Normenbezogenes klangliches Wissen im Heavy Metal
Norm-Related Sonic Knowledge in Heavy Metal Culture
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (70%); Kunstwissenschaften (15%); Rechtswissenschaften (15%)
Keywords
-
Cultural History,
Graz,
Normative Sonic Knowledge,
Metal Music Studies,
Styria,
Case Study
Im Jahr 1980 veröffentlichte die britische Band Judas Priest auf dem Album British Steel den Song Breaking the Law. Er wurde zu einer Hymne, welche die Identität von Heavy Metal ausdrückte für MusikerInnen, Fans und GegnerInnen. Im Text zu dem Stück spielt der Rechtsbruch die zentrale Rolle. Für den arbeitslosen Protagonisten wird der Gesetzesbruch zu einem probaten Mittel, um auf seine Situation hinzuweisen und zugleich seine individuelle Identität auszudrücken. Er sieht das Recht als eine zutiefst konservative und ihn lähmende Institution. Durch den Bruch mit diesen Normen erreicht er Aufmerksamkeit, Identität, sein persönliches Empowerment. Der Song, heute als stilbildend und identitätsstiftend für den Heavy Metal der 1980er-Jahre betrachtet, nutzte somit eine bestimmte Vorstellung von Recht, Rechtsbruch und der kulturellen Einstellung zu beidem, um überhaupt erst das Phänomen Heavy Metal greifbar zu machen. Schon an diesem einem Beispiel lässt sich zeigen, dass solche Vorstellungen von Recht, Gerechtigkeit, dem Umgang und Bruch von (Rechts-)Normen, in der Geschichte von Metal eine wichtige Rolle spielten. Dennoch gibt es bisher keine einschlägige Forschung, die gezielt danach fragt, ob und wenn ja, welche Rolle sie genau in lokalen Szene-Geschichten spielten. Besonders für die Zeit seit den 1980er-Jahren, die oft als das goldene Zeitalter des Heavy Metal bezeichnet wird und die stilistische Auffächerung und globale Verbreitung der Musik mit sich brachte, ist diese derzeitige Forschungslücke zu schließen. Dies ist der Ausgangspunkt des Projekts. Sein Ziel ist es, eine erste wissenschaftliche Geschichte der lokalen und regionalen Metal-Szene in Graz und der Steiermark, auch in ihren nationalen und internationalen Vernetzungen seit den 1980er-Jahren, zu schreiben. Dabei kommt der genannten Forschungslücke erkenntnisanleitende Funktion zu. Es wird erforscht, ob und wenn ja, welche Rolle Vorstellungen von Recht und Rechtsbruch, von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, als Szene- Gesetze in der Geschichte der steirischen Szene spielten. Hierin kommen Methoden aus der Kulturgeschichte, der Musikwissenschaft sowie der Semiotik und Rechtswissenschaft in einem interdisziplinären Team integral zum Einsatz. So werden zentral Oral History-Interviews mit älteren und jüngeren Szene-Mitgliedern (Fans, MusikerInnen, InhaberInnen von Veranstaltungslokalen etc.) geführt. Zugleich sind die textlichen (etwa Liedtexte oder Musikjournale), semiotischen (etwa Plattencover) und musikanalytischen Aspekte (in der musikwissenschaftlichen Analyse einschlägig thematisierter Heavy Metal-Songs und -Alben) integral in die Analyse miteinzubziehen. Die Originalität und Neuartigkeit des Projekts liegt also darin, erstmals mit den Methoden, welche die jüngsten theoretischen Forschung der Kulturgeschichte, der Musikwissenschaft, der Semiotik sowie Rechtswissenschaften hervorbrachte, eine regionale und lokale Geschichte einer Heavy Metal-Szene zu erforschen, und dabei insbesondere darauf abzuzielen, die historische Rolle von Vorstellungen von Recht- und Rechtsbruch, sowie der Einstellung in dieser Subkultur zu (Rechts- )Normen, zu ergründen.
Die Geschichte des Heavy-Metal-Klassikers "Breaking the Law" von Judas Priest (1980) ist paradigmatisch für das Projekt. Im Text des Songs spielt das Brechen von Gesetzen die zentrale Rolle. Schon dieses eine Beispiel zeigt, dass Themen wie Recht, Gerechtigkeit und Moral in der Geschichte von Metal eine wichtige Rolle spielen. Dennoch mangelte es an einschlägiger Forschung, die gezielt nach solchen Aspekten in der Geschichte lokaler Metalszenen fragte. Das übergeordnete Ziel des Projekts war, eine Geschichte der Metalszene in Graz und der Steiermark seit den 1980er Jahren zu schreiben - dabei wurde die genannte Forschungslücke für diese Szene geschlossen. Die Projektergebnisse zeigen, dass sich die Geschichte der steirischen Metalszene in drei Phasen einteilen lässt. Auf eine Pionierphase zwischen 1980 und 1990, in der die ersten Grundstrukturen der Szene (Jugendzentren, Bands, Vermarktungsnetzwerke, Studios etc.) entstanden, folgte eine Phase der Pluralisierung (1990 bis 2000), in der neue Metal-Substile wie Thrash, Death und Black Metal an Einfluss gewannen. Seit 2000 ist die steirische Metalszene durch den radikalen Transformationseffekt der Digitalisierung (z.B. in der Vermarktung und Produktion von Musik) geprägt. Die wichtigsten Resultate lassen sich in drei Punkten zusammenfassen, die durchgängig in allen Phasen galten. Erstens war die steirische Szene engstens mit den sie umgebenden sozialen und rechtlichen Strukturen verwoben. Alle großen historischen Entwicklungen und Krisen (z.B. die Umweltbewegung der 1980er-Jahre, die Endphase des Kalten Krieges, die Jugoslawienkriege der 1990er-Jahre und zuletzt die Covid19-Pandemie) wurden im sterischen Metal verarbeitet. Zweitens trug das liberal-demokratische Rechtssystem und die staatlich geförderte steirische Kunst- und Kulturpolitik (etwa in Form öffentlicher Förderung von Metalclubs und Jugendzentren) wesentlich zur Entwicklung der individuellen Charakteristik der Szene bei. Drittens waren Recht, Gerechtigkeit und moralisch richtiges Verhalten ständige Themen des steirischen Metals. Kritisches Denken, Selbstbestimmung und Freiheitsstreben wurden zu zentralen Werten der Szeneidentität. Diese Resultate tragen auf mehreren Ebenen zur Weiterentwicklung des Forschungsfeldes bei. Zum einen handelt es sich um die ersten umfassenden Erkenntnisse zur Rolle des Rechts in der Geschichte einer Heavy-Metal-Szene. Zweitens wird dem Fehlen geschichtswissenschaftlicher Forschung zu Metal begegnet. Drittens wird durch die dichte Erforschung der steirischen Metalszene dem Bedarf nach intensiverer Erforschung der lokalen Aspekte des Metal Rechnung getragen.
- Universität Graz - 100%
- Anna-Katharina Höpflinger, Universität Graz , nationale:r Kooperationspartner:in
- Karl Spracklen, Leeds Beckett University - Vereinigtes Königreich
- Niall Scott, University of Central Lancashire - Vereinigtes Königreich
Research Output
- 10 Publikationen
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0
Titel Is Metal (Sill) a Subculture? Typ Journal Article Autor Pichler Journal Metal Music Studies -
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Titel To the sources! On historical source criticism in metal studies: concert flyers, album covers, and band T-shirts Typ Journal Article Autor Pichler Journal Popular Music History -
2022
Titel "Breaking the Law...?" On the Role of Law and Legal References in the Cultural History of the Heavy Metal Scene in Styria since 1980 Typ Journal Article Autor Pichler Journal Austrian Law Journal Seiten 159-179 Link Publikation -
2022
Titel "Breaking the Law ?" On the Role of Law and Legal References in the Cul-tural History of the Heavy Metal Scene in Styria since 1980 DOI 10.25364/01.9:2022.2.3 Typ Other Autor Pichler P Link Publikation -
2024
Titel Is metal (still) a subculture? Considerations from the perspective of cultural history Typ Journal Article Autor Pichler Journal Metal Music Studies Seiten 369-377 -
2024
Titel The Law of the Metal Scene: An Interdisciplinary Discussion Typ Book Autor Pichler Peter Verlag Kohlhammer -
2024
Titel To the sources! On historical source criticism in metal studies: concert flyers, album covers, and band T-shirts Typ Journal Article Autor Pichler Journal Popular Music History Seiten 54-77 -
2024
Titel Breaking the Law?: Recht, Moral Und Klang in Der Steirischen Heavy-Metal-Szene Seit 1980 Typ Book Autor Pichler Peter Verlag Kohlhammer -
2021
Titel Living Sonic Knowledge in South-Eastern Austria:; In: Living Metal - Metal Scenes around the World DOI 10.2307/j.ctv36xvw6k.11 Typ Book Chapter Verlag Intellect Books -
2021
Titel „Breaking the Law…!?“ Zur Rolle von Recht und Rechtsbezug in der Kulturgeschichte der steirischen Heavy Metal-Szene seit 1980 (''Breaking the Law...!?' on the Role of Law and Legal References in the Cultural History of the Styrian Heavy M DOI 10.2139/ssrn.3958280 Typ Preprint Autor Pichler P