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Widerstand von Gig-Arbeitern gegen algorithmische Kontrolle

Understanding Gig Workers Resistance to Algorithmic Control

Ulrich Remus (ORCID: 0000-0001-7207-3725)
  • Grant-DOI 10.55776/P35031
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.11.2021
  • Projektende 31.10.2025
  • Bewilligungssumme 326.782 €

Matching Funds - Tirol

Wissenschaftsdisziplinen

Wirtschaftswissenschaften (100%)

Keywords

    Algorithmic Control, Algorithmic Management, Resistance, Gig Work Platforms, Future Of Work

Abstract Endbericht

Unternehmen setzen verstärkt digitale Technologien und Algorithmen zur Steuerung und Kontrolle von Mitarbeitern ein. Dabei werden Kontroll- und Steuerungsmaßnahmen, die ursprünglich von menschlichen Führungskräften durchgeführt wurden, zum Teil vollständig durch Technologien automatisiert. Solche Systeme des Algorithmischen Managements erfordern große Mengen an verhaltensbezogenen Daten, um eine ständige Überwachung und Leistungsbewertung zu ermöglichen. Der Einsatz dieser Systeme löst nun verschiedene Formen von Widerstandsverhalten aus. Ziel des Projekts ist es daher, ein differenziertes Verständnis der Mechanismen zu erlangen, die hinter dem Widerstand von Gigworkern gegen die Steuerung und Kontrolle durch Algorithmen stehen. Der Fokus des Projekts liegt auf der sogenannten Gig-Economy, also jenem Teil des Arbeitsmarkts, bei dem zeitlich befristete Aufträge flexibel und ad-hoc vergeben werden. Bekannte Beispiele sind sog. Ridehailing-Dienste, wie Uber und Lyft, welche das Verhalten Ihrer Fahrer durch die verpflichtende Nutzung einer App steuern. So wird nicht nur die Route durch die App vorgegeben, sondern der Algorithmus versucht auch die Fahrer durch Anreize und Sanktionen dazu zu bringen bestimmte Fahrten anzunehmen. Aber auch im Bereich des Crowdworking, kommen zunehmend Systeme des Algorithmischen Managements zum Einsatz. Ein differenziertes Verständnis der Mechanismen, die hinter dem Widerstand von Gigworkern gegen die Steuerung und Kontrolle durch Algorithmen stehen, ist für die Forschung in diesem Bereich dringend nötig. Von großem Interesse sind beispielsweise die sozio-emotionalen und wirtschaftlichen Auswirkungen auf Arbeitnehmer sowie ethische Überlegungen zum Einsatz von Algorithmischem Management. Darüber hinaus haben die Ergebnisse dieses Projekts auch einen wichtigen praktischen Nutzen. So sollen die Ursachen negativer Folgen algorithmischer Kontrolle, wie z.B. hohe Fluktuationsraten, erklärt werden. Des Weiteren unterstützten die Ergebnisse die Gestaltung des Algorithmischen Managements, um die Arbeitszufriedenheit der Arbeitnehmer zu verbessern.

Gig-Work-Plattformen versprechen häufig Autonomie und Flexibilität, doch diese Forschung zeigt, dass algorithmisches Management die Arbeit von Gig-Workern stark und oft intransparent steuert. Dazu gehören Aufgabenverteilung, Bezahlung und Leistungsbewertung. Diese Formen der Kontrolle erzeugen häufig Stress und Unsicherheit, eröffnen aber zugleich Möglichkeiten für Resilienz und aktiven Widerstand. Das Projekt liefert evidenzbasierte Erkenntnisse und praxisnahe Werkzeuge, die über reine Beschreibungen hinausgehen und konkrete Ansatzpunkte für fairere und bessere digitale Arbeitsbedingungen bieten. Ein zentrales Ergebnis ist, dass Gig-Worker sehr unterschiedlich auf algorithmische Kontrolle reagieren. Manche geraten in einen Kreislauf aus Stress, Rückzug und Überlastung, andere entwickeln einen positiven Zyklus aus Resilienz, Selbstwirksamkeit und Empowerment. Wie Gig-Worker mit diesen Belastungen umgehen, hängt vor allem von den Bewältigungsstrategien ab, die sie selbst entwickeln. Durch gezielte Strategien, soziale Unterstützung und proaktive Formen des Widerstands können sie ihre Resilienz stärken und von reaktiven, isolierenden zu selbstbestimmten, handlungsfähigen Ansätzen wechseln. Plattformen können hierbei unterstützend wirken, etwa durch transparente Kommunikation, Peer-Support oder leicht zugängliche Schulungen. Damit liefert die Forschung ein erweitertes Bild von Widerstand in der Gig-Economy, das neben offenem Widerstand auch individuelle, häufig verdeckte Bewältigungsstrategien berücksichtigt und zeigt, warum klassische Interventionen wie reine Transparenzinitiativen oft wirkungslos bleiben. Ein weiterer Beitrag ist die Entwicklung eines validierten Instruments zur Messung von Widerstand, des sogenannten Algoaktivismus. In Zusammenarbeit mit Expert:innen und Gig-Workern entstand ein Fragebogen, der auf Interviews und Text-Mining basiert und mehrere Dimensionen von Algoaktivismus abbildet. Die Skala ermöglicht Forschenden, Entscheidungsträgern, Plattformen und Arbeitenden selbst, Formen des Algoaktivismus zu erfassen, zu vergleichen, zu beobachten und Interventionen in der Gig-Economy zu evaluieren. Zudem diente sie zur empirischen Validierung des zentralen Forschungsmodells und der theoretischen Annahmen. Die Ergebnisse zeigen auch das methodische Potenzial moderner Large Language Models (LLMs). LLMs können kleinere Forendaten zuverlässig klassifizieren und größere effizient annotieren, wodurch hochwertige Daten für Transformer-Modelle wie DeBERTa entstehen. Online-Diskussionen unter Gig-Workern liefern reichhaltige zeitliche Daten, deren Umfang manuell kaum handhabbar ist. Durch die Kombination automatisierter Klassifikation mit zeitlicher Analyse lassen sich Verhaltensänderungen nachvollziehen, Coder-Bias reduzieren und die Zuverlässigkeit von Annotationen erhöhen. So konnten Veränderungen in Diskussionen identifiziert werden, die Muster und wertvolle Einblicke in Plattformdynamiken und Arbeitserfahrungen liefern. Insgesamt zeigen diese Ergebnisse, dass algorithmisches Management nicht nur technischer, sondern zutiefst soziotechnischer Natur ist. Plattformen und Gig-Worker gestalten die Gig-Arbeit gemeinsam, wobei Handlungsfähigkeit und Bewältigungsstrategien der Arbeitenden zentral sind, um schädliche Kreisläufe zu durchbrechen, Empowerment zu fördern und die Beziehungen zu den Plattformen zu gestalten. Die Verknüpfung von Erkenntnissen zu Bewältigungsstrategien, validierten Messinstrumenten und rechnergestützten Methoden liefert theoretische und praktische Innovationen, die fairere, gesündere und nachhaltigere digitale Arbeit unterstützen.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Innsbruck - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Alexander Benlian, Technische Universität Darmstadt - Deutschland
  • Martin Wiener, Technische Universität Dresden - Deutschland
  • Alec Cram, University of Waterloo - Kanada

Research Output

  • 69 Zitationen
  • 10 Publikationen
  • 1 Policies
  • 1 Methoden & Materialien
  • 6 Disseminationen
  • 1 Wissenschaftliche Auszeichnungen
Publikationen
  • 2025
    Titel Measuring Algoactivism in Gig Work: Scale Development
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Remus U
    Konferenz ECIS 2025 Proceedings
    Link Publikation
  • 2025
    Titel Revealing the Voices of Resistance: A Q-Methodology Study on Platform Workers in the Gig Economy; In: Conceptualizing Digital Responsibility for the Information Age - Proceedings of the 18th International Conference on Wirtschaftsinformatik, Paderborn, Germany, 2023, Vol. 1
    DOI 10.1007/978-3-031-80119-8_20
    Typ Book Chapter
    Verlag Springer Nature Switzerland
  • 2025
    Titel From Apathy to Algoactivism: Worker Resistance to Algorithmic Control in Food Delivery Platforms; In: Transforming the Digitally Sustainable Enterprise - Proceedings of the 18th International Conference on Wirtschaftsinformatik, Paderborn, Germany, 2023, Vol. 3
    DOI 10.1007/978-3-031-80125-9_8
    Typ Book Chapter
    Verlag Springer Nature Switzerland
  • 2025
    Titel Between Proactive and Reactive Coping: How Food Delivery Workers Cope With Algorithmic Management Threats
    DOI 10.1080/0960085x.2025.2558598
    Typ Journal Article
    Autor Remus U
    Journal European Journal of Information Systems
  • 2024
    Titel Information Technology Enabled and Constrained Decision-Making on Crowdworking Platforms
    Typ PhD Thesis
    Autor Frederik Wiedmann
    Link Publikation
  • 2024
    Titel Towards a Multi-Level Model of Resistance - A Computational Trace-Data Approach
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Weber M
    Konferenz ECIS 2024 Proceedings
    Link Publikation
  • 2024
    Titel Towards a Measurement Instrument for Assessing Resistance to Algorithmic Control: Conceptualization and Content Validity
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Weber M
    Konferenz ECIS 2024 Proceedings
    Link Publikation
  • 2022
    Titel A New Era of Control: Understanding Algorithmic Control in the Gig Economy
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Remus U
    Konferenz ICIS 2022 Proceedings
    Link Publikation
  • 2023
    Titel Opaque Overwatch: How Food-Delivery Workers Make Sense of Algorithmic Management in the Gig Economy
    DOI 10.5465/amproc.2023.13983abstract
    Typ Journal Article
    Autor De Jong A
    Journal Academy of Management Proceedings
  • 2022
    Titel Algorithmic Management
    DOI 10.1007/s12599-022-00764-w
    Typ Journal Article
    Autor Benlian A
    Journal Business & Information Systems Engineering
    Seiten 825-839
    Link Publikation
Policies
  • 2026
    Titel Expert Consultation on Algorithmic Management - European Commission (DG EMPL)
    Typ Participation in a guidance/advisory committee
Methoden & Materialien
  • 0 Link
    Titel LLM-Assisted Longitudinal Text Classification for Algoactivism
    Typ Improvements to research infrastructure
    Öffentlich zugänglich
    Link Link
Disseminationen
  • 2022 Link
    Titel Panel discussion at WI 2022, the largest conference in DACH region for Information Systems on the topic of "the dark and bright sides of algorithmic management"
    Typ A formal working group, expert panel or dialogue
    Link Link
  • 2022
    Titel Inter-institutional Paper Development Workshops of the FWF Project (2022-2025)
    Typ A formal working group, expert panel or dialogue
  • 2023
    Titel Research trip and seminar series: "From Apathy to Algoactivism: Towards a Better Understanding of Gig Workers' Resistance to Algorithmic Control" (Jan-Feb 2023)
    Typ A talk or presentation
  • 2022 Link
    Titel Interview "Der Algorithmus als Vorgesetzter " , Magazin für Wissenschaft und Forschung der Universität Innsbruck
    Typ A magazine, newsletter or online publication
    Link Link
  • 2026 Link
    Titel ECIS 2026: track: Algorithmic Management and future of work
    Typ Participation in an activity, workshop or similar
    Link Link
  • 2022 Link
    Titel AlgoWork Roundtable
    Typ A formal working group, expert panel or dialogue
    Link Link
Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 2026
    Titel Formal invitation from the European Commission (Directorate-General for Employment, Social Affairs and Inclusion) to serve as a senior expert speaker.
    Typ Prestigious/honorary/advisory position to an external body
    Bekanntheitsgrad Continental/International

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