Biographien in vernetzten Lebenswelten gestalten
Biographies in the making in a connected lifeworld
Wissenschaftsdisziplinen
Soziologie (100%)
Keywords
-
Social Media,
Biography,
Networked Lifeworld,
Visual Sociology,
Case Studies,
Interpretive Research
Kommunikation findet zunehmend in digitaler Form statt. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Gebrauch von Bildern in Sozialen Medien. Auf Facebook, WhatsApp, Instagram und anderen Plattformen werden Bilder hochgeladen, Profile zusammengestellt, alltägliche und besondere Momente unseres Lebens dokumentiert und mit anderen geteilt. Das Projekt erforscht, wie sich die Gestaltung von Lebensgeschichten durch neue Medien verändert. Ansatzpunkt des Forschungsteams ist das Konzept der Biographie. Aus soziologischer Sicht ist Biographie eine Form der sozialen Ordnung, die sich in modernen Gesellschaften seit dem 19. Jahrhundert entwickelt hat. Als Instanzen wie Kirche, Familie, Klasse oder Nation an Bedeutung für die Ordnung des eigenen Lebens verloren, wurden Erfahrungen und Erlebnisse im Verlauf des eigenen Lebens in Biographien zu einem sinnhaften und für Handlungen als Orientierung dienenden Zusammenhang verknüpft und mit gesellschaftlichen Umständen sowie anderen Generationen in Bezug gesetzt. Biographien wurden und werden auf unterschiedliche Art und Weise ausgedrückt und dadurch auch gebildet, etwa in Erzählungen, Tagebüchern, Briefen, Fotoalben, Bildercollagen, etc. Bisher wurden Biographien primär in Form von Erzählungen in Interviews oder Textdokumenten erforscht. Mit der Verbreitung von Smartphones mit Kameras und Social Media ist die Darstellung und Kommunikation von Lebensgeschichten jedoch verstärkt visuell, vernetzt und flüchtig geworden. Sie findet zunehmend auf Plattformen statt, die durch ihre Funktionsweisen die Gestaltung unserer Biographien wesentlich mit formen. Es stellt sich damit die Aufgabe, visuelle digitale Kommunikation in die Forschung miteinzubeziehen, um mögliche neue oder veränderte biographische Praktiken und Abläufe erforschen zu können. Ziele des Projekts sind es 1. festzustellen, wie Biographien in Sozialen Medien gestaltet werden und inwiefern Bilder dabei eine spezifische Rolle spielen; 2. zu verstehen, wie diese visuellen Biographien sich von Erzählungen in Interviews und von analogen Gestaltungsformen wie Fotoalben unterscheiden; und 3. zu analysieren, inwiefern es generationsspezifische Unterschiede in diesen Praktiken gibt. Dazu werden drei Mediengenerationen verglichen, deren Gebrauch von und Vertrautheit mit digitalen Medien unterschiedlich sind: 1420jährige, 3040jährige sowie über 60jährige. Zudem werden Vergleichsfälle internationaler Forschungspartner aus Brasilien und Griechenland herangezogen, um kulturelle Besonderheiten ermessen zu können. Wir führen mit den Teilnehmenden biographische Interviews, in denen sie ihre Lebensgeschichte erzählen, sowie auf Fotos fokussierte Interviews, in denen es darum geht, wie analoge und digitale Bilder im Leben unserer Interviewpartner*innen bedeutsam werden. Mit einem eigens entwickelten Analyseverfahren werden Interviews und Bildbestände systematisch verglichen und gegenübergestellt, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen erzählten und visuellen Biographien sowohl innerhalb als auch zwischen den verschiedenen Mediengenerationen festzustellen.
Die Untersuchung ging folgenden Fragen nach: Welche Möglichkeiten eröffnen sich durch Soziale Medien für biografische Gestaltungsprozesse? Wie unterscheiden sie sich von anderen bildlichen wie narrativen biografischen Darstellungen, aber auch, welche strukturellen Ähnlichkeiten und Ergänzungsverhältnisse sind zu erkennen? Sind Unterschiede zwischen verschiedenen Altersgruppen in verschiedenen Gesellschaften auszumachen? Es wurden drei verschiedene Altersgruppen miteinander verglichen: 14-19-Jährige, die mit Sozialen Medien aufgewachsen sind und jetzt in die Adoleszenz eintreten; 30-40-Jährige, die als die 'Pioniere' der Sozialen Medien gelten und gegenwärtig ein Leben als Erwachsene konsolidieren müssen; 60+-Jährige, die erst spät in ihrer Biografie mit der Nutzung Sozialer Medien begonnen haben und einer neuen Lebensphase entgegensehen. Insgesamt konnten 51 Personen für das Projekt gewonnen werden, 39 in Österreich und 12 in Brasilien, womit eine weitere Vergleichsebene ermöglicht wurde. Von allen Personen wurden Bilddaten aus Sozialen Medien gesammelt und im Vergleich zu analogen und digitalen Bildern, die im Rahmen von zwei bis drei Interviews pro Person dem Projekt zur Verfügung gestellt wurden, ausgewertet. Dabei haben wir Strategien entwickelt, mit großen Datenmengen im Rahmen einer hermeneutisch-rekonstruktiven Analyse umzugehen. Ein erstes Ergebnis bezieht sich auf die biografische Relevanz Sozialer Medien. Durch Posten und Kuratieren von Bildern vor allem auf Facebook und Instagram, zum Teil auch auf TikTok, entstehen Bildzusammenstellungen mit hoher biografischer Relevanz. Sie gewähren nicht nur Einblicke in das aktuell gelebte Leben der betreffenden Person, sondern auch in deren Umgebungen, Perspektiven auf sich selbst und ihre biografisch relevanten Orientierungen in einem lebensgeschichtlichen Verlauf. Im Vergleich der Altersgruppen wurde jedoch deutlich, dass sich die biografische Bedeutung Sozialer Medien nach Alter, Lebensphase und gesellschaftlichem Kontext in unserem Sample nicht prinzipiell unterscheiden. Die Altersgruppen übergreifenden Muster, in welcher Weise Soziale Medien in biografische Konstruktionsprozesse eingebettet sind, sind sehr viel stärker ausgeprägt als die Differenz zwischen den Altersgruppen. Im Ergebnis haben sich vier distinkte Muster herauskristallisiert: a) Soziale Medien als Bestandteil von Biografiecollagen, b) Soziale Medien als Arena zur Konstruktion alternativer Biografien zum gelebten Leben; c) Soziale Medien als Arena, in der in Konflikt stehende Lebensentwürfe parallel geführt werden können; d) Soziale Medien als sozialer Raum, in dem existentiell bedrohliche und verletzende biografische Erfahrungen bildlich bearbeitet werden. Insgesamt gesehen antworten Bildgestaltungen auf Sozialen Medien auf verschiedene biografische Orientierungsanforderungen im Prozess der Lebensgestaltung in medial besonderer Weise. Durch Bilder und ihre Zusammenstellungen können vor allem Ambivalenzen, Widersprüche, Emergentes und Unausgesprochenes bildsymbolisch gestaltet und damit auch biografische Denkräume (Breckner 2018; 2021) eröffnet werden. Denn Bilder und ihre Zusammenstellungen sind fragmentarischer als Narrationen, polysemisch und lassen Übergegensätzlichkeiten (Imdahl 1994) zu. Das ermöglicht, mit Bildern an den offenen Stellen von Biografien im imaginativen Raum zu 'arbeiten'. Dies wird vor allem in gesellschaftlichen Transformationsprozessen relevant, in denen auch die biografischen Zukunftsentwürfe unwägbar, bisherige Vorstellungen zum Verlauf des eigenen Lebens fraglich oder gar erschüttert werden.
- Universität Wien - 100%
- Hermilio Santos, Pontifícia Universidade Católica do Rio Grande do Sul - Brasilien
- Michael R. Müller, Technische Universität Chemnitz - Deutschland
- Giorgos Tsiolis, University of Crete - Griechenland
Research Output
- 1 Zitationen
- 7 Publikationen
- 2 Wissenschaftliche Auszeichnungen
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2021
Titel Challenges of Hermeneutical Image Interpretation. Visual Segment Analysis as Way to Explore Visual Meaning Typ Other Autor Roswitha Breckner -
2021
Titel Bildbiografien in vernetzten Lebenswelten; In: Begegnen, Bewegen und Synergien stiften - Transdisziplinäre Beiträge zu Kulturen, Performanzen und Methoden DOI 10.1007/978-3-658-33632-5_11 Typ Book Chapter Verlag Springer Fachmedien Wiesbaden -
2021
Titel Sozialwissenschaftliche Analysen von Bild- und Medienwelten DOI 10.1515/9783110613681 Typ Book editors Breckner R, Liebhart K, Pohn-Lauggas M Verlag De Gruyter -
2021
Titel 1 Iconic mental spaces in Social Media. A methodological approach to analysing visual biographies; In: Sozialwissenschaftliche Analysen von Bild- und Medienwelten DOI 10.1515/9783110613681-001 Typ Book Chapter Verlag De Gruyter -
2022
Titel Social media as a means of visual biographical performance and biographical work DOI 10.1177/00113921221132518 Typ Journal Article Autor Breckner R Journal Current Sociology Seiten 661-682 Link Publikation -
2020
Titel Herausforderungen hermeneutischer Bildinterpretation. Visuelle Segmentanalyse als ein Weg zur Erschließung bildlichen Sinns; In: Interpretative Sozial- und Organisationsforschung. Methodologie und Methoden, Ansätze und Anwendungen in Wien Typ Book Chapter Autor Roswitha Breckner Verlag Beltz Juventa Seiten 18 -
2020
Titel Sinngestalten von Bildern. Kurze Antworten auf drei komplexe Fragen; In: Kritik der Hermeneutischen Wissenssoziologie Typ Book Chapter Autor Roswitha Breckner Verlag Beltz Juventa Seiten 11
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2023
Titel BMT Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2021
Titel VP Typ Awarded honorary membership, or a fellowship, of a learned society Bekanntheitsgrad Continental/International