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Antagonistische Politische Emotionen

Antagonistic Political Emotions

Tamás Szanto (ORCID: 0000-0001-5114-677X)
  • Grant-DOI 10.55776/P32392
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.07.2019
  • Projektende 31.08.2023
  • Bewilligungssumme 386.169 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Philosophie, Ethik, Religion (95%); Psychologie (5%)

Keywords

    Political Emotions, Collective Emotions, Collective Intentionality, Phenomenology, Antagonism, Philosophy of Emotions

Abstract Endbericht

Szanto FWF - Stand-Alone Research Project Die politische Arena ist tief geprägt von Emotionen, und es sind antagonistische Emotionen, die dabei eine besondere Rolle spielen: Angst, Neid, Misstrauen, Empörung, Ressentiment oder Hass. Angesichts affektiv stark geladener politischer Rhetorik und Strategien, etwa im Zuge der letzten US-Wahl oder Brexit- Kampagne und wachsender rechtspopulistischer Bewegungen infolge der sogenannten Europäischen Flüchtlingskrise scheint eine Analyse solcher Emotionen besonders drängend. Doch Emotionen sind nicht nur irgendwelche, vermeintlich irrationale, Nebenprodukte des Politischen. Vielmehr ist das Politische, d. i. das komplexe Feld, in dem wir unsere Pluralität und Unterschiede im Hinblick auf Freiheit, Autonomie und Formen des Zusammenlebens aushandeln, ihrem Wesen nach affektiv. Was aber macht politische Emotionen politisch? Wie und von wem werden sie gefühlt? Warum sind insbesondere antagonistische Emotionen im Vergleich zu pro-sozialen oder positiven Gefühlen weniger elastisch oder formbar bzw. neigen dazu, sich zu habitualisieren und zu affektiven Enklaven oder Blasen zu führen? Warum verstärken sie typischerweise Ingroup/Outgroup-Abgrenzungen bzw. eine Demarkierung zwischen Wir und Ihr? Wann sind solche Emotionen strukturell angemessen oder unangemessen, wann legitimieren sie die politischen Interessen derer, die sie ausdrücken, und wann laufen sie deren eigenen politischen Interessen zuwider? Inwiefern sind schließlich Antagonismus und Exklusion wesentliche Aspekte politischer Emotionen? All dies sind immer noch umstrittene bzw. kaum geklärte Fragen. Vor diesem Hintergrund wird das Projekt einen neuen integrativen begrifflichen Rahmen für die Erklärungder Grundbedingungen, der Phänomenologie, dernormativenNaturundder sozialpsychologischen Funktion antagonistischer politischer Emotionen entwickeln. Das vorgeschlagene Modell wird dabei auf theoretische Ressourcen aus der klassischen Phänomenologie und der analytischen Philosophie der Gefühle zurückgreifen, aber auch durch neueste sozialwissenschaftliche und empirische Forschung informiert sein (z. B. Forschungen zur Rolle von Emotionen bezüglich politischer Kompetenz und Informiertheit, oder zu irrationalen affektiven Einflüsse oder selbsttäuschendes Verhalten in kollektiven Kontexten und sozialen Medien). Auf dieser Basis wird das Projekt jene paradigmatische antagonistische politische Emotionen beispielhaft analysieren, die eine kritische Öffentlichkeit oder demokratische Deliberationsprozesse herausfordern, namentlich Ressentiment und Hass, aber auch jene, die umgekehrt zur Formierung demokratischer Protestbewegungen beitragen könne, wie etwa Empörung. 1

Emotionen sind nicht vermeintlich irrationale Nebenprodukte des Politischen. Vielmehr ist das Politische oder der Bereich, in dem wir unsere Pluralität und Divergenzen mit Blick auf Freiheit, Autonomie und Formen des Zusammenlebens verhandeln, wesentlich affektiv. Im Gegensatz zu 'Realpolitik' ist das Politische affektiv, weil es verhandelt, was wir schätzen, fürchten oder wünschen bzw. was uns affektiv betrifft. Sofern Emotionen wiederum durch unsere gemeinsamen und oft konfligierenden Werte und sog. 'Gefühlsnormen' moduliert werden, involvieren sie immer auch eine Verhandlung dessen, was wir fühlen sollten. Eine der Leitannahmen des Projekts war, dass antagonistische politische Emotionen wie etwa Misstrauen, Neid, Angst, Wut, Groll, Empörung, Ressentiment, Verachtung, Ekel oder Hass in der politischen Arena nicht nur weit verbreitet sind; sind sie aufgrund ihrer im Vergleich zu prosozialen Emotionen direkteren Rolle bei Ingroup/Outgroup-Demarkationen besonders geeignet, die Struktur und Funktion von Emotionen in der Politik im Allgemeinen, besser zu verstehen. Eine weitere Hypothese des Projekts war, dass antagonistische politische Emotionen nicht nur mit Outgroup-Abgrenzung oder Feindschaft verbunden sind; vielmehr sind sie dynamisch mit prosozialen Funktionen und Emotionen verknüpft. Gemeinschaften, die antagonistische politische Emotionen realisieren, weisen unterschiedliche Arten von Gruppenbindung und Solidarität auf (exklusive oder inklusive), je nachdem, ob die Gemeinschaft um das Teilen aversiver Emotionen als solche (z. B. Hassgemeinschaften) oder um das Erreichen prosozialer politischer Ziele (z. B. gemeinsame Empörung angesichts moralischer Verstöße) aufgebaut ist. Das Projekt stützte sich methodologisch auf Phänomenologie, Philosophie der Emotionen und politische Philosophie, integrierte aber auch neueste empirische Studien aus den Sozialwissenschaften (insbes. soziale und politische Psychologie sowie Soziologie der Emotionen und politische Soziologie), um diese Hypothesen zu untermauern und folgende Forschungsfragen zu adressieren: Was macht Emotionen politisch? Ist es ihr öffentlicher Ausdruck, ihre Teilbarkeit oder ihre öffentliche Anerkennung als solche? Wie und von wem werden sie gefühlt? Warum tendieren gerade politische Gruppen, die antagonistische Emotionen teilen, überproportional dazu, isolierte "affektiven Enklaven" zu bilden und Gruppen-Demarkationen zu verstärken? Was ist die politische und normative Funktion antagonistischer Emotionen? Wann sind sie angemessene und wann unangemessene Reaktionen, und an welchen normativen bzw. affektiven Standards sollen wir dies messen? Ist Antagonismus wesentlich in die Natur politischer Emotionen als politische eingeschrieben, wie manche antiliberale politische TheoretikInnen oder postfundamentale Demokratie-TheoretikerInnen vermuten? Über diese konzeptionellen Fragen hinaus analysierte das Projekt auch eine Reihe konkreter Fallbeispiele antagonistischer politischer Emotionen und ihre Funktion in verschiedenen zeitgenössischen politischen Kontexten, wie etwa Ressentiment und Ressentiment und ihre Rolle im Ethno-Nationalismus und im Links- und Rechtspopulismus; Gefühle der Isoliertheit, und ihre Manipulation in Online-Gruppierungen wie den Incels; inklusive und exklusive Zugehörigkeitsgefühle im Kontext von Migration; negative Formen von Ingroup-Solidarität; kollektive und rassistische Formen von Hass; Empörung auf Social Media Plattformen oder die affektiven Dimensionen von religiösem oder politischen Eifer und Fanatismus.

Forschungsstätte(n)
  • University of Copenhagen - 100%

Research Output

  • 278 Zitationen
  • 33 Publikationen
Publikationen
  • 2026
    Titel For, Against, Together. Rethinking Antagonistic Political Emotions
    Typ Book
    Autor Lucy Osler (Lo)
    Verlag Cambridge University Press
    Link Publikation
  • 2024
    Titel El sentimiento de pertenencia y sus transformaciones en la emigracin: una aproximacin fenomenolgica a partir de un ensayo de Theodor Kallifatides
    DOI 10.3989/isegoria.2024.70.1427
    Typ Journal Article
    Autor Montes Sánchez A
    Journal Isegoría
  • 2020
    Titel See You Online
    DOI 10.5840/tpm20209069
    Typ Journal Article
    Autor Osler L
    Journal The Philosophers' Magazine
    Seiten 80-86
  • 2020
    Titel Political emotions
    DOI 10.4324/9781315180786-46
    Typ Book Chapter
    Autor Szanto T
    Verlag Taylor & Francis
    Seiten 478-494
  • 2022
    Titel Sacralizing Hostility
    DOI 10.4324/9781003119371-12
    Typ Book Chapter
    Autor Szanto T
    Verlag Taylor & Francis
    Seiten 184-212
  • 2022
    Titel The Affects of Populism
    DOI 10.1017/apa.2021.56
    Typ Journal Article
    Autor Tietjen R
    Journal Journal of the American Philosophical Association
    Seiten 284-302
    Link Publikation
  • 2021
    Titel ProAna Worlds: Affectivity and Echo Chambers Online
    DOI 10.1007/s11245-021-09785-8
    Typ Journal Article
    Autor Osler L
    Journal Topoi
    Seiten 883-893
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Epistemically exploitative bullshit: A Sartrean account
    DOI 10.1111/ejop.12810
    Typ Journal Article
    Autor Szanto T
    Journal European Journal of Philosophy
    Seiten 711-730
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Sociality and Embodiment: Online Communication During and After Covid-19
    DOI 10.1007/s10699-022-09861-1
    Typ Journal Article
    Autor Osler L
    Journal Foundations of Science
    Seiten 1125-1142
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Communing with the Dead Online: Chatbots, Grief, and Continuing Bonds
    DOI 10.53765/20512201.29.9.222
    Typ Journal Article
    Autor Krueger J
    Journal Journal of Consciousness Studies
    Seiten 222-252
    Link Publikation
  • 2022
    Titel “An illness of isolation, a disease of disconnection”: Depression and the erosion of we-experiences
    DOI 10.3389/fpsyg.2022.928186
    Typ Journal Article
    Autor Osler L
    Journal Frontiers in Psychology
    Seiten 928186
    Link Publikation
  • 2023
    Titel Expressive Avatars: Vitality in Virtual Worlds.
    DOI 10.1007/s13347-023-00628-5
    Typ Journal Article
    Autor Ekdahl D
    Journal Philosophy & technology
    Seiten 24
  • 2022
    Titel Empathy, togetherness, familiarity
    DOI 10.19079/metodo.10.1.145
    Typ Journal Article
    Autor Osler L
    Journal Metodo
    Seiten 145-178
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Introduction to the Philosophy of Fanaticism; In: The Philosophy of Fanaticism: Epistemic, Affective, and Political Dimensions
    Typ Book Chapter
    Autor Tietjen
    Verlag Routledge
    Link Publikation
  • 2022
    Titel On the Social Constitution of Fanatical Feelings; In: The Philosophy of Fanaticism: Epistemic, Affective, and Political Dimensions
    Typ Book Chapter
    Autor Tietjen
    Verlag Routledge
    Seiten 19
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Die Dialektik politischer Emotionalisierung und Entemotionalisierung
    DOI 10.14361/9783839452783-005
    Typ Book Chapter
    Autor Tietjen R
    Verlag Transcript Verlag
    Seiten 67-72
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Taking Watsuji online: betweenness and expression in online spaces
    DOI 10.1007/s11007-021-09548-7
    Typ Journal Article
    Autor Osler L
    Journal Continental Philosophy Review
    Seiten 77-99
    Link Publikation
  • 2023
    Titel Fear, Fanaticism, and Fragile Identities.
    DOI 10.1007/s10892-023-09418-9
    Typ Journal Article
    Autor Tietjen Rr
    Journal The journal of ethics
    Seiten 211-230
  • 2023
    Titel Feeling and performing 'the crisis': onthe affective phenomenology and politics of the corona crisis.
    DOI 10.1007/s11097-022-09877-9
    Typ Journal Article
    Autor Tietjen Rr
    Journal Phenomenology and the cognitive sciences
    Seiten 1-19
  • 2023
    Titel WTF?! Covid-19, indignation, and the internet.
    DOI 10.1007/s11097-023-09889-z
    Typ Journal Article
    Autor Osler L
    Journal Phenomenology and the cognitive sciences
    Seiten 1-20
  • 2023
    Titel Review of Matthew Ratcliffe, Grief worlds: a study of emotional experience, Cambridge, Massachusetts: the MIT Press, 2022
    DOI 10.1007/s11097-023-09933-y
    Typ Journal Article
    Autor Montes Sánchez A
    Journal Phenomenology and the Cognitive Sciences
  • 2021
    Titel Hass und die negative Dialektik affektiver Herabsetzung
    DOI 10.1515/dzph-2021-0035
    Typ Journal Article
    Autor Szanto T
    Journal Deutsche Zeitschrift für Philosophie
    Seiten 422-437
  • 0
    Titel Feelings of Belonging and Feeling Solidarity: Two Forms of Social Cohesion?; In: The Phenomenology of Belonging
    Typ Book Chapter
    Autor Szanto
    Verlag SUNY Press
  • 0
    Titel Affects and Emotions: Antagonism, Allegiance, and Beyond; In: Routledge Handbook of Political Phenomenology
    Typ Book Chapter
    Autor Osler
    Verlag Routledge
  • 0
    Titel For, Against, Together: Antagonistic Political Emotions
    Typ Book
    Autor Osler L.
    editors Osler L., Szanto T.
    Verlag Cambridge University Press
  • 0
    Titel El sentimiento de pertenencia y sus transformaciones en la emigracin: una aproximacin fenomenolgica a partir de un ensayo de Theodor Kallifatides ("The Feeling of Belonging and its Transformation in Emigration")
    Typ Journal Article
    Autor Alba Montes Sánchez
    Journal Special Issue of Isegoría: Desafección política y nuevos vínculos sociales (Political disaffection and new social bonds) edited by Gabriel Aranzueque Sahuquillo.
  • 0
    Titel Belonging Online: Rituals, Sacred Objects, and Mediated Interactions.; In: The Phenomenology of Belonging
    Typ Book Chapter
    Autor Osler
    Verlag SUNY Press
  • 0
    Titel Bullshit, Unaufrichtigkeit und epistemische Ausbeutung: Eine Relektüre von Sartres, Überlegungen zur Judenfrage.; In: Phänomenologie und Kritische Theorie
    Typ Book Chapter
    Autor Szanto
    Verlag Suhrkamp
  • 2021
    Titel Can it be or feel right to hate? On the appropriateness and fittingness of hatred
    DOI 10.2298/fid2103341s
    Typ Journal Article
    Autor Szanto T
    Journal Filozofija i drustvo
    Seiten 341-368
    Link Publikation
  • 2020
    Titel Why Should We Give a Damn? On Sharing Emotions
    Typ Journal Article
    Autor Szanto
    Journal The Philosopher
    Seiten 32-37
    Link Publikation
  • 2020
    Titel The Routledge Handbook of Phenomenology of Emotion
    Typ Book
    Autor Szanto
    Verlag Taylor & Francis Ltd
  • 2020
    Titel Religious zeal as an affective phenomenon
    DOI 10.1007/s11097-020-09664-4
    Typ Journal Article
    Autor Tietjen R
    Journal Phenomenology and the Cognitive Sciences
    Seiten 75-91
    Link Publikation
  • 2019
    Titel Feeling togetherness online: a phenomenological sketch of online communal experiences
    DOI 10.1007/s11097-019-09627-4
    Typ Journal Article
    Autor Osler L
    Journal Phenomenology and the Cognitive Sciences
    Seiten 569-588
    Link Publikation

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