Praxisform Polizeinotruf
Police emergency service as a form of practice
Wissenschaftsdisziplinen
Soziologie (100%)
Keywords
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Police Emergency Response,
Practice Theory,
Security,
Ethnography,
Mediatization,
Epistemic Practice
Der Notruf ist eine der wichtigsten Kontaktstellen zur Polizei. Dennoch gibt es im deutschsprachigen Raum noch immer wenig Forschung zu diesem Thema. Die Studie Praxisform Polizeinotruf untersucht daher am Beispiel Österreichs die gesellschaftlichen Debatten rund um den Notruf sowie die Praxis in den Leitstellen der Polizei, in denen die Aufforderungen zur Intervention, die aus der Bevölkerung kommen, bearbeitet werden. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Rolle digitaler Kommunikationstechnologien. Methodisch verbindet die Publikation eine Kritische Diskursanalyse der Medienberichterstattung über den Notruf mit ethnographischen Erhebungen. Der Autor Philipp Knopp entwickelt in der Studie den innovativen Ansatz der Praxisformanalyse. Er arbeitet heraus, dass die übergreifenden Bezugsprobleme der Notrufbearbeitung in der Mobilisierung und Kontrolle von ziviler Wachsamkeit und polizeilicher Intervention liegen. Einerseits sollen Menschen dazu gebracht werden, ihre Umgebung aufmerksam zu beobachten und Störungen und Gefahren an die Polizei zu melden. Andererseits kontrollieren die Polizist:innen diese Meldungen im Notrufgespräch und modifizieren sie nach den Kriterien polizeilicher Intervention. Im Spannungsfeld dieser komplexen Herausforderungen erzeugen, bewerten und verteilen die Notrufprozesse systematisch Wissen über Gefahrenereignisse, Alltagsstörungen und die Polizei selbst. Der Notruf ist daher nicht nur als schnelle Hilfe, sondern auch als epistemische Praxisform zu verstehen. Die Studie ordnet Veränderungen des polizeilichen Notrufs gezielt in längerfristige Transformationen des Sicherheitssektors ein. Der Notruf wird zur zentralen Ressource eines neuen Polizeiparadigmas, in dem die Bevölkerung zur aktiven Mitwirkung an der gesellschaftlichen Sicherheit aufgefordert wird. Da die Leitstellen der Polizei grundlegend auf Kommunikationstechnologien angewiesen sind, untersucht die Studie auch, wie ein neues Einsatzleit- und Kommunikationssystem eingeführt wird und wie es die Produktion und Zirkulation von Wissen in der Notrufbearbeitung prägt. Die detaillierte Analyse zeigt unter anderem, wie Polizist:innen technische Features nutzen, um die Glaubwürdigkeit von Anrufenden zu bewerten und wie dieses epistemische Profiling bedeutungsvolle Differenz hervorbringt. Darüber hinaus wird nachgezeichnet, wie im Einsatz Interventionsräume konstruiert werden und wie das Geben und Nehmen zwischen Leitstelle und Streifendienst die Mobilisierung zu Einsätzen dynamisiert. Auf diese Weise gelingt es, die Notrufbearbeitung historisch einzubetten und zugleich facettenreich in ihren alltäglichen Spannungsfeldern zu beschreiben. Die Studie bereitet damit den Weg für neue Fragestellungen an die polizeiliche Praxis als responsive Un/Sicherheitsproduktion. Dabei wird Sicherheit als eine Form des Antwortens auf soziale Herausforderungen verstanden, die über bestimmte Fähigkeiten verfügt und Verpflichtungen unterliegt.
- Bertha von Suttner Privatuniversität St. Pölten GmbH - 100%