Verbrannte Menschenknochen als Schlüssel zur Bronzezeit
Unlocking the secrets of cremated human remains
Wissenschaftsdisziplinen
Biologie (20%); Geowissenschaften (20%); Geschichte, Archäologie (60%)
Keywords
-
Cremation,
Gender,
Bronze Age,
Mobility,
Temporality,
Austria
In der Spätbronzezeit (ca. 1300800 v. Chr.) spiegeln große Friedhöfe mit mehreren hundert Bestattungen einen neuen Umgang mit den Toten wider: die Brandbestattung. Die neue Bestattungsart, ein dramatischer Zuwachs an Gräbern und die Ausdehnung der Siedlungsgebiete in neue Landschaften deuten auf einen Bevölkerungsanstieg hin, der möglicherweise mit Bevölkerungsbewegungen zusammenhängt. Bis vor kurzem wurde das Verständnis der geografischen Herkunft und Mobilität der Menschen in der späten Bronzezeit durch eingeschränkte Analysemethoden für verbrannte Knochen erschwert. Durch neue bioarchäologische Methoden wie die Strontiumisotopenanalyse können nun Einheimische von Zugewanderten unterschieden und individuelle Mobilität sowie Bewegung von Gruppen untersucht werden. Zudem wurden neue Techniken der Alters- und Geschlechtsbestimmung sowie der Datierung verbrannter menschlicher Überreste entwickelt. Sie bieten neue Möglichkeiten, rituelle Praktiken und individuelle Lebensgeschichten zu rekonstruieren, um in weiterer Folge geschlechtsspezifische Mobilität und Familienbeziehungen zu erforschen. Frauen könnten durch Ehe- und Verwandtschaftsnetzwerke eine wichtige Rolle bei der Gestaltung spätbronzezeitlicher Gesellschaften gespielt haben. Dieses interdisziplinäre Projekt untersucht erstmals in Österreich, ob 1.) die Einführung der Brandbestattung zu Beginn der Spätbronzezeit eine lokale Entwicklung war oder von Neuankommenden ausgelöst wurde; 2.) die Bestattung der verbrannten Überreste unmittelbar nach der Verbrennung stattfand oder ob Vorfahren über längere Zeit kuratiert wurden; 3.) geschlechtsspezifische Migrationsmuster entdeckt und erklärt werden können, und 4) gemeinsam bestattete Individuen in derselben oder einer unterschiedlichen Umgebung aufwuchsen. Angewandte Methoden umfassen Strontiumisotopenanalysen menschlicher Überreste und Umweltreferenzproben zur Identifizierung lokaler und nicht-lokaler Individuen; osteologische Alters- und Geschlechtsbestimmung von verbrannten menschlichen Überresten, Zahnzementanalysen sowie archäologische Alters-, Geschlechts- und Statusanalysen anhand von Grabbeigaben, um die Schnittpunkte von Identitätskategorien und Mobilität zu verstehen. Die über 1000 Bestattungen der Gräberfelder Getzersdorf, Inzersdorf, Franzhausen-Kokoron und Statzendorf im Traisental umfassen die gesamte Spätbronzezeit bis in die frühe Eisenzeit (ca. 1300600 v. Chr.). Um soziale Veränderungen während dieser Zeit zu verfolgen, wird durch die Kombination von Artefakt-basierten und Radiokarbondatierungen ein wissenschaftlich abgesicherter chronologischer Rahmen für die Spätbronzezeit geschaffen. Die in diesem Projekt gewonnenen Daten werden unser Wissen über rituelle Praktiken, geschlechterspezifische Mobilität und soziale Beziehungen in der späten Bronzezeit in Niederösterreich erheblich erweitern und ein Bündel dringend benötigter Methoden weiterentwickeln, um die Geheimnisse verbrannter menschlicher Überreste zu entschlüsseln.
Große Brandgräberfelder mit mehreren hundert Bestattungen spiegeln eine neue Form des Umgangs mit den Toten in der Spätbronzezeit wider. Bislang haben die begrenzten Analysemethoden für verbrannte menschliche Überreste unser Verständnis der geografischen Herkunft und Mobilität der Menschen behindert. In diesem Projekt haben wir neue Techniken zur Schätzung von Alter und Geschlecht entwickelt und modernste Analysetechniken wie Strontiumisotopenanalyse, Radiokohlenstoffdatierung, CT-Scanning, Zahnzementanalysen und histologische Ansätze auf kremierte menschliche Überreste angewendet. Die Studie basiert auf den Gräberfeldern von St. Pölten, Unterradlberg, Getzersdorf, Inzersdorf, Franzhausen-Kokoron und Statzendorf im niederösterreichischen Traisental und umfasst über 1.000 Bestattungen, die den gesamten Zeitraum von der späten Bronzezeit bis zur frühen Eisenzeit (ca. 1400-450 v. Chr.) umfassen. Wir sammelten osteologische Daten von allen menschlichen Bestattungen, untersuchten Tier- und Pflanzenreste und analysierten 429 Proben für die Strontiumisotopenanalyse und 128 Proben für die Radiokohlenstoffdatierung. Dadurch ergaben sich neue Einsichten zu ritueller Praktiken und individuellen Lebensgeschichten sowie zur Untersuchung der geschlechtsspezifischen Mobilität und der Familienbeziehungen in der Spätbronzezeit. Wir fanden heraus, dass der Übergang von der Mittel- zur Spätbronzezeit im Traisental alles andere als einheitlich war und sowohl gut abgegrenzte frühe Urnenbestattungen in Gruben als auch Brandbestattungen in körpergroßen Gräbern unter Grabhügeln umfasste. Die anschließende chronologische Entwicklung war durch einen Wandel in der Bestattungspraxis gekennzeichnet, weg von Beigaben, die zusammen mit dem Körper auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden, hin zur Deponierung von unbestatteten Beigaben im Grab. Es gab nur wenige Hinweise auf ortsfremde Personen, die möglicherweise zur Einführung der Brandbestattungssitte im Traisental beigetragen haben könnten. Wir fanden nur wenige Personen, die im Traisental bestattet wurden und nicht dort aufgewachsen sind. Wir fanden jedoch einen Wandel in der Landnutzung, da während der gesamten Spätbronzezeit sowohl in den tiefer gelegenen als auch in den höher gelegenen Gebieten des Tals Nahrung angebaut wurde. Geschlechtsspezifische Migrationsmuster konnten daher nicht festgestellt werden, wenngleich wir bei Kindern und weiblichen Individuen eine etwas höhere lokale Mobilität feststellen. Um festzustellen, ob die Deponierung der verbrannten menschlichen Knochen unmittelbar nach der Verbrennung erfolgte oder ob die Überreste über eine längere Zeit aufbewahrt wurden, nahmen wir, wo immer möglich, mehr als eine Datierungsprobe pro Grab und kombinierten die Daten mit einer artefaktbasierten typo-chronologischen Auswertung. Wir fanden interessante Fälle von chronologischen Lücken innerhalb der Gräber, die auf Gedenkpraktiken auf den Gräberfeldern hindeuten. Die Fülle an Daten, die im Rahmen des Projekts "Verbrannte Menschenknochen als Schlüssel zur Bronzezeit" erhoben wurden, hat unser Wissen über rituelle Praktiken, Mobilitätsmuster im Zusammenhang mit der Nahrungsbeschaffung und soziale Beziehungen während der späten Bronzezeit in Niederösterreich erheblich erweitert. Das Projekt hat auch dazu beigetragen, moderne Standards für die Untersuchung kremierter menschlicher Überreste zu etablieren und ein dringend benötigtes Set an Analysemethoden zu entwickeln, das auf andere Regionen und Zeiträume übertragen werden kann.
- Fabian Kanz, Medizinische Universität Wien , nationale:r Kooperationspartner:in
- Mathieu Boudin, Royal Institute for Cultural Heritage at Brussels - Belgien
- Christophe Snoeck, Vrije Universiteit Brussel - Belgien
- Claudio Cavazzuti, Museo delle Civilta - Italien
- Jo Appleby, University of Leicester - Vereinigtes Königreich
Research Output
- 38 Zitationen
- 8 Publikationen
- 2 Wissenschaftliche Auszeichnungen
- 2 Weitere Förderungen
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2023
Titel Death and the Body in Bronze Age Europe: From Inhumation to Cremation Typ Book Autor Rebay-Salisbury Verlag Cambridge University Press -
2023
Titel More than urns: A multi-method pipeline for analyzing cremation burials DOI 10.1371/journal.pone.0289140 Typ Journal Article Autor Waltenberger L Journal PLOS ONE Link Publikation -
2025
Titel Sexual Dimorphism of the Lateral Angle of the Petrous Bone in Children: Growth Patterns and the Influence of Cranial Width DOI 10.3390/biology14060628 Typ Journal Article Autor Waltenberger L Journal Biology Seiten 628 Link Publikation -
2024
Titel Over the river and into the hills: locals and non-locals at Inzersdorf, a late Bronze Age cemetery in the Traisen Valley (Austria) DOI 10.1007/s12520-024-02054-w Typ Journal Article Autor Fritzl M Journal Archaeological and Anthropological Sciences Seiten 151 Link Publikation -
2024
Titel NATURWISSENSCHAFTEN & ARCHÄOLOGIE 2019–2022 DOI 10.1553/nawi-arch.2019-2022 Typ Journal Article Autor Budka J -
2024
Titel Traces of Disease in Cremated Children’s Bones: Age and Health in Bronze and Iron Age Communities North and South of the Alps DOI 10.24916/iansa.2024.2.1 Typ Journal Article Autor Rajic Šikanjic P Journal Interdisciplinaria Archaeologica - Natural Sciences in Archaeology Seiten 133-146 Link Publikation -
2023
Titel Lateral angle: A landmark-based method for the sex estimation in human cremated remains and application to an Austrian prehistoric sample DOI 10.1002/ajpa.24874 Typ Journal Article Autor Waltenberger L Journal American Journal of Biological Anthropology Link Publikation -
2022
Titel The First ‘Urnfields’ in the Plains of the Danube and the Po DOI 10.1007/s10963-022-09164-0 Typ Journal Article Autor Cavazzuti C Journal Journal of World Prehistory Seiten 45-86 Link Publikation
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2024
Titel Cambridge Elements series Gender & Archaeology Typ Appointed as the editor/advisor to a journal or book series Bekanntheitsgrad Continental/International -
2024
Titel Corresponding Member of the Austrian Academy of Sciences Typ Awarded honorary membership, or a fellowship, of a learned society Bekanntheitsgrad National (any country)
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2021
Titel Together in Life - Together in Death: Adults and Children in Bronze Age Graves Typ Travel/small personal Förderbeginn 2021 -
2024
Titel From Ashes to Insights: developing standardized protocols for the study of cremated human remains in archaeology Typ Travel/small personal Förderbeginn 2024