Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (100%)
Keywords
-
Hölderlin,
Homburger Folioheft,
Open Work,
God,
Aestehtics
Das Werk des deutschen Dichters und Philosophen Friedrich Hölderlin (17701843) ist seit Beginn des 20. Jahrhunderts ein immer wiederkehrender Bezugspunkt in philosophischen und kulturellen Debatten, deren Kontexte sehr unterschiedlich und deren Resultate mitunter kontrovers sein können. Ein wichtiges Thema dabei über die Grenzen der Disziplinen hinweg (Theologie, Philosophie, Literaturwissenschaften ) und auch in säkularem Umfeld ist die Frage, wie Hölderlin sich dem Gottesbegriff annähert. Tatsächlich ist die Gottesfrage ein zentrales Motiv im gesamten dichterischen und philosophischen Werk Hölderlins. Dieser Frage gehen wir in einem am Schnittpunkt von Religion und Ästhetik angesiedelten Forschungsprojekt auf der Basis von Hölderlins Homburger Folioheft nach einer Sammlung fragmentarischer Texte, die zwischen 1801 und 1806 entstanden ist und in der gegenwärtigen Forschung zu Hölderlin viel diskutiert wird. Es umfasst eine Fülle an Entwürfen, Fragmenten, Notaten und auch leere Seiten. Die Textgestalt reicht von der Reinschrift zu sich überlagernden Textschichten und ineinandergeschobenen Textsegmenten; mitunter löst sich jede wiedererkennbare textliche Form auf. Das Projekt beginnt mit der Beobachtung, dass der Begriff, das Wort, der Name Gott bzw. das Göttliche auf beinahe jeder Seite des Heftes gefunden werden kann. Auffallend oft tritt Gott oder das Göttliche dort auf, wo Hölderlin Überarbeitungen am Text vorgenommen hat Änderungen, die Johann Kreuzer mit dem Wort Sprachfindung bezeichnet hat. These des Projektes ist es, dass diese Suche nach einer Sprache in enger Verbindung mit der Gottesfrage steht. In einem close reading ausgewählter Stellen lenken wir die Aufmerksamkeit besonders auf Übergänge, Brüche und Lücken im Text sowie auf den Prozess der Überarbeitung und Sprachfindung. Dabei geht es nicht um die Identifizierung einer letzten Textvariante unter den teilweise zahlreichen Textschichten, wie um einen Endtext zu erstellen, sondern um eine Rezeption des Textes in seiner konkreten Gestalt als offenes Kunstwerk (U. Eco): So verstanden, verlangt das Homburger Folioheft nach der aktiven Mitarbeit der Leser*innen. Die Lektüre muss dann zwischen den unterschiedlichen Schichten wandern und sich auf neue Konstellationen einzelner Elemente des Konvoluts, die zunächst unverbunden schienen, einlassen. Diesen interaktiven, offenen Rezeptionsprozess bezeichnen wir als ästhetischen Zugang. Der Umstand, dass der Gottesbegriff ins Herz der Änderungen des Textes weist und der Text, als offenes Kunstwerk verstanden, von der Mitarbeit der Leser*innen abhängt, hat stimulierenden Charakter für die Theologie. Sie ist herausgefordert, sich auf neue Weise dem Namen Gottes als offenem zuzuwenden, der sich direkter Repräsentation im Text entzieht. Darin aber kommt das Homburger Folioheft der Art und Weise, wie der Gottesname biblisch verstanden wird, überraschend nahe.
Friedrich Hölderlin (1770-1843) zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Dichtern. Sein Werk wird seit Beginn des 20. Jahrhunderts in Dichtung und Philosophie breit rezipiert. Eine große Rolle spielt dabei - auch in Kontexten, die mit Religion nur wenig zu tun haben - die Frage nach Gott. Die Bedeutung dieser Frage wurde im vorliegenden Projekt, das am Schnittpunkt von Theologie, Religionsphilosophie und Ästhetik angesiedelt ist, mit Blick auf Hölderlins Homburger Folioheft [HF], an dem der Dichter vermutlich zwischen 1801 und 1806 arbeitete, untersucht. Das HF ist ein in vielen Überarbeitungsschritten entstandenes handschriftliches Konvolut, das neben bedeutenden Gedichten zahlreiche Entwürfe, Fragmente, Notate und auch leere Seiten enthält. Es bietet keinen in herkömmlichem Sinne durchgängig lesbaren Text, sondern enthält Passagen mit einer Fülle von Überarbeitungen, sich überlagernden Textschichten und ineinander geschobenen Textsegmenten, die keine letztgültige Version erkennbar werden lassen. Der Dichter hat vielfach einzelnen Textpassagen neue Schichten hinzugefügt, ohne die vorhergehenden zu streichen. Auf beinahe jeder Seite kommt Hölderlin dabei auf Gott oder das Göttliche zu sprechen. Der innovative Charakter des Projektes lag in der Verbindung zweier Voraussetzungen: Zum einen nahm es seinen thematischen Ausgangspunkt von der immer neuen Thematisierung des Göttlichen im HF. Zum anderen behandelte es methodisch die verschiedenen Schichten des Textes als gleichwertig und sah frühere Versionen einzelner Textpassagen nicht als durch spätere überwunden an. So kann nicht mehr von einer endgültigen Gestalt des Textes gesprochen werden, sondern von einer Dynamik der Veränderung. Das Projekt zeigte in mehreren Publikationen in verschiedenen Sprachen (dt./engl./ital.) exemplarisch, dass sich die Dynamisierung des Textes durch Überarbeitung häufig gerade dort findet, wo das Göttliche thematisiert wird. "Gott" erscheint dann nicht bloß als ein Thema des Textes neben anderen, sondern als aufs engste mit dessen Transformation verbunden. Die Bedeutung der Frage nach Gott zeigt sich so gerade an den Übergängen und im Oszillieren zwischen den Schichten, kurz - nicht in der Eindeutigkeit, sondern in der Vielstimmigkeit des Textes. Dieser Versuch, seine Vielstimmigkeit wahrzunehmen, kann als ästhetische Betrachtungsweise bezeichnet werden. Sie eröffnet neue Einblicke, wie der poetische Prozess des Entstehens und der Überarbeitung des Textes von der Frage nach Gott in Bewegung gehalten wird. Um eine solche Perspektive zu erarbeiten, erwiesen sich regelmäßige Lesekreise mit einer heterogenen Teilnehmerschaft als geeignet. Die unterschiedlichen Hintergründe der Teilnehmer*innen (Philosophie, Theologie, Germanistik, Rechtswissenschaften ) halfen dabei, die im Text angelegte Vielstimmigkeit zum Vorschein zu bringen und sie vor den Tendenzen zu bewahren, eine ultimative Bedeutung finden und fixieren zu wollen. Ein am Ende des Projektes stattfindender Workshop mit internationalen Gästen zeigt das Desiderat auf, das Projekt weiterzuführen und die Frage nach Gott zur Frage nach Gott und Natur zu auszuweiten.
- Universität Wien - 100%
Research Output
- 8 Publikationen
- 1 Künstlerischer Output
- 2 Disseminationen
- 11 Wissenschaftliche Auszeichnungen
- 1 Weitere Förderungen
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2024
Titel Spuren des Apokalyptischen bei Agamben und Hölderlin Typ Journal Article Autor Deibl J. Journal Münchner Theologische Zeitschrift -
2024
Titel The divine and the open text: Five steps for reading Hölderlin's Homburger Folioheft DOI 10.1111/gequ.12407 Typ Journal Article Autor Deibl J Journal The German Quarterly -
2025
Titel Die Natur des Entwurfes: Überlegungen aus einem Hölderlin Entwürfe-Workshop Typ Other Autor Fiorletta M. Link Publikation -
2025
Titel Das Rettende im Fragment? Friedrich Hölderlins Der Einzige, mit Fragen zeitgenössischer Theologie quer-verbunden Typ Journal Article Autor Deibl J. Journal ET-Studies Seiten 113-128 Link Publikation -
2025
Titel Hölderlin e l'immagine socchiusa. Riflessioni sul frammento < > dello 'Homburger Folioheft' tra materialità, divino e segno DOI 10.54103/1593-2478/28687 Typ Journal Article Autor Fiorletta M Journal Studia theodisca -
2023
Titel Das 'Göttliche' im Homburger Folioheft. Über den Beginn eines partizipativen Forschungsprojektes zu Hölderlin Typ Other Autor Deibl J. Link Publikation -
2023
Titel Speaking of God in the Realm of Aesthetics: Religion in Hölderlin DOI 10.3390/rel14111422 Typ Journal Article Autor Deibl J Journal Religions -
2025
Titel Between Analysis and Metaphor: Forms of Poetic Transport in Hölderlin's Patmos DOI 10.3390/h14090175 Typ Journal Article Autor Deibl J Journal Humanities
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2025
Titel Hölderlin's Poetic Creativity: Writing as Struggle and Revelation Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2025
Titel Hölderlins Patmos Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2025
Titel The God of Return. Vattimo and Hölderlin read the Bible Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2025
Titel Poetischer Transport. Aspekte des Übersetzens bei Hölderlin Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2025
Titel The Oscillation of the Image: Hölderlin's Patmos Between Antiquity and Modernity Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2025
Titel The 'prince' ('Fürst') as a political-theological category in Hölderlin? Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2025
Titel On the Consolation of Continuous Rewriting Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2025
Titel Gestalten des lógos in Hölderlins Patmos Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2024
Titel "Lebendige Bilder." Das Göttliche und das Bild im Homburger Folioheft Hölderlins Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2024
Titel Spuren des Apokalyptischen bei Agamben und Hölderlin Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2023
Titel La religione tra etica ed estetica. Riflessioni su Kant e Hölderlin Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International
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2025
Titel Contribution from the Hölderlin Gesellschaft Typ Capital/infrastructure (including equipment) Förderbeginn 2025 Geldgeber Hölderlin Gesellschaft