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Buddhistisches Narrativ & die Ethnogenese der "Tibeter"

Buddhist Narratives & "Tibetan" Ethnogenesis

Pascale Hugon (ORCID: 0000-0002-6100-3884)
  • Grant-DOI 10.55776/P34212
  • Bewilligungs­summe Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projekt­beginn 01.03.2021
  • Projektende 30.11.2025
  • Bewilligungs­summe 334.413 €

Wissenschaftsdisziplinen

Philosophie, Ethik, Religion (30%); Soziologie (20%); Sprach- und Literaturwissenschaften (50%)

Keywords

  • Tibet,
  • Buddhism,
  • Ethnicity,
  • Myth,
  • Philology,
  • Bka' Chems Ka Khol Ma
Abstract Zusammenfassung

Dieses Projekt zeichnet die Geschichte der bis heute noch populärsten Herkunftserzählung der Tibeter (tib.: bod pa) nach, die ihre Abstammung auf eine Ehe zwischen einem heiligen Affen und einer blutrünstigen Felsendämonin zurückführt. Untersucht wird die Rolle, die der Buddhismus bei der Gestaltung und Verbreitung dieses Narrativs spielte, und wie dies dazu beitrug, die ethnische Kategorie der Tibeter zu formen und zu verfestigen. Die Forschung, die sich über etwa 700 Jahre erstreckt, befasst sich mit laufenden interdisziplinären Debatten über die Natur und Prävalenz interregionaler Identitäten im Zeitalter vor dem modernen Nationalismus. Insbesondere geht es um die soziale Bedeutung, die solche Identitätskonstrukte vor dieser Zeit hatten sowie um die Rolle, die Religion, Mythos und Staaten bei ihrer Entstehung und Verbreitung gespielt haben mögen. Die Hypothese ist, dass die buddhistische Verbreitung dieser Erzählung dazu beitrug, die Vorstellung von den Tibetern zu formen, zu propagieren und aufrechtzuerhalten und das obwohl auf der tibetischen Hochebene über längere Zeiträume keine zentralisierte Staatsmacht existierte. Zu den Fragen gehören: Wie genau wurde diese Ursprungserzählung verwendet und wie veränderte sie sich über Zeit und Raum hinweg? Wie weit verbreitet und bekannt war sie? Welche Rolle spielten buddhistische Autoren und AkteurInnen in der Ethnogenese der Tibeter, und wie umstritten war dieser Prozess? Das Hauptaugenmerk liegt auf einem philologischen Versuch, die literarische Verwendung und erzählerische Entwicklung dieses Ursprungsmythos nachzuzeichnen, der bereits im 11. oder 12. Jh. im bKa` chems ka khol ma attestiert ist und in verschiedenen Abwandlungen in unzähligen weiteren Quellen wieder auftaucht. Auch ausgewählte andere Werke, vor allem osttibetische Ahnenkult-Handbücher und Biographien, werden untersucht, um die rituelle und geographische Verbreitung dieser Erzählungen zu beleuchten. Ethnographische Feldforschung wird darüber hinaus auch die Rolle untersuchen, die die materielle Kultur und das Pilgerwesen bei seiner Verbreitung hatte. Das Projekt verbindet somit Philologie, Sozialgeschichte und zu gewissen Anteilen auch Ethnographie. Durch die Nutzung der reichen und tiefen tibetischen historischen Aufzeichnungen wird das Projekt innovative Beiträge zu theoretischen Fragen bezüglich historischer Ethnizität und Identität leisten, die sich in allen akademischen Disziplinen als durchweg schwierig erwiesen haben. Innerhalb der Tibetologie wird das Projekt bisher ignorierte Aspekte der dynamischen Geschichte und Natur der Idee der Tibeter aufdecken. Im Gegensatz zu früheren Studien analysiert das Projekt die relevanten Quellen als aktive Mitgestalter der Konstruktion und Anpassung einer formbaren Identität. Dabei werden auch textkritische Fragen zu historischen Schlüsselwerken wie dem bKa` chems ka khol ma behandelt. Der Hauptforscher, Reinier Langelaar, hat unter Anwendung von historischen, philologischen, ethnographischen und vergleichenden Methoden tibetische Gemeinschaften aus einer Reihe von Perspektiven erforscht. Seine Doktorarbeit konzentrierte sich auf Clan-Genealogien und beinhaltete eine umfangreiche Analyse einer nicht-buddhistischen ethnischen Ursprungserzählung. Die Projektleiterin, Pascale Hugon, ist eine Expertin für tibetisch-buddhistische Literatur und Geistesgeschichte.

Dieses Projekt brachte eine Reihe wichtiger Erkenntnisse zur tibetischen Geschichte, zur Literatur und zum Buddhismus zutage. Eine Forschungslinie arbeitete heraus, wie sich im zweiten Jahrtausend n. Chr. ein Ursprungsmythos des tibetischen Volkes herausbildete und sich über weite Teile des tibetischen Hochlands verbreitete. Indem buddhistische Autoren und Erzähler diese Erzählung anpassten und übernahmen, trugen sie dazu bei, die Vorstellung eines "tibetischen Volkes" aufrechtzuerhalten. Diese Idee einer großen, zusammenhängenden ethnischen Gemeinschaft überdauerte selbst Zeiten und Regionen, in denen kein zentralisierter Staat existierte, der diese Bevölkerung hätte einen können. So trug der Buddhismus in der Vormoderne dazu bei, eine Vorstellung kollektiver Identität zu nähren, die gemeinhin eher mit modernem Nationalismus und modernen Staaten in Verbindung gebracht wird. Eine zweite Forschungslinie untersuchte, wie sich nach dem Zusammenbruch des Tibetischen Kaiserreichs im 9. Jahrhundert n. Chr. die Auffassung von der geografischen Ausdehnung "Tibets" (Bod) in der Literatur des zweiten Jahrtausends veränderte. Die Studie ergab, dass große Teile der östlichen tibetischen Hochebene bereits im 14. und 15. Jahrhundert n. Chr. wieder als Teil Tibets angesehen wurden. Obwohl dies nicht notwendigerweise die politischen Realitäten widerspiegelt, belegt es doch die lange Tradition tibetischer Vorstellungen von interregionalem Zusammenhalt in einem riesigen Gebiet; in einem Text erstreckt sich das beschriebene Territorium über rund 1.800 Kilometer - etwa die Entfernung von London bis in die Westukraine. Ein dritter Forschungsansatz zeigte, dass eine Reihe einflussreicher tibetischer Geschichtswerke lange Zeit missverstanden wurde. Bislang unerforschte Manuskripte belegen, dass die zuvor häufig konsultierten Versionen dieser Werke tatsächlich spätere Fassungen sind, in denen zahlreiche Erzählungen und Behauptungen ausgeschmückt und verändert wurden. Durch die Identifizierung spezifischer Manuskriptzeugen als verlässlichere Quellen verbesserte das Projekt somit die Grundlage der Geschichtsschreibung. Schließlich ermöglichten die neuen Erkenntnisse zur Textgeschichte wichtiger historischer Werke, die Entwicklung der tibetischen Vorstellungen von Tibet als heiligem buddhistischem Land zu beleuchten. Dadurch ließ sich der Aufstieg des berühmten tibetischen Kultes um die buddhistische Gottheit Avalokiteśvara (die Schutzgottheit des Landes) sowie die Verbreitung seines bekannten Mantras "o mai padme h" zeitlich eingrenzen - auf die Zeit ab dem 12. Jahrhundert. Die Untersuchungen zeigten außerdem, dass die Identifizierung bekannter tibetischer politischer Figuren als Emanationen Avalokiteśvaras - eine Entwicklung, die den Grundstein für die Institution der Dalai Lamas legte - in derselben Zeit ihren Ursprung hatte.

Forschungsstätte(n)
  • Österreichische Akademie der Wissenschaften - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Joanna Bialek, Humboldt-Universität zu Berlin - Deutschland
  • Toni Huber, Humboldt-Universität zu Berlin - Deutschland
  • Per Kjeld Sorensen, Universität Leipzig - Deutschland

Research Output

  • 2 Zitationen
  • 7 Publikationen
  • 5 Disseminationen
  • 6 Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 3 Weitere Förderungen
Publikationen
  • 2026
    Titel ; In: The Status of Bride-Givers in Tibet, the Himalayas and Beyond: Notes on the Tibetic Kin Terms sru, zhang, and tsha
    DOI 10.1553/978oeaw50671s421
    Typ Book Chapter
    Autor Reinier Langelaar
  • 2025
    Titel Bod mi rigs 'byung khungs kyi gtam rgyud 'phel rim skor la zhib 'jug byas pa/ [In Tibetan: Research on the Development of an Origin Story of the Tibetan People]
    Typ Journal Article
    Autor Drongshar T.
    Journal Chos dung dkar po/ Sa skya'i rtsom rig dus deb
    Seiten 17-28
    Link Publikation
  • 2025
    Titel Translating ‘Tibet’: the geographic extent of Bod in Tibetan historiographies
    DOI 10.1017/s1356186325000069
    Typ Journal Article
    Autor Langelaar R
    Journal Journal of the Royal Asiatic Society
    Seiten 539-559
  • 2024
    Titel Replacing a pillar of Tibetan Buddhist historiography: on the redactions of the so-called Pillar Testament (bKa’-chems-ka-khol-ma)
    DOI 10.1017/s0041977x24000363
    Typ Journal Article
    Autor Langelaar R
    Journal Bulletin of the School of Oriental and African Studies
    Seiten 489-517
  • 2024
    Titel BuddhistRoad Paper 7.4 "Avalokiteśvara in Dunhuang and Tibet: The Development of the Bodhisattva's Tibetan Cult (with a Study of the History of the Ma ṇi bka' 'bum)"
    DOI 10.46586/rub.br.326
    Typ Book
    Autor Langelaar R
    Verlag Center for Religious Studies (CERES), Ruhr-Universität Bochum
  • 0
    Titel Religion, Empire, and Ethnicity: Tibetan Buddhist Narrations of Ethnicity [under review]; In: Ethnicity and Race in Inner and East Asia
    Typ Book Chapter
    Autor R. J. Langelaar
    Verlag Bloomsbury
  • 0
    Titel Tangled Tales: The Intertwined Advent of Tibetan Histories Centred on Avalokiteśvara [in press]; In: Early Tibetan Religious Networks
    Typ Book Chapter
    Autor Langelaar R.J.
    Verlag Brill
Disseminationen
  • 2025 Link
    Titel Public outreach 5: radio interview
    Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview
    Link Link
  • 2024
    Titel Public outreach 2: LNF 2024
    Typ Participation in an open day or visit at my research institution
  • 2025 Link
    Titel Public outreach 3: article in national newspaper
    Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview
    Link Link
  • 2022
    Titel Public outreach 1: LNF 2022
    Typ Participation in an open day or visit at my research institution
  • 2025
    Titel Public outreach 4: tv interview
    Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview
Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 2024
    Titel Leiden University
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2023
    Titel University of Oxford 2
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2023
    Titel RBU (Bochum)
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2023
    Titel LMU
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2022
    Titel Dr. Joanna Bialek
    Typ Attracted visiting staff or user to your research group
    DOI 10.1017/s0041977x24000363
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2020
    Titel University of Oxford 1
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad Continental/International
Weitere Förderungen
  • 2026
    Titel ERC Starting Grant
    Typ Research grant (including intramural programme)
    DOI 10.3030/101222259
    Förderbeginn 2026
    Geldgeber European Research Council (ERC)
  • 2024
    Titel Funding Workshop "Eurasian Origin Narratives" (through Cluster of Excellence: EurAsian Transformations)
    Typ Travel/small personal
    Förderbeginn 2024
    Geldgeber Austrian Academy of Sciences
  • 2022
    Titel Visiting Fellow (Dr. Joanna Bialek)
    Typ Fellowship
    Förderbeginn 2022
    Geldgeber Austrian Academy of Sciences

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