Gruppen etwas zu sagen haben lassen
Giving groups a proper say
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (75%); Rechtswissenschaften (25%)
Keywords
-
Group Speech,
Group Silencing,
Collective Epistemic Injustice,
Community Consultation
Soziale Gruppen verschiedener Art können Sprecher von Sprechakten sein: sie können mit einer Stimme sprechen oder sich hinter einer gemeinsamen Position versammeln. Der Unternehmenssprecher sagt: Wir sind stolz anzukündigen...; Protestierende skandieren ihre Forderung: Gleiche Bezahlung für alle!; das Team von Ko-Autoren behauptet: Der Anteil von Recycling hat sich um 5% erhöht. In solchen Fällen werden die Sprechakte des Ankündigens, Forderns und Behauptens im Namen der Gruppe selbst vollzogen und so verstanden, dass sie die Gruppe als Ganzes repräsentieren und normativ festlegen, nicht nur die Individuen, die an ihrer Produktion unmittelbar beteiligt sind. Es ist das Unternehmen selbst, das seiner Ankündigung Taten folgen lassen muss; die protestierende Gruppe, die die Berechtigung ihrer Forderungen nachweisen muss; das Forscherteam, das seine Behauptung belegen muss, und so weiter. Und genauso wie Gruppen verschiedener Art dazu fähig sind, Sprechakte zu vollziehen, genau so können sie auch daran gehindert werden: Gruppen können zum Schweigen gebracht werden, ihre Sprechakte können auf taube Ohren stoßen oder nicht angemessen berücksichtigt werden. Zum Beispiel könnte es sein, dass die Gruppe durch Drohungen und Einschüchterung am Protestieren gehindert wird, oder dass die Resultate des Forscherteams wegen der Herkunft seiner Mitglieder nicht ernst genommen werden. Solche Fälle können angemessen als Ungerechtigkeiten gegenüber Gruppen beschrieben werden, als Fälle, in denen das Fehlen einer gebührenden Reaktion auf ihre Sprechakte einer Gruppe Unrecht tut und ihr schadet. Das Hauptziel dieses Projekts besteht darin, eine Theorie von Gruppensprechakten zu entwickeln, die erklärt, was es heißt, dass eine Gruppe spricht, welche Voraussetzungen dazu erfüllt sein müssen, und wie einer Gruppe dadurch Unrecht getan werden kann, dass sie zum Schweigen gebracht oder nicht ernst genommen wird. Das Projekt wird eine neue sozialnormativistische Auffassung von Gruppensprechakten vorstellen, die erhellt, wie Gruppen zum Schweigen gebracht werden (silencing) und wie ihnen kollektiv epistemisch Unrecht getan wird. Es wird erklären, wie Gruppen ungerechterweise daran gehindert werden, bestimmte Sprechakte zu vollziehen, oder wie diese nicht ernst genommen werden. Ein zweites Ziel des Projekts ist es, die sozialnormativistische Auffassung auf ein konkretes Beispiel von beträchtlicher politischer und rechtlicher Bedeutung anzuwenden, nämlich die Praxis rechtlich vorgeschriebener Konsultationen mit indigenen und traditionellen Völkern, die durch Extraktion von Rohstoffen und andere Formen industrieller Entwicklung auf ihren traditionellen Territorien gefährdet werden. Dieser Teil des Projekts verbindet die Theorie des Silencing von Sprechakten und der epistemischen Ungerechtigkeit mit Forschungen zur Konsultation von Gemeinschaften und zur Zustimmung im internationalen Recht. Hier soll gezeigt werden, dass, obwohl ein Recht zu ihrer Konsultation im nationalen und internationalen Recht weitgehend anerkannt wird, die Sprechakte indigener und traditioneller Gemeinschaften oft auf taube Ohren stoßen oder nicht angemessen berücksichtig werden.
Das Projekt hatte zwei Ziele: ein theoretisches und ein angewandtes. Das theoretische Ziel bestand darin, einen Ansatz zu Ermächtigung und "disempowerment" Entmächtigung von Sprechakte von Gruppen zu entwickeln - d.h., was es braucht, damit soziale Gruppen sprechen können und wie group speech ungerechterweise zum Schweigen gebracht oder nicht angemessen berücksichtigt wird. Das angewandte Ziel bestand darin, den theoretischen Ansatz zu nutzen, um Praktiken von group speech und group silencing (Zum-Schweigen-Bringen von Gruppen) im Kontext eines rechtlich vorgeschriebenen Konsultationsprozesses zwischen Staaten sowie einheimischen und ländlichen Gemeinschaften zu untersuchen und somit zu beleuchten, was für sinnvolle Konsultation nötig ist. Das Projekt hatte interdisziplinären Charakter und leistete wissenschaftliche Beiträge sowohl zur Philosophie (insbesondere Sprechakttheorie und soziale Epistemologie) als auch zur Rechtswissenschaft (insbesondere Umweltrecht und Menschenrecht). Darüber hinaus wurden Forschungsergebnisse des Projektes geteilt mit politischen Entscheidungsträger*innen (speziell dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen) und Organisationen, die mit von ungerechten Konsultationspraktiken betroffenen Gemeinschaften zusammenarbeiten.
- Universität Wien - 100%
- Elton Thobejane, Mining and Environmental Justice Community Network of South Africa - Südafrika
- Tracy Humby, University of Witwatersrand - Südafrika
- Rebecca Tsosie, Arizona State University - Vereinigte Staaten von Amerika
- Kyle Whyte, Michigan State University - Vereinigte Staaten von Amerika
- José Medina, Northwester University - Weinberg College of Arts and Sciences - Vereinigte Staaten von Amerika
- Jennifer Hornsby, Birkbeck College - Vereinigtes Königreich
Research Output
- 39 Zitationen
- 13 Publikationen
- 2 Disseminationen
- 1 Weitere Förderungen
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2021
Titel Discursive paternalism DOI 10.1111/rati.12316 Typ Journal Article Autor Townsend L Journal Ratio Seiten 334-344 -
2021
Titel The Social Institution of Discursive Norms: Historical, Naturalistic, and Pragmatic Perspectives Typ Book Autor Townsend Verlag Routledge -
2023
Titel A Research Agenda for Human Rights and the Environment DOI 10.4337/9781800379381 Typ Book editors Lupin D Verlag Edward Elgar Publishing -
2023
Titel Introduction: A Research Agenda for Human Rights and the Environment; In: A Research Agenda for Human Rights and the Environment DOI 10.4337/9781800379381.00007 Typ Book Chapter Verlag Edward Elgar Publishing -
2023
Titel The right to consultation is a right to be heard; In: A Research Agenda for Human Rights and the Environment DOI 10.4337/9781800379381.00014 Typ Book Chapter Verlag Edward Elgar Publishing -
2021
Titel Discursive Injustice and the Speech of Indigenous Communities; In: The Social Institution of Discursive Norms - Historical, Naturalistic, and Pragmatic Perspectives DOI 10.4324/9781003047483-14 Typ Book Chapter Verlag Routledge -
2021
Titel Introduction; In: The Social Institution of Discursive Norms - Historical, Naturalistic, and Pragmatic Perspectives DOI 10.4324/9781003047483-1 Typ Book Chapter Verlag Routledge -
2020
Titel The Epistemology of Collective Testimony DOI 10.1515/jso-2019-0044 Typ Journal Article Autor Townsend L Journal Journal of Social Ontology Seiten 187-210 Link Publikation -
2020
Titel Epistemic Injustice and Indigenous Peoples in the Inter-American Human Rights System DOI 10.1080/02691728.2020.1839809 Typ Journal Article Autor Townsend D Journal Social Epistemology Seiten 147-159 Link Publikation -
2022
Titel Fanaticism, Dogmatism, and Collective Belief DOI 10.4324/9781003119371-5 Typ Book Chapter Autor Townsend L Verlag Taylor & Francis Seiten 55-68 -
2022
Titel Introduction to the Philosophy of Fanaticism DOI 10.4324/9781003119371-1 Typ Book Chapter Autor Tietjen R Verlag Taylor & Francis Seiten 1-16 -
2022
Titel The Philosophy of Fanaticism, Epistemic, Affective, and Political Dimensions DOI 10.4324/9781003119371 Typ Book Verlag Taylor & Francis Link Publikation -
2021
Titel Representation and Epistemic Violence DOI 10.1080/09672559.2021.1997398 Typ Journal Article Autor Townsend L Journal International Journal of Philosophical Studies Seiten 577-594 Link Publikation
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2021
Titel Summer/Winter school, Critical Perspectives on Human Rights and the Environment Typ Participation in an activity, workshop or similar -
2021
Titel White Paper on Children's Rights and the Environment Typ A formal working group, expert panel or dialogue
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2023
Titel Newton International Fellowship Typ Fellowship Förderbeginn 2023 Geldgeber The British Academy