökonomen und politischen Beratern, und ihre Methoden wurden auch in den unterschiedlichsten Bereichen angewandt. Nicht zuletzt aufgrund des berühmten Verdikts gegen den jesuitischen "Laxismus" durch Blaise Pascal in seinen Lettres provenciales (1657) galt die spanische Kasuistik aber bald als sophistische Rechtfertigung verdächtigen Verhaltens und politischer Zweckorientierung und wurde in den Kulturwissenschaften nur unzureichend untersucht. Aufbauend auf rezenten Arbeiten zu Kasuistik und Theater schließt dieses Projekt daher eine Forschungslücke. Dabei wurde das "Wägen" der Kasuistik in verschiedenen narrativen Gattungen der spanischen Halbinsel systematisch untersucht. Kasuistik wird dabei verstanden als Denkstil, der verschiedene Kommunikationsformen durchdringt und gleichzeitig hervorbringt. Dabei wurde keineswegs eine einseitige Wirkung postuliert, sondern auch der Einfluss narrativer Konstellationen auf die Überlegungen frühneuzeitlicher Juristen und Theologen in den Blick genommen. Spuren solcher Wechselwirkungen finden sich etwa in den Heiratshändeln der frühneuzeitlichen Novelle nach dem Konzil von Trient oder in autobiographischen Schriften wie der Vida der Teresa von Avila. Diese Neubewertung der Kasuistik in der spanischen Kultur der Frühen Neuzeit ermöglicht es, die Einbettung von Literatur in ihrem sozialen und politischen Umfeld zu rekonstruieren. Die Zurückweisung des Vorurteils, Kasuistik sei lediglich eine sophistische Rechtfertigung fragwürdigen Verhaltens, legt einerseits die innovativen Ansätze der Kasuisten bei der Bewältigung neuer Probleme offen, wie sie in Tomas Mercados Debatten über den Überseehandel und die Sklaverei gezeigt werden konnten. Zum anderen helfen unsere Analysen, Literatur als sozialen Akt zu begreifen und damit greifbar zu machen, dass die in der narrativen Praxis der Beichte entwickelte Grammatik von Innerlichkeit ein Kontinuum mit dem Interesse an und der Entstehung von fiktionalen Erzählungen bildet. Beide Aspekte spiegeln Veränderungen innerhalb der frühneuzeitlichen Gesellschaft wider, die gegenwärtig eine neue Dynamik erfahren: Globalisierungserfahrungen und medialer Umbrüche. Der Fokus des Projektes auf Alltagsfiktionalisierungen für die Bewältigung unterschiedlichster Rupturen und Herausforderungen unterstreicht die Bedeutung von fiktionaler Literatur für die Herausbildung des modernen Selbst. Damit schlägt dieses Projekt eine Brücke zwischen Literaturwissenschaften, historischer Forschung und Sozialwissenschaften.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%

Research Output

  • 8 Zitationen
  • 11 Publikationen
  • 1 Datasets & Models
  • 1 Disseminationen
  • 4 Weitere Förderungen
Publikationen
  • 2024
    Titel >>The Lawyers' Tales<<: episteme moderna, casustica y narratividad
    DOI 10.12946/rg32/208-210
    Typ Journal Article
    Autor Soler Otte A
    Journal Rechtsgeschichte - Legal History
  • 2024
    Titel Sacrificios y devociones: creacin de imgenes sagradas y normatividades visuales
    DOI 10.12946/rg32/205-208
    Typ Journal Article
    Autor Mejía P
    Journal Rechtsgeschichte - Legal History
  • 2023
    Titel Trading Goods, Trading Souls between Seville and las Indias; In: Relating Continents - Coloniality and Global Encounters in Romance Literary and Cultural History
    DOI 10.1515/9783110796308-007
    Typ Book Chapter
    Verlag De Gruyter
  • 2020
    Titel Iconology, Neoplatonism, and the Arts in the Renaissance
    DOI 10.4324/9781003019671
    Typ Book
    editors Hub B, Kodera S
    Verlag Taylor & Francis
  • 2022
    Titel Comic Casuistry and Common Sense: Sancho Panza's Governorship; In: Casuistry and Early Modern Spanish Literature
    DOI 10.1163/9789004506824_008
    Typ Book Chapter
    Verlag BRILL
  • 2022
    Titel Justice, Blindfolded: Law and Crime in the Celestina; In: Casuistry and Early Modern Spanish Literature
    DOI 10.1163/9789004506824_003
    Typ Book Chapter
    Verlag BRILL
  • 2022
    Titel Casuistry and Early Modern Spanish Literature: A Neglected Relationship; In: Casuistry and Early Modern Spanish Literature
    DOI 10.1163/9789004506824_002
    Typ Book Chapter
    Verlag BRILL
  • 2022
    Titel Beredte Armaturen. Tropen der Männlichkeit im Orlando Furioso undihr Nachleben im Don Quijote
    DOI 10.3196/2751515x22261242
    Typ Journal Article
    Autor Bidwell-Steiner M
    Journal Zeitsprünge
    Seiten 66-87
  • 2021
    Titel Ley nueva, ley antigua: tropos de ceguera en la Celestina
    DOI 10.7203/celestinesca.45.21022
    Typ Journal Article
    Autor Bidwell-Steiner M
    Journal Celestinesca
    Seiten 9-28
    Link Publikation
  • 2023
    Titel Die sprechende Wunde der Toten in der frühneuzeitlichen Literatur Spaniens; In: Die ewige Wunde. Beiträge zu einer Kulturgeschichte unheilbarer Wunden in der Vormoderne
    Typ Book Chapter
    Autor Bidwell-Steiner M
    Verlag Harrassowitz Verlag
    Seiten 19
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Casuistry and Early Modern Spanish Literature
    DOI 10.1163/9789004506824
    Typ Book
    Autor Bidwell-Steiner M
    Verlag Brill Academic Publishers
    Link Publikation
Datasets & Models
  • 2023 Link
    Titel Zotero database on casuistas
    Typ Database/Collection of data
    Öffentlich zugänglich
    Link Link
Disseminationen
  • 2023 Link
    Titel Ihr gutes Recht, podcast
    Typ A broadcast e.g. TV/radio/film/podcast (other than news/press)
    Link Link
Weitere Förderungen
  • 2023
    Titel Rosita Schjerve-Rindler-Fonds
    Typ Travel/small personal
    Förderbeginn 2023
    Geldgeber University of Vienna
  • 2023
    Titel • Junior Fellowship
    Typ Fellowship
    Förderbeginn 2023
    Geldgeber IFK International Research Center for Cultural Studies
  • 2022
    Titel KWA
    Typ Research grant (including intramural programme)
    Förderbeginn 2022
    Geldgeber University of Vienna
  • 2023
    Titel • Go.Investigatio
    Typ Travel/small personal
    Förderbeginn 2023
    Geldgeber Austrian Academy of Sciences

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