Wissenschaftsdisziplinen
Klinische Medizin (50%); Psychologie (50%)
Keywords
-
History,
Power,
Psychotherapy,
Individualpsychologie,
Circulation
Dieses historische Projekt rekonstruiert die westliche Verbreitung der psychologischen Theorien des Wiener Psychotherapeuten Alfred Adler (1870-1937), insbesondere in Frankreich, den Vereinigten Staaten und Argentinien in der Zeit von 1929 bis 1967. Adler schlug vor, dass die Entwicklung der Psyche, sowohl die normale als auch die pathologische, auf einer Dynamik zwischen einem Minderwertigkeitsgefühl, das mit der Abhängigkeit des Kindes von den Erwachsenen zum Überleben verbunden ist, und einem Wille zur Macht beruht, mit dem das Kind versucht, Autonomie zu erlangen und den Erwachsenen seine Wünsche aufzuzwingen. Diese Dynamik steht in engem Zusammenhang mit erzieherischen und gemeinschaftlichen Erfahrungen, durch die das Kind die sozialen Interaktionen lernt, die bestimmen, wie Macht bewertet und ausgeübt wird. Adler hat also untersucht, wie Machtbeziehungen und soziale Hierarchien Teil unseres Innenlebens werden: Persönlichkeit, Selbsteinschätzung, Hoffnungen und Ziele. Adler und seinen Anhänger*innen waren aktive Förderer dieser Theorie und ihrer Anwendung in Psychotherapie und Pädagogik, die in mehreren westlichen Ländern Verbreitung fand. Es gibt jedoch keine Studien darüber, wie diese Theorie vermittelt wurde, noch über die tatsächliche Anwendung und die Ergebnisse außerhalb Österreichs. Das Projekt wird diesen historischen Prozess der Ideenverbreitung rekonstruieren und nachverfolgen, wie Adlers Ideen in verschiedenen Kontexten unterschiedliche Interpretationen und Ergebnisse hatten, und ihre Produktivität und Wirkung in anderen Breitengraden angemessen bewerten. Adlers Ideen wurden in Frankreich von politisch engagierten Gelehrten wie Georges Politzer, Jean-Paul Sartre, Manès Sperber und Franz Fanon aufgegriffen. Die drei erstgenannten waren antifaschistische Aktivisten und nutzten Adlers Ideen, um die Auswirkungen autoritärer Politiken auf die Psyche zu untersuchen; der letzte war ein Psychiater aus Martinique, der den französischen Kolonialismus scharf kritisierte und zu erklären versuchte, wie Kolonialmacht Rassismus erzeugt. In Argentinien wurden Adlers Ideen von antifaschistischen Wissenschaftlern wie Anbal Ponce, Jorge Thénon und Jaime Bernstein rezipiert, die sich mit der Frage beschäftigten, wie Bildung mit sozialen Hierarchien zusammenhängt. In den Vereinigten Staaten schließlich wurden Adlers Theorien von den Psychologen Kenneth B. Clark und Mamie Clark genutzt, um den verinnerlichten Rassismus bei Kindern zu erklären und das segregierte Bildungssystem in den USA anzuprangern. Dieses Projekt, das Wissenschafts- und Politikgeschichte miteinander verbindet, analysiert, wie Psychologie und Psychotherapie Machthierarchien und soziale Dynamiken untersucht haben, und zwar am Beispiel der westlichen Verbreitung von Adlers Ideen unter politisch aktiven Gelehrten, was einen systematischen Vergleich der Möglichkeiten und Grenzen der betreffenden Theorien und ihrer tatsächlichen Auswirkungen in verschiedenen Kontexten ermöglicht.
- Sigmund Freud Priv. Univ. - 100%
- Mariano Plotkin, National Council of Scientific and Technical Research - Argentinien
- Thomas Teo, The University of York - Kanada
- Marina Bluvshtein, Adler University - Vereinigte Staaten von Amerika