Reaktionen von Töpfern auf lokale Bedürfnisse
Potter’s Reactions to Local Demands
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Naturwissenschaften (40%); Geschichte, Archäologie (40%); Soziologie (20%)
Keywords
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Empowerment,
Pottery Studies,
Local Agency,
Indigenous Communities,
Cultural Entanglements
Ab dem 8. Jh. v. Chr. machten sich Griechen und Phönizier im Zuge der sogen. Großen Kolonisation auf, um entlang der Küsten Siziliens und Süditaliens neue Siedlungen zu gründen. Dies hatte nachhaltige Auswirkungen auf die Bevölkerungsgruppen , die dort seit alters lebten. Nach ersten Kontakten mit griechischen und phönizischen Neusiedlern kam e s oftmals zum Austausch von Waren und Gütern sowie zum Transfer von Moden. Die neuen Formen des kulturellen Austausches und Kontaktes eröffneten in den Siedlungen der Alteingesessenen neue Möglichkeiten der lokalen Gruppen- und Identitätsbildung verbunden mit Prozessen sozialer Hierarchisierung und lokaler Machtbildung, wie sie in der Vorkontaktzeit nicht möglich gewesen waren. Es sind solche sozialen Prozesse der Transformation, die das Projekt im Spiegel der Reaktionen von lokalen Töpfern auf neue Bedürfnisse in indigenen Bevölkerungsgruppen untersucht. Den Ausgangspunkt bilden drei binnenländische Siedlungsplätze : der Monte Iato in Westsizilien sowie Ascoli Satriano und Ripacandida in Süditalien. Aufgrund der ganz unterschiedlichen ethno- und topographischen Einbettungen, sind die drei indigenen Siedlungen ökonomisch, sozial und kulturell ganz verschiedenartig strukturiert. Entsprechend unterschiedlich sind auch die Veränderungsprozesse verlaufen und haben deshalb zu divergierenden Reaktionen im jeweils lokalen Töpferhandwerk geführt . Und genau diesen divergierenden Dynamiken und Verflechtungen zwischen Kulturkontakt, sozialem Wandel und lokalen Töpfern gilt es innerhalb der drei indigenen Siedlungsgemeinschaften nachzugehen. Mittels einer besonderen geochemischen Methode zur Bestimmung der Zusammensetzung und Herkunft von Tonpasten, die zur Produktion von tönernen Gefäßen verwendet wurden mittels der sogen. Neutronenaktivierungsanalyse soll in einem ersten Schritt unter all den Scherben von Tongefäßen, die an den drei Siedlungsplätzen gefunden wurden, das Spektrum der jeweils lokalen Töpferware ermittelt werden. Dadurch lässt sich schließlich herausfinden, welche neuen Gefäßformen für welche neuen Konsumbedürfni sse in die traditionellen Gefäßformen-Repertoires der jeweils lokalen Töpferproduktionen aufgenommen worden waren. Welche neuen Technologien wurden dabei aus den griechischen und phönizischen Küstenstädten übernommen? In einem zweiten Schritt soll auf der Basis archäologischer Kontext- und Kulturanalyse danach geforscht werden, in welchen alten und neuen sozialen Milieus der drei indigenen Siedlungsgemeinschaften diese neuen Töpferwaren neben den traditionellen Gefäßen zu welchen spezifischen Zwecken eingesetzt worden waren? Welche Formen neuer kultureller Gewohnheiten werden dadurch im Zusammenspiel mit welchen althergebrachten Bräuchen angezeigt? Und was sagt dies über Prozesse der sozialen und kulturellen Differenzierung innerhalb der drei indigenen Siedlungen aus? Die Antworten auf all diese Fragen werden in einem dritten Schritt zwischen den dre i Siedlungsplätzen systematisch miteinander verglichen. Ziel ist es, auf diesem Weg im Kontrastlicht der Unterschiedlichkeiten die Konturen zu einer neuen Theorie über die Reaktionen von lokalen Töpfern beim Eintritt indigener Gesellschaften in koloniale Kontaktzonen umso schärfer nachzeichnen zu können.
Ab dem 8. Jh. v. Chr. kann für den antiken Mittelmeerraum ein zunehmende Vernetzung nachgewiesen werden, die den Auswirkungen der modernen Globalisierung ähnelte. Diese Vernetzung umfasste den Austausch von Waren, Techniken und Ideen, die in unterschiedlichem Maße von lokalen Gemeinschaften übernommen, verändert oder auch abgelehnt wurden. Das Projekt untersuchte, wie die Interaktionen zwischen den griechischen und phönizischen kulturellen Netzwerken die Produktion von Keramik und die sozialen Dynamiken der indigenen Gemeinschaften in Südostitalien und Westsizilien vom 7. bis zum 4. Jh. v. Chr. beeinflusste. Keramik kommt als kulturellen Artefakten hierbei eine besondere Rolle zu, da mit ihrer Hilfe tiefere Einblicke in lokale Traditionen und den Umgang von Gesellschaften mit externen Einflüssen gewonnen werden können. Zu diesem Zweck wurden drei archäologische Stätten mit unterschiedlichen sozialen Strukturen und verschiedenen Graden der Integration in die Welt des Mittelmeers betrachtet: Monte Iato in Westsizilien, Ascoli Satriano in Nordapulien und Ripacandida in der Ostbasilikata. Mit der Neutronenaktivierungsanalyse, einer naturwissenschaftliche Methode zur Bestimmung der chemischen Zusammensetzung von Tonpasten, wurden rund 600 Keramikproben untersucht, um so das jeweils lokale Produktionsspektrum zu identifizieren. Die Ergebnisse zeigen erhebliche Unterschiede darin, wie lokale Töpfer in diesen Gemeinschaften auf externe kulturelle Einflüsse und technologische Trends reagierten. So ist am Monte Iato bereits im 6. Jh. v. Chr. eine äußerst vielfältige Keramikproduktion zu beobachten, die einerseits griechische und phönizische Einflüsse aufnahm, andererseits aber auch lokale Traditionen beibehielt und sogar neu erfand. Ein Wechselspiel also, dass auf den Balanceakt zwischen der Übernahme kosmopolitischer Trends und der Bewahrung lokaler Identität hinweist. Im Gegensatz dazu blieb die Keramikproduktion in Ascoli Satriano trotz der frühen Präsenz importierter griechischer Gefäße noch länger der traditionellen Sphäre verhaftet. Eine signifikante Veränderung trat hier erst im 4. Jh. v. Chr. auf, als die lokale Herstellung von griechisch inspirierter rotfiguriger Keramik eine stärkere Integration in überregionale Netzwerke widerspiegelte. In Ripacandida hingegen blieb der externe Einfluss auf die Keramikproduktion minimal, obwohl auch hier stellenweise griechisches Geschirr genutzt wurde. Im größeren Zusammenhang legen diese Ergebnisse nahe, dass die Keramikproduktion eng mit der sozialen Organisation der lokalen Gesellschaften und dem Grad ihrer Einbindung in die Netzwerke des Mittelmeers verbunden war. In Monte Iato spiegelt die Vielfalt der Keramikstile elitäre Machtstrategien zur Verhandlung von Status wider, die kosmopolitische und traditionelle Elemente ausbalancierten. Der verspätete Wandel in Ascoli Satriano fällt mit einer Phase zunehmender sozialer Komplexität zusammen, während Ripacandidas Widerstand gegen fremde Stile auf eine isoliertere und weniger stark geschichtete Gesellschaft hindeutet. Schlussendlich zeigt das Projekt, dass die Herstellung von Keramik kulturellen Austausch und die sozialen Strukturen und Brüche derjenigen Gemeinschaften reflektiert, in der sie stattfand. Der Grad der Integration externer Einflüsse scheint dabei eng mit der Einbindung der Siedlungen in transregionale Netzwerke und den Machtverhältnissen innerhalb ihrer Gesellschaft verbunden zu sein.
- Universität Innsbruck - 100%
- Richard Posamentir, Eberhard-Karls-Universität Tübingen - Deutschland
Research Output
- 12 Zitationen
- 6 Publikationen
- 1 Methoden & Materialien
- 3 Datasets & Models
- 4 Disseminationen
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2023
Titel Mirroring Mediterraneanization: Pottery production at Archaic Monte Iato, Western Sicily (6th to 5th century BCE) DOI 10.1016/j.jasrep.2023.104111 Typ Journal Article Autor Riehle K Journal Journal of Archaeological Science: Reports Seiten 104111 Link Publikation -
2023
Titel Neutron activation analysis in Mediterranean Archaeology: current applications and future perspectives. DOI 10.1007/s12520-023-01728-1 Typ Journal Article Autor Kistler E Journal Archaeological and anthropological sciences Seiten 25 -
2023
Titel Mitteilungen Des Deutschen Archaologischen Instituts, Romische Abteilung: Band 128, 2022 Typ Book Autor Figura Federico Verlag Romisch-Germanisches Zentralmuseum -
2022
Titel Produzione ceramica nella Ascoli Satriano preromana (FG): un approccio archeometrico Typ Conference Proceeding Abstract Autor Mommsen H Konferenz 42° Convegno Nazionale sulla Preistoria - Protostoria - Storia della Daunia Seiten 186-198 Link Publikation -
2021
Titel Local Potter’s reactions. Three case studies from southern Italy and Sicily DOI 10.1016/j.jasrep.2021.103182 Typ Journal Article Autor Riehle K Journal Journal of Archaeological Science: Reports Seiten 103182 -
2021
Titel Zur Provenienz von Fundkeramik aus der Nekropole von Ripacandida (PZ) - Die Ergebnisse der Neutronenaktivierungsanalyse (NAA); In: Gesellschaft und Wirtschaft im archaischen Süditalien. Ein Modell zu Identität und Hexis, ausgehend von Ripacandida und weiteren binnenländischen Gemeinschaften Typ Book Chapter Autor K. Riehle Verlag Dr. Ludwig Reichert Verlag Link Publikation
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0
Titel Improved archaeometric-archaeological data calibration Typ Improvements to research infrastructure
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2023
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Titel NAA raw data Monte Iato DOI 10.5281/zenodo.14856336 Typ Database/Collection of data Öffentlich zugänglich Link Link -
2021
Link
Titel NAA raw data Ascoli Satriano, Monte Iato, Ripacandida DOI 10.5281/zenodo.14856166 Typ Database/Collection of data Öffentlich zugänglich Link Link -
2006
Link
Titel The Bonn Archaeometry Database Typ Database/Collection of data Öffentlich zugänglich Link Link
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2023
Titel Workshop Typ A talk or presentation -
2022
Titel Lunch lecture Typ A talk or presentation -
2023
Link
Titel Storymap (English) Typ Engagement focused website, blog or social media channel Link Link -
2023
Link
Titel Storymap (german) Typ Engagement focused website, blog or social media channel Link Link