Denkmäler und Territorium
Monuments and Territory: War Memorials in Occupied Ukraine
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (40%); Kunstwissenschaften (10%); Soziologie (50%)
Keywords
-
Monuments,
War Memorials,
Ukraine,
Russia,
Commemoration,
War
Am 24. Februar 2022 fielen Russlands Streitkräfte großflächig in der Ukraine ein. Der russische Diktator Wladimir Putin wollte mit einem Blitzkrieg die ukrainische Regierung stürzen und die militärische Kontrolle über das Nachbarland erlangen. Stattdessen führte der Angriff zu einem brutalen und kostspieligen Mehrfrontenkrieg, der auch zweieinhalb Jahre nach der Invasion noch andauert. Das Ausmaß der Zerstörung übertraf bei weitem das des Krieges, den Russland bereits seit 2014 in den südöstlichen Regionen Donezk und Luhansk gegen die Ukraine geführt hatte. Die neuerliche Invasion forderte auch ein Mehrfaches an Todesopfern. Ukrainische Soldaten starben bei der Verteidigung ihres Landes auf dem Schlachtfeld; Zivilisten wurden durch wahllose und gezielte russische Raketenangriffe auf Wohngebiete sowie durch Massaker und gewaltsames Verschwindenlassen in den besetzten Gebieten ermordet. Auch Russlands Armee hatte schon bald mehr Verluste zu beklagen als in allen anderen kriegerischen Auseinandersetzungen seit dem Zweiten Weltkrieg. Schon in den ersten Wochen des Krieges beschäftigten sich russische Soldaten, Politiker und Kollaborateure intensiv mit Denkmälern in den neu besetzten Gebieten. Ihr besonderes Augenmerk galt Kriegsdenkmälern, ob sie nun aus der Sowjetzeit stammten oder in der unabhängigen Ukraine errichtet worden waren: in erster Linie Denkmälern, die an die Toten des Zweiten Weltkriegs erinnerten, aber auch solche, die einer Reihe anderer militärischer Konflikte gewidmet waren. Sie zerstörten, beschädigten oder entfernten einige dieser Denkmäler, renovierten oder veränderten andere und begannen bald, eigene Gedenkzeichen zu errichten, von kleinen Tafeln bis hin zu großen Statuen. Während rundherum ein neuer Krieg tobte, nutzten sie die Denkmäler als Schauplätze und Kulissen für zahlreiche Zeremonien zum Gedenken an vergangene Kriege. Kriegsdenkmäler und die damit verbundenen Praktiken gehörten zu den Hauptmotiven der russischen Kriegspropaganda, insbesondere in Videos, Fotos und Nachrichtenberichten, die für ein heimisches Publikum produziert wurden. Die Ukrainer nutzten ihrerseits Kriegsdenkmäler als Symbole des Widerstands gegen die Besatzung. Warum waren den russischen Invasoren Kriegsdenkmäler so wichtig, dass sie inmitten eines massiven Krieges knappe Ressourcen für deren Zerstörung, Instandhaltung oder Errichtung einsetzten? Warum entfernten sie einige Denkmäler und verschonten andere? Welchen Sinn hatte es, vergangener Siege und Niederlagen zu gedenken, während ukrainische Städte bombardiert wurden, und wie veränderten sich die Gedenkfeiern in den besetzten Gebieten im Laufe des ersten Kriegsjahres? Welche Auswirkungen hatten die mit den Denkmälern verbundenen Praktiken über den örtlichen Rahmen hinaus, in dem sie stattfanden? Und was lehrt uns der ukrainische Fall ganz allgemein darüber, wie Denkmäler für vergangene Kriege zur Rechtfertigung neuer Eroberungen genutzt werden können? Dies sind einige der Fragen, denen dieses Buch nachgeht auf Grundlage einer detaillierten Studie über den Umgang mit Kriegsdenkmälern in den russisch besetzten Teilen der Ukraine im ersten Jahr nach der Großinvasion.
- Universität Wien - 100%