Barocke Tischlerarbeiten in österreichischen Bibliotheken
Baroque works of carpentry in Austrian libraries
Wissenschaftsdisziplinen
Kunstwissenschaften (60%); Philosophie, Ethik, Religion (15%); Soziologie (15%); Wirtschaftswissenschaften (10%)
Keywords
-
Carpentry,
Austrian,
Libraries,
Baroque
Bis heute gibt es keinen Gesamtkatalog über das österreichische Barockmobiliar. Der Grund dafür liegt nicht zuletzt darin, dass viele österreichische Adelsfamilien Schlösser und Palais nicht nur in Wien und im Umland der Residenzstadt, sondern auch in Ungarn, Böhmen, Mähren und andern Ländern der habsburgischen Krone besaßen. Entsprechend häufig waren Wohnortwechsel des Adels, wobei auch Mobiliar transloziert wurde. Hinzu kamen Veräußerungen und Zukäufe. All das hatte eine Durchmischung der Interieurs zur Folge, sodass die Provenienz vieler Möbelgarnituren in öffentlichen und privaten Sammlungen nicht mehr nachzuvollziehen ist. Für das Schreiben einer Stilgeschichte des Möbels sind solche Objekte nur bedingt tauglich. Deshalb ist es notwendig, von sakralen Tischlerarbeiten auszugehen, die meist in der unmittelbaren Nähe ihres heutigen Aufstellungsortes entstanden. Seit einigen Jahren erforsche ich solche Möbel, einen Teil der Ergebnisse präsentiere ich in einem Buch, das 2017 erschien. Momentan stelle ich einen zweiten Band fertig. Beide Bücher handeln vom Kirchenmobiliar sowie von Sakristei- und Schatzkammerschränken. Zudem gehen sie auf die Geschichte der Sakralmöbel, auf die Lebensverhältnisse von Handwerkern sowie auf eine Reihe anderer Fragestellungen ein. Nun müssen noch die Einrichtungen von österreichischen Klosterbibliotheken untersucht werden, deren Bau sich bei der Barockisierung der großen Benediktiner-, Zisterzienser- und Augustinerabteien als echte Herausforderung für Architekten erwies. Der Anspruch an die Qualität der Ausstattungen war ungemein hoch, wie die prachtvollen Fresken und prächtigen Möbel in den Räumen dokumentieren. Dennoch wurde bislang auf eine Gesamtübersicht über hiesige Klosterbibliotheken verzichtet. Viele sind noch immer unveröffentlicht, bei andern entschlüsselten Experten zwar die ikonographischen Programme, erwähnten aber nicht die Tischlerarbeiten. Wenn es dennoch entsprechende Hinweise gibt, sind sie zumindest teilweise korrekturbedürftig. Das geplante Forschungsprojekt wird auf der Analyse des bestehenden Denkmalbestandes und der Auswertung relevanter Schriftquellen basieren. Da das fest eingebaute Bibliotheksmobiliar keine Standortwechsel erfuhr, bildet es eine ideale Schnittstelle zwischen Sakralmöbeln und rein profanem Mobiliar, das mithilfe der untersuchten Referenzstücke in Zukunft ebenfalls bearbeitet werden kann. Erst wenn wir Klarheit über die regionalen Stilvarianten österreichischer Barockmöbel besitzen, wird es möglich sein, die hiesige Möbelbaukunst als Teil des Gesamtgeschehens in Mitteleuropa zu würdigen. Daneben wird die Studie neue Erkenntnisse beispielsweise im Hinblick auf barocke Raumschöpfungen, auf eventuelle ordensspezifische Ausstattungen sowie die auf Entwicklung bedeutender Inneneinrichtungen erbringen.
Die Provenienz vieler barocker Möbelgarnituren in österreichischem Besitz ist nicht mit Sicherheit zu bestimmen. Für das Schreiben einer Entwicklungsgeschichte des Möbels, die selbstverständlich Fragen nach der Herkunft der Tischlerarbeiten zu berücksichtigen hat, sind solche Inventarstücke nur bedingt tauglich. An enge Grenzen stößt man zudem bei dem Versuch, frühneuzeitliche Möbel in österreichischen Adelssitzen mit Hilfe von Schriftquellen nachzuweisen. Hierzulande sind zeitgenössische Inventareinträge über das Interieur in Schlössern, Palais und Villen inhaltlich meist dermaßen vage, dass eine Identifizierung bestimmter Objekte nur selten möglich ist. Und Verträge mit Tischlern, Rechnungen oder Nachweise über die Auftragsvergabe lassen sich ebenfalls nur in Ausnahmefällen auf bestimmte Möbelstücke beziehen. Einen Ausweg aus dieser misslichen Situation bietet nicht zuletzt die Beschäftigung mit Sakral- und Bibliotheksmöbeln. Sie befinden sich gewöhnlich in situ, ihre gestalterischen Charakteristika weisen auf regionale Unterschiede und zeitliche Besonderheiten hin. Oft liefert die Bauchronologie der Architekturen zusätzliche Hinweise zur Datierung der Einrichtungen, mitunter sind in den Klösterarchiven überdies noch bezügliche Archivalien vorhanden. Die Tischlerarbeiten in Kirchen und Bibliotheken verdichten sich daher zu einem Referenzsystem, das es ermöglicht, Kataloge profaner österreichischer Barockmöbel zu erstellen. Das war ein Desiderat der Kunstgeschichte und das übergeordnete Ziel meiner Recherchen. Das Forschungsprojekt über barocke Bibliotheken ist der Abschluss einer langjährigen Studie, die sich mit vormodernen Tischlerarbeiten in Österreich beschäftigt. Der erste Band mit Sakralmobiliar aus dem Osten des Landes wurde 2017 vom Böhlau Verlag publiziert, der zweite Band, der Mobiliar aus den übrigen Landesteilen präsentiert, erschien 2021 ebenfalls bei Böhlau. Das im April 2024 fertiggestellte Manuskript zu Bibliotheksinterieurs wird voraussichtlich Ende des Jahres 2024 mit dem Titel "Die ehemalige Hofbibliothek in Wien und österreichische Klosterbibliotheken" als Sonderband der Fachzeitschrift "Barockberichte" in Druck gehen. In der Untersuchung beschreibe ich nicht nur die Tischlerabeiten, sondern analysiere sie in Verbindung mit der architektonischen Gestaltung der Bibliothekssäle, die vielfach direkten Einfluss auf die Großform der Repositorien hatte. Als Nebenprodukt der Studie entstand ein Buch über den "Alltag von Tischlern in der Frühen Neuzeit" (Böhlau 2024).
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