Geschichtsmythen über Hispanoamerika
Historical Myths about Hispanic America
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (25%); Erziehungswissenschaften (25%); Geschichte, Archäologie (50%)
Keywords
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Geschichtsmythen,
Lateinamerika,
Kolumbus,
Cortes,
Flache Erde,
Schulbuchanalyse
Das Thema Hispanoamerika ist in deutschen und österreichischen Geschichtsschulbüchern aus dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts von populären Geschichtsmythen geprägt. So ist z.B. in der Mehrheit der Lehrwerke der Mythos der flachen Erde gegenwärtig: Ein wissenschaftlich versierter Kolumbus habe die mittelalterliche, von der katholischen Kirche vertretene Vorstellung einer flachen Erde überwunden. Dieses Bild wird gezeichnet, obwohl im gesamten Mittelalter die Vorstellung von einer runden Erde dominierte und es keine Belege für eine verbreitete Vorstellung einer flachen Erde im Mittelalter gibt. Die Diskurse, die in diesem Zusammenhang in Schulbüchern reproduziert werden, lassen sich im Wesentlichen auf drei Autoren des 19. Jahrhunderts zurückführen: Washington Irving, John William Draper und Andrew Dickson White. Der Mythos der flachen Erde kam gemäß einer Analyse von Lehrwerken aus den Jahren 1723-1995 im Laufe des 20. Jahrhunderts in deutsche und österreichische Lehrwerke. Im Zusammenhang mit der Conquista wird die Frage danach, wie es wenigen Spaniern gelang, ein Weltreich zu erobern, in Schulbüchern durch Geschichtsmythen beantwortet. So seien der Glaube der indigenen Ethnien an die Gottheit Hernn Cortés` zusammen mit den überlegenen Fähigkeiten der Europäer kriegsentscheidende Faktoren gewesen (Mythos der spanischen Götter, Mythos der spanischen Übermenschen). Die nach neueren Studien tatsächlich entscheidenden Faktoren der Conquista die indigenen Verbündeten der Spanier und die von den Spaniern eingeschleppten Krankheiten, an denen Millionen von Indios starben, werden indes nicht in ihrer tatsächlichen Bedeutung dargestellt. Auf diese Weise erscheint die Conquista in Schulbüchern als Sieg von wenigen, weit überlegenen Europäern gegen ängstliche, sich kaum wehrende Indios. Die Erzählstränge, die dabei in den Schulbüchern fortgeschrieben werden, gehen auf Texte des Eroberers Hernn Cortés und Francisco de Sahagn aus dem 16. Jahrhundert zurück. Im Zusammenhang mit der Kolonisierung werden in Schulbüchen der Mythos der indigenen Passivität und die Schwarze Legende reproduziert. Die Bedeutung, die den indigenen Ethnien für die sich entwickelnden Kolonialgesellschaften zukommt, wird in den Schulbüchern in eurozentrischer Weise tendenziell völlig ausgeklammert. Stattdessen steht der indigene Zerstörungsprozess im Mittelpunkt, der durch Bilder von in extremer Weise grausamen Spaniern beschrieben wird. Durch die massive Verwendung von Zitaten aus Bartolomé de las Casas Brevsima Relacin kommen dabei Diskurse in die Lehrwerke, mit denen seit der Frühen Neuzeit von den militärischen Feinden Spaniens antispanische und kriegslegitimierende Propaganda betrieben wurde. Die Mythen zu Hispanoamerika und ihre verschiedenen Basisannahmen waren für verschiedene Kollektive im Laufe der Geschichte wichtige Tradierungsbedürfnisse. Während Ideologien sich änderten, blieben die Mythen und deren Basisannahmen gleich. So wurden weitgehend fiktive Bilder von Hispanoamerika konstruiert und für unterschiedliche politische Zwecke instrumentalisiert. Die dabei tradierten Bilder wurden Teil des kollektiven Bewusstseins und wurden unhinterfragt in deutsche und österreichische Schulbücher übernommen.