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Familie & Gesellschaft in römischen Nekropolen Kleinasiens

Living with the Dead: Necropoleis in Roman Asia Minor

Thomas Kruse (ORCID: 0000-0001-9531-8238)
  • Grant-DOI 10.55776/P34211
  • Bewilligungs­summe Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projekt­beginn 01.08.2021
  • Projektende 31.12.2025
  • Bewilligungs­summe 370.860 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Geschichte, Archäologie (75%); Soziologie (25%)

Keywords

  • History,
  • Epigraphy,
  • Legal History,
  • Social History,
  • Asia Minor,
  • Necropoleis
Abstract Zusammenfassung

Der Umgang der antiken Menschen mit ihren Verstorbenen unterschied sich zum Teil wesentlich von unseren heutigen Gebräuchen: Die Nekropolen (Totenstädte) waren oftmals mit Blickrichtung zur Stadt angelegt, die monumentalen Gräber von weit her sichtbar. Zu regelmäßigen Feierlichkeiten am Grab, etwa zum Geburtstag des Verstorbenen, gesellte sich der gesamte Familienkreis. Doch auch ehemalige Berufskollegen wurden in die Grabpflege eingebunden: Über Stiftungen konnte der Verstorbene sogenannten Berufsvereinen Geld zukommen lassen, damit diese regelmäßig sein Grab schmückten. Viele dieser Gräber waren zudem mit Inschriften ausgestattet, die uns im Unterschied zu unseren heutigen, knapp gehaltenen Grabsteinen ausführliche Informationen über den Grabgründer und dessen Vorstellungen über die zukünftige Verwendung seines Familiengrabes liefern. Diese Inschriften stellen die wichtigsten Quellen für das vorliegende Projekt dar, das sowohl die in den Inschriften präsentierten Familienstrukturen als auch dahinterstehende Fragen gesellschaftlicher Natur untersucht. Zu diesem Zweck wurden vier Modellstädte aus der Region des südwestlichen Kleinasiens (heutige Türkei) ausgewählt: Aphrodisias, Hierapolis (heute besser bekannt als Pamukkale), Termessos und Olympos. Besonders die beiden letzten Städte sind schon lange Teil der Wiener Forschungstradition: Bereits in den 1890er- und 1900er-Jahren waren österreichische Forschungsreisende dort unterwegs und untersuchten, sammelten, kopierten und publizierten die dortigen Inschriften. Die vier ausgewählten Städte zeichnen sich durch zwei für die Untersuchung wesentliche Merkmale aus: Zum einen sind aus jeder der Städte mehrere hundert antike Grabtexte bekannt, und zum anderen sind diese Texte überwiegend noch an ihrem ursprünglichen Aufstellungsort zu betrachten und liefern so wichtige Hinweise, wie sie von den Zeitgenossen wahrgenommen, gelesen und mitunter diskutiert wurden. Das Ziel der Untersuchung ist es, sowohl den Umgang mit Tod, Beisetzung und Erinnerung innerhalb der antiken Familie näher zu fassen, als auch einen Beitrag zu unserem Verständnis der Erinnerungskultur innerhalb der antiken Gesellschaft zu erlangen.

Zehntausende Grabmonumente und Grabinschriften ermöglichen es uns noch heute, Menschen und ihre Familien kennenzulernen, die vor rund 1800 Jahren in den antiken "Metropolen" Kleinasiens, der heutigen Türkei, gelebt haben. Entziffert und häufig aus Fragmenten rekonstruiert, geben uns die Texte Einblick in das Leben und Sterben in der damaligen Gesellschaft. So kann man beispielsweise Aurelia Padamouriane Nannelis, eine Dame der gehobenen Gesellschaft in der Bergstadt Termessos, dabei beobachten, wie sie für sich und ihre nächsten Angehörigen ein repräsentatives Tempelgrab erbaut, und für zwei Freigelassene ihres verstorbenen Mannes einen einfachen Sarkophag. Oder man trifft den pensionierten Prätorianer Mucianus, der im unteren Donaugebiet zur Welt kam, dann in Rom Karriere machte und als Teil der Prätorianer-Garde am Schutz des Kaisers beteiligt war, bevor er sich schließlich in der Hafenstadt Olympos zur Ruhe setzte - sein Grab steht dort noch heute. Oder man liest von dem jüdischen Ehepaar Tatianos und Apphia, das sich zwar zu Lebzeiten einen Sarkophag in Hierapolis (dem heutigen Pamukkale) aufstellen ließ, aber viel lieber nach dem Tod in die "väterliche Erde", also wohl nach Israel, gebracht worden wäre. Auch ihr Sarkophag mitsamt der langen Inschrift kann heute noch besucht werden. Das Forschungsprojekt widmete sich diesen und vielen weiteren Einzelbeispielen, dazu aber auch übergeordneten Strategien der antiken Gesellschaft im Umgang mit den eigenen Toten. Die Nekropolen der Städte waren keine abgeschlossenen Bereiche, sondern wurden täglich durchquert, für das öffentliche Leben genutzt und waren ein wichtiger Bestandteil der urbanen Landschaft. Die mitunter sehr aufwändig gebauten Grabmäler nehmen darauf Rücksicht, indem sie entlang der Hauptstraßen orientiert sind, mitunter sogar Sitzbänke zum Verweilen anbieten oder den antiken Reisenden in der Grabinschrift mit Sätzen wie "Wanderer, bleib stehen!" direkt ansprechen. Die Inschriften, die von den Grabgründern an den Monumenten angebracht wurden, führen uns nicht nur Einzelschicksale vor, sondern geben in ihrer Gesamtheit Aufschluss über die demographischen und sozialen Verhältnisse, über typische Familienstrukturen sowie über Strategien bei Selbstrepräsentation und dem Ringen um Ansehen sowie der Vorsorge für den eigenen Tod oder den geliebter Angehöriger. Es zeigt sich eindrücklich, wie wichtig den Grabherrinnen und Grabherren eine ihrem jeweiligen Status entsprechende letzte Ruhestätte war - also ein Monument, das ihrem Vermögen, ihrer Herkunft, mitunter auch ihrem Beruf, kurz: ihrem Platz in der Öffentlichkeit entsprach. Denn im Idealfall würde dieser Ort nicht nur von der eigenen Familie besucht und gepflegt werden, sondern noch über Generationen hinweg das Bild fortleben lassen, das der Grabgründer für sich in der Gesellschaft aufbauen konnte.

Forschungsstätte(n)
  • Österreichische Akademie der Wissenschaften - 100%
Nationale Projektbeteiligte
  • Philipp Scheibelreiter, Universität Wien , nationale:r Kooperationspartner:in
  • Thomas Corsten, Universität Wien , nationale:r Kooperationspartner:in
Internationale Projektbeteiligte
  • Kaja Harter-Uibopuu, Universität Hamburg - Deutschland
  • Sven Ahrens, Norwegian Maritime Museum - Norwegen
  • Angelos Chaniotis, Institute for Advanced Study - Vereinigte Staaten von Amerika
  • Charlotte Roueche, King´s College London - Vereinigtes Königreich

Research Output

  • 1 Zitationen
  • 11 Publikationen
  • 1 Künstlerischer Output
  • 3 Wissenschaftliche Auszeichnungen
Publikationen
  • 2023
    Titel Returning to Ancestral Soil. A Commentary on IJudOr II 193 (Hierapolis/Phrygia)
    DOI 10.54103/1128-8221/19929
    Typ Journal Article
    Autor Wiedergut K
    Journal Dike - Rivista di Storia del Diritto Greco ed Ellenistico
    Seiten 203-242
    Link Publikation
  • 2026
    Titel : Lycian Families in the Hellenistic and Roman Periods: A Regional Study of Inscriptions, Towards a Social and Legal Framework
    DOI 10.1086/738864
    Typ Journal Article
    Autor Wiedergut K
    Journal American Journal of Archaeology
  • 2025
    Titel 347Die Grabsatzungen Kleinasiens und ihr Verhältnis zum Testament II: Aphrodisias und die Rolle der Polis-"Archive"; In: Das römische Testament - Funktion, Archivierung und Tradition
    DOI 10.1515/9783111694634-012
    Typ Book Chapter
    Verlag De Gruyter
  • 2024
    Titel Necropoleis and Civic Funerary Culture; In: The Oxford Handbook of Greek Cities in the Roman Empire
    DOI 10.1093/oxfordhb/9780192870933.013.27
    Typ Book Chapter
    Verlag Oxford University Press
  • 2024
    Titel Review of: L. Locatelli - É. Piguet - S. Podestà (Hg.), Constructions identitaires en Asie Mineure (VIIIe siècle avant J.-C. - IIIe siècle après J.-C.)
    Typ Journal Article
    Autor Wiedergut
    Journal Ancient West & East
    Seiten 411-413
  • 0
    Titel A Strong Female Lead. Women as Founders and Secondary Owners of Family Tombs
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Wiedergut
    Konferenz J. Hillner - M. Moser-Gerber (Hg.), Women and Justice: Female Legal Agency in Late Antiquity and Beyond (in print)
  • 0
    Titel Provisions, Prohibitions, Sanctions. Studies on the Use and Misuse of Tombs in Graeco-Roman Antiquity (forthcoming)
    Typ Book
    Autor Harter-Uibopuu
    editors Harter-Uibopuu, K., Wiedergut K.
  • 0
    Titel The Roman fiscus as recipient of funerary fines
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Wiedergut
    Konferenz K. Harter-Uibopuu, K. Wiedergut (eds.), Provisions, Prohibitions, Sanctions. Studies on the Use and Misuse of Tombs in Graeco-Roman Antiquity (forthcoming)
  • 0
    Titel Sarkophag und Oikos. Überlegungen zum Nutzerkreis von Familiengräbern im kaiserzeitlichen Termessos (Pisidien)
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Lotz
    Konferenz K. Harter-Uibopuu, K. Wiedergut (eds.), Provisions, Prohibitions, Sanctions. Studies on the Use and Misuse of Tombs in Graeco-Roman Antiquity (forthcoming)
  • 0
    Titel Termessos. Leben und Sterben in einer pisidischen Bergstadt
    Typ Book
    Autor Lotz
  • 0
    Titel Vorsorge und Fürsorge. Grabherren und ihre Wünsche im kaiserzeitlichen Kleinasien
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Harter-Uibopuu K.
    Konferenz M. Grünbart - J. Liebsch - H. Poeschel (Hg.), Vormoderne Totenfürsorge. Perspektiven einer lebendigen Praxis, (in print)
Künstlerischer Output
  • 2025
    Titel Drawings
    Typ Artwork
Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 2023
    Titel Invited speaker
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2022
    Titel Invited speaker
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad National (any country)
  • 2022
    Titel Invited speaker
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad Continental/International

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