Die illuminierten Handschriften des hohen Mittelalters
Illuminated Manuscripts from the High Middle Ages
Wissenschaftsdisziplinen
Kunstwissenschaften (100%)
Keywords
- Medieval Art,
- Illuminated manuscripts,
- 12th Century
Das 12. Jahrhundert ist die Epoche der Spaltleisteninitiale: Annähernd zeitgleich hat sie sich als dominierende Ausstattungsform für Bücher im gesamten lateinischen Europa durchgesetzt - man findet sie ebenso in Handschriften aus Portugal und Polen wie aus Schweden und Italien. Die überraschende Uniformität der spezifischen Grundform - gespaltene, durch Scharniere zusammengehaltene Buchstabenschäfte, aus denen knollen- oder palmettenbesetzte Rankenarme wachsen - machen sie zum markanten, überregional verständlichen Kennzeichen der Romanik, das in dieser Form nur durch intensive, persönliche Kontakte entstanden sein kann. Die Spaltleisteninitiale ist Merkmal einer hochstehenden Buchkultur, die von positivem Austausch, Vermittlung und Ausbildung zeugt, und von geistiger Erneuerung im damals vorgegebenen Rahmen. Getragen wurde die hochmittelalterliche Buchkultur in erster Linie von den Klöstern, die infolge von Reformen einen Aufschwung erlebten und durch Tochtergründungen nicht nur den christlichen Glauben, sondern auch ihre intellektuelle Kultur verbreiteten und verankerten. Es gehört zum Allgemeinwissen, dass sie die dafür notwendige Versorgung mit Kopien relevanter Texte selbst leisteten, idealerweise arbeitsteilig organisiert im klösterlichen Skriptorium. Doch nimmt man ein einzelnes Werk aus dieser Zeit in die Hand, ist durchaus nicht sicher, wann, wo und für wen es angefertigt wurde: Bücher wurden nicht nur geschaffen, um Informationen dauerhaft zu sichern, sondern auch, um Inhalte zu transportieren, und Entstehungszeit oder -ort sind nur ausnahmsweise vermerkt worden. Wenn die Bücher eine Ausstattung zumindest mit Zierinitialen erhalten haben - was verhältnismäßig häufig der Fall war - lassen sie sich jedoch mit kunsthistorischen Methoden ihrem historischen Entstehungsumfeld zuordnen und damit als Leistung einer bestimmten Region oder Produkt bestimmter historisch-kultureller Gegebenheiten würdigen. Dies erfordert allerdings erheblichen Forschungsaufwand, denn die beeindruckende Uniformität erschwert zugleich die Charakterisierung von lokalen Besonderheiten und Entwicklungstendenzen. Hinzukommt, dass Klöster auch über Ordensgrenzen hinweg bei der Buchherstellung zusammengearbeitet zu haben scheinen, dass also der Transfer nicht nur von Mutter- zu Tochterkloster oder von Benediktinerabtei zu Benediktinerabtei erfolgte, sondern auch zwischen einzelnen Häusern, für deren Kontakte diese Buchausstattungen häufig die einzigen erhaltenen Belege darstellen. Ziel des Projektes ist es deshalb einerseits, für einen definierten, repräsentativen Bestand dekorierter Handschriften - den der Universitätsbibliothek Graz - entsprechende Einordnungen vorzunehmen und damit Fixpunkte für weitere Zuordnungen zu schaffen. Zum anderen sollen, von dieser Handschriftengruppe ausgehend, die Funktionsweisen des Beziehungsgeflechtes untersucht werden, in dem Bücher im 12. Jahrhundert entstanden sind. Österreich mit seinen zahlreichen, vergleichsweise gut erhaltenen mittelalterlichen Klosterbibliotheken bietet hierfür die bestmöglichen Voraussetzungen, und es sind grundlegende Erkenntnisse zu erwarten, die in exemplarischer Form Auskunft über die hochmittelalterliche Buchproduktion in Europa - und damit über die materielle Seite des Wissenstransfers - geben.
Durch die im Projekt gewonnen Erkenntnisse kann erstmals ein anschauliches Bild der frühen Buchmalerei zentraler Klöster der Steiermark, Kärntens und Sloweniens gezeichnet werden. Mit der Untersuchung von Handschriften nicht nur aus Mitteleuropa, sondern auch aus süd- und westeuropäischer Produktion bietet der erstellte kunsthistorisch-kritische Katalog, der derzeit zur Drucklegung vorbereitet wird, wichtige Grundlagen für die Erforschung der Buchkultur im 12. und frühen 13. Jahrhundert. Durch stilistische Analyse konnten die hochmittelalterlichen Handschriften und Fragmente, die aus den Klöstern Seckau, St. Lambrecht, Millstatt, Neuberg an der Mürz, Ptuj (Pettau) oder Žiče (Seitz) in die Universitätsbibliothek Graz, die zweitgrößte öffentliche Handschriftensammlung Österreichs, gelangten, datiert und einem Entstehungsort oder einer Region zugeordnet werden. Hinsichtlich der aus dem Augustiner-Chorherren und -frauenkonvent Seckau überlieferten Handschriften lässt sich feststellen, dass in den ersten Jahrzehnten nach der Gründung des Stiftes im Jahr 1140 keine lokale Buchherstellung nachweisbar ist. Vielmehr erweisen sich jene Werke, die bislang als Zeugnisse einer frühen Seckauer Skriptoriumstätigkeit galten, als Importstücke aus Oberösterreich und Salzburg bzw. als Erzeugnisse, die unter Mitwirkung von in Salzburg ausgebildeten Buchmalern entstanden sind. Erst im dritten Viertel des Jahrhunderts zeichnet sich der Beginn einer eigenständigen Seckauer Produktion mit namentlich genannten Schreibern und einheitlich gestalteten Rankeninitialen ab. Der aus dem Benediktinerkloster St. Lambrecht stammende Bestand stellt sich in der Frühzeit als äußerst heterogen dar, jedoch konnten Stilgruppen mit künstlerischen Beziehungen zu Werken in Lambach, Seckau und dem süddeutschen Raum ermittelt werden. Erst im späten 12. und frühen 13. Jahrhundert ist eine profiliertere Produktion nachzuweisen. Die erhaltenen Werke, die teils aufgrund der Nennung des Klosterpatrons im Text direkt mit St. Lambrecht in Verbindung gebracht werden können, zeigen die Tätigkeit eines Skriptoriums mit mehreren Buchmalern und charakteristischem Formenvokabular. Für Werke, die nicht in St. Lambrecht oder Seckau entstanden sind oder aus anderen Klöstern in die Universitätsbibliothek gelangten, konnten stilistische Beziehungen zu Handschriften aus der Steiermark, Kärnten und Slowenien, Nieder- und Oberösterreich, Salzburg sowie Süd- und Südwestdeutschland gezeigt und ihr Entstehungskontext so bestimmt werden. Von den aus Italien und Frankreich stammenden Codices sind besonders vier im sogenannten "Channel-Style" gehaltene Glossenhandschriften des späten 12. Jahrhunderts sowie ein Fragment, das später als Einbandmaterial diente, hervorzuheben. Letzteres lässt sich dem sogenannten "Early Geometrical Style" zuordnen, einer von Rom ausgehenden Stilrichtung, die seit dem dritten Viertel des 11. Jahrhunderts bei der Gestaltung italienischer Riesenbibeln Verwendung fand.
- Universität Wien - 100%
Research Output
- 2 Publikationen
- 2 Disseminationen
- 2 Wissenschaftliche Auszeichnungen
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2025
Titel Libri Voravienses - Studien zur Bibliothek des Augustiner Chorherrenstiftes Vorau DOI 10.70638/bcns7200 Typ Book editors Renhart E, Csanády T Verlag Uni-Press Graz Verlag GmbH -
2026
Titel Ein bislang unbekanntes Werk des Pariser AlexanderMeisters und weitere in Frankreich ausgestattete Handschriften aus den ältesten Beständen der Wiener Dominikanerbibliothek; In: 800 Jahre Dominikaner in Wien Typ Book Chapter Autor Schuller-Juckes M. Verlag Aschendorff Verlag Seiten 281-300 Link Publikation
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2022
Link
Titel Participation in an activity, workshop or similar - Veronika Decker, Chair of the Session on 'Collecting manuscript cuttings in Germany' at the Symposium 'Fragmented Illuminations: Medieval and Renaissance Manuscript Cuttings at the V&A' in London (7 July, online) Typ Participation in an activity, workshop or similar Link Link -
2022
Link
Titel Veronika Decker, Chair of the Session on 'Collecting manuscript cuttings in Germany' at the Symposium 'Fragmented Illuminations: Medieval and Renaissance Manuscript Cuttings at the V&A' in London (7 July, online) Typ Participation in an activity, workshop or similar Link Link
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2025
Titel Invitation to give a paper at the international conference "Interdisciplinary manuscript research in Austria in the digital age". Symposion organised by the Austrian National Library, the Institute for Austrian Historical Research at the University of Vienna and the Department of Writing and Book Studies; 15 to 16 September 2025 Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2021
Titel Lecture: 'Stil und Formensprache in der mittelalterlichen Buchmalerei' Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad National (any country)