Ideentransfers durch “Expert Clearing Houses” in Wien
“Expert Clearing Houses” in Vienna as Transfer Hubs of Ideas
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (100%)
Keywords
-
IIASA,
Transformation period,
East-West Exchange,
Vienna,
IWM,
Cold War
Während des Kalten Krieges nahm Österreich als neutraler Staat eine Sonderposition ein, da es keinem der beiden ideologischen Blöcke angehörte. Nicht zuletzt aus diesem Grund wurden daher in der Bundeshauptstadt Wien Institute gegründet, die Treffen sowie Zusammenarbeit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern über die ideologischen Systemgrenzen von Kommunismus und Kapitalismus hinweg ermöglichen sollten. An diesen Instituten arbeiteten ebenso und Experten an gemeinsamen Projekten, um Lösungen für globale Probleme und Herausforderungen zu finden. Unter anderem geschah diese Zusammenarbeit am Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA), das im Jahr 1972 in Laxenburg bei Wien gegründet wurde, und am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM), das es seit dem Jahr 1982 in Wien gibt. Auch nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Wandel vieler ehemals kommunistischer ostmitteleuropäischer Staaten zu demokratisch-kapitalistischen Staaten ab dem Jahr 1989 wurden diese Kontakte und Treffen fortgesetzt. Das Forschungsprojekt Ideentransfers durch "Expert Clearing Houses" in Wien untersucht, wie sich konkret an diesen beiden Instituten der Austausch gegensätzlicher politischer und wirtschaftlicher Konzepte gestaltet hat und welche Langzeitwirkungen dieser für Politik und Wirtschaft in der letzten Phase des Kalten Krieges und für den Wandel ab 1989 hatte: Welche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nahmen daran teil? Welche Themen wurden diskutiert? Welche Lösungen wurden gefunden und wie wurden diese von Politikerinnen und Politikern aufgenommen beziehungsweise umgesetzt? Welchen Einfluss hatten die Expertenmeinungen auf die Gestaltung der Wirtschaft nach 1989? Wie wirkten sich diese Kontakte zwischen den Expertinnen und Experten auf den Wandel, der ab 1989 stattfand, aus? Das Forscherteam, das unter Leitung von Universitätsprofessor Oliver Rathkolb am Institut für Zeitgeschichte der Universität an diesem Projekt arbeitet, stützt sich auf die Annahme, dass dieser Ideenaustausch der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den westlichen Staaten wie in den Ostblockstaaten Einfluss auf Politik und Wirtschaft hatte. Anhand der Analyse von noch unbekannten Archivquellen und Interviews mit den teilnehmenden Expertinnen und Experten erfolgt die Forschungsarbeit.
Das Forschungsprojekt untersuchte die Rolle Wiens als Knotenpunkt für den Expertenaustausch zwischen Ost und West in der Spätphase des Kalten Krieges und konzentrierte sich dabei auf das Internationale Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) und das Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM). Das IIASA wurde Anfang der 1970er Jahre im Zuge der Entspannung zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion als internationale wissenschaftliche Einrichtung gegründet und widmete sich insbesondere den Naturwissenschaften. Das IWM, das ein Jahrzehnt später auf Initiative des polnischen Philosophen Krzysztof Michalski entstand, war hingegen in den Geistes- und Sozialwissenschaften verwurzelt und ermöglichte einen intellektuellen und akademischen Austausch auf individueller Ebene - auch für Systemgegner:innen aus dem Osten. Das Projekt untersuchte den Ideenaustausch an beiden Instituten sowie die Profile der dort tätigen (Gast-) Wissenschaftler:innen. Es untersuchte, wie politische und wirtschaftliche Ideen in den 1980er Jahren ausgetauscht und übertragen wurden, und analysierte die Auswirkungen dieser Interaktionen auf Entscheidungsprozesse, Entscheidungsträger:innen und wirtschaftliche Entwicklungen in den 1990er Jahren. Zur Beantwortung der Forschungsfragen führte das Team Archivrecherchen, eine Netzwerkanalyse sowie eine Reihe vertiefender Interviews durch. Die Sichtung des IIASA-Archivs war hierbei zentral, um die Gründung, Entwicklung und wissenschaftlichen Aktivitäten des Instituts nachzuvollziehen und jene Wissenschaftler:innen zu identifizieren, die dort tätig waren. Im Fall des IWM mussten zunächst Teile des Archivs erschlossen werden, um Einblicke in den wissenschaftlichen Austausch am Institut sowie die dort aktiven Personen zu gewinnen. Auf Grundlage dieser Recherchen erstellte das Team einen Datensatz mit über 700 Personen, die zwischen 1980 und 1990 als Stipendiat:innen, feste Mitarbeiter:innen oder Gastwissenschaftler:innen am IIASA und IWM tätig waren. Für die Analyse dieses Datensatzes kooperierte das Team mit FAS Research. Die daraus resultierende Netzwerkanalyse veranschaulichte die Struktur und Dynamik der wissenschaftlichen Netzwerke an beiden Institutionen und machte zentrale Muster der Zusammenarbeit sichtbar. Ergänzend dazu wurden - ausgehend vom Datensatz - ausgewählte Interviews durchgeführt, um den Ideenaustausch sowie die Auswirkungen auf die jeweiligen beruflichen Laufbahnen näher zu beleuchten. Als Ergebnis zeigte das Projekt, dass der Ideentransfer auf mehreren Ebenen stattfand und zu unterschiedlichsten Resultaten führen konnte. Darunter befanden sich Initiativen zu einer Universitätsreform, die Etablierung neuer wissenschaftlicher Einrichtungen und Forschungsmethoden sowie die Entstehung neuer wirtschaftlicher Denkweisen. Der Austausch konnte aber auch zur Gründung privater Unternehmen beitragen sowie die Entwicklung von Medien, politischen Bewegungen und Parteien beeinflussen.
- Universität Wien - 100%
Research Output
- 3 Disseminationen
- 1 Wissenschaftliche Auszeichnungen
-
2021
Titel speech about the research project Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad National (any country)