Die Industrialisierung Österreichs Wälder 1766-1914
The Industrialization of Austrian Forests 1766-1914
Wissenschaftsdisziplinen
Geowissenschaften (30%); Geschichte, Archäologie (40%); Humangeographie, Regionale Geographie, Raumplanung (20%); Land- und Forstwirtschaft, Fischerei (10%)
Keywords
-
Environmental History,
Forest transition,
Long-term socio-ecological research,
Austria,
Interdisciplinary History,
Land Use Change
Die jüngere Geschichte europäischer Wälder ist gekennzeichnet durch eine Zunahme von Waldflächen und Biomassebeständen einerseits, und durch eine immer stärkere Regulierung und Rationalisierung in der Waldnutzung. Daher wird diese Geschichte häufig als Erfolgsgeschichte erzählt, und als Paradebeispiel nachhaltiger Ressourcennutzung. Jüngste Forschung zeigt allerdings, dass der Nachhaltigkeitsbegriff der wissenschaftlichen Forstwirtschaft eng und ökonomisch geprägt war, und dass die Implementierung rationaler Forstwirtschaft häufig bäuerliche Waldnutzer benachteiligt und Biodiversität reduziert hat Vor diesem Hintergrund entwickelt das Projekt INFEST ein differenziertes Narrativ historischer Waldveränderungen. Aus der Perspektive der interdisziplinären Umweltgeschichte untersucht INFEST die Industrialisierung österreichischer Wälder von 1766 bis 1914. Das Projekt betrachtet Wälder als Ergebnis sowohl soziokultureller (z.B. Machtverhältnisse, Praktiken der Waldnutzung), als auch ökologischer Dynamiken (z.B. Verfügbarkeit von Nährstoffen, Pflanzenwachstum), sowie ihrer Beziehungen zueinander. INFEST geht von der Hypothese aus, dass in den etwa 150 Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, als Entwaldung in Wiederbewaldung überging, ein sozial-ökologischer Regimewandel vollzogen wurde, weg von soziokulturell und ökologisch multifunktionalen, hin zu industriellen und weniger diversen Wäldern. Das Projekt verbindet qualitative Zugänge aus der kulturellen und politischen Umweltgeschichte mit quantitativen Zugängen aus der materiellen Umweltgeschichte. INFEST untersucht (1) kulturelle Programme, die gesetzlichen Maßnahmen zugrunde lagen, basierend auf der Analyse von Gesetzestexten und zeitgenössischen Diskursen; (2) gesellschaftliche Praktiken der Waldnutzung und entstehende Konflikte darum, basierend auf Analysen von Primärquellen in zwei lokalen Fallstudien; und (3) biogeochemische Flüsse und Bestände von Kohlenstoff (C) und Stickstoff (N) in Wäldern, basierend auf historischen Quellen und Modellierungen. Zuletzt zielt INFEST darauf ab, (4) den sozial- ökologischen Regimewandel im Zuge der Industrialisierung österreichischer Wälder zu beleuchten. INFEST entwickelt die erste Geschichte sozial-ökologischer Waldveränderungen in Österreich, die konsistent soziokulturelle und ökologische Dynamiken verbindet. Das Projekt erarbeitet neue Einsichten darüber, wie unterschiedliche Akteure während des langen 19. Jahrhunderts mit Waldökosystemen interagierten. Datenbanken, die im Projekt entstehen, öffnen Möglichkeiten für zukünftige Forschung zur Waldgeschichte und ihren heutigen Auswirkungen. Indem INFEST das historische Verständnis Nachhaltiger Forstwirtschaft vertieft, trägt das Projekt auch zu laufenden Debatten über nachhaltige Ressourcennutzung bei. Team: Assoc. Prof. Simone Gingrich, Assoc. Prof. Martin Schmid, Dr. Andreas Magerl, 2 PhDs (NN)