Der Musikerinnennachlass als Gedächtnis-Speicher
The Musician´s Estate as Memory Storage
Wissenschaftsdisziplinen
Kunstwissenschaften (100%)
Keywords
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Professional Identity,
Women Musicians,
Composers,
Gender,
Estate,
Functional Memory
Mit der Anerkennung der Geschichts- und Biographiewürdigkeit von berühmten Musikern und Komponisten im Laufe des 19. Jahrhunderts gewann auch die Erhaltung und Pflege ihrer Nachlässe zunehmend an Relevanz. Dies führte sowohl seitens der Wissenschaft als auch im öffentlichen Diskurs in Folge zu einer verstärkten schriftlichen Auseinandersetzung mit der Thematik, wobei die bürgerlichen Ideale und Werte der Zeit den Rahmen entscheidend mitbestimmten. Das seither vorherrschende Bild vom schöpferisch tätigen Musiker geht dabei mit einem beinahe ausschließlich männlich konnotierten Geniebegriff einher. Zugleich bildete sich eine spezifische Gruppenidentität der Musikschaffenden sowie deren permanente Präsenz im sogenannten Funktionsgedächnis (nach Aleida Assmann) heraus, was Auswirkungen auf den musikalischen Kanon zeitigt. Musikalisch schöpferisch tätige Frauen dagegen erlangten zunächst meist nur einen Platz im passiveren Speichergedächtnis vorausgesetzt, ihre jeweiligen Nachlässe wurden als bewahrungswürdig eingestuft, was als die grundlegende Voraussetzung jeder Überlieferung zu betrachten ist. Als materialisierte Erinnerungen vermögen Nachlässe auf der Basis ihrer Zusammensetzung Hinweise darauf zu geben, was für ihre früheren EigentümerInnen wichtig war. Der aktuell gängigen Annahme folgend, dass Erinnerungen in der Herausbildung eines (professionellen) Selbst eine essentielle Rolle spielen, kann ein zentraler Vorgangbeobachtet werden: Die allmähliche Herausbildungeinesspezifischen Funktionsgedächtnisses des weiblichen musikalischen Professionalismus führt, nach männlichem Vorbild, wechselseitig zur verstärkten Bewahrung von Nachlässen wie auch zur Produktion autobiographischer Schriften, die beide als Gedächtnis-Speicher fungieren. So wird eine Interaktion etabliert, deren Auswirkungen wiederum allmählich in die Diskussionen und Bewertungen weiblicher Kreativität eindringen, die ihrerseits das individuelle und kollektive Gedächtnis beeinflussen. Um diese Entwicklungen zu erforschen, werden die Nachlässe von sechs ausgewählten Musikerinnen bzw. Komponistinnen von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart untersucht und in Hinblick auf ihre spezifischen Strukturen und Inhalte sowie den jeweiligen Erhaltungszustand miteinander verglichen. Auch die autobiographischen Schriften der ausgewählten Protagonistinnen werden dabei miteinbezogen, da sie hier als bewusst gestalteter Teil ihres Vermächtnisses verstanden werden: Luise Adolpha Le Beau, Ethel Smyth, Mary Dickenson-Auner, Elly Ney, Grete von Zieritz und deren Tochter, Hedi Gigler-Dongas. Damit stehen die Generationen vom langen 19. Jahrhundert bis in die Postmoderne in Großbritannien, Deutschland und Österreich im Fokus, sodass zusätzlich konkrete Einsichten in die Besonderheiten der Dynamik während der Zeit des Nationalsozialismus zu erwarten sind.
Auf Grundlage der Nachlässe und autobiographischen Schriften von sechs ausgewählten Musikerinnen bzw. Komponistinnen untersuchte das Projekt die Voraussetzungen und Implikationen der performativen Etablierung eines spezifischen Funktionsgedächtnisses (A. Assmann) des weiblichen musikalischen Professionalismus nach männlichem Vorbild. Die herangezogenen Fallbeispiele - Luise Adolpha Le Beau, Ethel Smyth, Mary Dickenson-Auner, Elly Ney, Grete von Zieritz und deren Tochter, Hedi Gigler-Dongas - erlaubten entsprechende Einblicke in aufeinanderfolgende Generationen vom langen 19. Jahrhundert bis in die Postmoderne mit Fokus auf Österreich, Deutschland und Großbritannien. Der reichhaltige Nachlass der 2017 verstorbenen Geigerin und Violinpädagogin Gigler-Dongas wurde hierbei erstmals ausgewertet und bildete sowohl auf individueller Ebene als auch unter familiären Gesichtspunkten in Verbindung mit Zieritz einen der wesentlichen Eckpfeiler des Projekts. Auch Selbstzeugnisse wie Briefe und Tagebücher bestätigten sich als höchst bedeutsame Quellen für die Fragestellung, so etwa hinsichtlich Ethel Smyths, die bereits angesichts der Fülle ihrer veröffentlichten Schriften als wesentlicher Referenzpunkt innerhalb der exemplarisch untersuchten Musikerinnen diente. Bei der Analyse des insgesamt sehr umfangreichen Materials fokussierte das Projekt zentral auf die zu erwartenden reziproken Auswirkungen des besagten graduellen Wandels, der sich auf individueller Ebene u.a. in Form eines beruflich geprägten Nachlassbewusstseins manifestiert. In einer Reihe von wissenschaftlichen Veranstaltungen, Vorträgen und Publikationen wurden (und werden) die Zusammenhänge dieses Wandels mit Fragen des Archivs, der Musikhistoriographie und des Kanons sowie die implizit gegenderten Muster ästhetischer Wertungen untersucht, die im fachlichen wie öffentlichen Diskurs bis in die Gegenwart nachwirken. Somit trägt das Projekt auch zu einem besseren Verständnis von gesellschaftlich tief verankerten kulturellen Prozessen bei. Auf der Ebene der einzelnen Fallbeispiele bilden sich die identifizierten Gemeinsamkeiten zwischen den exemplarisch untersuchten Musikerinnen insgesamt weniger in geteilten Netzwerken ab als über sich wiederholende Strategien und Muster der Selbst(re)präsentation, beispielsweise in Gestalt bereits etablierter Topoi autobiographischen Schreibens oder durch die Schaffung von professionellen Personae. Entsprechende Spuren finden sich auf schriftlicher, visueller und auch materieller Ebene. So konnte etwa an den zeitlich am weitesten auseinanderliegenden Beispielen von Le Beau und Gigler-Dongas gezeigt werden, wie sich die materielle Ebene des Nachlasses vielfach mit der Selbstrepräsentation der Bestandsbildnerin in deren nach außen gerichteten autobiographischen Schriften verschränkt. Über eine rein erinnerungsstützende Funktion hinaus ermöglicht diese mitunter multiple Verschränkung, a) den jeweiligen Aufzeichnungen greifbare Belege ihrer Glaubwürdigkeit an die Seite zu stellen sowie b) als Medium der Vermittlung einer konkreten Botschaft und der Kommunikation eines aus persönlichen Erfahrungen erwachsenen professionellen Selbstbildes an die Mit- wie auch Nachwelt zu fungieren. Als besonders fruchtbarer Ansatz erwies sich zudem der vergleichende Blick auf die Handlungsspielräume, Netzwerke und strategischen Positionierungen der Protagonistinnen in den Jahren der beiden Weltkriege bzw. vor allem während des NS-Regimes sowie der Zeit nach dessen Sturz, woran mit vergleichendem Blick auf die zu jenen Phasen aktiven, bereits besser erforschten männlichen Künstler weitere Forschungen anschließen sollen.
Research Output
- 2 Publikationen
- 5 Disseminationen
- 3 Wissenschaftliche Auszeichnungen
- 5 Weitere Förderungen
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2023
Titel Ein Hippokratischer Eid für die Musik. Beruf und Berufung in den Schriften der Violinistin Hedi Gigler-Dongas DOI 10.1553/virus21s177 Typ Journal Article Autor Krucsay M Journal VIRUS - Beiträge zur Sozialgeschichte der Medizin -
2022
Titel Das Netzwerk als Medium der Selbstverortung: Ego-Dokumente, Musikleben und Cultural Turn; In: Drehscheibe Graz. Musikkulturelle Verbindungen im 19. Jahrhundert. DOI 10.56560/isbn.978-3-7011-0534-2-04 Typ Book Chapter Verlag Leykam Universitätsverlag
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2022
Link
Titel Event: "Composing Life Writings - Ethel Smyth und Virginia Woolf" Typ Participation in an activity, workshop or similar Link Link -
2024
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Titel Newspaper report Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview Link Link -
2022
Link
Titel Presentation of the project at the "Tag der Geschlechterforschung" Typ Engagement focused website, blog or social media channel Link Link -
2023
Link
Titel "Minoritäre Archive: Erinnern und Erzählen", Roundtable at the University of Music and Performing Arts Graz (January 2023) Typ A formal working group, expert panel or dialogue Link Link -
2024
Link
Titel "Maskenspiele und Rollenbilder: Performativität und Auto_Biographie", devised and organised as a special workshop of the Research Group "Auto_Biography - De_Reconstructions" of the Center Interdisciplinary Gender Studies Innsbruck (CGI), University of Music and Performing Arts Graz (April 2024) Typ A formal working group, expert panel or dialogue Link Link
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2024
Titel "Sonder-Sammlungen? Kanon, Nische und kulturelles Gedächtnis". Invited lecture at "Steirischer Archivtag 2024: Archive und Musikwissenschaft", Styrian Provincial Archives (October 2024) Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Regional (any country) -
2024
Titel "Object(ive)s of Memory. Tracing Professionalism in Female Musicians' Estates". Invited lecture at the international musicological conference "Transcending Traditional Roles. Female Musicians on the Path to Artistic Freedom", Research Centre of the Slovenian Academy of Sciences and Arts, Ljubljana (November 2024) Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2023
Titel "Substrat der Erinnerung: Der Musikerinnennachlass als Gedächtnis-Speicher". Invited lecture at the conference "Femmes musicales - Frauen in der Musik des 19. Jahrhunderts", Brucknerhaus Linz (October 2023) Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad National (any country)
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2023
Titel Symposium "Out of the Box! Vom Archiv in die Musikgeschichte" Typ Capital/infrastructure (including equipment) Förderbeginn 2023 Geldgeber Marfan Foundation -
2023
Titel Symposium "Out of the Box! Vom Archiv in die Musikgeschichte" Typ Capital/infrastructure (including equipment) Förderbeginn 2023 Geldgeber Mariann Steegmann Foundation -
2024
Titel Proceedings "Out of the Box: Vom Archiv in die Musikgeschichte" (printing cost subsidy) Typ Capital/infrastructure (including equipment) Förderbeginn 2024 Geldgeber Mariann Steegmann Foundation -
2023
Titel Symposium "Out of the Box! Vom Archiv in die Musikgeschichte" Typ Capital/infrastructure (including equipment) Förderbeginn 2023 -
2023
Titel Symposium "Out of the Box! Vom Archiv in die Musikgeschichte" Typ Capital/infrastructure (including equipment) Förderbeginn 2023 Geldgeber Stadt Graz Amt der Bürgermeisterin