Mobilisierung der Ziviljustiz in Zentraleuropa, 1895-1938
Uses of Civil Justice in Central Europe, 1895-1938
Wissenschaftsdisziplinen
Rechtswissenschaften (15%); Soziologie (85%)
Keywords
-
Use Of Justice,
Access To Justice,
Social History
Das Projekt analysiert in einer Langzeitperspektive die Nutzung der Zivilgerichtsbarkeit in der Habsburgermonarchie sowie in den Nachfolgestaaten Österreich, Tschechoslowakei, Ungarn und Rumänien. Es beginnt mit der Einführung der Zivilprozessordnungen in Österreich (1895/1898) und Ungarn (1911/1915). Im Mittelpunkt steht die individuelle Mobilisierung der Justiz und insbesondere der Zugang von Mehrheitsbevölkerungen und vulnerablen Gruppen zum Recht. Dabei werden die politischen Umbrüche durch den Ersten Weltkrieg, die Auflösung der Habsburgermonarchie sowie rechtliche und infrastrukturelle Kontinuitäten in den Nachfolgestaaten in die Analyse einbezogen. Wir untersuchen die sozioökonomischen und institutionellen Hintergründe von Zivilklagen und die sozialen Funktionen gerichtlicher Auseinandersetzungen. Das Bezirksgericht betrachten wir dabei als sozialen Raum mit eigenen beruflichen und geschlechtsspezifischen Hierarchien im Umgang mit den Klientinnen und Klienten. Dadurch ergeben sich neue Einsichten in den Zugang zur Justiz sowie in die staatliche Kontrolle dieses Prozesses, die das Wissen über Kontinuitäten und Diskontinuitäten formaler Konfliktregelungen in sich wandelnden politischen Ordnungen erweitern. Welche sozialen, ökonomischen, politischen und institutionellen Faktoren führten zur individuellen Mobilisierung von Zivilgerichten? Wie veränderte sich die soziale Funktion der Zivilgerichtsbarkeit zwischen den Prozessrechtsreformen um 1900 und 1938? Welche juristischen und administrativen Maßnahmen machten die Prozessführung erschwinglich, effizient und gesellschaftlich akzeptabel? Wie haben Ausstattung und Personal der Gerichte die Begegnung zwischen Staat und Bürger:innen geprägt? Bekräftigt oder widerspricht die Praxisanalyse die Hypothese der Vereinheitlichung des mitteleuropäischen Rechtsraums nach dem Zerfall der Habsburgermonarchie? Gerichtsarchive bilden eine zentrale Quellengrundlage der empirischen Forschung, ergänzt durch weitere Quellen und eine quantitative Analyse von justizstatistischen Daten. Die Untersuchung der sozialen Funktionen der Justiznutzung stellt eine neue Perspektive in der Erforschung des Wandels rechtlicher, sozialer und politischer Ordnungen dar. Sie ermöglicht auch ein besseres Verständnis der formellen Mechanismen zur Regulierung sozialer Konflikte in Zeiten politischen Wandels und der Fähigkeit politischer Regime, diese zu steuern. Die Verbindung einer vergleichenden historischen Mikroanalyse der gerichtlichen Praxis mit einer quantitativen Auswertung eröffnet eine innovative historische Methodologie zur Analyse von Justiznutzungen. Beteiligte Forscher:innen PD Dr. Borbala Zsuzsanna Török (Universität Wien) Projektleiterin Dr. Mtys Erdélyi (Universität Wien) Postdoktorand
- Universität Wien - 100%
- Walter Fuchs, Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin - Deutschland
- Martin Löhnig, Universität Regensburg - Deutschland