Wissenschaftsdisziplinen
Andere Humanmedizin, Gesundheitswissenschaften (30%); Philosophie, Ethik, Religion (15%); Sprach- und Literaturwissenschaften (55%)
Keywords
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Galen,
Commentary,
Arabic tradition,
Division,
Medicine,
Philosophy
Der griechische Arzt Galen (gest. um 216 n. Chr.) ist für die Medizingeschichte von zentraler Bedeutung. Grundlegend für die galenische Medizin ist die Viersäftelehre, wonach der Zustand jedes menschlichen Körpers als Mischung der vier Körpersäfte Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle beschrieben werden kann. Die Viersäftelehre und die darauf aufbauende medizinische Theorie hat Galen in seinem umfangreichen Werk ausführlich beschrieben. Sechzehn seiner Abhandlungen wurden im spätantiken Alexandria in Form eines medizinischen Lehrplanes angeordnet, nach dem Medizinstudenten fortan ausgebildet wurden. Im alexandrinischen Lehrbetrieb wurden diese Texte zudem umfassend ausgelegt und kommentiert. Obwohl nur wenige Kommentare auf Griechisch erhalten sind, lässt sich doch zeigen, dass die spätantike Kommentartradition das Aufkommen und die Entwicklung der galenischen Medizin in der arabisch-islamischen Welt stark beeinflusste. Ab dem 9. Jh. wurde Galens Werk ins Arabische übersetzt und ab der Mitte des 10. Jahrhunderts in Bagdad, Mosul, Kairo und Nischapur ausgelegt und interpretiert. Zunächst begann Ibn Abi l-Ash`ath (gest. um 975) damit, die vorliegenden arabischen Galenübersetzungen zu gliedern und in Kapitel, Unterkapitel und Abschnitte einzuteilen. Seine drei jüngeren Zeitgenossen Ibn al-Tayyib (gest. 1043), Ibn Ridwan (gest. 1061) und Ibn Abi Sadiq (fl. 11. Jh.) verfassten dann ausführliche Kommentare, indem sie die zugrundeliegenden Schriften Galens in Abschnitte, sogenannte Lemmata einteilten und diese eines nach dem anderen kommentierten. Im Rahmen des Projektes Einteilen und verstehen wird untersucht, inwieweit das Gliedern und Einteilen eines Textes dessen Verständnis beeinflusst. Führt unterschiedliches Einteilen ein- und derselben Galenschrift in voneinander abweichende Abschnitte dazu, dass Inhalt und Sinn anders verstanden, ausgelegt und erklärt werden? Wenn das der Fall ist, sind Ein-, Unterteilung und Gliederung nicht nur pädagogische Mittel, die das Studieren, Erlernen und Verstehen von galenischen Texten erleichtern, sondern auch exegetische Mittel, deren Wirkweise herausgearbeitet werden soll. Des Weiteren wird der Frage nachgegangen, warum spätere arabischsprachige Gelehrte keine Kommentare zu galenischen Abhandlungen mehr verfasst haben. Außer den Galenkommentaren von Ibn Abi Ash`ath, Ibn al-Tayyib, Ibn Ridwan und Ibn Abi Sadiq, die alle in einem Zeitraum von etwa einem Jahrhundert, nämlich zwischen etwa 950 und 1075 verfasst worden sind, sind keine weiteren bekannt. Eine mögliche, im Rahmen des Projektes zu prüfende Hypothese ist, dass der Einfluss des berühmten Universalgelehrten Ibn Sina (Avicenna) ab dem 11. Jh. nicht nur in der Philosophie, sondern auch in der Medizin der arabisch-islamischen Welt so übermächtig wurde, dass vor allem avicennische Werke ausgelegt und kommentiert wurden. Dann hätte Ibn Sina nicht nur Aristoteles als die philosophische Autorität, sondern auch Galen als die medizinische Autorität abgelöst.
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