Suizid-Berichterstattung im 19. Jahrhundert
Reporting on Suicide in the Nineteenth Century
Wissenschaftsdisziplinen
Medien- und Kommunikationswissenschaften (100%)
Keywords
- Werther effect,
- Content Analysis,
- Responsible Reporting On Suicide,
- Press,
- Nineteenth Century,
- Suicide
Im 19. Jahrhundert stiegen in vielen Ländern die Suizidraten dramatisch an. Dies trifft auch auf die geografische Region des heutigen Österreichs zu. Vor allem im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verstarben damals immer mehr Menschen an Suizid. Suizid wurde damals zum Massenphänomen. Wichtig für dieses Projekt ist, dass in der wissenschaftlichen Literatur wiederholt die Vermutung geäußert wurde, die Presse könnte zu diesem Anstieg beigetragen haben. Es ist jedoch äußerst schwierig diese Vermutung zu testen. Es gibt allerdings bereits erste Evidenz aus einer Vorstudie. Diese zeigte einen Zusammenhang zwischen der Quantität der Suizid-Berichterstattung und dem Verlauf der Suizidraten: Je häufiger die Presse über Suizid in einem Jahr berichtete, desto höher zeigte sich die Suizidrate in diesem Jahr. Obwohl ein derartiger statistischer Zusammenhang mit der Annahme von Presse-Effekten konsistent istein Phänomen, welches in der Forschung als Werther Effekt bezeichnet wird, fehlt bislang belastbare Evidenz. Aufbauend auf dieser Vorarbeit hat das vorliegende Projekt daher zwei Ziele: Erstens, das Projekt wird die erste groß angelegte Inhaltsanalyse der Suizid-Berichterstattung von österreichischen Tageszeitungen des neunzehnten Jahrhunderts durchführen: Wie hat die Presse über Suizid berichtet und hat sich die Suizid-Berichterstattung über die Zeit verändert? Die geplante Studie wird dadurch weltweit die erste ihresgleichen sein, welche unser historisches Wissen über die Suizid-Berichterstattung maßgeblich erweitern wird. Zweitens, das Projekt hat das Ziel, eine exaktere Analyse betreffend der Frage nach Presse-Effekten auf die Suizidrate zu ermöglichen. Die breite Datenbasis ermöglicht robustere Tests, welche verlässlichere Aussagen betreffend möglicher Werther-Effekte ermöglichen werden. Als interdisziplinäres Projekt, angesiedelt zwischen der Kommunikationswissenschaft und der Medizin/Public Health, wird eine quantitative Inhaltsanalyse der Suizidberichterstattung zwischen 1819 (ab diesem Jahr sind Suizidstatistiken verfügbar) und 1899 durchgeführt werden. Bisherige Forschung zum Werther Effekt und dem Konzept der verantwortungsvollen Suizid-Berichterstattung wird die Inhaltsanalyse theoretisch fundieren. Es wird vermutet, dass die Qualität der Suizid-Berichterstattung gering war und dass die Presse verstärkt auf eine sensationsträchtige Berichterstattung setzte. Im Speziellen wird vermutet, dass sich die Quantität der unverantwortlichen Berichterstattung unmittelbar vor dem Anstieg der Suizidrate erhöhte. Im Projekt werden betreffend dieser Fragen auch Zeitreihenanalysen angewendet, um mögliche langfristige Werther-Effekte identifizieren zu können. Das Projekt zielt dabei auf Innovationen hinsichtlich unseres historischen Verständnisses der Suizid-Berichterstattung ab. Zusätzlich wird versucht, zur gegenwärtigen Debatte über eine verantwortungsvolle Suizid- Berichterstattung (und den damit verbundenen Medien-Richtlinien, etwa der Weltgesundheitsorganisation) beizutragen.
Das Projekt "Suizidberichterstattung im Neunzehnten Jahrhundert: Inhaltsanalyse und Untersuchung von Langzeit-Werther Effekten", geleitet von Projektleiter Assoz. Prof. Dr. Florian Arendt, untersuchte die Entwicklung der Qualität journalistischer Suizidberichterstattung im Zeitverlauf. Mehr als 14.000 Suizidberichte wurden von siebzehn geschulten Kodierer:innen anhand eines Codebuchs analysiert, welches sich auf Merkmale der Suizidberichterstattung konzentrierte, die entweder Werther-Effekte (gefährliche Nachahmungseffekte) oder Papageno-Effekte (suizidpräventive Effekte) fördern können. Die Ergebnisse zeigen, dass Suizide in österreichischen Zeitungen des 19. Jahrhunderts in hohem Maße sensationsträchtig dargestellt wurden. Im Zeitverlauf nahm die Prominenz der Berichterstattung ebenso wie die Häufigkeit methodenbezogener und ortsbezogener Informationen sowie das Identifikationspotenzial für Leser stetig zu. Besonders deutlich stieg die Menge qualitativ minderwertiger Berichterstattung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an. Dieser Anstieg ging mit einer starken Zunahme an Suiziden einher und ging dieser Veränderung der Suizidrate zeitlich voraus. Die Studie liefert damit unterstützende Evidenz für einen langfristigen Werther-Effekt und untermauert die Annahme, dass die Qualität der Suizidberichterstattung Nachahmungseffekte auf gesellschaftlicher Ebene beeinflussen kann. Das Projekt zeichnet ein anschauliches und umfassendes Bild der Qualität der Suizidberichterstattung im 19. Jahrhundert, die in deutlichem Kontrast zu heutigen Berichterstattungspraktiken steht. Obwohl moderne Berichterstattung im Allgemeinen weniger sensationell und deutlich verantwortungsvoller ist, besteht weiterhin Verbesserungspotenzial - insbesondere hinsichtlich der Einbindung suizidpräventiver Elemente, etwa Berichte über Menschen, die eine suizidale Krise erfolgreich bewältigt haben. Die Ergebnisse stützen die Empfehlungen aktueller Medienleitlinien für verantwortungsvolle Suizidberichterstattung.
- Universität Wien - 100%
Research Output
- 7 Zitationen
- 9 Publikationen
- 1 Disseminationen
-
2023
Titel sj-docx-1-crx-10.1177_00936502221150315 - Supplemental material for A Longitudinal Dynamic Perspective on Quality in Journalism: Investigating the Long-Term Macro-Level Media Effect of Suicide Reporting on Suicide Rates Across a Century DOI 10.25384/sage.22347936 Typ Other Autor Mestas M Link Publikation -
2023
Titel Suicide of a Tenor Amidst the Stage Setting of the Werther Opera's Death Scene A Historical Case Report DOI 10.1027/0227-5910/a000842 Typ Journal Article Autor Mestas M Journal Crisis -
2022
Titel Suicide Reporting in the Nineteenth Century DOI 10.1080/13688804.2022.2153656 Typ Journal Article Autor Mestas M Journal Media History Seiten 305-320 -
2023
Titel A Longitudinal Dynamic Perspective on Quality in Journalism: Investigating the Long-Term Macro-Level Media Effect of Suicide Reporting on Suicide Rates Across a Century DOI 10.1177/00936502221150315 Typ Journal Article Autor Mestas M Journal Communication Research Seiten 927-951 Link Publikation -
2022
Titel Suicide Reporting in Austria in the Nineteenth Century and the Belle Époque - Investigating the Werther Effect Typ Other Autor Mestas -
2022
Titel Suicide Reporting in Austria in the Nineteenth Century and the Belle Époque - Investigating the Werther Effect Typ PhD Thesis Autor Manina Biermayer (Formerly Manina Mestas) Link Publikation -
2023
Titel Suicide Reporting in the Nineteenth Century DOI 10.6084/m9.figshare.21714871 Typ Other Autor Mestas M Link Publikation -
2022
Titel Celebrity Suicide of a Pre-World War I Spy. DOI 10.1027/0227-5910/a000762 Typ Journal Article Autor Arendt F Journal Crisis Seiten 112-118 -
2021
Titel Celebrity Suicide and Forced Responsible Reporting in the Nineteenth Century: Crown Prince Rudolf and the Absence of a Werther Effect DOI 10.1080/10410236.2021.1961972 Typ Journal Article Autor Mestas M Journal Health Communication Seiten 568-574 Link Publikation