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Theorie, Praxis und Konsequenzen der Operativen Psychologie

Theory, practice and consequences of Operative Psychology

Martin Wieser (ORCID: 0000-0002-5881-8775)
  • Grant-DOI 10.55776/P33103
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.07.2020
  • Projektende 31.12.2024
  • Bewilligungssumme 302.841 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Philosophie, Ethik, Religion (50%); Psychologie (50%)

Keywords

    Disintegration, Political traumatization, History of Psychology, Operative Psychology, History of the GDR, Psychological Torture

Abstract Endbericht

PR-Kurzfassung Theorie, Praxis und Konsequenzen der Operativen Psychologie (P 33103) Projektleitung: Ass.-Prof. Dr. Dr. Martin Wieser, martin.wieser@sfu-berlin.de Von 1965 bis 1990 wurde an der Juristischen Hochschule in Potsdam, der geheimen Ausbildungsstätte für Offiziere des Ministeriums für Staatssicherheit in der DDR ein Fach gelehrt, das offiziell niemals existierte: Die Operative Psychologie. Über ein Dutzend Mitarbeiter, viele von ihnen hatten zuvor Psychologie in der DDR studiert, beforschten und lehrten im Auftrag der Staatssicherheit inmitten des kalten Krieges Methoden zur Identifikation und Überwachung feindlich-negativer Kräfte (z. B. oppositionell aktiver Personen), zur operativen Feindbekämpfung (z.B. die berüchtigten Methoden der Zersetzung), Methoden des Verhörs sowie Methoden zum Gewinn von Inoffiziellen Mitarbeitern. Viele tausend Seiten operativ-psychologischer Lernhefte und Studienmaterialien sind heute im Bundesministerium für die Stasi-Unterlagen archiviert, die einst von den Mitarbeitern des Lehrstuhls über viele Jahre hinweg angefertigt wurden. Dieses Projekt fragt erstmals auf wissenschaftshistorischer Ebene nach den psychologischen Begriffe, Theorien und Modellen, die die wissenschaftshistorische Wurzel der Operativen Psychologie bilden, und wie sich deren Einfluss über die Dauer der Existenz des Lehrstuhls für Operative Psychologie hinweg verändert hat. Neben den wissenschaftshistorischen Quellen und der institutionellen Entwicklung der Operativen Psychologie werden in diesem Projekt auch die (bis heute sichtbaren) Konsequenzen politischer Verfolgung in der DDR aus einer psychologisch-biographischen Perspektive beforscht. Mit Unterstützung von in Berlin ansässigen Beratungsstellen für politisch Verfolgte werden biographische Einzel- und Gruppeninterviews mit Personen durchgeführt, die von operativen Maßnahmeplänen betroffen waren. Ihnen soll im Rahmen der qualitativen Forschung die Möglichkeit gegeben werden, ihre persönliche Sicht auf traumatisierende und konflikthafte Ereignisse, auf Ohnmacht und Schuld, aber auch auf Ermächtigung, Solidarität und Widerstand sichtbar zu machen, um nicht nur als passives Opfer, sondern auch als Akteur der eigenen Geschichte sichtbar zu werden. Die Synthese aus wissenschaftshistorischer und biographischer Forschungsmethoden stellt nicht nur ein Novum im Kontext des bisher wenig beforschten Komplexes der Operativen Psychologie dar, sondern zielt auch darauf ab, einen Beitrag zu den oft kontrovers und emotional geführten Diskussionen um die Erinnerungskultur im wiedervereinigten Deutschland zu leisten. Durch eine Untersuchung der historischen Wurzeln, der theoretischen, institutionellen und praktischen Strukturen als auch den psychosozialen Konsequenzen von politischer Verfolgung in der DDR soll auch ein Beitrag zum Verständnis der gegenwärtigen Auswirkungen von politischer Traumatisierung erarbeitet werden.

Das Forschungsprojekt "Theorie, Praxis und Konsequenzen der Operativen Psychologie" wurde unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Dr. Martin Wieser mit Unterstützung von zwei Projektmitarbeitenden und zwei studentischen Hilfskräften an der Sigmund Freud PrivatUniversität von Juli 2020 bis Dezember 2024 durchgeführt. Im Zentrum des Projekts standen die theoretischen Grundlagen, die institutionelle Entwicklung und die praktischen Konsequenzen der "Operative Psychologie" in der DDR und danach. Dieses Lehr- und Forschungsgebiet wurde 1965 an der Geheimen Juristischen Hochschule Potsdam, der größten Ausbildungsstätte des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, eingerichtet und bestand bis Anfang 1990. Auf Grundlage umfangreicher Recherchen im Stasi-Unterlagen-Archiv und Universitätsarchiven sowie der Analyse publizierter Schriften zur DDR-Geschichte rekonstruierte das Projektteam die Entstehung und Entwicklung psychologischen Wissens im Kontext des Geheimdienstes der DDR und die zentralen Aufgabengebiete der Mitarbeiter des Lehrstuhls für Operative Psychologie. Als wichtigste Themenkomplexe wurden die Auswahl und Führung von Hauptamtlichen Mitarbeitern, die Anwerbung und Anleitung von Informanten, die Planung und Durchführung von Vernehmungen und die Unterwanderung und Zerschlagung oppositioneller Gruppen herausgearbeitet. Mehrere tausend Seiten an Lern- und Schulungsheften, Diplomarbeiten und Dissertationen, Personalakten sowie Interviews mit ehemaligen Angehörigen des Geheimdienstes dokumentierten den Versuch, psychologisches Wissen im Geheimdienst zu systematisieren, Fehlerquellen in der "operativen" Arbeit zu analysieren und die Arbeit des Geheimdienstes effektiver zu gestalten. Parallel zur Archivrecherche wurden über 60 biographische und themenzentrierte Interviews mit Zeitzeug:innen aus der ehemaligen DDR geführt, um die bis in die Gegenwart hineinreichenden Konsequenzen der staatlichen Repression aus Sicht der Betroffenen in die Analyse mit einfließen zu lassen. Mit dem Konzept der "sequentiellen Traumatisierung" wurde eine kontextualisierte und historische Perspektive auf psychisches Leid eingeführt. Innerhalb dieses Rahmens wurde die Aktualität und das konflikthafte Erleben der Öffnung des Stasi-Archivs, des Ringens um finanzielle Entschädigung und öffentliche Anerkennung des anhaltenden Leids durch politische Verfolgung nach 1989 sichtbar. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts wurden in wissenschaftlichen Zeitschriften, Sammelbänden sowie einer Wanderausstellung in den Räumen der ehemaligen Juristischen Hochschule (welche heute von der Fakultät für Psychologie der Universität Potsdam genutzt wird), veröffentlicht. Neben Vorträgen auf wissenschaftlichen Fachkonferenzen wurden die Ergebnisse des Forschungsprojekts in öffentlichen Veranstaltungen zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte sowie Rundfunkbeiträgen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht (siehe https://psychologie.sfu-berlin.de/de/forschung/operative-psychologie/). Wissenschaftsethische und praktische Konsequenzen aus dem Forschungsprojekt ergeben sich nicht nur in Bezug auf die Reflexion der moralischen Dimension psychologischen Handelns in einem diktatorischen System, sondern auch für die psychologische Unterstützung von Betroffenen staatlicher Verfolgung und Repression in der Gegenwart.

Forschungsstätte(n)
  • Sigmund Freud Priv. Univ. - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Bettina Bertram, Bürgerbüro - Deutschland
  • Detlef Gwosc, Sigmund Freud Universität Berlin - Deutschland
  • Dieter Dombrowski, Sonstige - Deutschland
  • Stefan Trobisch-Lütge, Sonstige - Deutschland
  • Robert Seckler, Universität Potsdam - Deutschland
  • Andreas Maercker, University of Zurich - Schweiz

Research Output

  • 1 Zitationen
  • 12 Publikationen
  • 1 Policies
  • 1 Künstlerischer Output
  • 5 Disseminationen
  • 2 Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 1 Weitere Förderungen
Publikationen
  • 2025
    Titel Zur Regulation des Aussageverhaltens. Operative Psychologie, oppositioneller Widerstand und die widersprüchliche Modernisierung der DDR; In: Wissensgeschichte des Verhaltens - Interdisziplinäre Perspektiven
    DOI 10.1515/9783110740813-024
    Typ Book Chapter
    Verlag De Gruyter
  • 2024
    Titel Zersetzung Historische und biografische Perspektiven auf nicht-strafrechtliche Repressionsmaßnahmen in der DDR
    DOI 10.21706/tg-18-2-112
    Typ Journal Article
    Autor Hotopp H
    Journal Trauma & Gewalt
  • 2024
    Titel DDR intersektional? Biografische Annäherungen an feministische, jüdische und migrantische Perspektiven auf die Deutsche Demokratische Republik
    Typ PhD Thesis
    Autor Sippel, Charlotta
  • 2024
    Titel Sequenzen der Verfolgung Kontexte und Spätfolgen von politischen Repressionserfahrungen in der DDR und danach
    DOI 10.30820/0171-3434-2024-2-13
    Typ Journal Article
    Autor Hotopp H
    Journal psychosozial
  • 2022
    Titel Politics and Ideology in the History of Psychology: Stratification Theory in Germany; In: The Palgrave Handbook of the History of Human Sciences
    DOI 10.1007/978-981-16-7255-2_48
    Typ Book Chapter
    Verlag Springer Nature Singapore
  • 2022
    Titel Instrumentalisierung der Psychologie in derDDR? Eine wissenschaftshistorische, gesellschaftspolitische undfachethische Einordnung
    DOI 10.1026/0033-3042/a000589
    Typ Journal Article
    Autor Maercker A
    Journal Psychologische Rundschau
  • 2023
    Titel Politik und Ideologie in der Geschichte der Psychologie. Beiträge zu einer psychologischen Diktaturforschung.
    Typ Postdoctoral Thesis
    Autor Wieser, Martin
  • 2021
    Titel IM-Arbeit und das Problem der "Verbrüderung": Überlegungen zum Verhältnis von Norm und Praxis der Operativen Psychologie; In: Psychologie als Instrument der SED-Diktatur. Theorien - Praktiken - Akteure - Opfer
    Typ Book Chapter
    Autor Wieser
    Verlag Hogrefe
    Seiten 127-143
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Operative Psychologie Zur Gründung und Entwicklung eines Lehrstuhls an der Juristischen Hochschule des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR
    DOI 10.30820/0171-3434-2022-3-23
    Typ Journal Article
    Autor Wieser M
    Journal psychosozial
  • 2022
    Titel Editorial Psychologie, Repression und Aufarbeitung: Widersprüchliche Erinnerungen an die DDR
    DOI 10.30820/0171-3434-2022-3-5
    Typ Journal Article
    Autor Sippel C
    Journal psychosozial
  • 2020
    Titel "Talk to Each Other-But How?" Operative Psychology and IM-Work as "Micro-Totalitarian Practice"; In: Mind Reading as a Cultural Practice
    DOI 10.1007/978-3-030-39419-6_10
    Typ Book Chapter
    Verlag Springer International Publishing
  • 2020
    Titel Über das ‚Messer des Chirurgen‘ und ‚unangefochtene Inseln der Auslesearbeit‘: Skizze einer Genealogie der psychologischen Moral
    DOI 10.1007/978-3-658-29486-1_7
    Typ Book Chapter
    Autor Wieser M
    Verlag Springer Nature
    Seiten 141-161
Policies
  • 2021
    Titel Legal policy on the definition of "disintegration activities" in Germany
    Typ Citation in other policy documents
Künstlerischer Output
  • 2024 Link
    Titel Traveling exhibition at University of Potsdam
    Typ Artistic/Creative Exhibition
    Link Link
Disseminationen
  • 2021
    Titel Public lecture at Halle-Forum "Operative Psychologie - Psychologie im Auftrag der Staatssicherheit"
    Typ A talk or presentation
  • 2023 Link
    Titel Podcast in Deutschlandfunk
    Typ A broadcast e.g. TV/radio/film/podcast (other than news/press)
    Link Link
  • 2021
    Titel Public colloquium on the history and consequences of political persecution in the GDR
    Typ A talk or presentation
  • 2020
    Titel Public lectures on the "Instrumentalization of Psychology in the GDR"
    Typ A talk or presentation
  • 2024 Link
    Titel Traveling exhibition at University of Potsdam
    Typ Participation in an activity, workshop or similar
    Link Link
Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 2021
    Titel Invitation to speak at "Halle-Forum"
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad Regional (any country)
  • 2019
    Titel Invitiation to join DGPs-commission on the history of psychology in the GDR
    Typ Awarded honorary membership, or a fellowship, of a learned society
    Bekanntheitsgrad National (any country)
Weitere Förderungen
  • 2024
    Titel DRÜBEN! UND DANN? Berichte vom Ankommen in West-Berlin
    Typ Capital/infrastructure (including equipment)
    Förderbeginn 2024
    Geldgeber Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt

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